Warum der Islam Tinder und ElitePartner braucht


Bei Frank Plasberg wurde neulich darüber spekuliert, ob der Islam ein Gewaltproblem hat. 75 Minuten später einigte man sich dann auf ein ausdrückliches „jein“. Denn natürlich ist es schwer zu beurteilen, inwiefern der Islam und seine vielen Doppelgänger tatsächlich unter der sie umgebenden Gewalt leiden - oder sie nicht womöglich doch vergleichsweise in Ordnung finden. Dabei wäre es eigentlich ziemlich egal, woran es dem Islam so fehlt, solange er nur eine Art Sadomaso-Club unter den Religionen wäre. Eine Einrichtung also, deren Angehörige sich in gegenseitigem Einvernehmen die Hölle heiß machen.

So allerdings existieren jede Menge anderer Gruppen, die tatsächlich ein Problem mit dem Islam haben, aber eben leider nicht mehr an einen Talk-Tisch passen. In der Islamischen Republik Iran leiden Frauen unter islamischer Rechtsprechung, die ein Vergewaltigungsopfer zum Tod durch den Strang verurteilen, wenn es sich gegen seinen Peiniger wehrt. Im Islamischen Staat hat man als „Ungläubiger“ oder als westlicher Journalist ebenfalls keine guten Karten (es sei denn, man sieht aus wie Jürgen Todenhöfer). Auch in Israel macht sich der Islam ab und an bemerkbar, etwa durch palästinensische Raketen im Vorgarten. In deutschen Vorgärten hingegen sieht man ihn zwar noch nicht - dafür zeigt er aber in Berlin-Neukölln oder Duisburg Marxloh schon recht zuverlässig sein freundliches Gesicht. Und in deutschen Flüchtlingsheimen lernt jeder den Islam hautnah kennen, sofern er über eine Bibel verfügt.

Die viel spannendere Frage wäre also nicht, ob der Islam ein Gewaltproblem hat, sondern was man unternehmen könnte, damit er anderen keine Probleme mehr bereitet. Aber bevor es soweit kommt, müssen erst einmal andere Dinge geklärt werden. Zum Beispiel diejenigen Dinge, die alle nichts mit dem Islam zu tun haben. Oder die Gefahren, die durch zu wenig Islam entstehen können. Denen möchte nun Katrin Göring-Eckhardt vorbeugen, und zwar durch mehr Islam-Unterricht. Immerhin leidet der Islam ja nicht nur an einem Gewaltproblem, sondern vor allem einem Verständnis-Problem.

Denn was sowohl den Terroristen als auch den Antänzer mit Migrationshintergrund eint, ist das Schicksal, den Islam mitsamt dem Koran nicht wirklich verstanden zu haben. Böse Zungen behaupten sogar, beide könnten gar keine Muslime sein. Schließlich seien Alkohol, Terror und Fehlstunden in der Moschee zutiefst unislamisch. Ein bisschen schade ist nur, dass es die betreffenden Problemgruppen eher selten zur Einsicht bewegt, wenn sie auf diese Weise von Lamya Kaddor und anderen Experten für nicht-islamische Angelegenheiten exkommuniziert werden.

Zwar ist es gut möglich, dass die Brüsseler Attentäter und die Antänzer von der Kölner Domplatte den Koran wirklich falsch interpretiert oder noch nie bis zum Ende durchgelesen haben. Aber der Islam ist eben nicht zwingend das, was im Koran steht. Der Islam ist vielmehr das, was seine Anhänger daraus machen.

Und dahingehend mutet die Bilanz aktuell nun mal nicht so umwerfend an. Der eine Teil seiner Anhängerschaft übt sich in professioneller Rosinenpickerei. Aus seinen Lehren nimmt er sich das raus, was das Leben schöner und angenehmer macht: Unterdrückung von Minderheiten, Drangsalierung von Frauen sowie Mord und Totschlag, sobald jemand einen lustigen Mohammed malt. Der andere Teil leidet darunter, oder es ist ihm schlichtweg gleichgültig. Für all die anstrengenden Dinge – Toleranz, Nächstenliebe und Debatte – ist der Islam offenkundig zu beschäftigt.

Parallel drängt sich der Verdacht auf, dass der Islam eigentlich ein ganz anderes Problem hat: nämlich eines mit Frauen. Zumindest kann es ja kein Zufall sein, dass einen Selbstmordattentäter im Paradies nicht etwa eine Villa mit attraktiver Ehefrau und Personal oder gar ein ganzer Porsche-Fuhrpark, sondern sage und schreibe 72 Jungfrauen erwarten. Auch sonst muss man sich fragen, was bei Männern schief läuft, die Frauen in Ganzkörpergewänder hüllen, weil sie sich sonst angeblich nicht am Riemen reißen können. Und abgesehen davon kann es auch gesellschaftlich nicht ganz gesund sein, wenn Familien ihren Lebensmittelpunkt zwischen die Beine ihrer Töchter verlagern.

Dass die beteiligten Frauen nichts dagegen unternehmen, liegt vor allem daran, dass jeglicher Protest lebensgefährlich sein könnte. Dass derweil jede Menge „Problem-Männer“ entstehen, ist allerdings einigermaßen nachvollziehbar. Tatsächlich könnte es sogar sein, dass viele der Probleme, die man in Neukölln, Syrien und Israel mit dem Islam so hat, zu großen Teilen mit dem schizophrenen Verhältnis der Geschlechter zu tun haben. Unterdrückte Sexualität führt zu Frustration und Aggression. Erst recht, wenn sich auf dem Smartphone oder gar vor der Haustür jeden Tag das radikale und wesentlich angenehmere Gegenmodell begutachten lässt. Und irgendwo muss dieser Frust eben hin. Da ist es gut, dass es Frauen und Minderheiten gibt, an denen man ihn auslassen kann.

Im Westen wird indes oft behauptet, junge Muslime seien vor allem deshalb frustriert, weil „wir“ diese Menschen nicht mitspielen ließen. In der Tat mag der junge Türke wütend werden, wenn es mit dem Aufstieg nicht auf Anhieb klappt. Aber der Westen bietet ihm immerhin ein Füllhorn an Möglichkeiten: vom Schulbesuch über den Bundes-Freiwilligendienst bis hin zum Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ – keine Station, zu der er keinen Zugang hätte. Dem Mangel an freier Partnerwahl und sexueller Entfaltung hingegen entkommt man nur schwer. Der nämlich wird durch die allgegenwärtige „Ehre“ meterhoch umzäunt: der Einzelne zählt nichts, die Ehre dafür alles. Diese Alternativlosigkeit kann man nur ertragen, oder vor ihr flüchten.

Vermutlich resultiert daraus auch das zweite Problem, an dem der zeitgenössische Islam leidet: sein chronischer Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Denn Ehre und Eigenverantwortung haben in etwa so viel miteinander zu tun wie Pierre Vogel und Harald Glööckler. Wenn nur zählt, was die Community denkt oder denken könnte, dann kann es mit den eigenen Entscheidungen nicht so ganz klappen. Und wenn immer jemand da ist, der fleißig unterdrückt – der Mann die Frau, die Frau die Schwiegertochter -, muss man freilich auch nicht selbst über das eigene Fortkommen nachdenken. Westliche Ideale wie zum Beispiel das Streben nach Wohlstand verschwinden dann nicht etwa vom Radar – sie erschienen dort gar nicht erst.

Stattdessen bietet es sich an, die Verantwortung einfach auszulagern: an die USA, die Juden, die Schiiten, Sunniten und Aleviten, den eigenen Diktator, den benachbarten Diktator, oder eben an die Frau mit dem Minirock. Die Erde dreht sich weiter, die Armut wird bekämpft, der Westen prosperiert, Israel mutiert zu einem zweiten Silicon Valley – und derweil sitzt der Islam schmollend in der Ecke, verteidigt tapfer seine Ehre und gibt allen anderen die Schuld an seinem Schicksal.

Auch deshalb ist es unbestritten, dass der Islam zu Deutschland gehört. Nirgendwo sonst lässt sich die Verantwortung so einfach abgegeben wie am Eingang des örtlichen Job-Centers. Von dort aus verschwindet sie auf Nimmer-Wiedersehen im Orkus der Bürokratie und wird stattdessen durch eine freundliche Sozialarbeiterin ersetzt, die in Sachen Islamophobie und Diskriminierung auf dem neuesten Stand ist. Davon profitieren dann alle: die Sozialarbeiterin, die Familienehre und Katrin Göring-Eckhardt.

Während alle anderen weiterhin auf den Tag warten müssen, an dem der Islam endlich Tinder und ElitePartner in seine Reihen integriert.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Über die Evolution eines Gesetzesentwurfs

... oder auch: Warum Justizminister Heiko Maas nun sexistische Werbung bekämpfen möchte.

Immer mehr Menschen haben immer weniger zu tun. Das ist per se nicht schlimm, im Gegenteil. Tier- und Naturschutz etwa funktionieren nur in Gesellschaften, die sonst schon alles haben. Darüber hinaus eröffnet der Wohlstand noch weitere Optionen. Die einen suchen Erfüllung im Yogakurs, die anderen entspannen beim Widerstand gegen einen Bahnhof. Wieder andere entwickeln eine Mission. Sie fühlen sich geradezu dazu berufen, die Welt zu verändern – wenn es sein muss, auch auf Kosten Dritter.

Über viel Zeit verfügt auch die „Wutmutter“ Stevie Schmiedel aus Hamburg. 2012 erfuhr sie nationale Berühmtheit, nachdem sie einem sexistischen, da rosafarbenen Überraschungs-Ei nur für Mädchen den Kampf angesagt hatte und es letztlich erfolgreich in die Knie zwang.  Das Ei verschwand einstweilen aus den Supermärkten, Schmiedel trat indes in die Riege gefragter Gender-Experten ein. Eine durchaus günstige Symbiose, hatte die besorgte Mutti von der Elbe doch noch weitere Sorgen im Gepäck, deren Brisanz das Feuilleton bis dahin nur erahnen konnte. Dazu zählt beispielsweise die „Pinkifizierung“ der Kinderzimmer. Die Mädchenwelt sei immer rosa, die der Jungs hingegen blau. Für Mädchen sehe die Spielzeugmafia stets Puppen vor, für Jungs indes nur Autos und Bagger.

Unternehmerisch orientierte Mütter hätten diese unerträgliche Marktlücke möglicherweise genutzt und diverse Unisex-Kollektionen ins Leben gerufen. Stevie Schmiedel hingegen gründete "Pink Stinks", „eine junge Protestorganisation, die gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte agiert, die Kindern eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“. Denn Schmiedel ist schließlich keine Unternehmerin, sondern promovierte Dozentin für Genderforschung. Und als solche kann sie selbstverständlich erwarten, dass die freie Wirtschaft das tut, was man am Gender-Lehrstuhl gründlich erforscht hat und für richtig hält.

Wider die Pinkifizierung! Stoppt Heidi!


Genderforschung wiederum, das muss man wissen, ist die Fortsetzung des Feminismus mit akademischen Mitteln. Seit der Feminismus im Westen aber alles erreicht hat, was es zu erreichen gab – das allgemeine Wahlrecht für Frauen etwa, oder die Gleichstellung vor dem Gesetz -, herrscht bei seinen Protagonisten Flaute. Natürlich könnten sie sich auch für das Recht auf einen Führerschein für Frauen in Saudiarabien einsetzen, oder gegen die Steinigung bei „Ehebruch“ im Iran. Aber davon hätten die deutschen Feministinnen ja nichts. Darum kümmern sie sich lieber um Dinge, die außer ihnen niemand braucht: Frauenquoten, Unisex-Toiletten, Gendersternchen und Shitstorms gegen alte weiße Männer.

Die Genderforschung sorgt dabei für steten Nachschub an „Gender-Gaps“ und  wissenschaftlich klingender Pamphleten über die Bedeutung des Binnen-Is. Couragierte Aktivistinnen erledigen darauf basierend die Pressearbeit und den Straßenkampf. Das Geheimnis der Genderwissenschaft besteht darin, dass frau sich umso ungerechter behandelt fühlt, je länger sie sich mit derlei Forschung auseinandersetzt.

Stevie Schmiedel von der Organisation „Pink Stinks“ hingegen hat beides: die wissenschaftliche Aura und das organisatorische Talent. Sie hat nicht nur das „Barbie Dreamhouse“ in Berlin in die Flucht geschlagen, sondern auch gegen „Germany’s next Topmodel“ mobil gemacht. Daneben organisiert sie Shitstorms gegen feindliche T-Shirts mit dem Aufdruck „In Mathe bin ich Deko“. Dank einiger Spenden tingelt der Verein zudem mit Theaterstücken „gegen Gender-Marketing“ durch deutsche Schulen. Ein ordentlicher Zuschuss vom Bundesfamilienministerium hingegen ermöglicht ein vergleichsweise prominent besetztes „Demokonzert gegen Körperhass und Sexismus“ anlässlich des Starts der aktuellen Topmodel-Staffel.

Werbung gefährdet Ihre Gesundheit und Ihr Gehalt


Dabei lag den nicht-pinken Aktivistinnen von Beginn an (2012) vor allem ein Thema am Herzen: ein Verbot von Sexismus in der Werbung.  Dafür wurde nicht nur ein Hashtag, sondern auch eine Petition erschaffen – Unterstützung durch diverse Mitglieder*innen des Bundestags inklusive. Immerhin spiele „geschlechtsdiskriminierende Werbung“ eine „aktive Rolle im Rahmen der Konstruktion und Verfestigung von Geschlechtsrollenstereotypen“.

Was die Organisation damit eigentlich meint, ist wohl Folgendes: Mädchen und Frauen werden nicht nur schlagartig magersüchtig, sobald sie ein schlankes Bikini-Model sehen. Auch Männer laufen Gefahr, einer Frau ein niedrigeres Gehalt zu zahlen, sofern sie auf dem Weg zur Arbeit ständig an einem Miele-Plakat vorbeilaufen, auf dem ausgerechnet ein weibliches Model eine Spülmaschine bewirbt und damit das „Heimchen am Herd“-Bild zementiert.

Nun ist in Deutschland bekanntlich vieles möglich. Doch den Geschlechtern vollumfänglich die Vernunft und den freien Willen abzusprechen, sie kollektiv zu trotteligen Mündeln zu deklarieren, die ihr Weltbild einzig aus der Werbung beziehen – das wäre selbst in Zeiten des #Aufschreis zu gewagt.  Aber in diesem Fall schadet ein bisschen Sexismus wohl nicht. Schließlich geht es ja um die gute Sache. Und um noch viel mehr, wie die folgende Prognose nahelegt:

"Eine gigantische Waren- und Medienindustrie verdient an der Sorge um den perfekten Körper und der perfekten Geschlechterrolle, die so geschürt wird. (…) Es besteht begründeter Verdacht, dass eine Veränderung der Geschlechtsrollenstereotype zu verändertem Konsumverhalten führt. 80 Prozent des Konsums der Waren und Dienstleistungen der westlichen Welt wird von Frauen getätigt. Wenn diese mehr Möglichkeiten bekommen, sich in vielfältigen Rollen wohl zu fühlen, könnte sich das Kaufverhalten verändern, da keiner „perfekten“ Rolle mehr nachgeeifert wird. Diese Zusammenhänge verstehen insbesondere Werbestrateg*innen. Insofern ist davon auszugehen, dass ihnen das aktuelle Geschlechterrollenbild sehr entgegenkommt."

Wahrlich, was wäre das für ein Schlag gegen das Schweinesystem! Mit der Werbung verschwände nicht nur das Mannequin, das Frauen falsche Ideale einimpft. Gleichsam würde auch die Antifalten-Industrie oder das Bikini-Gewerbe untergehen, die Frauen daran hindern, sich für eine von 127 weiteren Geschlechterrollen zu entscheiden. Denn schließlich ist „Pink Stinks“ nicht irgendein Verein, sondern "der Verein gegen die Pinkifizierung im neoliberalen Spätkapitalismus“. Und als solcher trägt er offenkundig eine Verantwortung dafür, dass nicht nur Geschlechterrollen, sondern auch gleich „das System“ an sich modifiziert wird. Ein System, wohlgemerkt, das sich hinterlistig im Unterbewusstsein unbescholtener Menschen breitmacht, dort sein Unwesen treibt und damit auch skrupellos Geld scheffelt. Ein Ungetüm, vor dem die Menschheit geschützt werden muss.

„Pink Stinks“ weiß viel besser, was Männlein und Weiblein gut tut


Natürlich könnte man einwenden, dass der Kapitalismus ein recht cleverer und sogar genderneutraler Mechanismus ist. Zwingen kann er niemanden, Freiwilligkeit ist seine Basis. Er produziert nur das, was nachgefragt wird. Er würde folglich auch davon absehen, eine weitere Antifalten-Creme anzubieten, sobald die Kundschaft beschließen würde, sich in der Geschlechterrolle der Queen von England wohlzufühlen. Aber der Kapitalismus hat eben nicht mit dem Verein „Pink Stinks“ gerechnet, der offenkundig besser weiß, was Männlein und Weiblein gut tut. Dabei wollen die Gender-Expertinnen freilich keinen „neuen Menschen“ mitsamt dazugehöriger Gesellschaft schaffen, in der nur das produziert wird, was eine Elite für notwendig hält – es sieht eben bloß ein wenig so aus.

So grenzt es sicherlich nur an Zufall, dass „Pink Stinks“ sich mit dem eigentlichen Anliegen vertrauensvoll an Vater Staat wendet:

„Geschlechtsdiskriminierende Werbung ist geeignet, Bestrebungen entgegenzuwirken, die in anderen Bereichen geleistet werden, um auf die tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter hinzuwirken. Sie gefährdet verfassungsrechtliche Ziele und ruft daher die Schutzpflicht des Staates aus Art. 3 Abs. 2 S. 2 GG sowie seiner völkerrechtlichen Verpflichtung (CEDAW) auf den Plan.“

Und damit der Staat sich im Rahmen seiner Schutzpflicht nicht überstrapazieren muss, hat der Verein schon vorgesorgt. Seit 2014 ist auf der Website ein Gesetzestext hinterlegt (§ 7a UWG Diskriminierende Werbung), der sich mühelos in das „Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb“ einfügen ließe. Damit könnten sich Unternehmen bei Verdacht auf zu viel nackte Haut gegenseitig abmahnen. Gerichte wären mithilfe einstweiliger Verfügungen imstande, sexistische Werbung zu untersagen, so wie es bereits bei „Unzumutbaren Belästigungen“ (§ 7 UWG) der Fall ist.

Ein Justizminister mit Herz für alle Geschlechterrollen


Nur an einem Justizminister, dem die „Entfaltungsfreiheit von Menschen jeden Geschlechts“ gleichermaßen am Herzen liegt, hat es eben noch gefehlt. Bis jetzt. Dem aktuellen „Spiegel“ ist zu entnehmen, dass „Heiko Maas (SPD) mit einer Gesetzesänderung geschlechterdiskriminierende Werbung verbieten“ will. Und weiter: „Laut Spiegel soll der Entwurf zur Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb bald in die Ressortabstimmung geschickt werden.“ Sinn der Sache sei auch, „ein modernes Geschlechterbild in der Gesellschaft zu formen“.

Denn mit dem „Formen“ kennen sich Heiko Maas und Stevie Schmiedel schließlich aus. So ein Gesetz formt bisweilen mehr, als Heidi Klum es je könnte. Und all den Zuschauern auf den billigen Plätzen, die das ganze Experiment bezahlen, sei gesagt: Selbst schuld, wenn ihr euch nicht modern genug benehmt!



Sexistisches Accessoire, das verfassungsrechtliche Ziele gefährdet (© J. N. Pyka)



Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Vielfalt, Toleranz und Briefkastenphobie

Spüren Sie das auch? Diesen Elan und diesen Drive, der derzeit durch Deutschland weht? Die Kunde von den „Panama Papers“ ist kaum eine halbe Woche alt, schon ist der halbe Politikbetrieb auf Achse. Justizminister Heiko Maas fordert ein „Transparenzregister“, in dem Briefkastenfirmen ihre wahren Eigentümer offenlegen sollen. Sigmar Gabriel legt seinen alten Wahlkampfschlager aus dem Jahr 2013 wieder auf und beschwert sich über „diese Betrüger“, bei denen es sich um „die wahren Asozialen“ handele. Der Finanzminister hingegen möchte „diesen Ball aufnehmen und ihn weiterspielen“, während Sportskanone Sahra Wagenknecht lieber die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses prüfen will.

Vorbei sind die Zeiten, als ein paar Integrationsunfälle sich selbst und über 30 weitere Menschen in Brüssel in die Luft sprengten und daraufhin eine hitzige Debatte über Datenschutz entbrannte. Um den Schengenraum ging es da, den jeder Terrorist unbehelligt durchqueren kann. Um Informationsaustausch über Grenzen hinweg, was eigentlich mal als Voraussetzung für das Abholzen der Schlagbäume galt. "Datenschutz ist schön, aber in Krisenzeiten hat Sicherheit Vorrang“, bemerkte Thomas de Maizière damals - woraufhin die halbe Republik ins Hyperventilieren geriet. Aber das ist auch schon rund vierzehn Tage her. Heute kann sich der Innenminister mit diesem Motto wieder auf Mehrheiten verlassen. Denn Datenschutz ist wirklich schön, aber in Zeiten des Steuer-Überschusses hat „Transparenz“ eben Vorrang. Halb Molenbeek gefällt das.

Es bereitet immer wieder Freude, dabei zuzusehen, wie die Politik aufs Gaspedal tritt, sobald es um entgangenes Steuergeld geht. Was hätte man nur alles damit anstellen können! Man hätte es den Reichen genommen und den Armen, etwa Besitzern von Solaranlagen und Elektroautos, gegeben. Man hätte damit Gerechtigkeitslücken gestopft, Klüfte verringert und dabei auch gleich das eigene Fundament gestärkt. Nur ein umverteilender Politiker ist ein guter Politiker. Das mag vielleicht gierig klingen, ist es aber nicht. Denn Gier tritt nur bei Menschen mit Briefkastenhintergrund auf.

Da ist es fast schon schade, dass der IS und weitere Angehörige des terroristischen Gewerbes kein nennenswertes Briefkastenimperium in Panama unterhalten. Kaum auszudenken, was dann los wäre. Plötzlich hätten waschechte Kriegsverbrecher nicht nur eine Armada an Journalisten, sondern auch noch Sigmar Gabriel und Ralf Stegner am Hals, die mit der „vollen Härte des Gesetzes“ hantieren und Haftstrafen ohne jeglichen Bonus fordern würden. So allerdings bleibt es beim entspannten Enthaupten und Bomben basteln, ganz ohne Register und Untersuchungsausschuss.

Andererseits sollte man vielleicht auch keine allzu hohen Ansprüche stellen. Um den Paris-Drahtzieher Salah Abdeslam aufzuspüren, benötigten die belgischen Behörden vier Monate und Kommissar Zufall, der durch eine ungewöhnlich üppige Pizzabestellung in Erscheinung trat.  Kein Recherche-Konglomerat bot seine Hilfe an. Da ist es tröstlich, dass wir uns wenigstens mit 214.000 Offshore-Firmen leichter tun.

Immerhin geht es nun auch um das schreckliche Unrecht, das vielen Politikern an dieser Stelle widerfährt. „Wegen solcher Verbrecher können wir keine Schulen und Kindergärten bauen!" So klingt das Klagelied, das allerorts angestimmt wird. Und während Sahra Wagenknecht Claudia Roth ein Taschentuch reicht, trauern andere noch all den Straßen hinterher, die leider nicht entstehen konnten. Denn 20 Milliarden Euro Überschuss sind zwar schön, aber freilich nicht genug. Vor allem aber reichen sie wohl nur für unglamouröse Dinge. Für all die schönen Dinge des Lebens hingegen, eben Schulen und Kindergärten, bedarf es scheinbar immer desjenigen Geldes, das gerade irgendwo in Panama oder in der Schweiz herumliegt.

Derweil nähert man sich auch bei den Tagesthemen dem Rande des Nervenzusammenbruchs. Dort nämlich sorgt sich Monika Wagener in einem Kommentar um nichts Geringeres als den „Zustand des politischen Systems“: „Seit Jahren kann jeder sehen, wie die Schere zwischen Arm und Reich auch bei uns immer weiter auseinandergeht, und das hat auch mit Briefkastenfirmen wie in den Panamapapern zu tun.“ Da aber die Bundesregierung ihr zufolge selbst jetzt nur „erwartbar“ reagiert, scheint das politische System schon kurz vor dem Super-GAU zu stehen – zumindest vom ARD-Studio aus betrachtet. Was hingegen bis zu 500.000 unregistrierte Migranten über den Zustand dieses politischen Systems aussagen, erfahren wir dann hoffentlich in der nächsten Ausgabe der Tagesthemen.

Bis dahin wartet das Land gespannt auf jedes weitere Stückchen Panamapapier, das uns die zuständigen Journalisten mit Steuerfahnder-Aura servieren. Zwar ist noch nicht überliefert, inwiefern sich wie viele dieser Ganoven überhaupt strafbar gemacht haben. Aber das ist momentan auch nebensächlich. Mit der Unschuldsvermutung verhält es sich eben wie mit dem Datenschutz: Sie ist sicherlich ein nice-to-have, aber deshalb noch lange kein must-have.

Vielleicht täte es uns allerdings doch ganz gut, auf Steuersünder in etwa so wie auf alle anderen Problemgruppen auch zu reagieren. Das hieße: cool bleiben und Ruhe bewahren. So wie nach jedem Terroranschlag. Kurzschlussreaktionen helfen nur den „wahren Asozialen“. Stattdessen sollten wir uns auch einmal fragen, was wir selbst eigentlich falsch gemacht haben. Was haben wir diesen Menschen angetan, dass sie extra komplizierte Strukturen von den Kanalinseln bis nach Panama aufbauen? Haben wir ihr Geld schlecht behandelt? Oder haben wir sie womöglich zu hoch besteuert? Wäre es nicht besser, den Dialog zu suchen, anstatt durch harte Strafen eine weitere Radikalisierung zu riskieren?

Dabei muss man ja gar nicht so weit gehen, Steuerhinterziehern mit Beten und Liebe zu begegnen. Aber wenn Gelassenheit schon gegen den Terror hilft, dann nützt sie doch sicherlich auch ein wenig im Umgang mit Briefkasten-Experten.



Geheime Briefkastenfirmen in Muir Beach, Kalifornien (© J. N. Pyka)


 
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In eigener Sache: Kein Kommentar ist illegal

In letzter Zeit haben immer mehr Nachrichtenseiten ihre Kommentarspalten komplett oder themenabhängig geschlossen. Und in gewisser Weise kann ich das auch verstehen. Viele Menschen erkennen ihre Berufung darin, Diskussionen erfolgreich zu torpedieren und Oasen der Vernunft in intellektuelle Wüsten zu verwandeln. Andererseits zeugt es nicht gerade von Wertschätzung gegenüber dem einzelnen Leser, ihm kurzerhand das Sprachrohr aus der Hand zu nehmen, nur weil es im Internet viele Bruchpiloten gibt. Gerade Medien wie Spiegel Online sollten in der Lage sein, sich dahingehend eine sozialverträglichere Lösung zu überlegen, anstatt den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.

Die Kommentarfunktion auf diesem Blog wurde schon vor etwas mehr als vier Jahren deaktiviert, weil mir es mir sowohl an Zeit als auch an Muse fehlte, um verbalen Amoklauf in eine zivilisierte Diskussion umzumoderieren. Nun allerdings, da die Schotten überall dicht sind, ergibt sich aus meiner Sicht ein guter Anlass, das zu ändern. Ab sofort sind Leserkommentare auf jeden Text hin wieder zugelassen. Das Hausrecht (potentiell justitiable Inhalte werden entfernt, ebenso wie jeder weitere Versuch, den Kommentarbereich in eine Freakshow zu verwandeln) gilt natürlich weiterhin, Kluges und Schönes ist indes sehr willkommen.
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Kalendersprüche und Kalaschnikows

Allmählich setzt auch in puncto Terrorismus das ein, was man gemeinhin als "Gewöhnungseffekt" bezeichnet. Nicht, dass es normal wäre, wenn Islamisten in Paris oder Brüssel Blutbäder veranstalten und die betroffenen Städte Ausgangssperren verhängen, weil niemand weiß, ob noch weitere Mörder unterwegs sind. Aber die dazugehörigen Reaktionen aus Politik, Medien und parlierender Klasse haben eben doch einen gewissen Nachruf-Charakter. Man holt sie einfach aus der Schublade, wenn es mal wieder soweit ist. Während die Terroristen immer neue Pläne schmieden und immer neue Bombenrezepte entwickeln, um möglichst mehr Menschen als beim letzten Mal zu treffen, hält sich Europa zuverlässig an dasselbe, ritualisierte Rezept.

Politiker sind "bestürzt", was sich erst dann wirklich verifizieren lässt, wenn man auch die zweite Hälfe solcher Aussagen kennt oder die 24-stündige Schamfrist abgelaufen ist. Der Jugendpsychologe Michael Lüders, der irrtümlicherweise für einen Terrorismus-Experten gehalten wird, weist nochmal auf die Perspektivlosigkeit und Verzweiflung der jungen, zornigen Männer mit Sprengstoff-Affinität hin. Simone Peter von den Grünen, die sich gerade in Brüssel aufhält, ist nicht nur schockiert, sondern weiß auch nicht, wie sie nun zu ihrem Termin im Saarland kommen soll. Letzteres behält sie übrigens im Interview lieber nicht für sich. Denn schließlich, so hört man, gab es ja keinen Anschlag auf Menschen, deren Angehörige und die Anwohner Brüssels. Vielmehr galt das Attentat uns allen - der Freiheit, der Demokratie, den EU-Institutionen, den Europäern, dem Islam, und eben auch der Reiseplanung der Vorsitzenden der Grünen.

Derweil wird die nächste Runde des obligatorischen Beschuldigungs-Pingpongs eröffnet. Merkel ist schuld, alle Muslime sind schuld, der Islam hat nichts damit zu tun, bloß keinen Generalverdacht in die Welt setzen. Eine fantasiebegabte Grüne aus der Schweiz äußert ihre Angst vor den Rechtspopulisten, da sind die Leichen noch nicht mal aus der Metro geborgen. Andernorts wird so intensiv hyperventiliert und gescreenshotet, dass man sich fragt, was die Menschheit eigentlich in der Prä-Twitter&Facebook-Ära bei Terroranschlägen getan hat. Mal den Fernseher einschalten, die Ereignisse zu verfolgen, sich fragen, wie es sich wohl anfühlt, gerade jetzt in den betroffenen Städten zu leben? Keine verlockende Option. Mittlerweile finden wir so viele Dinge schlimm, dass wir gar nicht mehr dazu kommen, das jeweilige Attentat, die steigenden Opferzahlen und den Terror an sich schlimm zu finden. Wobei das natürlich insofern von Vorteil ist, als jede Übersprungshandlung uns von dem Gedanken der eigenen wie auch der politischen Machtlosigkeit ablenkt.

Überhaupt, so heißt es, dürfe man jetzt bloß nicht den "einfachen Lösungen" (Grenzen dicht, Vorratsdatenspeicherung) auf den Leim gehen. Das mag ja stimmen. Nur wäre es schön, wenn es wenigstens überhaupt eine Lösung gäbe. Stattdessen rettet sich der ein oder andere in diffuse Begriffswolken und halluziniert über europäische Sicherheitsstrategien, was auch schon anlässlich des Charlie Hebdo Attentats gut klang, aber folgenlos blieb. Wir denken nicht im Albtraum daran, uns in Israel nach effektiven Anti-Terror-Maßnahmen zu erkundigen. Denn Israel gehört nicht gefragt, sondern kritisiert. Auch Brüssel kann zwar eine hübsche Kulisse für EU-Parlamentarier bilden, aber offenkundig nichts dagegen tun, dass Molenbeek zu einer europäischen Außenstelle des Islamischen Staats mutiert. Deutschland guckt derweil zu, wie Salafisten in der Fußgängerzone Nachwuchskräfte rekrutieren und Christen in deutschen Flüchtlingsheimen weiterhin verfolgt werden. Parallel dazu bemühen wir uns sehr, in Form des Türkei-Deals die Kurden zu düpieren, die derweil vom Boden aus gegen den IS die Stellung halten.

Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit, das hört man immer öfter. Und man kann es sich selbstverständlich auch denken, eventuell sogar dem Nachbarn anvertrauen. Nun allerdings verbreiten auch Politiker vermehrt derlei Phrasen. Das finden wir dann immer sehr "ehrlich" und freuen uns darüber, dass gewählte Volksvertreter uns ausnahmsweise nicht wie kleine Kinder behandeln. Die Frage ist nur, was daraus folgt. Null-prozentige Sicherheit für alle? Oder 35-prozentige bei gutem Wetter? Der Staat möchten zwar die globale Erwärmung um zwei Grad Celsius reduzieren, aber in puncto nationale Sicherheit will er sich weder auf eine hochprozentige Marke festlegen, noch eine solche zum Ziel erklären. Stattdessen konzentriert er sich auf vermeintlich ehrliche Kalendersprüche. Die klingen sicherlich prima – aber Grundlage dieses Gesellschaftsvertrags sind sie eben blöderweise nicht.



Ebenfalls in der April-Ausgabe (Print) der "Jüdischen Rundschau" erschienen.
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Die Merkel'sche Allheil-Lehre: immer wissen, was man nicht will

Zu den entzückendsten Details der Flüchtlingskrise gehört vor allem der Eiertanz rund um die Türkei. Blickt man in die grün-dunkelrote Ecke, so erwischt man dort die geballte Empörung beim Feiern fröhlicher Umstände. Völlig zu Recht wird das autokratische Gebaren Erdogans kritisiert, sein Umgang mit Journalisten, Kurden und Oppositionellen im Allgemeinen. Was sicherlich noch etwas authentischer wirkte, wenn da nicht der Umstand wäre, dass die Erdogan-Kritikerin Claudia Roth schon mal unterwürfig mit Kopftuch im Iran gesichtet wurde und ihre Kollegen von weiter links sich hin und wieder auch für die Menschenrechte von Hamas-Mitgliedern einsetzen.

Da beruhigt es, in Berlin auf Politiker zu stoßen, die aus ihrem Herzen keine Diktatorengrube machen. Innenminister Thomas de Maizière etwa ließ diese Woche mit Blick auf jegliche Türkei-Kritik ausrichten, Deutschland solle „nicht der Schiedsrichter beim Thema Menschenrechte für die ganze Welt sein“. Das ist zum einen erfrischend ehrlich, zum anderen gar nicht so schlimm, wie es klingt. Denn dafür sind wir immerhin Weltmeister in den Disziplinen „freundliches Gesicht“ und „gefühlte Humanität“. Und das ist ja auch schön.

Abgesehen davon unterscheiden sich Opposition und Regierung aber keineswegs hinsichtlich des Grades an Realitätsverweigerung, mit dem sie die Flüchtlingskrise zu bewältigen gedenken. Ganz links möchte man keinen Türkei-Deal, allerdings auch keine Reduzierung der Flüchtlingszahlen, stattdessen aber mehr Kampf gegen rechts. Und links, also dort, wo die Regierung derzeit ihren Sitz hat, will man zwar weniger Flüchtlinge und mehr Türkei, gleichzeitig aber auch weiterhin ein freundliches Gesicht zeigen.

Böse Zungen behaupten derweil, Angela Merkel hätte überhaupt keinen Plan. Das stimmt allerdings nicht ganz. Denn immerhin weiß die Kanzlerin ziemlich genau, was sie nicht will. Mal fordert sie ein „Ende des Durchwinkens“ auf dem Balkan, nur um kurz darauf vor geschlossenen Grenzen und nationalen Alleingängen zu warnen. Ein ander‘ Mal beschwert sie sich über die Verengung des Balkan-Korridors, allerdings nicht, ohne den betroffenen Migranten zu raten, sich eben in Griechenland eine Unterkunft zu suchen. Angela Merkel möchte keine Flüchtlinge aus Griechenland beherbergen, überhaupt will sie keine hohen Zahlen. Sie möchte aber auch keine Obergrenze, keine hässlichen Bilder und keine geschlossenen Grenzen, erst recht nicht in der Nähe von Passau oder Freilassing.

Das eint sie mit großen Teilen des politischen Berlins. Man hat zwar keinen konkreten Plan, dafür aber einen erhobenen Zeigefinger. Der wiederum kommt immer dann zum Einsatz, wenn der ein oder andere Rest-Europäer eine Entscheidung umsetzt, anstatt auf die Erfolge der deutschen Wünsch-dir-was-Strategie zu warten. In solchen Situationen verstehen die Deutschen nämlich keinen Spaß. „Dann ist Europa am Ende, wenn jeder für sich festlegt, was er macht“, belehrte Katrin Göring-Eckardt den dunkelösterreichischen Außenminister Kurz jüngst bei Anne Will, als es um die alpine  Obergrenze ging. Und ja, wahrlich: Wo kämen wir nur hin, wenn souveräne Nationalstaaten womöglich eigene Entscheidungen träfen, ohne vorher bei den Grünen, Angela Merkel oder Martin Schulz eine Genehmigung einzuholen?

Deutsche Politiker des 21. Jahrhunderts lesen eben nicht Aristoteles oder Machiavelli, sondern Antoine de Saint-Exupéry. Sie wissen daher auch: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Oder wenigstens mit dem, was sie dafür halten.

Nun allerdings droht ohnehin alles gut zu werden. Die europäische Lösung, die zunehmend zu einem Euphemismus für den Terminus „deutsche Lösung“ mutiert, rückt näher. Waren es bis dato noch die Flüchtlinge, die festlegten, in welcher Zahl sie an welchem Ort um Asyl baten, so soll es nun Sultan Erdogan sein, der über die nationalen Geschicke Europas entscheidet. Und die dazugehörigen hässlichen Bilder? Für die sind wir als Deutsche ja dann nicht verantwortlich. Angela Merkel schaut indes lieber zu und schnürt ein paar Asylpäckchen. Warum sollte die „mächtigste Frau der Welt“ auch über den Schutz ihrer eigenen Grenzen oder den der europäischen Außengrenzen nachdenken, wenn sich diese lästige Aufgabe ebenso an einen sympathischen Despoten delegieren lässt, der mit Tränengas ohnehin mehr Erfahrung hat? Das Leben kann schließlich so schön sein, wenn man sich nicht um alles selbst kümmern muss.

Im Gegenzug erhält die Türkei nicht nur ein paar Milliarden, Aussicht auf einen EU-Beitritt, einen menschenrechtlichen Koscherstempel und weitere Schmankerl, sondern auch direkten Einfluss darauf, wie es von der kommunalen Turnhalle bis hin zum Bundeshaushalt, der Rentenkasse und den Wahlergebnissen der AfD weitergeht.

Indes erklärt die Bundeskanzlerin noch schnell, was im Übrigen gar nicht in die Tüte kommt: „Es kann nicht sein, dass irgendetwas geschlossen wird“, verkündete sie noch vor dem EU-Gipfel mit Blick auf die geplante Total-Abriegelung der Balkanroute.

Und die Rest-Europäer? Die warten vermutlich darauf, endlich hinsichtlich der Merkel’schen Allheil-Lehre erleuchtet zu werden. Natürlich, über Quoten und Kontingente ist man sich noch nicht einig. Die eigenen Zäune hat man derweil umso lieber gewonnen. Darum wird man sie vermutlich vorsichtshalber stehen lassen. Schließlich kann man nie wissen, ob dem Herrn Erdogan zwischen Kurdenkrieg und Gleichschaltung der Presse nicht doch das ein oder andere Schlauchboot auf dem Radar entgeht. Und warum es humaner sein soll, Menschen statt nahe Griechenlands oder Mazedoniens nun eben in der Türkei aufzuhalten, hat man zwischen Paris und Warschau ebenfalls noch nicht ganz durchschaut. Die europäische Lösung ist auch deshalb sehr deutsch, weil nur Deutschland sie unbedingt will und braucht.

Aber wie sagte Angela die Erste doch erst neulich in ihrer Regierungserklärung bei Anne Will? „Wenn’s am Montag nichts wird, dann haben wir am 18. März den nächsten Gipfel.“ Und wenn es dann immer noch nicht klappt, treffen wir uns eben so lange, bis es funktioniert. Oder bis die Türkei zu Europa gehört, der Brennerpass zu einem zweiten Idomeni mutiert, ein „Libyen-Deal“ mit der dortigen IS-Filiale auf der Tagesordnung steht und der Kontinent ohnehin aus Stacheldraht besteht. Wir als Deutsche haben jedenfalls einen Plan: Wir wissen immer ganz genau, was wir nicht wollen. Und das wiederum mit einem unheilbar guten Gewissen, von dem das restliche Europa nur albträumen kann.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Hurra, die Flüchtlingskrise finanziert sich von selbst!

Erfreuliches kam jüngst aus der Redaktion der Süddeutschen Zeitung: Die Flüchtlings-Causa belastet niemanden finanziell, ganz im Gegenteil. Sie finanziert sich sogar nahezu von selbst. Denn das dafür "investierte" Geld ist ja nicht weg. Es ist eben nur woanders. Zum Beispiel in den Portemonnaies der Asylsuchenden, die es wiederum ausgeben und so die Wirtschaft ankurbeln. Oder auf den Konten der neu eingestellten Lehrer und Polizisten, die ja ebenfalls einen Teil ihres vom Staat erhaltenen Einkommens in Form von Steuern wieder abgeben und somit der Allgemeinheit allem Anschein nach etwas Gutes tun. Der Original-Ton klingt dann so:


"Was die Neuankömmlinge an Taschengeld bekommen, geben sie großteils hierzulande wieder aus. Auch jeder zusätzliche Lehrer und Polizist, der eingestellt wird, bekommt ein Gehalt, das in Deutschland besteuert wird. Fachleute rechnen damit, dass die deutsche Wirtschaft wegen solcher Effekte 2016 etwa 0,5 Prozentpunkte schneller wächst, als es ohne Flüchtlinge der Fall gewesen wäre. Zur Einordnung: das macht ein reales Plus von 15 Milliarden Euro, von denen einige Milliarden an Steuern abgehen. Die Krise finanziert sich also zu einem Teil selbst."


Unabhängig davon, welcher Fachmensch welche Zahl für die allein seligmachende Zahl hält, stellen sich zwei Fragen: Was wäre nur aus all den Milliarden geworden, wenn sie nicht in die Taschen von Container-Produzenten, neu eingestellten Beamten oder auch nur in die Überschuss-Kasse Wolfang Schäubles geflossen wären? Wären all diejenigen, die es erwirtschaftet haben, damit womöglich ins Casino gegangen? Oder hätten sie es hinterher nur auf ihr Sparbuch buchen lassen, wo lukrative Nicht-Zinsen locken? Man weiß es nicht. Aber mit Sicherheit hätten sie niemals die 0.5 Prozentpunkte erwirtschaftet, die uns die Flüchtlingskrise nun beschert. Davon ist man überzeugt.

Und zum anderen: Woran liegt es eigentlich, dass der Hauptinvestor - nämlich vor allem der Steuerzahler, der weder als Polizist, Lehrer oder Prepaidkarten-Händler wirkt - in dieser Rechnung nicht vorkommt? Wie, der bekommt seinen Einsatz oder wenigstens Teile davon nicht zurück? Achso, klar, natürlich nicht. Aber das Investment ist ja wenigstens nicht weg. Nur woanders.

Vielleicht täte es der Debatte nicht schlecht, wenigstens Zahlen Zahlen sein zu lassen. Über eine Million Neubürger in einem Wohlfahrtstaat kosten etwas. Die Flüchtlinge / Schutzsuchenden / Migranten können nichts dafür, dass das so ist. Und vielleicht sollte sich die Kostenfrage überhaupt nicht stellen, wann immer es um real existierende Humanität gibt. Vielleicht haben wir es aber auch nur mit gefühlter Humanität zu tun, die mit einem freundlichen Gesicht serviert wird. Dann kann man sich beispielsweise die Frage stellen, inwiefern es sinnvoll ist, neben Bürgerkriegsflüchtlingen auch marokkanische Antänzer zu unterstützen.

Aber die beeindruckende David-Copperfieldiade, die immer dann aufgeführt wird, wenn es um die Kosten geht, ist nicht weniger verlogen als die Stilisierung jedes Flüchtlings zum Dr. med. Raketenwissenschaftler.
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Wir investieren das!

Als Werner Faymann sich Anfang September 2015 an die Seite Angela Merkels stellte, dachte er sich wohl Folgendes: Mit der (damals) mächtigsten Frau Europas als Partnerin kann man nix falsch machen. Als Mitinhaber des guten Gewissens auch nicht. Außerdem wolle eh kein Flüchtling nach Österreich, das einst von nicht wenigen Migranten wegen phonetischer Ähnlichkeiten für Australien gehalten wurde. Sechs Monate, fünf gescheiterte europäische Lösungen und 90.000 Asylsuchende in der Jahresbilanz später muss unser reizendes Nachbarland allerdings feststellen, dass das Team Merkel im Rahmen der europäischen Refugee-Mission nicht unbedingt der place to be ist. Die Konsequenz: Schmäh is over. Stattdessen Obergrenze, "Grenzmanagement" aka Zaun, nationaler Alleingang, Liebeleien mit dem kaltherzigen Balkan, moralisches Untergeschoss. Warum also zerbricht die Traumehe am Rande der schönen blauen Donau in ein helles Deutschland und ein dunkles Österreich? Vielleicht nicht nur wegen der dort einigermaßen einflussreichen FPÖ, sondern vor allem auch darum:

Österreich hat pro Kopf nicht nur etwa genauso viele Flüchtlinge wie Deutschland aufgenommen, sondern verfügt, ebenso wie wir, über ein nicht gerade zierliches Wohlfahrtssystem. Böse Zungen behaupten, dass solche Systeme nicht lang halten, wenn die Zahl der Nettoempfänger ins Unermessliche steigt. Weil eben irgendwann keiner mehr da ist, der das Ganze bezahlen will oder kann. In Wien nennt man das galant "beschränkte Ressourcen". Und weil ein Teil der Gesellschaft irgendwann grantig werden dürfte - was wiederum ungünstig für westliche Politiker ist, deren Existenzberechtigung im 21. Jahrhundert vom harmonischen wie geschmeidigen Funktionieren des Umverteilungs-Getriebes abhängt. Darum gibt es in Österreich eine Obergrenze samt Diskussion über Kürzung der Mindestsicherung für Asylbewerber.

Deutschland hat theoretisch das gleiche Problem. Praktisch löst es das Dilemma allerdings viel herzlicher und kreativer: No borders, no nations, bei vollem Intergrationsturbo plus Sozialleistungen wie gehabt. Und wenn sich jemand beschwert, weil er glaubt, als autochthoner Einwohner womöglich zu kurz zu kommen, ziehen alle Parteien das gleiche Rezept aus der Schublade: Wir fördern ab sofort einfach die Einheimischen in gleichem Maße wie die Neubürger. Kita mal zwei, sozialer Wohnungsbau mal zwei, Bezüge mal zwei, Rentenerhöhung oben drauf. Sigmar Gabriel spricht dann gerne von einem "neuen Solidaritätsprojekt für unsere eigene Bevölkerung". Nun, da die Flüchtlinge schon mal hier sind, kann man ja bei der Gelegenheit auch gleich den Sozialturbo für die Einheimischen anwerfen. Wo Österreich um finanzielle Engpässe fürchtet, decken wir uns mit Spendierhosen ein. Zwar gibt es auch hierzulande böse Zungen, die schon ohne Einberechnung der Migranten vor zu viel sozialer Romantik warnen. Aber die haben freilich keine Ahnung von ihrem Handwerk. "Wir schaffen das" wird um "Wir investieren das" erweitert.

Das kann man freilich mal probieren. Irgendwo wird sich schon ein geheimer Geldspeicher mit "Überschüssen" finden, in dem Wolfgang Schäuble bislang nur heimlich badete. Und falls das Aushebeln der Gesetze der Wohlfahrts-Ökonomie doch nicht gelingen sollte, dann können wir als Deutsche wenigstens auf ein aufregendes Experiment zurückblicken. Ein Experiment, auf das wir vor allem in guter alter Tradition das Copyright beanspruchen können.
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Davos: In Flüchtlingsschuhen in die Tiefgarage

„Ich stelle mir das ganz schlimm vor“, bemerkte Sahra Wagenknecht, als sie sich gemeinsam mit weiteren Oppositions-Kollegen im Oktober vergangenen Jahres in einem „original“ Flüchtlingsschlauchboot zur Spreerundfahrt begab. Sinn der Übung war, „Flucht erfahrbar zu machen“ - was natürlich besonders gut funktioniert, solange die Spree nur bis zu den Knien reicht und die Schwimmwesten TÜV-geprüft sind. Aber derlei Kleinigkeiten spielen keine Rolle, wenn es darum geht, die eigene Betroffenheit vor den Augen und iPhones der Hauptstadtpresse zu demonstrieren.

Wer diese Aktion für den Höhepunkt des angewandten Irrsinns hielt, wird dieser Tage bitter enttäuscht. Denn nun gibt es in Sachen praktische Fluchterfahrung auch eine Deluxe-Version. Die wiederum wird nicht in Berlin geboten, sondern in Davos. Genauer: vor dem Hintergrund des dortigen Weltwirtschaftsgipfels, wo sich jüngst einige „Topmanager“ in eine Tiefgarage begeben haben, um dort Krieg und Flucht nachzuspielen.

Wie genau das aussieht, erfährt man in einem Beitrag von „heute+“, dem „interaktiven Nachrichtenmagazin“ des ZDF, das laut Elmar Theveßen „den Mainstream in Frage stellen“ soll. Siehe hier und hier.

„Die, die sich hier so anbrüllen lassen, hatten eigentlich eine Elite-Treffen in Davos gebucht“ erfährt man eingangs. Tja, so schnell kann es gehen. Eben noch im Konferenzsaal mit Christine Lagarde, nun Endstation Tiefgarage. Wir sehen betroffen wirkende Männer im Anzug und heulende Frauen mit improvisiertem Kopftuch. Im Hintergrund Kameras, im Vordergrund Drill Instruktoren, die „Entwürdigung und Militärwillkür“ verkörpern sollen. „Krawatte noch um den Hals. [Im] Rollenspiel für eine Stunde Flüchtling. Eine Stunde ohne Rechte, ohne Würde, ohne Schutz. Ein Selbsterfahrungsworkshop für die Welt-Elite von Davos“, tönt es bitterernst aus dem Off.

„Wir sind wie Dreck behandelt worden. Die Frauen wurden nicht mal wirklich respektiert“, berichtet eine sichtlich schockierte Teilnehmerin, die den Nahen Osten bislang vermutlich nur aus 1001 Nacht kannte. „Ich hatte den Eindruck, sehr sehr hilflos und sehr sehr ausgeliefert zu sein“, ergänzt ein weiterer Kostüm-Refugee. Sahra Wagenknecht kennt das bereits.

„Chaos und Todesangst, Entwürdigung und Militärwillkür. Die Simulation soll die Torturen der Flucht aus einem Krieg fühlbar machen.“ Und weiter: „Nur wer selber mal in Flüchtlingsschuhen läuft, versteht, worum es wirklich geht.“ Während die Elite im Erdgeschoss lediglich darüber fachsimpelt, soll das Thema „hier unten in der Tiefgarage vor allem die Herzen erreichen. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, aber die Eindrucke von einer Stunde Flüchtlingsdasein lassen nicht mehr los.“

Ein wenig schade ist nur, dass das ZDF seinen Zuschauern verschweigt, wie es mit den „Topmanagern“ weitergeht, nachdem sie die Flüchtlingsschuhe wieder gegen maßgeschneiderte Lederslipper getauscht und sich an der Austernbar von den Strapazen der Flucht erholt haben. Werden sie einen wütenden Brandbrief an Baschar al-Assad oder Abu Bakr al-Baghdadi schreiben? Ein Sit-In in der Lobby des „Intercontinental“ Hotels in Davos veranstalten, um ein Zeichen für weniger Militärwillkür jenseits der EU-Außengrenzen zu setzen? Oder werden sie gar noch einen Schritt weitergehen und künftige Fluchtursachen im Keim ersticken, indem sie sich bei Barack Obama über den Iran Deal beschweren?

Doch solange der Spuk noch nicht verdaut ist, ließe sich auch vom Büro aus Gesicht zeigen. An dieser Stelle muss es ja nicht gleich der Analphabet sein, den man zum Mindestlohn einstellt. Das Kanzleramt etwa freut sich bekanntlich immer sehr über hundertseitige Milchmädchenrechnungen aus Wirtschaftskreisen, die einen positiven Effekt von konsumfreudigen Asylbewerbern auf das Bruttoinlandsprodukt suggerieren – freilich ohne dabei in Frage zu stellen, woher das dazugehörige Taschengeld überhaupt kommt.

Darüber hinaus haben die „Torturen“ in der Tiefgarage noch einen weiteren Vorteil: Wer von einem Top-Management ins andere wechselt, hat mit Sicherheit gute Karten, wenn er bei der Bewerbung neben Aufenthalten in Harvard und Stanford auch „eine Stunde in Flüchtlingsschuhen“ vorweisen kann. War das gute Gewissen einst noch der Linken und denen, die sich dafür hielten vorbehalten, so ist zertifiziertes „gut sein“ mittlerweile zum gesamtgesellschaftlichen must-have geworden, auf das auch der erfahrene Davos-Besucher nicht verzichten will. Ob gut sein oder nur gut aussehen ist dabei zweitrangig – auf die Performance kommt es an.

Auch deshalb sollte das Davoser Reality-Training dringend Schule machen. „Chaos, Todesangst, Entwürdigung: nachts um zwölf am Kölner Hauptbahnhof“ wäre beispielsweise ein hübsches Motto für einen spannenden Selbsterfahrungsworkshop, den man für Silvester 2016/17 einplanen sollte. Wer so lange nicht warten will, könnte auch gleich im persönlichen Umfeld beginnen. Ein Monat in Berlin-Neukölln oder Klein-Marokko in Düsseldorf wäre eine gute Idee, um die „Herzen zu erreichen“. Der Sohn würde von Salem in eine Schule mit Rütli-Hintergrund wechseln, die Tochter bekäme statt Taxi-Geld eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr, und am Wochenende vergnügt man sich gemeinsam im nächstgelegenen Schwimmbad. Einen Arbeitstitel für ein solches Rollenspiel gibt es auch schon: „Deutschland fühlbar machen“.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Rückkehr der Flaschengeister: Von Antisemiten, Machos und ihren Advokaten

Es ist noch gar nicht lange her, da trafen sich mehrheitlich junge wie perfekt integrierte Migranten Tag für Tag auf Deutschlands Straßen, um für „Frieden in Palästina“ zu demonstrieren. Der im Sommer 2014 stattfindende Gazakrieg, so verlautbarte es der Medienwald, mache die Teilnehmer schlicht und ergreifend „wütend“, und Wut brauche schließlich ein Ventil. Schon bald hieß es nicht mehr nur „Kindermörder Israel“ oder „Allahu Akbar“, sondern auch „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“.

Ein bedauerlicher Vorfall, der als genauso singulär galt wie mit Flaschen beworfene Pro-Israel-Demonstranten, ein missglückter Brandanschlag auf eine Synagoge in Wuppertal und eine Polizei-Aktion in Frankfurt, im Rahmen derer die zuständigen Beamten den Demonstranten gleich mal den eigenen Lautsprecher zur Verfügung stellten, um die Situation zu „beruhigen“.

Es war kein Bürgerkrieg, es sah einfach nur so aus


Auch nebenan in Frankreich war Einiges geboten. Hie und da wurde ein bisschen Feuer gemacht, was besonders gut mit Israelflaggen und Autos funktionierte. Parallel dazu stürmten nordafrikanische Friedensaktivisten das jüdische Viertel Sarcelles, um dort fröhlich zu randalieren. Natürlich handelte es sich dabei nicht um Szenen eines Bürgerkriegs. Es sah einfach nur so aus. Dass es in failed states wie Berlin nicht so weit kam, liegt vermutlich auch daran, dass es dort überhaupt kein jüdisches Viertel mehr gibt, dessen Fensterfassaden sich zertrümmern ließen.

Seitdem ist viel passiert. Deutschland verzeichnet mehr als eine Million neuer Mitbewohner aus Teilen Afrikas und dem Orient, die zunächst irrtümlicherweise für die Rettung der Rentenkasse gehalten wurden. Dafür allerdings tun uns die Flüchtlinge allerhand psychohygienische Gefallen. Kraft ihrer bloßen Anwesenheit auf deutschem Boden verhelfen sie uns zu moralischer Überlegenheit. Jede Turnhalle verwandelt sich in einen magischen Ort, an dem sich die private Altkleidersammlung gegen ein gutes Gewissen eintauschen lässt.

Nun stellt sich jedoch heraus, dass sich einige Neu-Flüchtlinge in Köln als polizeibekannte nordafrikanische Antänzer tarnten, um auf diese Weise an Silvester Frauen kollektiv sexuell zu belästigen und auszurauben. Die Tatsache, dass das nicht nur in Köln, sondern in nahezu jeder größeren deutschen Stadt so oder so ähnlich gehandhabt wurde, tut der arabisch-deutschen Symbiose allerdings keinen nennenswerten Abbruch. Bis es so soweit kommt, müsste sich erst ein Syrer der Steuerhinterziehung schuldig gemacht haben.

“Es werden lediglich die Grenzen zwischen verschiedenen Lebensstilen ausgelotet”


Stattdessen erfährt man etwa im Berliner „Tagesspiegel“, in Köln sei lediglich „eine „Freistil-Situation“ entstanden, in der die Grenzen zwischen [diesen] verschiedenen Lebensstilen ausgetestet worden seien“. Eine interessante Interpretation, die mit der Realität genau so viel zu tun hat wie die erste Pressemeldung der Kölner Polizei, wonach die Silvesternacht „weitgehend friedlich verlaufen“ sei. Andererseits sind derlei Theorien auch nicht ungewöhnlich für eine parallele Mediengesellschaft, in der die antisemitischen Groß-Veranstaltungen des Sommers 2014 wahlweise als Friedensbewegung oder „Zusammenrottung erlebnisorientierter Jugendlicher“ gehandelt wurden.

Die Flüchtlinge hingegen, so scheint es, verfügen offenkundig über eine wundersame Gabe. Sie verhelfen uns dazu, endlich selbstkritisch all jene deutschen Abgründe zu adressieren, die viel zu lange verschwiegen wurden.

“Sexuelle Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor allem ein bayerisches”

Unsere Schutzsuchenden importieren Antisemitismus? Aber nein, den haben wir ohnehin schon im eigenen Land. Die überwiegend männlichen Asylbewerber bringen möglicherweise ein bedenkliches Frauenbild mit? Wie infam! Sexuelle Gewalt ist schließlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor allem ein bayerisches. Ganz gleich, um welches Gastgeschenk es sich handelt - wir haben es schon viel länger.

Das wiederum ist ja grundsätzlich nicht falsch. In Sachen Antisemitismus hat es seit 70 Jahren niemand geschafft, den Rekord der Deutschen zu brechen. Und Frauen, die ohne Zustimmung ihres Gatten keinen Job antreten dürfen, hat man auch schon mal in Deutschland angetroffen. Genauso übrigens wie in Polen, Frankreich oder den Vereinigten Staaten. Allerdings ist das nun schon etwas länger her.

Antisemitismus als Geisteskrankheit und Frauenfeindlichkeit aus Prinzip stehen einer freien Gesellschaft fundamental im Wege. Mit ihnen verhält es sich ein bisschen wie mit einem Flaschengeist: Ist er einmal freigelassen, wird es schwierig, ihn wieder einzufangen. Kaum ein westlich geprägtes Land, in dem es nicht unter der Oberfläche brodelt. Wichtig ist nur, dass die dazugehörigen Kräfte auch dort bleiben und nicht übermütig das Ruder übernehmen.

“Den Deutschen wurde 1945 erfolgreich abgewöhnt, Pogrome zu veranstalten”

Den Deutschen beispielsweise wurde es 1945 erfolgreich abgewöhnt, Pogrome zu veranstalten und an Massenmorden zu partizipieren. Das heißt nicht, dass es seitdem keine Antisemiten mehr gäbe. Sie haben eben nur ihr Tätigkeitsfeld gewechselt. Ihr Hobby ist nicht mehr unmittelbar tödlich. Heute schreiben sie wütende Briefe an die israelische Botschaft, haben relevante Funktionen in namhaften deutschen Verlagen oder Parteien inne und treiben sich ansonsten auf Facebook herum.

Daneben üben sie sich in Schönfärberei, sobald die „Kindermörder Israel“-Fraktion durch die Fußgängerzone marschiert. Die Fraktion also, der es nicht an Zimperlichkeit fehlt, wenn es darum geht, den eigenen Judenhass zur Schau zu stellen. Mit Blick auf das Aggressionspotential, das sich vor eineinhalb Jahren besichtigen ließ, wirkt jeder Ostermarsch wie ein Kindergeburtstag. Und das, obwohl es vor allem in Deutschland geborene Türken waren, die damals ein Herz für die Hamas zeigten. Menschen, die die gleichen Chancen auf dem Job- und Partnermarkt genießen und über familiäre Verbindungen verfügen. Mitbürger, die im schlimmsten Fall Gang-Strukturen in Berlin-Neukölln überstehen müssen.

“89 Prozent der Araber lehnen im Allgemeinen den IS ab, 85 Prozent Israel”

Das unterscheidet sie von den Asylsuchenden, von denen viele ohne Familie und ohne Aussicht auf eine Partnerin in Containern leben, die den Sprung in die Mittelschicht wohl eher nicht schaffen werden und die zudem mindestens den arabischen Frühling, oftmals aber einen Bürgerkrieg hinter sich haben. Dass sie sich in die Riege deutscher Israelkritiker integrieren werden und ihre Bedürfnisse dahingehend nur via Facebook befriedigen werden, erscheint nicht unbedingt wahrscheinlich. Laut einer Umfrage lehnen 89% der Araber den IS im Allgemeinen ab – nur knapp gefolgt von 85% der Befragten, die sich gegen eine Anerkennung Israels aussprechen.
Sehr gut möglich, dass der traditionelle Alltagsantisemitismus, das Hakenkreuz auf Opas Grabstein oder Jakob Augstein den ein oder anderen Juden dazu bewegen, nach Israel auszuwandern. Wenn jedoch Antisemitismus hinzukommt, der auch die körperliche Gesundheit nachhaltig gefährdet, dürfte dieser Entschluss doch etwas schneller und häufiger fallen.

Allerdings ging es 2014 nur gegen Juden - eine in Deutschland etwa 200.000 Mann starke Minderheit, die sich daran gewöhnt hat, dass niemand sie sonderlich mag. 2016 hingegen reden wir über Frauen, also über die Hälfte der Bevölkerung. Mag sein, dass Sexismus ein „gesamtgesellschaftliches Phänomen“ ist. Der Unterschied ist nur, dass sich der gesamtgesellschaftliche Sexist nach drei Bier in mäßigen Herrenwitzen ergeht. Er bezeichnet fremde Frauen gern mal als Schlampen - Migranten nach Kölner Vorbild dagegen behandeln sie auch so. „Es gibt in der muslimischen Kultur kein ‚girl friend‘“, gibt Gunnar Heinsohn in der „Welt“ zu bedenken. Woraus gewissermaßen folgt, dass dort nur zwei Sorten von Frauen existieren: Ehefrauen auf der einen, „Schlampen“ auf der anderen Seite.

Wer in Deutschland regelmäßig seine Frau verprügelt, macht sich nicht nur strafbar. Er wird damit auch nicht im Kreise der Kollegen angeben. Schätzungsweise, weil er die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gegen sich hat. Wer dagegen in Algerien oder Saudiarabien zuschlägt, kann sich - je nach Übersetzung und Leseverständnis freilich - auf den Koran, auf alle Fälle aber auf die Ehre der Familie berufen.

“Der einzelne Wiesnzelt-Grapscher kann nicht mit so viel Unterstützung rechnen”


Und wer in Deutschland fremde Frauen auf offener Straße nach Kölner Vorbild entkleidet, zählt zu einer Minderheit im Promille-Bereich. Wer dagegen mit einem Migrationshintergrund ausgestattet ist, der viel mit Machokultur und wenig mit Alice Schwarzer zu tun hat, der greift nicht einfach nur zu - der findet auch mühelos hunderte Männer, die euphorisch mitmachen, mindestens aber tatenlos zusehen und so de facto rechtsfreie Räume schaffen. Im Gegensatz dazu tut sich der einzelne Wiesnzelt-Grapscher dann doch etwas schwer. Mit so viel Unterstützung kann er eher nicht rechnen.

Vielleicht ist dieser Unterschied nicht ganz nebensächlich, wenn es um die Frage geht, wie die Kölner Domplatte zum Tahrirplatz mutieren konnte. Wo sexuelle Gewalt innerhalb von Milieus und Communities auf Akzeptanz trifft, da tritt sie auch vermehrt auf. Sie lässt sich dann ebenso hervorragend in Gruppen anwenden. Schämen muss man sich ja nicht. Wenn sie zusätzlich auf lasche oder fehlende strafrechtliche Verfolgung trifft, gilt das freilich umso mehr. Eine unbegleitete Frau zu „begrapschen“ mutiert zu der Selbstverständlichkeit, mit der andere bei Grün über die Ampel fahren.

Man kann den Deutschen vieles vorwerfen. Aber verglichen mit den islamisch geprägten Gesellschaften, aus denen nahezu alle Flüchtlinge kommen, haben sie ihre Flaschengeister mittlerweile relativ gut im Griff. Das nennt man Zivilisation. Im Vergleich dazu befinden sich manche Migranten-Milieus in Sachen Antisemitismus dort, wo die Deutschen 1933 waren. Und in puncto Frauenrechte müsste man eigentlich vielerorts bei null anfangen. Was schwierig wird, da es in der islamischen Welt keinen Immanuel Kant, und dementsprechend auch keine Suffragetten gibt, die nicht umgehend inhaftiert würden. Dafür aber ein Patriarchat, das im Zuge seiner Beseitigung auf beträchtliche Privilegien verzichten müsste.

"Ein empathiefreier Resterampen-Feminismus"

Da hilft es den Vertretern der Machokultur freilich sehr, dass Deutschland lediglich über einen empathiefreien Resterampen-Feminismus verfügt, der nichts mehr riskieren will. Der sein Ziel im eigenen Land erreicht hat und nun erfolgreich für Unisex-Toiletten, Binnen-Is und Quoten kämpft, anstatt sich mit Frauenrechtlerinnen aus Teheran und Zwangsehefrauen in Berlin-Neukölln zu solidarisieren. Hinzu kommt eine Intelligentsia, die nicht zwischen Handkuss und Vergewaltigung unterscheiden kann.

Für die neu eingereisten Antisemiten hingegen haben wir Antisemitismusexperten, die tagein tagaus damit beschäftigt sind, die Muslime zu den „neuen Juden“ zu küren. Und falls all das nicht klappt, so bieten wir auch großartige Integrationskurse an, in denen wir uns gegenseitig das Grundgesetz in mehreren Sprachen vorlesen. Lauter tolle Dinge also, die dringend benötigt werden, wenn die Anhänger des Islams eines Tages damit beginnen sollten, kollektiv ihre Werte und Normen zu hinterfragen.

Solange müssen eben das das Oktoberfest und weitere gesamtgesellschaftliche Altlasten bewältigt werden. Das zumindest dürften wir schaffen.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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