Wenn der Österreicher ohne deutsche Betreuung sein Kreuz macht

An dieser Stelle ein Geständnis: Ich habe nicht den blassesten Schimmer hinsichtlich österreichischer Innenpolitik. Streng genommen ist es mir auch ein bisschen egal. Die Österreicher, so mein Eindruck, hängen da im Großen und Ganzen mehr der Philosophie des systematischen Durchwurschtelns an. Meine Unwissenheit wiederum ist aber gar nicht schlimm. Denn in Deutschland gibt es nun nicht nur 82 Millionen Israel-Experten, sondern auch ganz viele FPÖ-Spezialisten, die mir den Ernst der Lage nachhaltig erklären.

Einen davon konnte man neulich bei Markus Lanz begutachten. Seinen Namen habe ich vergessen, seine Brötchen verdient er jedenfalls bei der "heute show" im ZDF. Im Rahmen dessen, so erzählte er bei Lanz, war er neulich in Wien. Dort traf er freilich ganz viele nette Nazis, über die man ganz viele nette Witze machen kann. Und zum krönenden Abschluss traktierte er in einem Restaurant noch ein Original Wiener Schnitzel, so dass es hinterher wie ein Hakenkreuz aussah. Darüber lachten dann alle, mit Ausnahme des Falco-Managers Hans Mahr, der einen Talk-Sessel weiter rechts (jawohl!) saß. "Da kommt wieder ein bisschen der Schnürlschuh bei euch durch", merkte er in anbetungswürdiger Weise an. Worüber natürlich niemand so intensiv wie über das Führer-Schnitzel lachen konnte.

Einen Tag später ging es mit dem Wehren der Anfänge bei "aspekte" weiter. Ein neuer Film über Stefan Zweig wurde vorgestellt, anschließend folgte bedeutungsschwangeres Talken mit der Regisseurin. Was Zweig wohl über die Situation heute gedacht hätte, mit all den Grenzen und all den starken Männern? Immerhin war Stefan Zweig ja auch ein Flüchtling. Und nun eben die Wahlen in Österreich. "Würde er Österreich wieder verlassen wollen?", fragt der Moderator. Die Regisseurin wirft ihre Stirn in Falten: "Ich finde, das ist zumindest eine berechtigte Frage. Ob Österreich, ob Deutschland neben antiislamistisch tatsächlich auch wieder antisemitisch werden könnte. Vielleicht ist Deutschland die allerletzte Bastion, die in Europa fällt." Ja, das wäre in der Tat ein hübscher Gedanke. Erst veranstalten wir Massenmord im industriellen Stil und überfallen andere Länder, heute verteidigen wir stolz unser freundliches Gesicht und nehmen nicht nur die verlorenen Seelen aus Syrien, sondern vielleicht auch bald die aus Vorarlberg und dem Zillertal auf.

Und nun lese ich gerade einen herzzerreißenden Appell aus der "Huffington Post", der ein bisschen nach der Sorte Pädagogik klingt, die wir als FPÖ-Experten unseren duseligen Nachbarn schon seit den vorangegangen Wahlen verabreichen.

"Liebes Österreich! Heute wird gewählt bei Dir. Normalerweise sind Wahlen die Feiertage der Demokratie. Doch irgendwie ist mir derzeit nicht nach Feiern zumute. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Erstmals seit langem könnte ein Rechtspopulist zum Staatsoberhaupt eines westeuropäischen Landes gewählt werden. Das Beste, was uns heute passieren kann ist, dass das Schlimmste nicht eintritt. Und das sind ziemlich beschissene Aussichten. Das sage ich nicht als Deutscher, sondern als Europäer."

Ja, so sind sie, die Deutschen. Immer in Sorge, dass die Amerikaner, die Israelis, die Briten, und nun eben auch die Österreicher irgendwas falsch machen könnten, sofern wir ihnen nicht zur Seite stehen. Und falls sich irgendwo im zweiten Untergeschoss des Unterbewusstseins doch der Verdacht rühren sollte, dass man womöglich gerade in alte Muster zurückfällt, dann gibt es einen fabelhaften Trick: Man belehrt nicht mehr als Deutscher, sondern als Europäer. Was die anderen Europäer dazu sagen, ist schließlich egal. Und was die Österreicher von den Deutschen, pardon, Europäern unterscheidet, ist vor allem eines: Sie nehmen diese Wahlen offenkundig bei Weitem nicht so ernst wie wir.

Insofern bleibt nur noch ein dringender Appell an meine Landsleute: Bitte nicht nach 17 Uhr in Wien einmarschieren, auch wenn die Küche dort noch so verlockend ist. Die Österreicher kriegen das mit dem Kreuz und dessen Folgen auch allein hin. Ganz bestimmt.


Bleibt bezaubernd, egal wer einzieht: die Wiener Hofburg

Kommentare:

  1. Wie immer: Gut beobachtet und mit Esprit geschrieben!
    Deutsche Politik löst eben keine Probleme, sie kultiviert sie. Ein entbehrlicher Selbstzweck.
    Bedauerlich, denn das klappte in den Wirtschaftswunderjahren schon mal besser. Aber dann haben die Deutschen Freiheit, Demokratie und Wohlstand zur Selbstverständlichkeit erklärt. Überhebliches politisches Desinteresse setzte sich so lange durch, bis sie „alternativlos“ wurde.

    Viel Platz also für Populisten. Einer von denen ist jetzt „heilfroh, daß wir (in Deutschland) den Bundespräsidenten nicht direkt wählen“.

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  2. Dazu fand ich heute auf einem meiner Blogs die ich regelmässig ansteuere:
    https://sciencefiles.org/2016/05/22/das-problem-der-demokratie-sind-die-wahlen-einsichten-des-bundestagspraesidenten/

    Weil's so "schön" ist, der zentrale Punkt:
    "Ich fühle mich allerdings auch nach den jüngsten Entwicklungen in Österreich in meiner Zurückhaltung sehr bestätigt, was die vermeintliche Überlegenheit von plebiszitären Wahlverfahren gegenüber repräsentativen Verfahren betrifft. Oder mit anderen Worten: Ich bin heilfroh, dass wir in Deutschland den Bundespräsidenten in einer eigens zu diesem Zweck zusammengerufenen Bundesversammlung wählen und nicht in einer Direktwahl.“

    Leider bestehen so gut wie keine Möglichkeiten diese Herrschaften in der Versenkung verschwinden zu machen, dank der Parteien und Ihren "Listen". Ich wünsche mir so sehr einen Knüppel aus dem Sack...

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