Montag, 3. Mai 2010

Über Nackt-Malerei, Berufssadisten und denunzierende Geschmacksverstärker – eine Bildungsreise in die deutsche TV-Landschaft.

Samstag, 20.15 Uhr in deutschen Wohnzimmern – ich unternehme eine aufregende Reise in die olympischen Gipfelregionen der deutschen Fernsehlandschaft. Meine Erwartungen sind so hoch wie nie zuvor, denn schließlich habe ich mich heute bewusst gegen die vodka-selige Kneipentour im Kreise der anonymen Alkoholiker entschieden, um stattdessen mit Cola und Chips bewaffnet das Klischee des deutschen Spießbürgers zu erfüllen. Idealistischerweise gehe ich davon aus, dass die Fernsehmacher wenigstens zugunsten des heiligen Samstags gelegentlich aus ihrer geistigen Umnachtung erwachen und mir ein halbwegs ertägliches Programm präsentieren. Ein bisschen Spiel, ein bisschen Spaß, ein bisschen Spannung, fertig wäre das perfekte Menu ohne trashige Konservierungsstoffe und denunzierende Geschmacksverstärker – dass die Anschaffung eines Überraschungs-Eis zu diesem Zwecke wohl rentabler gewesen wäre, sollte ich erst unzählige Nervenzusammenbrüche später erfahren.

Natürlich weiß ich, dass die deutsche Fernsehlandschaft unter der Woche nicht gerade als Eldorado für Freunde der niveauvollen Unterhaltung zu titulieren ist. Schon das Nachmittagsprogramm – reich garniert mit Olli, Britt und ihren äußerst kultivierten Talk-Gästen - bildet den lebenden Beweis für die zunehmende geistige Degenerierung der Gesellschaft inkl. der dazugehörigen Hirnapparate. Es wäre demnach ziemlich naiv, pünktlich zur Primetime noch große Quantensprünge zu erwarten – diese Illusion zerplatzt spätestens dann, wenn man sich bspw. an einem Mittwoch Abend zwischen den pädagogisch wertvollen Weisheiten der Supernanny, dem harten Urteil von Rach dem Restauranttester oder dem schonungslosen Exhibitionismus wild gewordener Container-Bewohner entscheiden muss. Aber heute ist nicht Mittwoch, heute ist Samstag! Heute will ich keine C-Promi-Schmiede im australischen Dschungel, ebenso wenig wie erziehungs-resistente Teenies in der texanischen Wüste oder jungfräuliche Bauern mit chronischer Beziehungsunfähigkeit.

Mit zitternden Fingern greife ich also zur Fernbedienung, die Spannung zerreißt meine Nervenfasern, meine Augen huschen in Windeseile über ARD, ZDF und Konsorten. Doch die anfängliche Euphorie verwandelt sich recht schnell in ein Kompromiss-bereites „Naja, geht schon“ – televisionäre Höhenflüge kann ich auch nach wiederholter Lektüre und wissenschaftlich penibler Recherche in der Fernsehzeitschrift nicht entdecken. Auf dem Ersten winkt mir ein grinsender Hansi Hinterseer vor heimatlicher Alpen-Kulisse fröhlich zu, der vermutlich nur eingefleischte Naturfans und hoffnungsvolle Schwiegermütter in Ekstase versetzt. Dennoch: Ein würdiger Ersatz für den (brech)reizenden Quotenfänger Florian Silbereisen, der für gewöhnlich um diese Zeit seinen treuen Fans die Creme de la Creme der volkstümlichen Musik kredenzt. Das ZDF hingegen setzt auf die alt-bewährte Geheimwaffe der Öffentlich-Rechtlichen und offeriert dem Publikum Christine Neubauer in ihrer alt bekannten Rolle als midlife-crisis geplagte, verlassene sowie zwei/drei-facher Mutter, die dann urplötzlich den Ziegenhirt/Ranger/Vagabund des Lebens in Garmisch/Vorarlberg/Kapstadt/Nigeria trifft und sich natürlich unsterblich verliebt - obwohl sie doch eigentlich gerade erst festgestellt hat, dass alle Männer Schweine sind. Dass Flori und Christl ihr kunterbuntes „Schaffen“ allerdings nur meinen Gebühren verdanken, verdränge ich lieber.

Die unberührte Cola wird nach diesem Augenschmaus übrigens vom ersten Glas Wein ersetzt – Balsam für die geplagten Nerven.

Also weg von den Öffentlich Rechtlichen, hin zu den Privaten. Dank exzessiver Berichtserstattung weiß ich, dass der Berufssadist Dieter Bohlen mittlerweile seinen Supersklaven gefunden hat, insofern könnte ich doch wenigstens bei RTL nun einen semi-spektakulären Hollywood-Streifen mit ein paar Intrigen, blutüberströmten Leichen und Undercover-Agenten erwarten. Aber weit gefehlt, stattdessen präsentiert mir eine Solarium-getoastete Sonja Zietlow ganz euphorisch die „25 bewegendsten DSDS-Momente“, die mich höchstens zum wegschalten bewegen. Sat1 und Pro7 locken indes mit völlig unbekannten sowie unterirdischen „Spielfilmen“, während ich auf VOX einer Horde wild gewordener TV-Köche bei der Produktion einer vollwertigen und fettfreien Bio-Gemüsepizza zusehen darf. Den höchsten Unterhaltungswert mit integriertem Fremdschäm-Faktor finde ich allerdings immer noch bei RTL2 vor: Dirk Bach, Dolly Buster und drei unbekannte Z-Promis (oder wer kennt bitte Nico Schwanz?) stellen sich beim „Großen Love&Sex-Test“ gegenseitig Fragen zum Paarungsverhalten geschlechtsreifer Testosteronbomber und dürfen sich von einem bezahlten Studiopublikum lautstark bejubeln lassen, wenn sie denn mal richtig geraten haben.

Ich überlege gerade ernsthaft, ob der Job des TV-Produzenten nicht auch einen gewissen Hang zum Sadismus voraussetzt ...?!

Damit ich nicht immer extra in die Küche laufen muss, habe ich mittlerweile die ganze Weinflasche griffbereit auf dem Couchtisch platziert – vielleicht entfaltet sich die wahre Schönheit und Anmut der präsentierten Gestalten erst ab einem gewissen Alkoholpegel? Egal. Ich habe nun wirklich die Wahl der Qual zwischen erbitterten Kochduellen, der 45739. Quizshow, Kastelruther Spatzen reloaded und weiteren unzähligen Beleidigungen des guten Geschmacks.

Mittlerweile habe ich mich zumindest kurzfristig für eine Doku über vor-steinzeitliche Höhlenmalereien irgendwo in Frankreich entschieden – auch wenn mich die bahnbrechenden Erkenntnisse diverser Archäologen nicht gerade in himmelhochjauchzende Euphorie versetzen, so darf ich mich bei den Freunden und Helfern von Phönix wenigstens etwas gebildet und kultiviert fühlen.

Gegen 22 Uhr begehe ich jedoch einen folgenschweren Fehler: Ich gebe den Privatsendern aus unerfindlichen Gründen doch noch eine Chance, denn mit Entzücken darf ich feststellen, dass Frau Zietlows Odyssee durch die tiefsten Casting-Abgründe mit Daniela Küblböck auf Platz 1 zu einem krönenden Abschluss gefunden hat. Dass mich innerhalb weniger Minuten der endgültige Untergang der abendländischen Kultur erwarten sollte, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen. Völlig erschöpft und mittlerweile leicht beschwipst schließe ich während der unendlich lang andauernden RTL-Werbung die Augen – als ich 10 Minuten später wieder erwache, muss ich mich ernsthaft fragen, ob das Geschehen auf der Mattscheibe nun (Alb)Traum oder Realität ist. Ich erblicke eine dümmlich grinsende Blondine, die spärlich mit Stringtanga und seltsamen Stofffetzen auf den Brustwarzen bekleidet ist, neben ihr ein (immerhin gut gebauter) Adonis in engen Boxershorts – über beide erhebt sich in diesem Moment ein dröhnendes, nervtötendes Lachen. Kurz überlege ich: Ist das jetzt wirklich RTL oder nicht doch etwa 9live? Genau in diesem Moment zoomt die Kamera allerdings auf das primitivste Schreckgespenst mit Oberproll-Funktion der deutschen Fernsehlandschaft: MARIO BARTH! Okay, RTL. Die Menge johlt und gröhlt, denn Mario spielt gerade mit einem mir unbekannten C-Promi ein Spiel, das angeblich lustig sein soll. Er nennt es liebevoll „Nacktmalerei, nicht Aktmalerei“, gackert natürlich, um damit seinen vernebelten Jüngern im Saal zu signalisieren, dass das gerade ein Witz gewesen sein sollte. Abwechselnd pinseln Herr Barth und Frau Wie-hieß-sie-doch? nun unkenntliche Motive auf die lebenden Leinwände und müssen gegenseitig erraten, welchen Begriff das infantile Gekrakel darstellen soll. Das Publikum strahlt und weiß nun, dass sich die Investition in das Ticket gelohnt hat.

Für mich hingegen wird die Reise an diesem Punkt unverzögerlich abgebrochen. Sehnsüchtig denke ich an Zeiten, als Harald Schmidt bei Sat1 noch lustig war und vermeintliche Superstars nicht erst gecastet wurden, sondern schlicht und einfach da waren, um das zu tun, was sie gefälligst tun sollen: Unterhalten. Stattdessen beschleicht mich eher das unwohle Gefühl, ein Versuchskaninchen zu sein, dessen Schmerz- und Toleranzgrenze von gewieften TV-Machern Abend für Abend auf’s Neue ausgelotet wird. Die Fernsehunterhaltung steht am Ende einer Sackgasse, aus der nur wenige den Notausgang finden. Ein Glück dass man als Zuschauer immerhin noch die freie Wahl hat, nach zu viel Beleidigung des guten Geschmacks einfach abzuschalten. Egal ob Castingwahn, Randgruppen-Denunziation, unkomische Comedy oder das ewige Suchen, Testen, Aus- und zurückwandern – auf den ersten Blick wirkt dieses Kuriositätenkabinett namens Fernsehprogramm wirklich wie eine bodenlose Unverschämtheit. Auf den zweiten Blick hingegen erblickt man das Damokles-Schwert mit der Aufschrift „Quote“, das über all jenen geschmacklosen Dreistigkeiten und Unarten schwebt – und macht sich doch ernsthaft Gedanken über die breite Masse, die sich intensiv für Nacktmalerei-Spirenzchen sowie aus der Irrenanstalt entlaufene Profilneurotiker begeistern kann. Darf man das Fernsehen als Spiegel der Gesellschaft bezeichnen?

Ich beantworte diese Frage mit ja, verabschiede mich für diesen Abend von Mario und Konsorten und ertränke den Gedanken an ein kulturelles Weltuntergangs-Szenario mit dem letzten Tropfen Wein, der mir auf dieser Bildungsreise noch verblieben ist. Prost.