Wenn der Österreicher ohne deutsche Betreuung sein Kreuz macht

An dieser Stelle ein Geständnis: Ich habe nicht den blassesten Schimmer hinsichtlich österreichischer Innenpolitik. Streng genommen ist es mir auch ein bisschen egal. Die Österreicher, so mein Eindruck, hängen da im Großen und Ganzen mehr der Philosophie des systematischen Durchwurschtelns an. Meine Unwissenheit wiederum ist aber gar nicht schlimm. Denn in Deutschland gibt es nun nicht nur 82 Millionen Israel-Experten, sondern auch ganz viele FPÖ-Spezialisten, die mir den Ernst der Lage nachhaltig erklären.

Einen davon konnte man neulich bei Markus Lanz begutachten. Seinen Namen habe ich vergessen, seine Brötchen verdient er jedenfalls bei der "heute show" im ZDF. Im Rahmen dessen, so erzählte er bei Lanz, war er neulich in Wien. Dort traf er freilich ganz viele nette Nazis, über die man ganz viele nette Witze machen kann. Und zum krönenden Abschluss traktierte er in einem Restaurant noch ein Original Wiener Schnitzel, so dass es hinterher wie ein Hakenkreuz aussah. Darüber lachten dann alle, mit Ausnahme des Falco-Managers Hans Mahr, der einen Talk-Sessel weiter rechts (jawohl!) saß. "Da kommt wieder ein bisschen der Schnürlschuh bei euch durch", merkte er in anbetungswürdiger Weise an. Worüber natürlich niemand so intensiv wie über das Führer-Schnitzel lachen konnte.

Einen Tag später ging es mit dem Wehren der Anfänge bei "aspekte" weiter. Ein neuer Film über Stefan Zweig wurde vorgestellt, anschließend folgte bedeutungsschwangeres Talken mit der Regisseurin. Was Zweig wohl über die Situation heute gedacht hätte, mit all den Grenzen und all den starken Männern? Immerhin war Stefan Zweig ja auch ein Flüchtling. Und nun eben die Wahlen in Österreich. "Würde er Österreich wieder verlassen wollen?", fragt der Moderator. Die Regisseurin wirft ihre Stirn in Falten: "Ich finde, das ist zumindest eine berechtigte Frage. Ob Österreich, ob Deutschland neben antiislamistisch tatsächlich auch wieder antisemitisch werden könnte. Vielleicht ist Deutschland die allerletzte Bastion, die in Europa fällt." Ja, das wäre in der Tat ein hübscher Gedanke. Erst veranstalten wir Massenmord im industriellen Stil und überfallen andere Länder, heute verteidigen wir stolz unser freundliches Gesicht und nehmen nicht nur die verlorenen Seelen aus Syrien, sondern vielleicht auch bald die aus Vorarlberg und dem Zillertal auf.

Und nun lese ich gerade einen herzzerreißenden Appell aus der "Huffington Post", der ein bisschen nach der Sorte Pädagogik klingt, die wir als FPÖ-Experten unseren duseligen Nachbarn schon seit den vorangegangen Wahlen verabreichen.

"Liebes Österreich! Heute wird gewählt bei Dir. Normalerweise sind Wahlen die Feiertage der Demokratie. Doch irgendwie ist mir derzeit nicht nach Feiern zumute. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Erstmals seit langem könnte ein Rechtspopulist zum Staatsoberhaupt eines westeuropäischen Landes gewählt werden. Das Beste, was uns heute passieren kann ist, dass das Schlimmste nicht eintritt. Und das sind ziemlich beschissene Aussichten. Das sage ich nicht als Deutscher, sondern als Europäer."

Ja, so sind sie, die Deutschen. Immer in Sorge, dass die Amerikaner, die Israelis, die Briten, und nun eben auch die Österreicher irgendwas falsch machen könnten, sofern wir ihnen nicht zur Seite stehen. Und falls sich irgendwo im zweiten Untergeschoss des Unterbewusstseins doch der Verdacht rühren sollte, dass man womöglich gerade in alte Muster zurückfällt, dann gibt es einen fabelhaften Trick: Man belehrt nicht mehr als Deutscher, sondern als Europäer. Was die anderen Europäer dazu sagen, ist schließlich egal. Und was die Österreicher von den Deutschen, pardon, Europäern unterscheidet, ist vor allem eines: Sie nehmen diese Wahlen offenkundig bei Weitem nicht so ernst wie wir.

Insofern bleibt nur noch ein dringender Appell an meine Landsleute: Bitte nicht nach 17 Uhr in Wien einmarschieren, auch wenn die Küche dort noch so verlockend ist. Die Österreicher kriegen das mit dem Kreuz und dessen Folgen auch allein hin. Ganz bestimmt.


Bleibt bezaubernd, egal wer einzieht: die Wiener Hofburg
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Ein i,Slamistisches Gedicht für Manuela Schwesig

 

Manuela Schwesig und die jungen i,Slamisten – von Poesie gegen Israel und Dichtern im Dienste der Demokratie

Schon länger spekuliert man hierzulande gern und leidenschaftlich darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dabei ist die Frage völlig überflüssig. Es wäre höchstens interessant, zu wissen, ob der Islam zu Deutschland gehören will. Davon abgesehen ist er aber längst angekommen und besetzt emsig jede sich auftuende Nische. In Berlin ereignet sich jedes Jahr die Islam-Konferenz. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, findet in jeder zweiten Talk-Show statt. Und während in Baden-Württemberg staatlich geförderte Initiativen dafür Sorge tragen, dass Muslime mehr Sport treiben, existiert im Rest des Landes kaum ein Tausend-Seelen-Ort, in dem noch kein Dialog der Religionen geführt wurde.

In Sachen Eventmanagement & PR ist der Islam folglich ein Multitalent. Eines seiner schönsten Projekte ist dabei schon vor ein paar Jahren entstanden und ebenfalls in Berlin beheimatet. Es nennt sich „i, Slam“ und steht für einen Poetry Slam, der exklusiv auf islamische Bedürfnisse zugeschnitten ist. Schließlich habe es an einer Plattform gefehlt, wo junge Muslime in erster Linie mit „ihrer muslimischen Identität“ auftreten können, wie die Gründer des Projekts betonen. Und weiter:

„Ziel ist es, jungen und talentierten Muslimen eine Chance zum Texten zu ermöglichen. Grundsätzlich wollen sie sich nicht von anderen Gruppen abheben, kritisieren jedoch Poetry-Slams in Bars. „Viele andere Slammer haben sexistische und blasphemische Beiträge. Wir wollen nicht auf diese Weise artikulieren“, erklärte Mitorganisatorin Furat Abdulle.“

Nachdem der haram-Slam allerdings auch sonst zu sündhaft ist, wird bei den i,Slamisten freilich kein Alkohol ausgeschenkt. Im Gegensatz zum Poetry Slam für Normalsterbliche winkt dem glücklichen Sieger folglich kein Freibier, sondern „eine Kaaba-Miniatur und Wasser des heiligen Brunnens Zamzam in Mekka, abgefüllt in PET-Flaschen“.

Wie Manuela Schwesig und die i,Slamisten Demokratie leben

Eine famose Idee also, die dringend Schule machen sollte. So oder so ähnlich scheint es auch Familienministerin Manuela Schwesig ergangen zu sein, als sie zum ersten Mal von den i,Slamisten Wind bekam. Denn nun gibt es nicht nur den „i,Slam“, sondern auch den „i,Slam Kunstwettbewerb für sozial- und gesellschaftskritische Kunst“. Und zwar mit freundlicher Unterstützung des Bundesfamilienministeriums, das an dieser Stelle durch die staatliche Initiative „Demokratie leben“ als Mäzen auftritt. „Demokratie leben“ wiederum ist ein Programm des Familienministeriums, das „die Zivilgesellschaft im Kampf gegen demokratiefeindliche und menschenverachtende Tendenzen in unserem Land stark machen“ will.

Familienministerin Schwesig jedenfalls, die als Schirmherrin des Wettbewerbs wirkt, ist schon jetzt ganz aus dem Häuschen: „Mit Kunst kann auf Missstände und Probleme in unserer Gesellschaft hingewiesen werden. Gleichzeitig kann Kunst dabei helfen, Brücken zu schlagen und Vorurteile abzubauen. Mit Kunst etwas bewegen – das ist das Ziel von i,Slam. Mitmachen lohnt sich, denn der Wettbewerb gibt euch eine Stimme. Als Schirmherrin freue ich mich auf eure Beiträge.“

Über die „gesellschaftskritischen“ Einsendungen ist bislang zwar noch nichts bekannt. Ein Blick auf die vergangenen Gedichte, die es zu „i,Slam“ schafften, rechtfertigt die Schwesig’sche Vorfreude allerdings durchaus. Mal geht es um Diskriminierung, mal um Islamophobie, mal um das Kopftuch, und manchmal sogar um Diskriminierung durch islamophobe Mitmenschen, die das Kopftuch nicht so klasse finden.

Worum es dagegen nicht geht, ist Kritik an Göttern jeglicher Art, vor allem aber dem eigenen. „Wir wollen keine Kraftausdrücke oder Beleidigungen“, so die „fünfte Säule des i,Slam“. „Der Respekt vor den Religionen muss gewahrt werden“, betonen die Gründer. Aus diesem Grund beschäftigt „i,Slam“ auch einen „theologischen Berater“, der dafür Sorge trägt, dass bloß keine Blasphemie auf die Bühne gelangt. Denn im Gegensatz zu konventionellen Poetry Slams werden die Beiträge bei „i,Slam“ schon vorab von den Initiatoren gelesen und auf Spuren von Gotteslästerung überprüft.

Wer Teil von etwas sein will, sollte nicht ständig das Trennende betonen

Nun ist es freilich überaus legitim, die eigene Bühne „sauber“ halten zu wollen. Auch gegen das Ansinnen, dort Zeichen gegen Islamophobie zu produzieren, ist nichts einzuwenden. Genauso wenig wie gegen die Absicht, unter sich bleiben zu wollen und die eigene Gruppenzugehörigkeit demonstrativ zu betonen. Bloß sollte man sich eben nicht wundern, wenn das nicht-muslimische Umfeld sich ein wenig schwer tut, eben diese Gruppenzugehörigkeit im täglichen Miteinander auszublenden. Wer Teil von etwas sein will, sollte nicht ständig das Trennende betonen – es sei denn, er möchte doch getrennt leben.

Ansonsten existiert in der Bundesrepublik weder ein Gesetz noch eine Religion, die zur Beleidigung von Göttern verpflichten. Gleichzeitig ruiniert Blasphemie in säkularen Gesellschaften eben nicht die eigene Existenz. Freiheit bedeutet, sich freiwillig zur Schonung von Göttern zu verabreden, ohne anderen dasselbe übelzunehmen. Wenn sich aber junge Muslime auf ein striktes Blasphemie-Verbot einigen, während aufgrund von Mohammed-Karikaturen Botschaften brennen und französische Karikaturisten im Namen Gottes sterben müssen, dann wird es mit dem Label „Demokratie leben“ etwas schwierig.

Von derlei Kleinigkeiten abgesehen sind die i,Slamisten allerdings perfekt integriert. „Der i,Slam soll ein sauberer Slam sein“, sagen sie. Es sei denn, es geht um Juden. Dann darf es ruhig auch mal ein wenig schmutzig werden. Oder eben auf „Missstände hingewiesen“ werden, wie Manuela Schwesig so schön sagt. Und einer dieser Missstände befindet sich bekanntlich zwischen Mittelmeer und Jordan. Von „dreckigen Zionisten“ war etwa bei einem Poesie-Abend in Braunschweig die Rede, wo auch der i,Slam-Mitarbeiter Ilhan Hancer den durchaus geistreichen Vergleich prägte: „Was ist der Unterschied zwischen Juden und Muslimen? Die Juden haben es hinter sich.“

Die i,Slamisten beleidigen niemanden – nur bei Juden machen sie eine Ausnahme

Da also mit den Zionisten wirklich keine Brücken zu bauen sind, wurde anlässlich des Gazakriegs im Sommer 2014 gleich ein neues Format begründet: ein sogenannter „street slam“ nämlich, also spontane Poesie auf offener Straße, der unter dem Motto „Dein Wort gegen das Unrecht!" in mehreren deutschen Städten inszeniert wurde. Um das Leid in Gaza ging es, um die zionistischen Schandtaten und weitere Aspekte, die die PR-Abteilung der Hamas sicherlich dankbar zur Kenntnis nähme, wenn sie darum wüsste.

Bei der Gelegenheit ganz vorne dabei: die deutsch-palästinensische Dichterin Faten El-Dabbas, die nicht nur den Islamischen Staat mit Israel gleichsetzt, sondern vielmehr den IS als Produkt des Mossads enttarnt hat. Seit 2012 gehört sie zum Kern von i,Slam. Wenn sie nicht gerade die Berliner Mauer mit der in Israel vergleicht, spricht sie über das vermeintlich vergessene Drama der Nakba, trifft sich mit dem hauptberuflichen Israelkritiker Martin LeJeune oder trägt ihre Gedichte bei SPD und Grünen vor. In den Genuss eines ihrer Meisterwerke kam man etwa im November 2014 im Berliner Willy Brandt Haus. Um ihren Trip nach „Palästina“ drehte es sich, besonders aber darum: „Ich plane Reise für Reise bis ich deine Befreiung erreiche!" Ein eleganter Euphemismus für den Wunsch, die Juden ins Meer zu treiben. Und weiter:

„bitte schenk meiner Hoffnung Raum, schenk meiner Hoffnung Raum,
so viel Raum
dass Grenzen verwischt werden
und sich Mauern in Luft auflösen
Siedlungen in Luft auflösen
Soldaten in Luft auflösen
Panzer in Luft auflösen
F16-Raketen in Luft auflösen!
Bis die Unmenschlichkeit nicht mehr hinter Mauern hallt, sondern in sich zerfällt,
weil dein Henker dein Todesurteil nicht mehr fällt.
Weil es dann einen Richter gibt, der über deinen Henker richtet,
weil es dann Gerechtigkeit gibt, die den Plan deines Henkers vernichtet.
Weil es dann nichts mehr gibt,
was meiner
Rückkehr für immer im Weg steht“

Fürwahr, auf diese Weise werden gleich jede Menge Vorurteile abgebaut. Vor allem aber das Gerücht, wonach Deutschland ein islamophober Staat sei. Natürlich ist es den jungen Poesie-Talenten unbenommen, den Wunsch nach der Zerstörung Israels in Versform zu verpacken. Aber dafür auch noch Steuergeld zu investieren, und zwar im Rahmen einer Initiative, die jeglichen „Ideologien der Ungleichwertigkeit“ entgegentreten will – diese Gabe beansprucht Deutschland ganz für sich allein. Offenkundig gehört eben nicht nur der Islam, sondern auch seine charmante Version der in Deutschland populären Israelkritik dazu.

Darauf ein Glas heiliges Mekka-Wasser!

Viele potentielle i,Slamisten bei der Arbeit (Pro Gaza Demonstration in München, Juli 2014 - © J. N. Pyka)


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Dinge, die Sie der Friedrich-Ebert-Stiftung lieber nicht anvertrauen sollten

Das Leben ist nicht fair. Vor allem nicht gegenüber Mitarbeitern der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Je 19,5-prozentiger die SPD, desto tiefer sinkt auch das Stimmungsbarometer in der Stiftung. Was also tun? Wer sind wir, und wenn ja, wie lange noch? Die Mitarbeiter der FES gerieten ins Grübeln. Eine knackige Idee musste her, schließlich ist ja bald Wahlkampf. Soziale Frage? So 19. Jahrhundert. Mal wieder das Kostüm der klassischen Arbeiterpartei aus dem Speicher holen? Nein, es müffelt zu sehr. Was mit sozialer Gerechtigkeit vielleicht, Schere, Kluft und Graben? Jawohl, grandiose Idee, läuft immer! „Lass uns gleich eine Umfrage in Auftrag geben!“, schlug der eine FES-Mitarbeiter vor. Und der andere bemerkte, es sei vielleicht nicht schlecht, Fragen zu stellen, die schon in jeder Talkshow auftauchen. Man müsse den Bürger schließlich dort abholen, wo er gerade steht. Zwar gibt es dieser Tage keine „einfachen Lösungen“. Aber die einfachen Fragen von infratest, die sind zum Glück noch im Angebot.
 
Schon bald glühten die Drähte. 2000 Menschen wurden eingehend befragt, ob die soziale Ungleichheit zu groß sei und was sich dagegen unternehmen ließe.
 
Nun weiß ich ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn man mich mit derlei Fragen belästigen würde, dann gäbe es nur eine vertretbare Antwort: Alles super und total gerecht. Das wäre zwar komplett gelogen. Tatsächlich empfinde ich es beispielsweise als zutiefst ungerecht, dass Wolfgang Schäuble sich derzeit mit 42 Milliarden Überschuss vergnügt, ohne auf die Idee zu kommen, mir wenigstens einen Bruchteil meines Geldes wieder zurückzugeben. Und den Umstand, dass junge Erwachsene dank Mindestlohngesetz erfolgreich um ihre Praktika und damit um ihre Chancen gegenüber der globalen Konkurrenz gebracht werden, erachte ich auch nicht gerade als Inbegriff von Fairness. Aber wie gesagt, nichts davon würde ich der Telefonistin von infratest anvertrauen. Viel zu groß wäre meine Angst, dass nur der erste Teil meiner Antwort – ja, es gibt Ungerechtigkeit – in Richtung FES gekabelt würde und man sich dort ermutigt fühlen könnte, weitere Gesetze und Maßnahmen zwecks neuer Ungerechtigkeiten zu ersinnen.
 
Darum halte ich mich sicherheitshalber bedeckt. Anders als die 82% der Befragten, die die soziale Ungleichheit zu groß finden, und anders als die 76%, die angesichts dessen eine sehr originelle Lösung – Vermögen stärker besteuern – in den Mund gelegt bekamen.
 
Bei der FES hingegen knallen derweil die Prosecco-Korken. Hurra, die kleinen Männer fühlen sich ungerecht behandelt! Endlich haben wir wieder was zu tun. Das Gehalt ist sicher. Nicht auszudenken, wo wir hinkämen, wenn eine Mehrheit nicht mal mehr Spuren von Ungerechtigkeit verspürte. Denn der Sinn von Politik ist ja nicht zwingend, Probleme zu lösen. Ab und an muss man Probleme auch hegen und pflegen, um nicht selbst überflüssig und folglich arbeitslos zu werden. „Most of the energy of political work is devoted to correcting the effects of mismanagement of government”, hat Milton Friedman mal angemerkt. Aber rund um die FES würde man lieber Mindestlohn beziehen, anstatt ketzerische Schriften wie “Kapitalismus und Freiheit” zu lesen.

Und so erfreut man sich an der hohen Nachfrage nach sozialer Gerechtigkeit und der gefühlten eigenen Relevanz. Denn die befragte Mehrheit findet Deutschland ja nicht nur ungerecht. Sie findet folglich auch, dass Politiker, Stiftungsmitarbeiter, Armutsforscher und Social Justice Beauftragte noch viel mehr zu tun haben sollten. Die Rechnung für derlei Aktivitäten begleicht ja der Vermögende - oder zumindest fühlt es sich so an. Und spätestens dieser Stelle lacht das Sozen-Herz dann wieder. Braves Volk. Gut gemacht und noch besser geantwortet, kleiner Mann. Weiter so!
 
 
Soziale Ungerechtigkeit: https://www.youtube.com/watch?v=2TxYNYpicXM
 
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Die Protokolle des AfD-Weisen vom Bodensee

Wer in Deutschland etwas auf sich hält, benötigt derzeit dringend eine klare Meinung zur AfD. Besser wäre noch eine klare Kante, aber notfalls tut es auch die Sorge vor einem neuen 1933. Mein Problem ist nur folgendes: Mir ist die AfD tatsächlich vergleichsweise egal. Ich finde sie nicht sympathisch, aber auch nicht 1933. Vielmehr halte ich sie für ein klassisches Symptom der bipolaren Störung, der dieses Land hin und wieder frönt. Abgesehen davon sieht sie mir wie ein recht sozialdemokratischer Verein aus, der sicher viel Freude am Umverteilen fremden Geldes fände – nur eben in die andere Richtung. Mehr für die siebenköpfige Familie und den lokalen Bauern, weniger für den Oberstudienrat, der ein Elektroauto kaufen möchte. Ob der Kapitalismus aber nun von links oder eben von rechts angegriffen wird, ist letztlich auch schon egal.

Darum grenzt es an Zufall, dass ich mich jüngst auf der Website des frisch gewählten AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon aus Konstanz verirrte. Früher protestierte er gegen den Vietnamkrieg, anschließend wirkte er als Arzt. Als Rentner verfasste er Bücher über den „grünen Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten“, heute sitzt er im Stuttgarter Landtag und jagt flammende Manifeste durch den internen AfD-Verteiler. Denn Gedeon gibt sich gar nicht erst mit Kleinigkeiten wie dem Ruf des Muezzins ab. Ihm geht es um das große Ganze, die Amerikaner, die Russen, den Islam, das Battle um die Weltherrschaft. "An diesen Fragen wird sich das Schicksal Deutschlands und Europas entscheiden", betont er.

Im Vorzimmer einer russischen Botschaft

Dabei hat er vor allem ein Herz für Russland. Dass sein Resolutionsentwurf beim Parteitag in Erfurt (2014), der neben einer Aufhebung der Russland-Sanktionen auch eine Distanzierung von den USA vorsah, nicht in Gänze übernommen wurde, tut dem freilich keinen Abbruch. Besucht man seine Website, fühlt man sich zwar nicht wie im Kreml. Aber für eine Vorstellung davon, wie es im Vorzimmer einer russischen Botschaft zugeht, genügt es durchaus. Denn der badische Experte für Auswärtiges weiß schließlich ganz genau, woran die globale Gemeinschaft so krankt. Syrien, Ukraine, Libyen – überall hat der Ami seine Finger im Spiel, der "eine interventionistische Strategie [kultiviert], die das zivilisatorische Modell der Vereinigten Staaten mit indirekter („Farbrevolutionen“, innenpolitisch inszenierte Putschs à la Maidan) und auch direkter Gewalt (Afghanistan, Irak, Libyen usw.) der restlichen Welt überzustülpen versucht".

Doch damit nicht genug. Auch Deutschland könnte bald eine derartige „Amerikanisierung“ drohen, zählt unsere Heimat doch neben Russland zu einem der größten Konkurrenten der USA: "Um ihre geopolitische Supermachtposition zu behalten, müssen die US-Amerikaner verhindern, dass Europa und Russland zusammenwachsen." Zu diesem Zweck hätten die USA auch die Maidan-Revolution angezettelt: nämlich um so einen Krieg zwischen Europa und Russland zu provozieren, in dessen Rahmen sich "zwei ihrer drei größten Konkurrenten gegenseitig zerfleischen" würden.

Nun ist den Amerikanern bekanntlich vieles zuzutrauen. Wenn sie uns nicht gerade toxische Chlorhühner unterjubeln wollen, überfallen sie in Dauerschleife fremde Länder und produzieren Reibereien am laufenden Band. Laut Gedeon sind das aber nicht deren einzige Kompetenzen. Auch auf die Organisation von Flüchtlingswellen sind sie spezialisiert. "Die USA wollen Europa und vor allem Deutschland über die nicht zu bewältigende Massenzuwanderung destabilisieren und so einen geopolitischen Konkurrenten ausschalten."

„Unser größtes politisches Problem sind die USA und die maßlose US-Hörigkeit der deutschen Politik“

So langsam wird es also eng für die Deutschen. Die Amerikaner an der Gurgel, die Zuwanderer vor der Tür, wobei die einen ja das andere verursacht haben. Da ist es gut, dass wenigstens Wolfgang Gedeon nicht nur den Überblick, sondern auch einen Plan hat. "Wir brauchen jetzt mehr Russland", fordert er, und dafür weniger USA sowie weniger "US-Hörigkeit der deutschen Politik". Denn die sei „unser größtes Problem“.

Allmählich finde ich Gefallen an der alternativen Gedankenwelt vom Bodensee. Zwar habe ich nichts gegen "Atomwaffen in der Eifel bis hin zur amerikanischen Überwucherung unserer Sprache" – zumal sein Faible für karzinogene Metaphern ja auch nicht gerade Literaturquartett-verdächtig ist. Und inwiefern im achten Jahr der Obama-Ära von amerikanischem Interventionismus die Rede sein kann, ist mir auch nicht ganz klar. Aber ich mag es, wenn der jammernde Deutsche die Bühne betritt, um dort über sein Dasein als Opfer der Geschichte und fremder Mächte zu referieren.

Dennoch beschließe ich, es dabei zu belassen. Jeder hat so seine roten Linien. Fast hätte ich die badische Kreml-Filiale auch wirklich verlassen, wäre ich da nicht noch über Gedeons Ansichten zu TTIP (er präferiert übrigens eine "Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok") gestolpert:

"Amerikanische Krankenhausgesellschaften, Fracking-Firmen, Monsanto (Genmais) usw. stehen in den Startlöchern und wollen Europa und seine Zivilisation noch mehr amerikanisieren. Nicht zuletzt sollen die europäischen Regierungen und ihre Steuerzahler über private Schiedsgerichtsbarkeit dem Würgegriff New Yorker Anwaltskanzleien ausgeliefert werden.“

Nun hört man Ähnliches auch öfter von Sahra Wagenknecht. Nur frage ich mich, wieso es ausgerechnet der „Würgegriff“ sein muss, den doch sonst nur die Juden im Programm haben. Auch die Ostküste macht mich stutzig. Können Kanzleien aus Idaho und Alaska etwa nicht klagen?

„Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“

Ich werfe nochmal einen Blick auf Gedeons gesammelte Werke. Dort stoße ich auf eine 1.800-seitige Trilogie aus dem Jahr 2009, die den Titel "CHRISTLICH-EUROPÄISCHE LEITKULTUR - Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam" trägt. Ein sagenhaftes Motto, wenn gleich mir nicht ganz einleuchtet, inwiefern die jüdischen Bestrebungen, einen eigenen Staat zu gründen, Wolfgang Gedeon, dessen Nachkommen und alle weiteren Deutschen bedrohen. Auch der Säkularismus ist ja eher nicht dafür bekannt, seine Anhänger in den Tod zu schicken und Bürgerkriege anzuzetteln.

Interessiert lese ich weiter und erfahre, worum es Wolfgang Gedeon eigentlich geht. Was ihn besonders mitnimmt, ist der vermeintliche Niedergang des Christentums. Durch das II. Vatikanische Konzil nämlich hätte die katholische Kirche "einen Rückfall in den Judaismus eingeleitet und damit dem Vordringen von Säkularismus, Zionismus und Islam geistig die Tore geöffnet". Und das geht natürlich gar nicht. Denn gerade der Zionismus, so steht es zumindest im zweiten Band über „Geschichte und Verschwörungspolitik“, sorge ständig für Ärger:

„Der Zionismus, ursprünglich eine nationalistisch-politische Bewegung des Judentums, dominiert inzwischen weitgehend das Denken des Westens. Er sorgt dafür, daß die ruhmreiche Geschichte des christlichen Abendlandes in eine Kriminalgeschichte des „Antisemitismus“ uminterpretiert wird; daß europäische Rechtsprechung, den Holocaust betreffend, immer mehr zur unsere Rechtskultur deformierenden Gesinnungsjustiz gerät; daß schließlich Auschwitz zum neuen Golgatha gemacht wird und ein allgegenwärtiges Holocaust-Gedenken das Christentum als Leitreligion des Westens verdrängt.“

Aber es kommt noch schlimmer. Im dritten Band nämlich begegnet mir wieder der gute alte Amerikaner, nun auch „US-Globalismus“ genannt, dessen Rolle (Erlangung der Weltherrschaft) ich schon aus Gedeons anderen Abhandlungen kenne. Zu diesem Zweck allerdings, so der AfD-Abgeordnete, paktieren die USA auch noch ausgerechnet mit dem Zionismus. Spätestens an dieser Stelle fällt auf, wie dumm es für die Deutschen offenbar wirklich gelaufen ist: Erst werden sie beim Betreiben von Gaskammern erwischt, und dann müssen sie sich über 70 Jahre später auch noch von den dämlichen Amis eine Gaskammer-Religion verordnen lassen.

Die Weisen von Zion und Gedeons Quellenverzeichnis

Ein weiteres Problem Gedeons ist der Gedanke daran, dass "unsere politische Klasse mit dem US-globalistischen Machtblock fest zusammengewachsen ist" und parallel "zionistische Politik betreibt". Das erkenne man vor allem an der Unterstützung, die die deutsche Regierung dem bevorstehenden „Angriffskrieg“ Israels gegen den Iran entgegen bringe. „Dass Israel Atomwaffen hat, die anderen aber nicht, und Israel damit seine Nachbarn nach Belieben unter Druck setzen und erpressen kann“, raubt dem Abgeordneten offenkundig den Schlaf. Mehr noch als die „Freiluftgefängnisse“ in den palästinensischen Gebieten, die „Exekutionen“ in Gaza und  der „Dschihad“ Israels gegen die Araber zusammen. Darum gibt es für den AfD-Mann aus Konstanz auch nur eine Konsequenz: ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren gegen Angela Merkel wegen „Unterstützung eines Angriffskriegs“. Aber presto!

Daneben macht sich der Zionismus auch noch anderweitig bemerkbar.  Zum Beispiel im Rahmen der „Kampagne“ gegen Missbrauch in katholischen Schule etwa, mittels derer "schließlich das gesamte Christentum niedergemacht und ausgeschaltet" werden soll. Dass dahinter niemand Geringerer als der Zionismus stecken kann, belegt Gedeon dann auch gleich anhand einer äußerst validen Quelle:

„Das ist die freimaurerisch-zionistische Strategie, wie wir schon in den so sehr angefeindeten Protokollen der Weisen von Zion nachlesen können: „Mit der Presse in der Hand können wir verkehren Recht in Unrecht, Schmach in Ehre. Wir können erschüttern die Throne und trennen die Familien. Wir können untergraben den Glauben an alles, was unsere Feinde bislang hochgehalten …..“"

Ja, so sind sie eben, die Zionisten. Immer für eine Verschwörung gut, gerne auch mal in Kooperation mit anderen dunklen Mächten. Da ist es beruhigend, dass es noch tapfere Landtagsabgeordnete wie Wolfgang Gedeon gibt, die sich dem entgegenstellen. Zum Beispiel auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart, wo der AfD-Mann wieder alles geben wird, um eine Transformation Europas hin zu "einem zionisierten Euramerika oder einem islamisierten Eurasien" zu verhindern. Die „Protokolle“ hat er in seiner Programm-Alternative, die er beim Vorstand eingereicht hat, zwar leider nicht zitiert. Aber vielleicht wird er im Stuttgarter Landtag einmal Gelegenheit dazu haben.



Endstation Barbecue: Gottlose Amerikaner beim Anzetteln neuer Kriege (© J. N. Pyka)


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Warum der Islam Tinder und ElitePartner braucht


Bei Frank Plasberg wurde neulich darüber spekuliert, ob der Islam ein Gewaltproblem hat. 75 Minuten später einigte man sich dann auf ein ausdrückliches „jein“. Denn natürlich ist es schwer zu beurteilen, inwiefern der Islam und seine vielen Doppelgänger tatsächlich unter der sie umgebenden Gewalt leiden - oder sie nicht womöglich doch vergleichsweise in Ordnung finden. Dabei wäre es eigentlich ziemlich egal, woran es dem Islam so fehlt, solange er nur eine Art Sadomaso-Club unter den Religionen wäre. Eine Einrichtung also, deren Angehörige sich in gegenseitigem Einvernehmen die Hölle heiß machen.

So allerdings existieren jede Menge anderer Gruppen, die tatsächlich ein Problem mit dem Islam haben, aber eben leider nicht mehr an einen Talk-Tisch passen. In der Islamischen Republik Iran leiden Frauen unter islamischer Rechtsprechung, die ein Vergewaltigungsopfer zum Tod durch den Strang verurteilen, wenn es sich gegen seinen Peiniger wehrt. Im Islamischen Staat hat man als „Ungläubiger“ oder als westlicher Journalist ebenfalls keine guten Karten (es sei denn, man sieht aus wie Jürgen Todenhöfer). Auch in Israel macht sich der Islam ab und an bemerkbar, etwa durch palästinensische Raketen im Vorgarten. In deutschen Vorgärten hingegen sieht man ihn zwar noch nicht - dafür zeigt er aber in Berlin-Neukölln oder Duisburg Marxloh schon recht zuverlässig sein freundliches Gesicht. Und in deutschen Flüchtlingsheimen lernt jeder den Islam hautnah kennen, sofern er über eine Bibel verfügt.

Die viel spannendere Frage wäre also nicht, ob der Islam ein Gewaltproblem hat, sondern was man unternehmen könnte, damit er anderen keine Probleme mehr bereitet. Aber bevor es soweit kommt, müssen erst einmal andere Dinge geklärt werden. Zum Beispiel diejenigen Dinge, die alle nichts mit dem Islam zu tun haben. Oder die Gefahren, die durch zu wenig Islam entstehen können. Denen möchte nun Katrin Göring-Eckhardt vorbeugen, und zwar durch mehr Islam-Unterricht. Immerhin leidet der Islam ja nicht nur an einem Gewaltproblem, sondern vor allem einem Verständnis-Problem.

Denn was sowohl den Terroristen als auch den Antänzer mit Migrationshintergrund eint, ist das Schicksal, den Islam mitsamt dem Koran nicht wirklich verstanden zu haben. Böse Zungen behaupten sogar, beide könnten gar keine Muslime sein. Schließlich seien Alkohol, Terror und Fehlstunden in der Moschee zutiefst unislamisch. Ein bisschen schade ist nur, dass es die betreffenden Problemgruppen eher selten zur Einsicht bewegt, wenn sie auf diese Weise von Lamya Kaddor und anderen Experten für nicht-islamische Angelegenheiten exkommuniziert werden.

Zwar ist es gut möglich, dass die Brüsseler Attentäter und die Antänzer von der Kölner Domplatte den Koran wirklich falsch interpretiert oder noch nie bis zum Ende durchgelesen haben. Aber der Islam ist eben nicht zwingend das, was im Koran steht. Der Islam ist vielmehr das, was seine Anhänger daraus machen.

Und dahingehend mutet die Bilanz aktuell nun mal nicht so umwerfend an. Der eine Teil seiner Anhängerschaft übt sich in professioneller Rosinenpickerei. Aus seinen Lehren nimmt er sich das raus, was das Leben schöner und angenehmer macht: Unterdrückung von Minderheiten, Drangsalierung von Frauen sowie Mord und Totschlag, sobald jemand einen lustigen Mohammed malt. Der andere Teil leidet darunter, oder es ist ihm schlichtweg gleichgültig. Für all die anstrengenden Dinge – Toleranz, Nächstenliebe und Debatte – ist der Islam offenkundig zu beschäftigt.

Parallel drängt sich der Verdacht auf, dass der Islam eigentlich ein ganz anderes Problem hat: nämlich eines mit Frauen. Zumindest kann es ja kein Zufall sein, dass einen Selbstmordattentäter im Paradies nicht etwa eine Villa mit attraktiver Ehefrau und Personal oder gar ein ganzer Porsche-Fuhrpark, sondern sage und schreibe 72 Jungfrauen erwarten. Auch sonst muss man sich fragen, was bei Männern schief läuft, die Frauen in Ganzkörpergewänder hüllen, weil sie sich sonst angeblich nicht am Riemen reißen können. Und abgesehen davon kann es auch gesellschaftlich nicht ganz gesund sein, wenn Familien ihren Lebensmittelpunkt zwischen die Beine ihrer Töchter verlagern.

Dass die beteiligten Frauen nichts dagegen unternehmen, liegt vor allem daran, dass jeglicher Protest lebensgefährlich sein könnte. Dass derweil jede Menge „Problem-Männer“ entstehen, ist allerdings einigermaßen nachvollziehbar. Tatsächlich könnte es sogar sein, dass viele der Probleme, die man in Neukölln, Syrien und Israel mit dem Islam so hat, zu großen Teilen mit dem schizophrenen Verhältnis der Geschlechter zu tun haben. Unterdrückte Sexualität führt zu Frustration und Aggression. Erst recht, wenn sich auf dem Smartphone oder gar vor der Haustür jeden Tag das radikale und wesentlich angenehmere Gegenmodell begutachten lässt. Und irgendwo muss dieser Frust eben hin. Da ist es gut, dass es Frauen und Minderheiten gibt, an denen man ihn auslassen kann.

Im Westen wird indes oft behauptet, junge Muslime seien vor allem deshalb frustriert, weil „wir“ diese Menschen nicht mitspielen ließen. In der Tat mag der junge Türke wütend werden, wenn es mit dem Aufstieg nicht auf Anhieb klappt. Aber der Westen bietet ihm immerhin ein Füllhorn an Möglichkeiten: vom Schulbesuch über den Bundes-Freiwilligendienst bis hin zum Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ – keine Station, zu der er keinen Zugang hätte. Dem Mangel an freier Partnerwahl und sexueller Entfaltung hingegen entkommt man nur schwer. Der nämlich wird durch die allgegenwärtige „Ehre“ meterhoch umzäunt: der Einzelne zählt nichts, die Ehre dafür alles. Diese Alternativlosigkeit kann man nur ertragen, oder vor ihr flüchten.

Vermutlich resultiert daraus auch das zweite Problem, an dem der zeitgenössische Islam leidet: sein chronischer Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Denn Ehre und Eigenverantwortung haben in etwa so viel miteinander zu tun wie Pierre Vogel und Harald Glööckler. Wenn nur zählt, was die Community denkt oder denken könnte, dann kann es mit den eigenen Entscheidungen nicht so ganz klappen. Und wenn immer jemand da ist, der fleißig unterdrückt – der Mann die Frau, die Frau die Schwiegertochter -, muss man freilich auch nicht selbst über das eigene Fortkommen nachdenken. Westliche Ideale wie zum Beispiel das Streben nach Wohlstand verschwinden dann nicht etwa vom Radar – sie erschienen dort gar nicht erst.

Stattdessen bietet es sich an, die Verantwortung einfach auszulagern: an die USA, die Juden, die Schiiten, Sunniten und Aleviten, den eigenen Diktator, den benachbarten Diktator, oder eben an die Frau mit dem Minirock. Die Erde dreht sich weiter, die Armut wird bekämpft, der Westen prosperiert, Israel mutiert zu einem zweiten Silicon Valley – und derweil sitzt der Islam schmollend in der Ecke, verteidigt tapfer seine Ehre und gibt allen anderen die Schuld an seinem Schicksal.

Auch deshalb ist es unbestritten, dass der Islam zu Deutschland gehört. Nirgendwo sonst lässt sich die Verantwortung so einfach abgegeben wie am Eingang des örtlichen Job-Centers. Von dort aus verschwindet sie auf Nimmer-Wiedersehen im Orkus der Bürokratie und wird stattdessen durch eine freundliche Sozialarbeiterin ersetzt, die in Sachen Islamophobie und Diskriminierung auf dem neuesten Stand ist. Davon profitieren dann alle: die Sozialarbeiterin, die Familienehre und Katrin Göring-Eckhardt.

Während alle anderen weiterhin auf den Tag warten müssen, an dem der Islam endlich Tinder und ElitePartner in seine Reihen integriert.


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Über die Evolution eines Gesetzesentwurfs

... oder auch: Warum Justizminister Heiko Maas nun sexistische Werbung bekämpfen möchte.

Immer mehr Menschen haben immer weniger zu tun. Das ist per se nicht schlimm, im Gegenteil. Tier- und Naturschutz etwa funktionieren nur in Gesellschaften, die sonst schon alles haben. Darüber hinaus eröffnet der Wohlstand noch weitere Optionen. Die einen suchen Erfüllung im Yogakurs, die anderen entspannen beim Widerstand gegen einen Bahnhof. Wieder andere entwickeln eine Mission. Sie fühlen sich geradezu dazu berufen, die Welt zu verändern – wenn es sein muss, auch auf Kosten Dritter.

Über viel Zeit verfügt auch die „Wutmutter“ Stevie Schmiedel aus Hamburg. 2012 erfuhr sie nationale Berühmtheit, nachdem sie einem sexistischen, da rosafarbenen Überraschungs-Ei nur für Mädchen den Kampf angesagt hatte und es letztlich erfolgreich in die Knie zwang.  Das Ei verschwand einstweilen aus den Supermärkten, Schmiedel trat indes in die Riege gefragter Gender-Experten ein. Eine durchaus günstige Symbiose, hatte die besorgte Mutti von der Elbe doch noch weitere Sorgen im Gepäck, deren Brisanz das Feuilleton bis dahin nur erahnen konnte. Dazu zählt beispielsweise die „Pinkifizierung“ der Kinderzimmer. Die Mädchenwelt sei immer rosa, die der Jungs hingegen blau. Für Mädchen sehe die Spielzeugmafia stets Puppen vor, für Jungs indes nur Autos und Bagger.

Unternehmerisch orientierte Mütter hätten diese unerträgliche Marktlücke möglicherweise genutzt und diverse Unisex-Kollektionen ins Leben gerufen. Stevie Schmiedel hingegen gründete "Pink Stinks", „eine junge Protestorganisation, die gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte agiert, die Kindern eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen“. Denn Schmiedel ist schließlich keine Unternehmerin, sondern promovierte Dozentin für Genderforschung. Und als solche kann sie selbstverständlich erwarten, dass die freie Wirtschaft das tut, was man am Gender-Lehrstuhl gründlich erforscht hat und für richtig hält.

Wider die Pinkifizierung! Stoppt Heidi!


Genderforschung wiederum, das muss man wissen, ist die Fortsetzung des Feminismus mit akademischen Mitteln. Seit der Feminismus im Westen aber alles erreicht hat, was es zu erreichen gab – das allgemeine Wahlrecht für Frauen etwa, oder die Gleichstellung vor dem Gesetz -, herrscht bei seinen Protagonisten Flaute. Natürlich könnten sie sich auch für das Recht auf einen Führerschein für Frauen in Saudiarabien einsetzen, oder gegen die Steinigung bei „Ehebruch“ im Iran. Aber davon hätten die deutschen Feministinnen ja nichts. Darum kümmern sie sich lieber um Dinge, die außer ihnen niemand braucht: Frauenquoten, Unisex-Toiletten, Gendersternchen und Shitstorms gegen alte weiße Männer.

Die Genderforschung sorgt dabei für steten Nachschub an „Gender-Gaps“ und  wissenschaftlich klingender Pamphleten über die Bedeutung des Binnen-Is. Couragierte Aktivistinnen erledigen darauf basierend die Pressearbeit und den Straßenkampf. Das Geheimnis der Genderwissenschaft besteht darin, dass frau sich umso ungerechter behandelt fühlt, je länger sie sich mit derlei Forschung auseinandersetzt.

Stevie Schmiedel von der Organisation „Pink Stinks“ hingegen hat beides: die wissenschaftliche Aura und das organisatorische Talent. Sie hat nicht nur das „Barbie Dreamhouse“ in Berlin in die Flucht geschlagen, sondern auch gegen „Germany’s next Topmodel“ mobil gemacht. Daneben organisiert sie Shitstorms gegen feindliche T-Shirts mit dem Aufdruck „In Mathe bin ich Deko“. Dank einiger Spenden tingelt der Verein zudem mit Theaterstücken „gegen Gender-Marketing“ durch deutsche Schulen. Ein ordentlicher Zuschuss vom Bundesfamilienministerium hingegen ermöglicht ein vergleichsweise prominent besetztes „Demokonzert gegen Körperhass und Sexismus“ anlässlich des Starts der aktuellen Topmodel-Staffel.

Werbung gefährdet Ihre Gesundheit und Ihr Gehalt


Dabei lag den nicht-pinken Aktivistinnen von Beginn an (2012) vor allem ein Thema am Herzen: ein Verbot von Sexismus in der Werbung.  Dafür wurde nicht nur ein Hashtag, sondern auch eine Petition erschaffen – Unterstützung durch diverse Mitglieder*innen des Bundestags inklusive. Immerhin spiele „geschlechtsdiskriminierende Werbung“ eine „aktive Rolle im Rahmen der Konstruktion und Verfestigung von Geschlechtsrollenstereotypen“.

Was die Organisation damit eigentlich meint, ist wohl Folgendes: Mädchen und Frauen werden nicht nur schlagartig magersüchtig, sobald sie ein schlankes Bikini-Model sehen. Auch Männer laufen Gefahr, einer Frau ein niedrigeres Gehalt zu zahlen, sofern sie auf dem Weg zur Arbeit ständig an einem Miele-Plakat vorbeilaufen, auf dem ausgerechnet ein weibliches Model eine Spülmaschine bewirbt und damit das „Heimchen am Herd“-Bild zementiert.

Nun ist in Deutschland bekanntlich vieles möglich. Doch den Geschlechtern vollumfänglich die Vernunft und den freien Willen abzusprechen, sie kollektiv zu trotteligen Mündeln zu deklarieren, die ihr Weltbild einzig aus der Werbung beziehen – das wäre selbst in Zeiten des #Aufschreis zu gewagt.  Aber in diesem Fall schadet ein bisschen Sexismus wohl nicht. Schließlich geht es ja um die gute Sache. Und um noch viel mehr, wie die folgende Prognose nahelegt:

"Eine gigantische Waren- und Medienindustrie verdient an der Sorge um den perfekten Körper und der perfekten Geschlechterrolle, die so geschürt wird. (…) Es besteht begründeter Verdacht, dass eine Veränderung der Geschlechtsrollenstereotype zu verändertem Konsumverhalten führt. 80 Prozent des Konsums der Waren und Dienstleistungen der westlichen Welt wird von Frauen getätigt. Wenn diese mehr Möglichkeiten bekommen, sich in vielfältigen Rollen wohl zu fühlen, könnte sich das Kaufverhalten verändern, da keiner „perfekten“ Rolle mehr nachgeeifert wird. Diese Zusammenhänge verstehen insbesondere Werbestrateg*innen. Insofern ist davon auszugehen, dass ihnen das aktuelle Geschlechterrollenbild sehr entgegenkommt."

Wahrlich, was wäre das für ein Schlag gegen das Schweinesystem! Mit der Werbung verschwände nicht nur das Mannequin, das Frauen falsche Ideale einimpft. Gleichsam würde auch die Antifalten-Industrie oder das Bikini-Gewerbe untergehen, die Frauen daran hindern, sich für eine von 127 weiteren Geschlechterrollen zu entscheiden. Denn schließlich ist „Pink Stinks“ nicht irgendein Verein, sondern "der Verein gegen die Pinkifizierung im neoliberalen Spätkapitalismus“. Und als solcher trägt er offenkundig eine Verantwortung dafür, dass nicht nur Geschlechterrollen, sondern auch gleich „das System“ an sich modifiziert wird. Ein System, wohlgemerkt, das sich hinterlistig im Unterbewusstsein unbescholtener Menschen breitmacht, dort sein Unwesen treibt und damit auch skrupellos Geld scheffelt. Ein Ungetüm, vor dem die Menschheit geschützt werden muss.

„Pink Stinks“ weiß viel besser, was Männlein und Weiblein gut tut


Natürlich könnte man einwenden, dass der Kapitalismus ein recht cleverer und sogar genderneutraler Mechanismus ist. Zwingen kann er niemanden, Freiwilligkeit ist seine Basis. Er produziert nur das, was nachgefragt wird. Er würde folglich auch davon absehen, eine weitere Antifalten-Creme anzubieten, sobald die Kundschaft beschließen würde, sich in der Geschlechterrolle der Queen von England wohlzufühlen. Aber der Kapitalismus hat eben nicht mit dem Verein „Pink Stinks“ gerechnet, der offenkundig besser weiß, was Männlein und Weiblein gut tut. Dabei wollen die Gender-Expertinnen freilich keinen „neuen Menschen“ mitsamt dazugehöriger Gesellschaft schaffen, in der nur das produziert wird, was eine Elite für notwendig hält – es sieht eben bloß ein wenig so aus.

So grenzt es sicherlich nur an Zufall, dass „Pink Stinks“ sich mit dem eigentlichen Anliegen vertrauensvoll an Vater Staat wendet:

„Geschlechtsdiskriminierende Werbung ist geeignet, Bestrebungen entgegenzuwirken, die in anderen Bereichen geleistet werden, um auf die tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter hinzuwirken. Sie gefährdet verfassungsrechtliche Ziele und ruft daher die Schutzpflicht des Staates aus Art. 3 Abs. 2 S. 2 GG sowie seiner völkerrechtlichen Verpflichtung (CEDAW) auf den Plan.“

Und damit der Staat sich im Rahmen seiner Schutzpflicht nicht überstrapazieren muss, hat der Verein schon vorgesorgt. Seit 2014 ist auf der Website ein Gesetzestext hinterlegt (§ 7a UWG Diskriminierende Werbung), der sich mühelos in das „Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb“ einfügen ließe. Damit könnten sich Unternehmen bei Verdacht auf zu viel nackte Haut gegenseitig abmahnen. Gerichte wären mithilfe einstweiliger Verfügungen imstande, sexistische Werbung zu untersagen, so wie es bereits bei „Unzumutbaren Belästigungen“ (§ 7 UWG) der Fall ist.

Ein Justizminister mit Herz für alle Geschlechterrollen


Nur an einem Justizminister, dem die „Entfaltungsfreiheit von Menschen jeden Geschlechts“ gleichermaßen am Herzen liegt, hat es eben noch gefehlt. Bis jetzt. Dem aktuellen „Spiegel“ ist zu entnehmen, dass „Heiko Maas (SPD) mit einer Gesetzesänderung geschlechterdiskriminierende Werbung verbieten“ will. Und weiter: „Laut Spiegel soll der Entwurf zur Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb bald in die Ressortabstimmung geschickt werden.“ Sinn der Sache sei auch, „ein modernes Geschlechterbild in der Gesellschaft zu formen“.

Denn mit dem „Formen“ kennen sich Heiko Maas und Stevie Schmiedel schließlich aus. So ein Gesetz formt bisweilen mehr, als Heidi Klum es je könnte. Und all den Zuschauern auf den billigen Plätzen, die das ganze Experiment bezahlen, sei gesagt: Selbst schuld, wenn ihr euch nicht modern genug benehmt!



Sexistisches Accessoire, das verfassungsrechtliche Ziele gefährdet (© J. N. Pyka)



Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Vielfalt, Toleranz und Briefkastenphobie

Spüren Sie das auch? Diesen Elan und diesen Drive, der derzeit durch Deutschland weht? Die Kunde von den „Panama Papers“ ist kaum eine halbe Woche alt, schon ist der halbe Politikbetrieb auf Achse. Justizminister Heiko Maas fordert ein „Transparenzregister“, in dem Briefkastenfirmen ihre wahren Eigentümer offenlegen sollen. Sigmar Gabriel legt seinen alten Wahlkampfschlager aus dem Jahr 2013 wieder auf und beschwert sich über „diese Betrüger“, bei denen es sich um „die wahren Asozialen“ handele. Der Finanzminister hingegen möchte „diesen Ball aufnehmen und ihn weiterspielen“, während Sportskanone Sahra Wagenknecht lieber die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses prüfen will.

Vorbei sind die Zeiten, als ein paar Integrationsunfälle sich selbst und über 30 weitere Menschen in Brüssel in die Luft sprengten und daraufhin eine hitzige Debatte über Datenschutz entbrannte. Um den Schengenraum ging es da, den jeder Terrorist unbehelligt durchqueren kann. Um Informationsaustausch über Grenzen hinweg, was eigentlich mal als Voraussetzung für das Abholzen der Schlagbäume galt. "Datenschutz ist schön, aber in Krisenzeiten hat Sicherheit Vorrang“, bemerkte Thomas de Maizière damals - woraufhin die halbe Republik ins Hyperventilieren geriet. Aber das ist auch schon rund vierzehn Tage her. Heute kann sich der Innenminister mit diesem Motto wieder auf Mehrheiten verlassen. Denn Datenschutz ist wirklich schön, aber in Zeiten des Steuer-Überschusses hat „Transparenz“ eben Vorrang. Halb Molenbeek gefällt das.

Es bereitet immer wieder Freude, dabei zuzusehen, wie die Politik aufs Gaspedal tritt, sobald es um entgangenes Steuergeld geht. Was hätte man nur alles damit anstellen können! Man hätte es den Reichen genommen und den Armen, etwa Besitzern von Solaranlagen und Elektroautos, gegeben. Man hätte damit Gerechtigkeitslücken gestopft, Klüfte verringert und dabei auch gleich das eigene Fundament gestärkt. Nur ein umverteilender Politiker ist ein guter Politiker. Das mag vielleicht gierig klingen, ist es aber nicht. Denn Gier tritt nur bei Menschen mit Briefkastenhintergrund auf.

Da ist es fast schon schade, dass der IS und weitere Angehörige des terroristischen Gewerbes kein nennenswertes Briefkastenimperium in Panama unterhalten. Kaum auszudenken, was dann los wäre. Plötzlich hätten waschechte Kriegsverbrecher nicht nur eine Armada an Journalisten, sondern auch noch Sigmar Gabriel und Ralf Stegner am Hals, die mit der „vollen Härte des Gesetzes“ hantieren und Haftstrafen ohne jeglichen Bonus fordern würden. So allerdings bleibt es beim entspannten Enthaupten und Bomben basteln, ganz ohne Register und Untersuchungsausschuss.

Andererseits sollte man vielleicht auch keine allzu hohen Ansprüche stellen. Um den Paris-Drahtzieher Salah Abdeslam aufzuspüren, benötigten die belgischen Behörden vier Monate und Kommissar Zufall, der durch eine ungewöhnlich üppige Pizzabestellung in Erscheinung trat.  Kein Recherche-Konglomerat bot seine Hilfe an. Da ist es tröstlich, dass wir uns wenigstens mit 214.000 Offshore-Firmen leichter tun.

Immerhin geht es nun auch um das schreckliche Unrecht, das vielen Politikern an dieser Stelle widerfährt. „Wegen solcher Verbrecher können wir keine Schulen und Kindergärten bauen!" So klingt das Klagelied, das allerorts angestimmt wird. Und während Sahra Wagenknecht Claudia Roth ein Taschentuch reicht, trauern andere noch all den Straßen hinterher, die leider nicht entstehen konnten. Denn 20 Milliarden Euro Überschuss sind zwar schön, aber freilich nicht genug. Vor allem aber reichen sie wohl nur für unglamouröse Dinge. Für all die schönen Dinge des Lebens hingegen, eben Schulen und Kindergärten, bedarf es scheinbar immer desjenigen Geldes, das gerade irgendwo in Panama oder in der Schweiz herumliegt.

Derweil nähert man sich auch bei den Tagesthemen dem Rande des Nervenzusammenbruchs. Dort nämlich sorgt sich Monika Wagener in einem Kommentar um nichts Geringeres als den „Zustand des politischen Systems“: „Seit Jahren kann jeder sehen, wie die Schere zwischen Arm und Reich auch bei uns immer weiter auseinandergeht, und das hat auch mit Briefkastenfirmen wie in den Panamapapern zu tun.“ Da aber die Bundesregierung ihr zufolge selbst jetzt nur „erwartbar“ reagiert, scheint das politische System schon kurz vor dem Super-GAU zu stehen – zumindest vom ARD-Studio aus betrachtet. Was hingegen bis zu 500.000 unregistrierte Migranten über den Zustand dieses politischen Systems aussagen, erfahren wir dann hoffentlich in der nächsten Ausgabe der Tagesthemen.

Bis dahin wartet das Land gespannt auf jedes weitere Stückchen Panamapapier, das uns die zuständigen Journalisten mit Steuerfahnder-Aura servieren. Zwar ist noch nicht überliefert, inwiefern sich wie viele dieser Ganoven überhaupt strafbar gemacht haben. Aber das ist momentan auch nebensächlich. Mit der Unschuldsvermutung verhält es sich eben wie mit dem Datenschutz: Sie ist sicherlich ein nice-to-have, aber deshalb noch lange kein must-have.

Vielleicht täte es uns allerdings doch ganz gut, auf Steuersünder in etwa so wie auf alle anderen Problemgruppen auch zu reagieren. Das hieße: cool bleiben und Ruhe bewahren. So wie nach jedem Terroranschlag. Kurzschlussreaktionen helfen nur den „wahren Asozialen“. Stattdessen sollten wir uns auch einmal fragen, was wir selbst eigentlich falsch gemacht haben. Was haben wir diesen Menschen angetan, dass sie extra komplizierte Strukturen von den Kanalinseln bis nach Panama aufbauen? Haben wir ihr Geld schlecht behandelt? Oder haben wir sie womöglich zu hoch besteuert? Wäre es nicht besser, den Dialog zu suchen, anstatt durch harte Strafen eine weitere Radikalisierung zu riskieren?

Dabei muss man ja gar nicht so weit gehen, Steuerhinterziehern mit Beten und Liebe zu begegnen. Aber wenn Gelassenheit schon gegen den Terror hilft, dann nützt sie doch sicherlich auch ein wenig im Umgang mit Briefkasten-Experten.



Geheime Briefkastenfirmen in Muir Beach, Kalifornien (© J. N. Pyka)


 
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In eigener Sache: Kein Kommentar ist illegal

In letzter Zeit haben immer mehr Nachrichtenseiten ihre Kommentarspalten komplett oder themenabhängig geschlossen. Und in gewisser Weise kann ich das auch verstehen. Viele Menschen erkennen ihre Berufung darin, Diskussionen erfolgreich zu torpedieren und Oasen der Vernunft in intellektuelle Wüsten zu verwandeln. Andererseits zeugt es nicht gerade von Wertschätzung gegenüber dem einzelnen Leser, ihm kurzerhand das Sprachrohr aus der Hand zu nehmen, nur weil es im Internet viele Bruchpiloten gibt. Gerade Medien wie Spiegel Online sollten in der Lage sein, sich dahingehend eine sozialverträglichere Lösung zu überlegen, anstatt den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.

Die Kommentarfunktion auf diesem Blog wurde schon vor etwas mehr als vier Jahren deaktiviert, weil mir es mir sowohl an Zeit als auch an Muse fehlte, um verbalen Amoklauf in eine zivilisierte Diskussion umzumoderieren. Nun allerdings, da die Schotten überall dicht sind, ergibt sich aus meiner Sicht ein guter Anlass, das zu ändern. Ab sofort sind Leserkommentare auf jeden Text hin wieder zugelassen. Das Hausrecht (potentiell justitiable Inhalte werden entfernt, ebenso wie jeder weitere Versuch, den Kommentarbereich in eine Freakshow zu verwandeln) gilt natürlich weiterhin, Kluges und Schönes ist indes sehr willkommen.
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Kalendersprüche und Kalaschnikows

Allmählich setzt auch in puncto Terrorismus das ein, was man gemeinhin als "Gewöhnungseffekt" bezeichnet. Nicht, dass es normal wäre, wenn Islamisten in Paris oder Brüssel Blutbäder veranstalten und die betroffenen Städte Ausgangssperren verhängen, weil niemand weiß, ob noch weitere Mörder unterwegs sind. Aber die dazugehörigen Reaktionen aus Politik, Medien und parlierender Klasse haben eben doch einen gewissen Nachruf-Charakter. Man holt sie einfach aus der Schublade, wenn es mal wieder soweit ist. Während die Terroristen immer neue Pläne schmieden und immer neue Bombenrezepte entwickeln, um möglichst mehr Menschen als beim letzten Mal zu treffen, hält sich Europa zuverlässig an dasselbe, ritualisierte Rezept.

Politiker sind "bestürzt", was sich erst dann wirklich verifizieren lässt, wenn man auch die zweite Hälfe solcher Aussagen kennt oder die 24-stündige Schamfrist abgelaufen ist. Der Jugendpsychologe Michael Lüders, der irrtümlicherweise für einen Terrorismus-Experten gehalten wird, weist nochmal auf die Perspektivlosigkeit und Verzweiflung der jungen, zornigen Männer mit Sprengstoff-Affinität hin. Simone Peter von den Grünen, die sich gerade in Brüssel aufhält, ist nicht nur schockiert, sondern weiß auch nicht, wie sie nun zu ihrem Termin im Saarland kommen soll. Letzteres behält sie übrigens im Interview lieber nicht für sich. Denn schließlich, so hört man, gab es ja keinen Anschlag auf Menschen, deren Angehörige und die Anwohner Brüssels. Vielmehr galt das Attentat uns allen - der Freiheit, der Demokratie, den EU-Institutionen, den Europäern, dem Islam, und eben auch der Reiseplanung der Vorsitzenden der Grünen.

Derweil wird die nächste Runde des obligatorischen Beschuldigungs-Pingpongs eröffnet. Merkel ist schuld, alle Muslime sind schuld, der Islam hat nichts damit zu tun, bloß keinen Generalverdacht in die Welt setzen. Eine fantasiebegabte Grüne aus der Schweiz äußert ihre Angst vor den Rechtspopulisten, da sind die Leichen noch nicht mal aus der Metro geborgen. Andernorts wird so intensiv hyperventiliert und gescreenshotet, dass man sich fragt, was die Menschheit eigentlich in der Prä-Twitter&Facebook-Ära bei Terroranschlägen getan hat. Mal den Fernseher einschalten, die Ereignisse zu verfolgen, sich fragen, wie es sich wohl anfühlt, gerade jetzt in den betroffenen Städten zu leben? Keine verlockende Option. Mittlerweile finden wir so viele Dinge schlimm, dass wir gar nicht mehr dazu kommen, das jeweilige Attentat, die steigenden Opferzahlen und den Terror an sich schlimm zu finden. Wobei das natürlich insofern von Vorteil ist, als jede Übersprungshandlung uns von dem Gedanken der eigenen wie auch der politischen Machtlosigkeit ablenkt.

Überhaupt, so heißt es, dürfe man jetzt bloß nicht den "einfachen Lösungen" (Grenzen dicht, Vorratsdatenspeicherung) auf den Leim gehen. Das mag ja stimmen. Nur wäre es schön, wenn es wenigstens überhaupt eine Lösung gäbe. Stattdessen rettet sich der ein oder andere in diffuse Begriffswolken und halluziniert über europäische Sicherheitsstrategien, was auch schon anlässlich des Charlie Hebdo Attentats gut klang, aber folgenlos blieb. Wir denken nicht im Albtraum daran, uns in Israel nach effektiven Anti-Terror-Maßnahmen zu erkundigen. Denn Israel gehört nicht gefragt, sondern kritisiert. Auch Brüssel kann zwar eine hübsche Kulisse für EU-Parlamentarier bilden, aber offenkundig nichts dagegen tun, dass Molenbeek zu einer europäischen Außenstelle des Islamischen Staats mutiert. Deutschland guckt derweil zu, wie Salafisten in der Fußgängerzone Nachwuchskräfte rekrutieren und Christen in deutschen Flüchtlingsheimen weiterhin verfolgt werden. Parallel dazu bemühen wir uns sehr, in Form des Türkei-Deals die Kurden zu düpieren, die derweil vom Boden aus gegen den IS die Stellung halten.

Es gibt keine 100-prozentige Sicherheit, das hört man immer öfter. Und man kann es sich selbstverständlich auch denken, eventuell sogar dem Nachbarn anvertrauen. Nun allerdings verbreiten auch Politiker vermehrt derlei Phrasen. Das finden wir dann immer sehr "ehrlich" und freuen uns darüber, dass gewählte Volksvertreter uns ausnahmsweise nicht wie kleine Kinder behandeln. Die Frage ist nur, was daraus folgt. Null-prozentige Sicherheit für alle? Oder 35-prozentige bei gutem Wetter? Der Staat möchten zwar die globale Erwärmung um zwei Grad Celsius reduzieren, aber in puncto nationale Sicherheit will er sich weder auf eine hochprozentige Marke festlegen, noch eine solche zum Ziel erklären. Stattdessen konzentriert er sich auf vermeintlich ehrliche Kalendersprüche. Die klingen sicherlich prima – aber Grundlage dieses Gesellschaftsvertrags sind sie eben blöderweise nicht.



Ebenfalls in der April-Ausgabe (Print) der "Jüdischen Rundschau" erschienen.
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Die Merkel'sche Allheil-Lehre: immer wissen, was man nicht will

Zu den entzückendsten Details der Flüchtlingskrise gehört vor allem der Eiertanz rund um die Türkei. Blickt man in die grün-dunkelrote Ecke, so erwischt man dort die geballte Empörung beim Feiern fröhlicher Umstände. Völlig zu Recht wird das autokratische Gebaren Erdogans kritisiert, sein Umgang mit Journalisten, Kurden und Oppositionellen im Allgemeinen. Was sicherlich noch etwas authentischer wirkte, wenn da nicht der Umstand wäre, dass die Erdogan-Kritikerin Claudia Roth schon mal unterwürfig mit Kopftuch im Iran gesichtet wurde und ihre Kollegen von weiter links sich hin und wieder auch für die Menschenrechte von Hamas-Mitgliedern einsetzen.

Da beruhigt es, in Berlin auf Politiker zu stoßen, die aus ihrem Herzen keine Diktatorengrube machen. Innenminister Thomas de Maizière etwa ließ diese Woche mit Blick auf jegliche Türkei-Kritik ausrichten, Deutschland solle „nicht der Schiedsrichter beim Thema Menschenrechte für die ganze Welt sein“. Das ist zum einen erfrischend ehrlich, zum anderen gar nicht so schlimm, wie es klingt. Denn dafür sind wir immerhin Weltmeister in den Disziplinen „freundliches Gesicht“ und „gefühlte Humanität“. Und das ist ja auch schön.

Abgesehen davon unterscheiden sich Opposition und Regierung aber keineswegs hinsichtlich des Grades an Realitätsverweigerung, mit dem sie die Flüchtlingskrise zu bewältigen gedenken. Ganz links möchte man keinen Türkei-Deal, allerdings auch keine Reduzierung der Flüchtlingszahlen, stattdessen aber mehr Kampf gegen rechts. Und links, also dort, wo die Regierung derzeit ihren Sitz hat, will man zwar weniger Flüchtlinge und mehr Türkei, gleichzeitig aber auch weiterhin ein freundliches Gesicht zeigen.

Böse Zungen behaupten derweil, Angela Merkel hätte überhaupt keinen Plan. Das stimmt allerdings nicht ganz. Denn immerhin weiß die Kanzlerin ziemlich genau, was sie nicht will. Mal fordert sie ein „Ende des Durchwinkens“ auf dem Balkan, nur um kurz darauf vor geschlossenen Grenzen und nationalen Alleingängen zu warnen. Ein ander‘ Mal beschwert sie sich über die Verengung des Balkan-Korridors, allerdings nicht, ohne den betroffenen Migranten zu raten, sich eben in Griechenland eine Unterkunft zu suchen. Angela Merkel möchte keine Flüchtlinge aus Griechenland beherbergen, überhaupt will sie keine hohen Zahlen. Sie möchte aber auch keine Obergrenze, keine hässlichen Bilder und keine geschlossenen Grenzen, erst recht nicht in der Nähe von Passau oder Freilassing.

Das eint sie mit großen Teilen des politischen Berlins. Man hat zwar keinen konkreten Plan, dafür aber einen erhobenen Zeigefinger. Der wiederum kommt immer dann zum Einsatz, wenn der ein oder andere Rest-Europäer eine Entscheidung umsetzt, anstatt auf die Erfolge der deutschen Wünsch-dir-was-Strategie zu warten. In solchen Situationen verstehen die Deutschen nämlich keinen Spaß. „Dann ist Europa am Ende, wenn jeder für sich festlegt, was er macht“, belehrte Katrin Göring-Eckardt den dunkelösterreichischen Außenminister Kurz jüngst bei Anne Will, als es um die alpine  Obergrenze ging. Und ja, wahrlich: Wo kämen wir nur hin, wenn souveräne Nationalstaaten womöglich eigene Entscheidungen träfen, ohne vorher bei den Grünen, Angela Merkel oder Martin Schulz eine Genehmigung einzuholen?

Deutsche Politiker des 21. Jahrhunderts lesen eben nicht Aristoteles oder Machiavelli, sondern Antoine de Saint-Exupéry. Sie wissen daher auch: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Oder wenigstens mit dem, was sie dafür halten.

Nun allerdings droht ohnehin alles gut zu werden. Die europäische Lösung, die zunehmend zu einem Euphemismus für den Terminus „deutsche Lösung“ mutiert, rückt näher. Waren es bis dato noch die Flüchtlinge, die festlegten, in welcher Zahl sie an welchem Ort um Asyl baten, so soll es nun Sultan Erdogan sein, der über die nationalen Geschicke Europas entscheidet. Und die dazugehörigen hässlichen Bilder? Für die sind wir als Deutsche ja dann nicht verantwortlich. Angela Merkel schaut indes lieber zu und schnürt ein paar Asylpäckchen. Warum sollte die „mächtigste Frau der Welt“ auch über den Schutz ihrer eigenen Grenzen oder den der europäischen Außengrenzen nachdenken, wenn sich diese lästige Aufgabe ebenso an einen sympathischen Despoten delegieren lässt, der mit Tränengas ohnehin mehr Erfahrung hat? Das Leben kann schließlich so schön sein, wenn man sich nicht um alles selbst kümmern muss.

Im Gegenzug erhält die Türkei nicht nur ein paar Milliarden, Aussicht auf einen EU-Beitritt, einen menschenrechtlichen Koscherstempel und weitere Schmankerl, sondern auch direkten Einfluss darauf, wie es von der kommunalen Turnhalle bis hin zum Bundeshaushalt, der Rentenkasse und den Wahlergebnissen der AfD weitergeht.

Indes erklärt die Bundeskanzlerin noch schnell, was im Übrigen gar nicht in die Tüte kommt: „Es kann nicht sein, dass irgendetwas geschlossen wird“, verkündete sie noch vor dem EU-Gipfel mit Blick auf die geplante Total-Abriegelung der Balkanroute.

Und die Rest-Europäer? Die warten vermutlich darauf, endlich hinsichtlich der Merkel’schen Allheil-Lehre erleuchtet zu werden. Natürlich, über Quoten und Kontingente ist man sich noch nicht einig. Die eigenen Zäune hat man derweil umso lieber gewonnen. Darum wird man sie vermutlich vorsichtshalber stehen lassen. Schließlich kann man nie wissen, ob dem Herrn Erdogan zwischen Kurdenkrieg und Gleichschaltung der Presse nicht doch das ein oder andere Schlauchboot auf dem Radar entgeht. Und warum es humaner sein soll, Menschen statt nahe Griechenlands oder Mazedoniens nun eben in der Türkei aufzuhalten, hat man zwischen Paris und Warschau ebenfalls noch nicht ganz durchschaut. Die europäische Lösung ist auch deshalb sehr deutsch, weil nur Deutschland sie unbedingt will und braucht.

Aber wie sagte Angela die Erste doch erst neulich in ihrer Regierungserklärung bei Anne Will? „Wenn’s am Montag nichts wird, dann haben wir am 18. März den nächsten Gipfel.“ Und wenn es dann immer noch nicht klappt, treffen wir uns eben so lange, bis es funktioniert. Oder bis die Türkei zu Europa gehört, der Brennerpass zu einem zweiten Idomeni mutiert, ein „Libyen-Deal“ mit der dortigen IS-Filiale auf der Tagesordnung steht und der Kontinent ohnehin aus Stacheldraht besteht. Wir als Deutsche haben jedenfalls einen Plan: Wir wissen immer ganz genau, was wir nicht wollen. Und das wiederum mit einem unheilbar guten Gewissen, von dem das restliche Europa nur albträumen kann.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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