Mittwoch, 23. Juni 2010

Aufstände auf dem Spielplatz „Zur sauren Gurke“ – eine Momentaufnahme aus dem politischen Berlin.

Skandalös! Wie das statistische Bundesamt jüngst mitteilte, wandern immer mehr Deutsche aus. Nach vorläufigen Ergebnissen haben jüngst tausende von Einwohnern mit Sack und Pack das Land in Richtung Südafrika verlassen – ein Ort, an dem die Welt noch heil ist. Ein Ort, an dem man nahezu den ganzen Tag ein (fiktives) 7:4-Spiel Usbekistan vs. Burkina Faso analysieren darf, ohne sich der kompletten geistigen Unterbelichtung bezichtigen lassen zu müssen. Wo stets ein „leichter“ Hauch von Vuvuzela durch die Luft weht und wo sich alle froh und munter „Schland oh Schland“ aus der Seele plärren dürfen. Fürwahr, eine paradiesische Vorstellung – und angesichts der wenig märchenhaften Verhältnisse im politischen Berlin durchaus eine Verlockung. Denn dort – also irgendwo in Berlin – herrschen bereits seit längerem massive, geradezu beängstigende Aufstände. Genauer gesagt: auf dem „Spielplatz zur sauren Gurke“. Einst als Domizil in unberührter Natur für brünftige Wildschweine bekannt, verkommt dieses idyllische Stückchen Erde immer mehr zu einem Schlachtfeld für unbeaufsichtigter Rotznasen. Hier eine kurze Momentaufnahme, live und in Farbe:

Unübersehbar thront die kleine Angi – auch als Herrin des Spielplatzes bekannt – hoch oben auf ihrer Kletterburg. Hier sitzt sie nun schon einige Jahre, fernab vom Geschehen „da unten“; und wie es scheint, hat sie auch überhaupt nicht vor, die Burg vor Eintritt ins Rentenalter (welches ihr zufolge auch dringend auf 67 erhöht werden solle) über die Not-Rutsche zu verlassen. Bravo! – Vor allem in Zeiten, in denen es schneller geht, diejenigen Spielplatz-Mitglieder aufzuzählen, welche NICHT öffentlich in der BILDer-Zeitung über ihren Rücktritt nachdenken. Doch die eiserne Angi lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen und wirkt, ob der Um (oder doch Miss-)stände irgendwo da unten, verhältnismäßig gelassen. Eiskaltes Kalkül getarnt durch einschläfernde Trantütigkeit, Defensive statt Offensive und oben drauf eine modische Frisur des Modells „Topf“ – das ist ihr Geheimplan, um die Krise hoch zu Ross auszusitzen. Ein riskanter Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Zug, denn irgendwo da unten entscheiden bereits einzelne Wahlzettel über die Standfestigkeit der ihr angestammten Kletterburg.

Ganz anders sieht es hingegen auf dem benachbarten Klettergerüst aus. Ursprünglich geplant als lebensbejahende Wohngemeinschaft mit Wohlfühl-Bonus, hat die kleine Angi (gewieft wie sie ist) eine schwer überquerbare Hängebrücke zwischen Gerüst und Burg einrichten lassen, um so ihre zarten Öhrchen vor dem Gezeter ihres Regierungspartners Guido zu schonen. Gelegentlich vernimmt sie aus weiter Ferne noch seltsame Geräusche: „Spätrömische Dekadenz“ heißt es da, „Spielen muss sich lohnen“, oder auch "Keine staatliche Rettung für Spielzeugautos“. Doch anscheinend hat Angi bereits vergessen, dass sie erst vor einigen Monaten einen Vertrag zum gemeinsamen Spielen unterschrieben hat – ist ja auch viel lustiger, die Vorhaben des liberalen Spielplatz-Teams zu torpedieren anstatt womöglich Kompromisse (sowas machen ja nur die Erwachsenen!) schließen zu müssen.

Währenddessen tobt ein paar Meter weiter unten bereits ein erbitterter Kampf. Gerade eben waren sie noch ganz friedlich, doch seit der Primus und Musterschüler Hotti fluchtartig den Spielplatz verlassen hat, herrscht Krieg unter den verfeindeten Spielgruppen. Aktuell kloppt sich der (böse) Wulff mit dem (wandelnden) Gauckler um die Schaukel und damit gleichzeitig um das Amt des Oberhäuptlings. Oberhäuptling – das klingt so toll, und so wichtig! Dass man hinterher letztlich nicht viel mehr macht, als fremde Spielplätze zu bereisen und Orden zu verleihen, ist ja erst mal nebensächlich. Primär geht’s hier um das goldene „M“: Macht! Denn das wollen auf dem Spielplatz zur sauren Gurke irgendwie ja alle haben, mit Gummibärchen und Marmorkuchen kann man diese Terror-Kinder schon lange nicht mehr gefügig machen. Darum hat Angi auch mit Absicht den bösen Wulff auserkoren, denn wenn der erstmal auf der Schaukel sitzt, kann er ihr keinesfalls den Thron streitig machen. Auf dem gegenüber liegenden Ufer hingegen, also dort, wo die roten Ritter der Robin-Hood-Partei gemeinsam mit den grünen Spinatwachteln gerne regieren würden, schickte man im Gegenzug den wandelnden Gauckler ins Rennen – sein Vorteil: eine bewegte Vergangenheit auf Ossi-Spielplätzen, das sichert Stimmen in den neuen Bundesländern! Achja, eigentlich sollten sich Oberhäuptling und tagesaktuelle Politik ja nicht berühren, schon gar nicht bei der Wahl – aber vermutlich nimmt man sowas auf dem Spielplatz nicht allzu ernst, denn das Volk da draußen kann ohnehin nichts ändern. Alle vier Jahre lautet die Devise: „Sei ein braves Kind“; in der Zwischenzeit herrscht Narrenfreiheit auf dem Spielplatz.

Indes herrscht große Aufruhr im nahe gelegenen Sandkasten – hier weht bereits seit Wochen ein Hauch von Kraftilanti. Die blonde Hanni, die auch so gerne ein bisschen was vom goldenen "M" ab haben wollte, hat nämlich ein neues Spiel erfunden: das „Als-Ob-Spiel“! Nachdem die vergangenen Wahlen nicht ganz in ihrem Sinne ausgingen, entschied sie sich – dickköpfig wie sie ist - auch ohne absolute Mehrheit die Regentschaft im Sandkasten an sich zu reißen. Dazu wird sie allerdings künftig mit einer Minderheit spielen müssen, welche bislang eher ein Schatten-Dasein auf der stillen Treppe führte. Ganz weit außen links, da sehen wir sie: die Kinder, mit denen eigentlich keiner spielen will. Gekleidet in dunkelroter Kluft und arbeiter-typisch bewaffnet mit Schäufelchen und Eimerchen, quasi allzeit bereit zum Klassenkampf, wirken sie nicht gerade apart, sondern viel mehr hochpubertär. Bereits seit Jahren wollen sie den reichen Kindern ihre Luxus-Buggies und Designer-Lätzchen wegnehmen. Die Bundesverfassungskindergärtnerinnen wollen dies nun eingehender beobachten, denn von der kleinen SED-2.0-Partei geht laut Super-Nanny wohl eine ernstzunehmende Gefahr für alle bundesdeutschen Spielplätze aus: Reichtum und Vermögen sollen sofort abgeschafft werden, denn in den Köpfen der niedlichen Nachwuchs-Sozis regiert nach wie vor die abstruse Ansicht, dass all jene Spielgeld-Millionäre ihren Besitz eh nur geerbt oder im Lotto gewonnen haben. Dass Reichtum evtl. auch in Abhängigkeit zu harter Arbeit stehen könnte, ist natürlich gänzlich ausgeschlossen. Eine bodenlose Unverschämtheit, damit muss jetzt Schluss sein! Spitzensteuersatz auf 99%, Luxussteuer, Erbschaftssteuer – wir nehmen von den Reichen, geben es den Armen, und am Ende sind dann hoffentlich alle gleich (arm). Achja, und um der drohenden Nivellierung die Krone aufzusetzen, sollen künftig auch alle Kinder in die gleiche Schule gehen – dann sind auch alle gleich (blöd) und werden hoffentlich nie den bedenklichen Geisteszustand derer da oben erkennen, die ihnen den Mist eingebrockt haben. Ein Glück, dass sie vorerst nur unter dem rot-grünen Deckmäntelchen und auch nur innerhalb des Sandkastens blinde Kuh (blind für die Realität) spielen dürfen.

Im Gegensatz dazu wirken die grünen Spinatwachteln, die man klar an ihren politischen korrekten und ökologisch abbaubaren Dritte-Welt-Patchwork-Mänteln erkennt, nahezu friedlich. Einst, als auf dem Spielplatz Feindschaft klein und Love&Peace groß geschrieben wurde, verbrachten sie oft Monate damit, Gänseblümchen und Löwenzahn zu pflücken. Die heimische Flora wurde danach liebevoll und mit wissenschaftlicher Genauigkeit im partei-eigenen Herbarium kategorisiert. Doch seit Erderwärmung und Klimawandel in Form von bedrohlichen Gewitterwolken über allen deutschen Spielplätzen kreisen, widmen sich sogar die Mini-Ökos dem tagespolitischen Geschäft. Vor einiger Zeit haben sie bspw. einen erheblichen Teil dazu beigetragen, dass das Führen von Spielzeugautos dank spezieller Steuern nahezu unerschwinglich geworden ist – und heute? Ja, heute können wir sie dabei beobachten, wie sie vergeblich versuchen, hübsche bunte Windräder aufzubauen, um aus Luft Gold zu machen. Niedlich, oder?

Doch abseits von „Wer hat Angst vor’m bösen Wulff“, infantil angehauchtem Kommunismus und kindlicher Bastelstunde hat der Spielplatz eigentlich ganz andere Probleme. Angi hat nämlich entschieden, dass plötzlich alle Kinder sparen müssen. Ab sofort darf also keiner mehr über Los gehen und 400 Euro einsacken. Nicht nur die kleine Ulla muss nun also vermutlich auf ihr dienstliches Spielzeugauto verzichten, nein nein, der Rotstift wird auch beim Plebs angesetzt. Angi und Theo wollen nun u.a. die Garde der Zinnsoldaten umstrukturieren, die neue Kletterburg wird erst 2014 gebaut und auch die Vermehrungsprämie für Arbeitslose wurde rigoros gestrichen. Speziell letzteres stößt den roten Rittern sauer auf - sind wir doch ein sozialer Spielplatz, der ganz sozial auch diejenigen durchfüttern soll, die es sich bereits im warmen Nest bequem gemacht haben und lieber Andere für sich arbeiten lassen. Aber vermutlich gleicht es schon einem ungeschriebenen Gesetz, dass diejenigen, die auf der Oppositions-Wippe sitzen, eh alles besser machen würden ...

Und das Volk? Das steht fassungslos vor dem meterhohen Stacheldraht-Zaun, welcher den Spielplatz „zur sauren Gurke“ umgibt. Ein Glück aber auch, dass man sich zur Zeit wichtigeren Dingen widmen kann – und so werden wieder die Vuvuzelas ausgepackt, um der deutschen, elfköpfigen Gesandtschaft im fernen Südafrika lautstark beizustehen ... vielleicht sind die ja schon aus dem Kindergartenalter raus.