Nach dem Brexit: Jetzt fehlt nur noch eine Reisewarnung des Auswärtigen Amts

What a difference a day makes! Kaum haben in Großbritannien die Falschen über das Schicksal des Landes abgestimmt, schon zieht das Sturmtief Martin quer über den Kontinent. Was haben die Deutschen sich doch bis zur letzten Sekunde um ihre britischen Freunde gesorgt. Fast umgekommen wären sie vor Angst um die britische Wirtschaft. Denn deren Wohlergehen hängt offenkundig nicht von freiem Handel und dazugehörigen Abkommen ab. Nur Richtlinien, Bürokratie und die „Kommissarin für den Binnenmarkt, Industrie und Unternehmertum sowie kleine und mittlere Unternehmen“ können florierenden Handel gewährleisten.

Und so warnten sie und warnten sie – und machten zudem eine große Ausnahme. Denn Wirtschaft im Allgemeinen, die angelsächsisch-kapitalistische Variante im Besonderen, liegt den Deutschen für gewöhnlich ja eher weniger am Herz. Aber wenn es „um Europa geht“, darf man schon mal so suspekte Gestalten wie Aktienhändler aus der Londoner City vor die Kamera ziehen, die vor einem Brexit warnen. Höher besteuern kann man sie noch später.

Irgendwie musste man die störrischen Insulaner schließlich zur Einsicht bringen. Nicht nur der Weltfrieden stand auf dem Spiel. Es drohte auch die Aussicht, deutsche Alleingänge irgendwann nicht mehr als „europäische Lösungen“ tarnen zu können. Insgeheim beleidigt, dass die Briten eine solche Abstimmung überhaupt wagten, warfen sich die Deutschen also couragiert ins Gewand des wohlmeinenden Ratgebers, der als „Europäer und Europäerin“ ja nur das Beste für das Königreich will. Dass der Brite es nämlich nicht so mag, schon im Vorfeld mit deutschen Drohungen konfrontiert zu werden, flüsterte ihnen der Restverstand dann doch noch heimlich zu.

Die EU und ihre Freunde schlagen zurück

Nun allerdings hat sich gemeinsam mit den Briten auch der Restverstand verabschiedet. Seit Freitag wird vom Kontinent aus mit harten Bandagen kämpft. Die EU-Vertreter im Allgemeinen, die Deutschen im Besonderen, sind über Nacht von einer auf den Knien rutschenden Ehefrau zu einer Furie mutiert, die das Auto des verhassten Gatten demoliert. „Out is out“, schallt es aus den Reihen derer, die nun extra hart verhandeln wollen, damit der Brexit auch wirklich nachhaltig wehtut. Ganz so, wie es sich für einen fortschrittlichen Club, dem man gerne angehören möchte, eben gehört. Parallel beschwert sich Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, über David Cameron und dessen gefühlte Amtsanmaßung bis Oktober. So, als sei Schulz selbst erst gestern in Brüssel eingezogen.

Währenddessen macht die Armee der guten Europäer auf allen anderen Kanälen mobil. Verspätete Wahlkampfbus-Kritik, Analysen über verblödete Briten, die erst jetzt das Wörtchen Brexit in die Suchmaschine eingeben und Meldungen über eine Petition, wonach schon mehr als zwei Millionen Briten wieder zurück in die starken Arme der EU-Kommissare wollen, machen die Runde. Kaum ist die eine Horrormeldung halb verdaut, schon folgt die nächste. Nur Reisewarnungen des Auswärtigen Amts fehlen noch.

Gerne wüsste man, wozu eigentlich am Verhandlungstisch schmerzhafte Zeichen gesetzt werden müssen, wenn die Briten schon jetzt so sehr leiden. Aber die EU ist eben ein Projekt, das stets bloß besser erklärt werden muss.

Es wird Zeit, dass die Jüngeren mit den Älteren abrechnen 

Da ist es gut, dass es auch noch Europäer mit Herz gibt. Zu ihnen zählt Justizminister Heiko Maas, der die jungen Briten nicht allein lassen will. Ob er eine sicherere Fluchtroute durch den Ärmelkanal plant oder Care-Pakete über Oxford abwerfen möchte, ist hingegen noch nicht bekannt. Behilflich könnte ihm dabei auch die Redaktion der FAZ sein. Dort sind gerade ebenfalls Vertreter des „Zentralrats der Jugend im Herzen“ dabei, das Schlimmste zu verhindern. „Es wird Zeit, dass die Jüngeren wieder härter mit den Älteren abrechnen“, heißt es da. Denn auch die grau melierte „Sorge um die Reinheit der Heimat“ sei es, die nun den Jüngeren die Zukunft „verbaue“. Nichts Geringeres als eine „neue Rebellion“ sei daher notwendig. Eine großartige Idee, die sich auch schon angeboten hätte, als Andrea Nahles die Rente mit 63 präsentierte. Aber die Arbeitsministerin ist eben kein alter weißer Mann.

Offenkundig weiß man nicht nur bei der FAZ viel besser, was im Detail auf dem britischen Wahlzettel stand. „In or out“, „weiter so“ oder Unabhängigkeit von der EU mit Open end, können es jedenfalls nicht gewesen sein. Zumindest sieht es so aus, wenn man sich all die Warnungen vor einem neuen und alten weißen Nationalismus genauer ansieht. Ganz so, als hätte die Mehrheit der Briten nicht einfach nur für den Brexit, sondern auch automatisch für die sofortige Ausweisung aller Nicht-Briten und hohe Mauern gestimmt. Überhaupt könnte man meinen, dass keineswegs freiheitsliebende Briten zur Wahl gebeten hätten, sondern eine französische Präsidentin namens Marine Le Pen. Dass es im Rahmen eines Frexits in der Tat um die Entscheidung zwischen nationalem und internationalem Sozialismus ginge, ist ja wahrlich kein Gerücht.


Die Rassisten haben gewonnen

Aber in Zeiten wie diesen muss man es mit landestypischen Besonderheiten nicht so genau nehmen. Da reicht auch ein Erasmus-Studium oder ein Roadtrip quer durch Frankreich und Italien, um zu wissen, dass „die Rassisten gewonnen haben“ und man „das doch noch sagen dürfen wird“. So tönt es jedenfalls aus dem inoffiziellen „Arbeitskreis Pegida“ der „taz“. Unmittelbar nach der Entscheidung meldeten sich dort besorgte Mitarbeiter zu Wort, die den Unterschied zwischen Freizügigkeit mit und ohne Brüsseler Wasserkopf nicht kennen.

Derweil machen sich die bedrohte deutsche Jugend und Junggebliebene auf Twitter darüber Gedanken, wie man derart unpassende Wahlergebnisse in Zukunft verhindern könnte. Ein Ausschluss von Alten bei der Abstimmung von Zukunftsfragen, zumindest aber eine Gewichtung von Stimmen in Abhängigkeit zur Lebenserwartung zählen zu den Ideen, die bislang hoch im Kurs stehen. Dass es tatsächlich mal alte weiße Männer gab, die ähnlich über das allgemeine Frauenwahlrecht dachten, ist dabei freilich nur Zufall. Denn die progressive #aufschrei-Jugend twittert in Krisenzeiten schließlich auch intensiv über einen nicht mehr ganz frischen, dafür aber sehr frauenverachtenden „Wiesenhof“-Werbespot, wenn sie mit den demokratischen Grundprinzipien fertig ist.


Wenn um das Friedensprojekt geht, ist alles erlaubt

Damit passt sie ganz wunderbar zu jungen und erfrischenden Europaparlament-Abgeordneten wie Terry Reintke von den Grünen. Das „Europa der alten weißen Männer in dunklen Anzügen, die in irgendwelchen Hinterzimmern Verträge unterschreiben“ sei nicht ihr Europa, verriet sie in ihrer Bewerbungsrede. In ihrem Europa stehen hingegen so wichtige Fragen wie eine europäische Arbeitslosenversicherung oder der Zugang zu „sexueller und reproduktiver Medizin“ auch für „Prostituierte, Inhaftierte, Migranten und injizierende Drogenkonsumenten“ auf dem Programm. Dinge also, die im DGB, bei der Caritas oder auf Twitter nicht hinreichend geklärt werden können. Dafür braucht es schon einen Frauenausschuss, in dem Terry Reintke leider auch „komische Leute“ wie Beatrix von Storch (AfD) „mit so ganz vielen homophoben und antifeministischen Ausfällen“ ertragen muss, wie sie kurz nach ihrem Amtsantritt beklagte. Mittlerweile hat sie allerdings ein weiteres Fass aufgemacht: abuse im cyber space.

Ganz offensichtlich schwebt nicht nur die EU von Martin Schulz und Jean-Claude Juncker in Gefahr. Auch das Europa von Terry Reintke steht auf dem Spiel. Grund genug für Jung und gefühlt Jung, kräftig zurückzuschlagen und den alten weißen Männern zu zeigen, wer am längeren Hebel sitzt. Eben wussten die EU und ihre Freunde nur besser, was gut für den Einzelnen in Perugia und Prag ist. Nun fahren sie die Krallen aus. Es gilt, einen Rückfall in düstere Zeiten zu verhindern. In Zeiten, als Europa noch schlank genug war, um den ungehinderten Verkehr von Waren, Personen, Kapital und Dienstleistungen – kurz: Frieden - zu garantieren. „Mehr Europa wagen“ lautet die Devise. Denn viel hilft viel. Wenn dabei auch mal Nationalismus und Protektionismus mit Liberalismus und Subsidiarität verwechselt werden, ist das nicht weiter schlimm. Selbst die eine oder andere Mogelei, gepaart mit totalitären Ideen, ist durchaus in Ordnung. Im Krieg und im Friedensprojekt ist alles erlaubt.

Womöglich kann eine solche EU nur lieben, wer von ihr lebt oder autoritär-sadistisch veranlagt ist. Aber keine Sorge: Deutschland wird als Letztes von Bord gehen. Ein Glück.

Ein Club, in dem man gerne Mitglied ist (© J. N. Pyka)

Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Ist Wolfgang Gedeon ein Antisemit, oder sieht er nur so aus?

Der Antisemit als solcher ist ein faszinierendes Wesen. Keine Hürde ist ihm zu hoch, kein Weg zu weit. Seit gut 2500 Jahren verfolgt er seine Mission mit Disziplin und Konsequenz. Andernorts hinterfragten die Menschen ihren jeweiligen Gott und den Glauben an die flache Erde – der Antisemit hingegen blieb standhaft und völlig unbeirrt auf Kurs. Ihn stört schließlich nicht, was „der Jude“ tut, sondern der Umstand, dass dieser überhaupt existiert.

Das Erfolgsrezept des Antisemiten besteht dabei in seiner Anpassungsfähigkeit: Er geht stets mit der Mode und findet immer einen anderen Grund, etwas gegen die Juden zu haben. Warf man ihnen vor rund 2000 Jahren die Kreuzigung Jesu vor, so befand man sie im Mittelalter der konzertierten Brunnenvergiftung und Wucherei für schuldig. Später stellte man sich dann die Judenfrage, nur um sie letztlich in deutscher Qualitätsarbeit präzise endzulösen.

Seitdem liegt der Gegenstand seiner Sorge zwischen Mittelmeer und Jordan. Der postmoderne Antisemit hält nicht mehr die Juden, sondern die Israelis für unser Unglück. Wenn er nicht gerade die Hamas, seine Brüder im Geiste, zu Widerstandskämpfern deklariert, echauffiert er sich über die Ungerechtigkeit, die dem noch nicht ganz nuklearen Iran widerfährt. Und wenn in Tel Aviv ein Jude einem Araber den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, dann sieht er nicht etwa tatenlos zu, sondern initiiert sofort eine Petition gegen das „zionistische Apartheits-Regime“.

Daneben gibt es allerdings noch eine andere Gattung von Antisemiten, die eher wertkonservativ unterwegs ist. Die Arbeit seiner Vorgänger will er nicht einfach in die Tonne treten, dafür ist sie zu wertvoll. Lieber wärmt er sie auf und integriert sie in sein „Greatest Hits“-Programm, wo die sogenannte „Israelkritik“ dann neben Henry Ford und Julius Streicher ihren Platz findet.

Eine Prise Günter Grass

Zu diesen Multitasking-Antisemiten gehört auch der Politiker und Philosoph Wolfgang Gedeon vom Bodensee, der erst im März in der AfD-Fraktion im Stuttgarter Landtag Unterschlupf fand. In seinen Schriften, die über 2000 Buchseiten füllen, präsentiert das badische Multitalent nicht nur den guten alten, religiös motivierten Judenhass. Auch ein Hauch von Schlussstrich-Mentalität, eine Prise Günter Grass und eine ordentliche Portion Verschwörungspraxis entfalten sich dort zu voller Pracht.

Wenn er nicht gerade über die Bedrohung durch „talmudische Ghettojuden“ philosophiert und den Juden die Schuld am Antisemitismus gibt, widmet er sich den „Protokollen der Weisen von Zion“, die er nicht nur für authentisch, sondern auch für „genial“ hält. Und wenn er dann noch Zeit hat, beschwert er sich über den zionistischen Einfluss auf Presse und Justiz, der ihm genauso den Schlaf raubt wie der „Dschihad, den Israel gegen die Araber“ führe.

Nun allerdings hat die weltweite Verschwörung es gewagt, Gedeon bei seiner Widerstandsgymnastik zu stören. Nachdem sein Hobby plötzlich auch den Medien auffiel, hielt die AfD es für eine gute Idee, etwas zu unternehmen. Gedeon selbst übte sich derweil in der Kür, die jeder ordentliche Antisemit beherrscht. Kannte er sich bislang nicht nur mit den Dingen aus, die Juden und Zionisten für gewöhnlich so aushecken, so wusste er nun auch ganz genau, wo Antisemitismus beginnt und wie man ihn definiert. Er selbst sei demnach kein Antisemit, sondern nur „dezidierter Antizionist“. Und weil ihm das Wohl der Juden so am Herzen liegt, warnte er bei der Gelegenheit auch davor, den Antisemitismus-Begriff nun zu "verschleißen".

Denn den brauche man ja noch für die „echten Antisemiten“ – zu denen er selbst natürlich nicht zählt. Zwar verfügt Gedeon weder über jüdische Kronzeugen noch über jüdische Freunde. Dafür allerdings hat er eine jüdische Uhr, die ihn laut eigenen Angaben davor bewahrt, ein Antisemit zu sein. Und das ist ja auch etwas Schönes.

Dieses schlagkräftige Argument scheint nun auch Teile der AfD-Landtagsfraktion ins Grübeln gebracht zu haben. Denn eigentlich hätten die Abgeordneten am Dienstag über Gedeons Ausschluss aus der Fraktion abstimmen sollen – ein ohnehin schwieriges Unterfangen, für dessen Umsetzung Fraktionschef Meuthen nicht nur mit seinem eigenen Rücktritt drohen, sondern auch Rückendeckung des Bundesvorstandes, des Landesvorstandes und der Länderchefs organisieren musste.

Ein Antisemit oder ein Judenkritiker?

Jetzt wollen es einige Abgeordnete jedoch ganz genau wissen. Anstatt ihren Buddy ohne Widerruf vor die Tür zu setzen, hat sich die Fraktion auf Initiative einiger MdLs hin darauf geeinigt, ein Gutachten einzuholen, das klären soll, ob Gedeons Pamphlete antisemitisch sind oder nicht. Natürlich sind die ratlosen Abgeordneten gegen jeden Antisemitismus. Sie erkennen ihn nur selbst dann nicht, wenn er neben ihnen sitzt und die „Protokolle“ vorliest. Hinterher hat der Kollege ja doch eine Verschwörung aufgedeckt? Womöglich ist er gar kein Antisemit, sondern aussichtsreicher Anwärter für den Literaturnobelpreis? Denkbar ist schließlich alles, da muss man schon genauer hinsehen. Der Weise vom Bodensee, der auf seiner neuen Facebook-Seite gerade seinen Fanclub ausbaut, muss bis dahin am fraktionslosen Katzentisch Platz nehmen.

Humor hat er auch. Source: https://www.facebook.com/Wolfgang.Gedeon/photos/pb.1701015746832255.-2207520000.1466695328./1701026730164490/?type=3&theater

Und so werden wir uns nun künftig nicht nur mit der Frage beschäftigen, ob Jakob Augstein oder die Gaza-Matrosen aus der Linkspartei Antisemiten sind. Geklärt werden muss auch, ob Juden zu viel Einfluss haben, ob sie nicht doch selbst an ihrem Unglück schuld sind und ob die Protokolle echt sind; und falls nicht, ob jemand mit solchen Überzeugungen schon ein Antisemit oder nur ein querdenkender Judenkritiker mit guten Absichten ist. Der postmoderne Antisemit ist zwar schon weiter. Er verhütet heute den Angriffskrieg der Zionisten und nicht mehr den der Juden. Aber es kann ja trotzdem nicht schaden, im Jahr 2016 nochmal die Gedanken aus Opas Mottenkiste unter die Lupe zu nehmen und gut integrierte Gewissheiten kritisch zu hinterfragen.

Insofern zeugt die Rätselrunde von Stuttgart auch von Verantwortungsbewusstsein, wie man es im Land der Nürnberger Rassegesetze erwarten darf. Noch vor ein paar Jahrzehnten legten deutsche Schreibtischtäter gesetzlich fest, wer Jude ist und sich damit auf ein One-Way-Ticket nach Auschwitz freuen durfte. Wenn es nun um Antisemiten geht, dann lässt man aber lieber Vorsicht als Nachsicht walten und bestellt sicherheitshalber ein wissenschaftliches Gutachten. Nicht, dass die Weltverschwörer wieder übermütig werden.

Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.

Siehe auch: 
"Die Protokolle des AfD-Weisen vom Bodensee" (30.04.2016)
"Das Wunder von Stuttgart" (12.06.2016)

Update: Das "Team von Dr. Gedeon" hat kurz nach der Veröffentlichung eine weitere Verschwörung identifiziert.

Siehe: https://www.facebook.com/Wolfgang.Gedeon/posts/1704019256531904?comment_id=1704312076502622&reply_comment_id=1704351413165355&comment_tracking=%7B%22tn%22%3A%22R9%22%7D
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Sozialdemokraten in Not: Heiko Maas macht das Fenster auf

Folgt man dem deutschen Grundgesetz, so hat jeder Staatsbürger sowohl Rechte als auch Pflichten. In letzter Zeit hat sich abseits dessen aber noch ein ganz spezielles Gebot etabliert: Hör hin, wenn Heiko Maas zu dir spricht. Der nämlich gab erst neulich zu verstehen, was die „schweigende Mehrheit“ in Anbetracht von rechter Hetze zu erledigen habe. „Wir alle sind gefordert: Wir müssen langsam mal die Gardine zurückziehen, das Fenster aufmachen, Gesicht zeigen und zurückrufen.“

Nun sind Appelle dieser Art nicht bahnbrechend neu. Überhaupt könnte man sich fragen, ob Heiko Maas sonst keine anderen Sorgen hat – die Mietpreisbremse oder Bikini-Werbung etwa. Aber abgesehen davon kann ich den Justizminister da schon sehr gut verstehen. Geteilte Arbeit ist halbe Arbeit, und Arbeitsteilung fördert die Effizienz. Der Punkt ist nur, dass ich gerade erst meine Steuererklärung durchs Fenster gereicht habe und eigentlich dachte, meine Pflichten fürs Vaterland seien damit fürs Erste getan. Denn nun können wieder Straßen und Schulen sowie Gedichtwettbewerbe für talentierte Israelkritiker finanziert werden. Aber das reicht angesichts des Ernsts der Lage offenbar nicht.

Dabei ist Maas‘ Idee auch insofern nicht uninteressant, als Genosse Gabriel erst neulich vorschlug, bei der Besteuerung von Vermögen die Beweislast umzukehren. Eine praktische Idee, die dem Generalverdacht zu frischem Charme verhilft. Der wiederum hat hierzulande zwar einen miesen Ruf. Aber wenn es um die Finanzen geht, kann man schon mal eine Ausnahme machen.

Der Bürger als solcher ist also, zumindest von Berlin aus betrachtet, ein eher zwielichtiges Wesen. Zum Zeichen setzen ist er aber gerade noch gut genug. Vorausgesetzt freilich, Heiko Maas drückt ihm eine Gebrauchsanweisung samt Wegbeschreibung in die Hand. Nicht auszudenken, was geschähe, wenn der Bürger plötzlich unbeaufsichtigt Gesicht zeigte - etwa für Atomkraft oder gar gegen neuerliche Rettungspakete für Griechenland.

Wenn die Kanzlerin zum Bürgerdialog ruft

Unabhängig davon frage ich mich aber, wohin die von Heiko Maas geplante Reise eigentlich gehen soll. Immerhin bin ich ja gefordert und soll zurückrufen. Höchstwahrscheinlich würde der Justizminister antworten, dass nichts Geringeres als ein weltoffenes und liberales Deutschland auf dem Spiel steht. Nur ist mir nicht ganz klar, wo genau dieses Deutschland eigentlich sein soll. Weltoffen geht es vielleicht auf allen Hierarchieebenen von Google und Facebook zu, oder über den Dächern von London, Hong Kong und New York. An Orten also, an denen das „bunt sein“ gerade keine Rolle spielt, wenn Verträge und Ehen geschlossen werden. In Deutschland hingegen ist es eher andersrum. Da wird empfohlen, einen Syrer sympathisch zu finden, nur weil er Syrer ist – und nicht etwa, weil er zufällig die gleiche Musik hört und auch sonst ein cooler Typ ist.

Das mit dem Liberalismus überzeugt mich ebenfalls nicht so recht. Wenn die Kanzlerin zum „Bürger-Dialog“ ruft, stehen Menschen landesweit Schlange, um dort ihren Wunschzettel vorzulesen und mehr staatliche Betreuung zu fordern. Und wenn angesichts des Blutbads in der „Charlie Hebdo“ Redaktion darüber spekuliert wird, inwiefern man nun „Charlie“ sein soll oder lieber doch nicht, dann demonstrieren die Deutschen durchaus eindrücklich, dass sie von Freiheit so viel Ahnung wie von Weltoffenheit haben. Denn dass Freiheit immer erst an den Rändern angegriffen wird und die Freiheit der Minderheit automatisch die der Mehrheit ist, leuchtet ihnen nicht ein. Darum sind sie weder Charlie noch Vermögender.

Der Arbeiter, das widerspenstige Wessen

Dient die Aufforderung aus dem Justizministerium also womöglich gar nicht der Weltoffenheit, sondern mehr dem Überleben der SPD? Immerhin weiß mittlerweile jeder Praktikant im „Vorwärts“-Archiv, dass gerade der Arbeiter ein denkbar widerspenstiges Wesen ist. Sexistische Werbung sieht er eben doch lieber in seinem Spint als auf dem Index. Und nach Feierabend guckt er Bundesliga, anstatt einer Diskussion über „Islamischen Feminismus“ im Willy Brandt Haus zu lauschen. Insofern hat die SPD es wirklich nicht leicht: Ihre Klientel ist einfach zu trottelig für das progressive Wunderland, in dem Manuela Schwesig und Heiko Maas schon ein- und ausgehen.

Für den Arbeiter trifft es sich dagegen gut, dass er nun auch eine sozialdemokratische Alternative wählen kann, die praktischerweise sogar seinen Mindestlohn im Angebot hat. Selbst die AfD hat begriffen, dass nur ein umverteilender Politiker ein guter Politiker ist. Sie bevorzugt dabei eben bloß die andere Richtung. Wenn Steuergeld dann nicht in den islamischen Feminismus oder den Tank eines Elektroautos, sondern in die Taschen des kleinen Mannes mit vielen Kindern fließt, dann freut das vor allem diejenigen SPD-Wähler, die dank sozialdemokratischer Politik überhaupt erst vom Staat abhängig gemacht wurden.

Wenn 82 Millionen Wahlkämpfer ein Zeichen setzen sollen

Indes macht sich der weltanschauliche Gegner auf, das „links-rot-grün verseuchte 68er-Deutschland“ zu bekämpfen. Meinte die AfD das ernst, so müsste sie allerdings bei sich selbst anfangen. Mit den Grünen hat man beispielsweise die Chlorhuhn-Phobie samt Klagelied über Konzerne gemein, die dem Bauern aus der Region das Leben schwer machen. Mit der Linkspartei könnte die AfD ohnehin gleich koalieren: Im Osten teilt man sich die Wähler, bundesweit die Aversion gegenüber den USA und das zärtliche Liebäugeln mit Putins Russland. Und mit der SPD wird sich die AfD vor allem deshalb Wähler teilen, weil die deutsche Jammer-Klientel, die bei der Kleinigkeit nach dem Staat ruft, zu attraktiv ist, um sie sich entgehen zu lassen.

Eventuell ist das der Grund, weshalb die vielerorts geforderte „sachliche Auseinandersetzung“ mit der AfD so grandios scheitert. Denn dann würde ja auffallen, dass – zumindest mit Ausnahme der Flüchtlingspolitik - nicht nur die SPD so Einiges mit dem Gegner gemeinsam hat.

Insofern ist es freilich klüger, wenn Heiko Maas sich weiterhin um den Kampf gegen rechte Hetzereien kümmert. Schließlich sind auch Justizminister nur Menschen, und Menschen verfolgen eben Interessen. Die einen wollen einfach in Ruhe gelassen werden und ansonsten selbst entscheiden, wie viele Zeichen sie setzen. Die anderen hingegen möchten gern wieder gewählt werden. Daher benötigen sie Hilfe im Kampf um die Deutungshoheit und Stimmanteile, die ihnen die AfD samt angeschlossenem Online- wie Offline-Protest gerade streitig macht. Unter normalen Umständen wären da zwar die Jusos, Gewerkschaften und die Friedrich-Ebert-Stiftung gefragt. Aber warum sollte eine 19-Prozent-Partei ganz allein Gesicht zeigen, wenn für diesen Job potentiell 82 Millionen Wahlkämpfer, auch als „wir alle“ bekannt, zur Verfügung stehen? Gerade Sozialdemokraten in Not sollte man derlei Manöver wirklich nicht übel nehmen.

Zuerst auf der Achse des Guten erschienen.

Geschlossene Fenster, viele Gardinen, keine Gesichter - © J. N. Pyka

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Randnotiz: Das Rätsel von Orlando

Nachdem ein Terrorist in einem Schwulenclub genüsslich 50 Menschen ermordet und weitere 53 verletzt hat, beginnt in Deutschland das große Rätselraten. Auch beim "Brennpunkt" ist man sich noch nicht sicher, ob das Blutbad in Orlando einen islamistischen Hintergrund hatte, oder ob es sich nicht doch um ein homophob motiviertes "hate crime" handeln könnte. Denn Homophobie und Islamismus schließen sich ja bekanntlich aus. Dieser Logik folgend hätte ich bloß eine kurze Frage: Gibt es in der Nachbarschaft der ARD womöglich einen geheimen Arbeitskreis mit dem Namen "Islamisten für LGBT-Rechte"? Und falls nicht: Wo genau findet man diese toleranten Regenbogen-Islamisten mit Sympathie für Schwule und Lesben? In einer vom Verfassungsschutz beobachteten Berliner Moschee? In Teheran? Oder doch eher im IS-Headquarter Raqqa? Die Antwort erfahren wir hoffentlich überübermorgen im "Brennpunkt".
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Das Wunder von Stuttgart: Wolfgang Gedeon und der Antisemitismus der Anderen

Gäbe es in Deutschland eine Castingshow mit dem Titel "Deutschland sucht den Super-Verschwörungspraktiker", dann wäre der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon vom Bodensee ein brandheißer Kandidat. Denn schließlich vereint er in seinen Schriften nicht nur zeitgenössische Israel-Kritik nach Grass und Todenhöfer, sondern auch Schlussstrich-Mentalität, christlichen Antijudaismus, Relativierung der Shoah und jede Menge Verschwörungstheorie. Als ich Ende April erstmals darüber schrieb, hielt ich dieses Multitalent noch für eine Randnotiz, die außer ein paar Lesern auch weiterhin niemand zur Kenntnis nehmen wird. Schließlich lagen seine gesammelten Werke seit Jahren in Bibliotheken und im Netz herum, und keiner der vielen AfD-Experten in diesem Land störte sich daran oder beschäftigte sich überhaupt mit ihnen.

Ende Mai tauchten Gedeons Ansichten dann plötzlich in Auszügen in der BILD auf. Und von dort aus nahm die Geschichte ihren Lauf - inklusive des Eiertanzes, den die AfD sich selbst liefert und der mit jedem Tag lustiger wird. Zwar ist Gedeon nachweislich ein passionierter Rundbrief-Schreiber. Aber so wirklich gewusst haben will man von seiner Verschwörungspraxis freilich nichts. Der Bundesvorstand stellt sich jedenfalls - taktisch nicht unklug - gegen ihn, ein paar andere Funktionäre auch.

Wenn da nur nicht die Kollegen im Stuttgarter Landtag wären. Die nämlich wollen ihren Experten für zionistische Angelegenheiten offenbar nicht hergeben. Am 21. Juni sollen sie über Gedeons Ausschluss aus der Fraktion abstimmen, wofür eine 2/3-Mehrheit (16 von 23 Stimmen) notwendig ist. Bei einer Probeabstimmung kam man aber nur auf 10 Stimmen. Fraktionschef Jörg Meuthen richtet derweil aus, Antisemitismus habe in der AfD keinen Platz. Und weil das so ist, muss er extra noch eine Drohkulisse aufbauen: Wenn Gedeon nicht fliegt, geht er selbst.

Glücklicherweise ist bis zum 21. Juni allerdings noch genug Zeit für weitere Stunts dieser Art. Gedeon selbst, der gerade sein Wahlkreisbüro einrichtet, wittert jedenfalls eine "Kampagne." Darüber hinaus stellt er fest, er sei kein Antisemit, sondern nur Antizionist. Schuld sind die Medien. Also die Zionisten.

Parallel dazu macht Partei-Kollege Rottmann, der bei der Antisemitismus-Diskussion im Landtag im "I love Israel" Leiberl auftrat, mit einer Sternstunde der Logik auf sich aufmerksam:

"Wir dürfen keinen Antisemitismus in unserer Fraktion dulden.
2.) Ich schätze in der Fraktion den Kollegen Gedeon sehr und
3.) bin ich davon überzeugt, dass wir eine Lösung finden werden.
Ich weiß noch nicht, wie diese Lösung aussieht."

Fürwahr, eine Lösung muss her. Vielleicht eine Fahrt nach Auschwitz, oder zwanzig Stunden Stolpersteine putzen? Man wird sehen. Ein anderer AfD-Abgeordneter findet außerdem, die ganze Diskussion sei "schlimmer als in der Nazi-Zeit". Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis der nächste alternative Hinterbänkler die Sophie-Scholl-Gedenkmedaille für Wolfgang Gedeon ins Spiel bringt.

Ich bin daher der Ansicht, dass die BaWü-AfD ihren professionellen Antizionisten einfach behalten sollte. Die SED-Nachfolgepartei wirft Inge Hoeger und Annette Groth - beides passionierte Matrosinnen der Gaza-Flottille - ja auch nicht aus der Bundestagsfraktion. Ehrlicher Antisemitismus ist besser als unehrlicher. Und der Wähler sollte wissen, was er bekommt, bevor er seine Bestellung tätigt. Gerade der Transparenz wegen sollte das ja wohl möglich sein. Der "Wiedergutwerdung" (Eike Geisel) zu Liebe übrigens auch.



Wer Antisemit ist, entscheiden immer noch die Antizionisten - source: http://www.wgmeister.de/



Nachtrag (15.06.2016): Einmal mehr wird die Geschichte rund um den Nicht-Antisemiten Wolfgang Gedeon um ein bedeutsames Detail bereichert. Wie sich nun herausstellt, hat der Philosoph vom Bodensee zwar keine jüdischen Freunde. Dafür hat er aber etwas viel Besseres: eine jüdische Uhr. Und das wiederum ist der unumstößliche Beweis dafür, dass er kein Antisemit sein kann. An der Uhr sollt ihr sie erkennen. Alles weitere hier, ab Minute 1.54:



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Wenn der Österreicher ohne deutsche Betreuung sein Kreuz macht

An dieser Stelle ein Geständnis: Ich habe nicht den blassesten Schimmer hinsichtlich österreichischer Innenpolitik. Streng genommen ist es mir auch ein bisschen egal. Die Österreicher, so mein Eindruck, hängen da im Großen und Ganzen mehr der Philosophie des systematischen Durchwurschtelns an. Meine Unwissenheit wiederum ist aber gar nicht schlimm. Denn in Deutschland gibt es nun nicht nur 82 Millionen Israel-Experten, sondern auch ganz viele FPÖ-Spezialisten, die mir den Ernst der Lage nachhaltig erklären.

Einen davon konnte man neulich bei Markus Lanz begutachten. Seinen Namen habe ich vergessen, seine Brötchen verdient er jedenfalls bei der "heute show" im ZDF. Im Rahmen dessen, so erzählte er bei Lanz, war er neulich in Wien. Dort traf er freilich ganz viele nette Nazis, über die man ganz viele nette Witze machen kann. Und zum krönenden Abschluss traktierte er in einem Restaurant noch ein Original Wiener Schnitzel, so dass es hinterher wie ein Hakenkreuz aussah. Darüber lachten dann alle, mit Ausnahme des Falco-Managers Hans Mahr, der einen Talk-Sessel weiter rechts (jawohl!) saß. "Da kommt wieder ein bisschen der Schnürlschuh bei euch durch", merkte er in anbetungswürdiger Weise an. Worüber natürlich niemand so intensiv wie über das Führer-Schnitzel lachen konnte.

Einen Tag später ging es mit dem Wehren der Anfänge bei "aspekte" weiter. Ein neuer Film über Stefan Zweig wurde vorgestellt, anschließend folgte bedeutungsschwangeres Talken mit der Regisseurin. Was Zweig wohl über die Situation heute gedacht hätte, mit all den Grenzen und all den starken Männern? Immerhin war Stefan Zweig ja auch ein Flüchtling. Und nun eben die Wahlen in Österreich. "Würde er Österreich wieder verlassen wollen?", fragt der Moderator. Die Regisseurin wirft ihre Stirn in Falten: "Ich finde, das ist zumindest eine berechtigte Frage. Ob Österreich, ob Deutschland neben antiislamistisch tatsächlich auch wieder antisemitisch werden könnte. Vielleicht ist Deutschland die allerletzte Bastion, die in Europa fällt." Ja, das wäre in der Tat ein hübscher Gedanke. Erst veranstalten wir Massenmord im industriellen Stil und überfallen andere Länder, heute verteidigen wir stolz unser freundliches Gesicht und nehmen nicht nur die verlorenen Seelen aus Syrien, sondern vielleicht auch bald die aus Vorarlberg und dem Zillertal auf.

Und nun lese ich gerade einen herzzerreißenden Appell aus der "Huffington Post", der ein bisschen nach der Sorte Pädagogik klingt, die wir als FPÖ-Experten unseren duseligen Nachbarn schon seit den vorangegangen Wahlen verabreichen.

"Liebes Österreich! Heute wird gewählt bei Dir. Normalerweise sind Wahlen die Feiertage der Demokratie. Doch irgendwie ist mir derzeit nicht nach Feiern zumute. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Erstmals seit langem könnte ein Rechtspopulist zum Staatsoberhaupt eines westeuropäischen Landes gewählt werden. Das Beste, was uns heute passieren kann ist, dass das Schlimmste nicht eintritt. Und das sind ziemlich beschissene Aussichten. Das sage ich nicht als Deutscher, sondern als Europäer."

Ja, so sind sie, die Deutschen. Immer in Sorge, dass die Amerikaner, die Israelis, die Briten, und nun eben auch die Österreicher irgendwas falsch machen könnten, sofern wir ihnen nicht zur Seite stehen. Und falls sich irgendwo im zweiten Untergeschoss des Unterbewusstseins doch der Verdacht rühren sollte, dass man womöglich gerade in alte Muster zurückfällt, dann gibt es einen fabelhaften Trick: Man belehrt nicht mehr als Deutscher, sondern als Europäer. Was die anderen Europäer dazu sagen, ist schließlich egal. Und was die Österreicher von den Deutschen, pardon, Europäern unterscheidet, ist vor allem eines: Sie nehmen diese Wahlen offenkundig bei Weitem nicht so ernst wie wir.

Insofern bleibt nur noch ein dringender Appell an meine Landsleute: Bitte nicht nach 17 Uhr in Wien einmarschieren, auch wenn die Küche dort noch so verlockend ist. Die Österreicher kriegen das mit dem Kreuz und dessen Folgen auch allein hin. Ganz bestimmt.


Bleibt bezaubernd, egal wer einzieht: die Wiener Hofburg
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Ein i,Slamistisches Gedicht für Manuela Schwesig

 

Manuela Schwesig und die jungen i,Slamisten – von Poesie gegen Israel und Dichtern im Dienste der Demokratie

Schon länger spekuliert man hierzulande gern und leidenschaftlich darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dabei ist die Frage völlig überflüssig. Es wäre höchstens interessant, zu wissen, ob der Islam zu Deutschland gehören will. Davon abgesehen ist er aber längst angekommen und besetzt emsig jede sich auftuende Nische. In Berlin ereignet sich jedes Jahr die Islam-Konferenz. Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, findet in jeder zweiten Talk-Show statt. Und während in Baden-Württemberg staatlich geförderte Initiativen dafür Sorge tragen, dass Muslime mehr Sport treiben, existiert im Rest des Landes kaum ein Tausend-Seelen-Ort, in dem noch kein Dialog der Religionen geführt wurde.

In Sachen Eventmanagement & PR ist der Islam folglich ein Multitalent. Eines seiner schönsten Projekte ist dabei schon vor ein paar Jahren entstanden und ebenfalls in Berlin beheimatet. Es nennt sich „i, Slam“ und steht für einen Poetry Slam, der exklusiv auf islamische Bedürfnisse zugeschnitten ist. Schließlich habe es an einer Plattform gefehlt, wo junge Muslime in erster Linie mit „ihrer muslimischen Identität“ auftreten können, wie die Gründer des Projekts betonen. Und weiter:

„Ziel ist es, jungen und talentierten Muslimen eine Chance zum Texten zu ermöglichen. Grundsätzlich wollen sie sich nicht von anderen Gruppen abheben, kritisieren jedoch Poetry-Slams in Bars. „Viele andere Slammer haben sexistische und blasphemische Beiträge. Wir wollen nicht auf diese Weise artikulieren“, erklärte Mitorganisatorin Furat Abdulle.“

Nachdem der haram-Slam allerdings auch sonst zu sündhaft ist, wird bei den i,Slamisten freilich kein Alkohol ausgeschenkt. Im Gegensatz zum Poetry Slam für Normalsterbliche winkt dem glücklichen Sieger folglich kein Freibier, sondern „eine Kaaba-Miniatur und Wasser des heiligen Brunnens Zamzam in Mekka, abgefüllt in PET-Flaschen“.

Wie Manuela Schwesig und die i,Slamisten Demokratie leben

Eine famose Idee also, die dringend Schule machen sollte. So oder so ähnlich scheint es auch Familienministerin Manuela Schwesig ergangen zu sein, als sie zum ersten Mal von den i,Slamisten Wind bekam. Denn nun gibt es nicht nur den „i,Slam“, sondern auch den „i,Slam Kunstwettbewerb für sozial- und gesellschaftskritische Kunst“. Und zwar mit freundlicher Unterstützung des Bundesfamilienministeriums, das an dieser Stelle durch die staatliche Initiative „Demokratie leben“ als Mäzen auftritt. „Demokratie leben“ wiederum ist ein Programm des Familienministeriums, das „die Zivilgesellschaft im Kampf gegen demokratiefeindliche und menschenverachtende Tendenzen in unserem Land stark machen“ will.

Familienministerin Schwesig jedenfalls, die als Schirmherrin des Wettbewerbs wirkt, ist schon jetzt ganz aus dem Häuschen: „Mit Kunst kann auf Missstände und Probleme in unserer Gesellschaft hingewiesen werden. Gleichzeitig kann Kunst dabei helfen, Brücken zu schlagen und Vorurteile abzubauen. Mit Kunst etwas bewegen – das ist das Ziel von i,Slam. Mitmachen lohnt sich, denn der Wettbewerb gibt euch eine Stimme. Als Schirmherrin freue ich mich auf eure Beiträge.“

Über die „gesellschaftskritischen“ Einsendungen ist bislang zwar noch nichts bekannt. Ein Blick auf die vergangenen Gedichte, die es zu „i,Slam“ schafften, rechtfertigt die Schwesig’sche Vorfreude allerdings durchaus. Mal geht es um Diskriminierung, mal um Islamophobie, mal um das Kopftuch, und manchmal sogar um Diskriminierung durch islamophobe Mitmenschen, die das Kopftuch nicht so klasse finden.

Worum es dagegen nicht geht, ist Kritik an Göttern jeglicher Art, vor allem aber dem eigenen. „Wir wollen keine Kraftausdrücke oder Beleidigungen“, so die „fünfte Säule des i,Slam“. „Der Respekt vor den Religionen muss gewahrt werden“, betonen die Gründer. Aus diesem Grund beschäftigt „i,Slam“ auch einen „theologischen Berater“, der dafür Sorge trägt, dass bloß keine Blasphemie auf die Bühne gelangt. Denn im Gegensatz zu konventionellen Poetry Slams werden die Beiträge bei „i,Slam“ schon vorab von den Initiatoren gelesen und auf Spuren von Gotteslästerung überprüft.

Wer Teil von etwas sein will, sollte nicht ständig das Trennende betonen

Nun ist es freilich überaus legitim, die eigene Bühne „sauber“ halten zu wollen. Auch gegen das Ansinnen, dort Zeichen gegen Islamophobie zu produzieren, ist nichts einzuwenden. Genauso wenig wie gegen die Absicht, unter sich bleiben zu wollen und die eigene Gruppenzugehörigkeit demonstrativ zu betonen. Bloß sollte man sich eben nicht wundern, wenn das nicht-muslimische Umfeld sich ein wenig schwer tut, eben diese Gruppenzugehörigkeit im täglichen Miteinander auszublenden. Wer Teil von etwas sein will, sollte nicht ständig das Trennende betonen – es sei denn, er möchte doch getrennt leben.

Ansonsten existiert in der Bundesrepublik weder ein Gesetz noch eine Religion, die zur Beleidigung von Göttern verpflichten. Gleichzeitig ruiniert Blasphemie in säkularen Gesellschaften eben nicht die eigene Existenz. Freiheit bedeutet, sich freiwillig zur Schonung von Göttern zu verabreden, ohne anderen dasselbe übelzunehmen. Wenn sich aber junge Muslime auf ein striktes Blasphemie-Verbot einigen, während aufgrund von Mohammed-Karikaturen Botschaften brennen und französische Karikaturisten im Namen Gottes sterben müssen, dann wird es mit dem Label „Demokratie leben“ etwas schwierig.

Von derlei Kleinigkeiten abgesehen sind die i,Slamisten allerdings perfekt integriert. „Der i,Slam soll ein sauberer Slam sein“, sagen sie. Es sei denn, es geht um Juden. Dann darf es ruhig auch mal ein wenig schmutzig werden. Oder eben auf „Missstände hingewiesen“ werden, wie Manuela Schwesig so schön sagt. Und einer dieser Missstände befindet sich bekanntlich zwischen Mittelmeer und Jordan. Von „dreckigen Zionisten“ war etwa bei einem Poesie-Abend in Braunschweig die Rede, wo auch der i,Slam-Mitarbeiter Ilhan Hancer den durchaus geistreichen Vergleich prägte: „Was ist der Unterschied zwischen Juden und Muslimen? Die Juden haben es hinter sich.“

Die i,Slamisten beleidigen niemanden – nur bei Juden machen sie eine Ausnahme

Da also mit den Zionisten wirklich keine Brücken zu bauen sind, wurde anlässlich des Gazakriegs im Sommer 2014 gleich ein neues Format begründet: ein sogenannter „street slam“ nämlich, also spontane Poesie auf offener Straße, der unter dem Motto „Dein Wort gegen das Unrecht!" in mehreren deutschen Städten inszeniert wurde. Um das Leid in Gaza ging es, um die zionistischen Schandtaten und weitere Aspekte, die die PR-Abteilung der Hamas sicherlich dankbar zur Kenntnis nähme, wenn sie darum wüsste.

Bei der Gelegenheit ganz vorne dabei: die deutsch-palästinensische Dichterin Faten El-Dabbas, die nicht nur den Islamischen Staat mit Israel gleichsetzt, sondern vielmehr den IS als Produkt des Mossads enttarnt hat. Seit 2012 gehört sie zum Kern von i,Slam. Wenn sie nicht gerade die Berliner Mauer mit der in Israel vergleicht, spricht sie über das vermeintlich vergessene Drama der Nakba, trifft sich mit dem hauptberuflichen Israelkritiker Martin LeJeune oder trägt ihre Gedichte bei SPD und Grünen vor. In den Genuss eines ihrer Meisterwerke kam man etwa im November 2014 im Berliner Willy Brandt Haus. Um ihren Trip nach „Palästina“ drehte es sich, besonders aber darum: „Ich plane Reise für Reise bis ich deine Befreiung erreiche!" Ein eleganter Euphemismus für den Wunsch, die Juden ins Meer zu treiben. Und weiter:

„bitte schenk meiner Hoffnung Raum, schenk meiner Hoffnung Raum,
so viel Raum
dass Grenzen verwischt werden
und sich Mauern in Luft auflösen
Siedlungen in Luft auflösen
Soldaten in Luft auflösen
Panzer in Luft auflösen
F16-Raketen in Luft auflösen!
Bis die Unmenschlichkeit nicht mehr hinter Mauern hallt, sondern in sich zerfällt,
weil dein Henker dein Todesurteil nicht mehr fällt.
Weil es dann einen Richter gibt, der über deinen Henker richtet,
weil es dann Gerechtigkeit gibt, die den Plan deines Henkers vernichtet.
Weil es dann nichts mehr gibt,
was meiner
Rückkehr für immer im Weg steht“

Fürwahr, auf diese Weise werden gleich jede Menge Vorurteile abgebaut. Vor allem aber das Gerücht, wonach Deutschland ein islamophober Staat sei. Natürlich ist es den jungen Poesie-Talenten unbenommen, den Wunsch nach der Zerstörung Israels in Versform zu verpacken. Aber dafür auch noch Steuergeld zu investieren, und zwar im Rahmen einer Initiative, die jeglichen „Ideologien der Ungleichwertigkeit“ entgegentreten will – diese Gabe beansprucht Deutschland ganz für sich allein. Offenkundig gehört eben nicht nur der Islam, sondern auch seine charmante Version der in Deutschland populären Israelkritik dazu.

Darauf ein Glas heiliges Mekka-Wasser!

Viele potentielle i,Slamisten bei der Arbeit (Pro Gaza Demonstration in München, Juli 2014 - © J. N. Pyka)


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Dinge, die Sie der Friedrich-Ebert-Stiftung lieber nicht anvertrauen sollten

Das Leben ist nicht fair. Vor allem nicht gegenüber Mitarbeitern der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Je 19,5-prozentiger die SPD, desto tiefer sinkt auch das Stimmungsbarometer in der Stiftung. Was also tun? Wer sind wir, und wenn ja, wie lange noch? Die Mitarbeiter der FES gerieten ins Grübeln. Eine knackige Idee musste her, schließlich ist ja bald Wahlkampf. Soziale Frage? So 19. Jahrhundert. Mal wieder das Kostüm der klassischen Arbeiterpartei aus dem Speicher holen? Nein, es müffelt zu sehr. Was mit sozialer Gerechtigkeit vielleicht, Schere, Kluft und Graben? Jawohl, grandiose Idee, läuft immer! „Lass uns gleich eine Umfrage in Auftrag geben!“, schlug der eine FES-Mitarbeiter vor. Und der andere bemerkte, es sei vielleicht nicht schlecht, Fragen zu stellen, die schon in jeder Talkshow auftauchen. Man müsse den Bürger schließlich dort abholen, wo er gerade steht. Zwar gibt es dieser Tage keine „einfachen Lösungen“. Aber die einfachen Fragen von infratest, die sind zum Glück noch im Angebot.
 
Schon bald glühten die Drähte. 2000 Menschen wurden eingehend befragt, ob die soziale Ungleichheit zu groß sei und was sich dagegen unternehmen ließe.
 
Nun weiß ich ja nicht, wie es Ihnen geht. Aber wenn man mich mit derlei Fragen belästigen würde, dann gäbe es nur eine vertretbare Antwort: Alles super und total gerecht. Das wäre zwar komplett gelogen. Tatsächlich empfinde ich es beispielsweise als zutiefst ungerecht, dass Wolfgang Schäuble sich derzeit mit 42 Milliarden Überschuss vergnügt, ohne auf die Idee zu kommen, mir wenigstens einen Bruchteil meines Geldes wieder zurückzugeben. Und den Umstand, dass junge Erwachsene dank Mindestlohngesetz erfolgreich um ihre Praktika und damit um ihre Chancen gegenüber der globalen Konkurrenz gebracht werden, erachte ich auch nicht gerade als Inbegriff von Fairness. Aber wie gesagt, nichts davon würde ich der Telefonistin von infratest anvertrauen. Viel zu groß wäre meine Angst, dass nur der erste Teil meiner Antwort – ja, es gibt Ungerechtigkeit – in Richtung FES gekabelt würde und man sich dort ermutigt fühlen könnte, weitere Gesetze und Maßnahmen zwecks neuer Ungerechtigkeiten zu ersinnen.
 
Darum halte ich mich sicherheitshalber bedeckt. Anders als die 82% der Befragten, die die soziale Ungleichheit zu groß finden, und anders als die 76%, die angesichts dessen eine sehr originelle Lösung – Vermögen stärker besteuern – in den Mund gelegt bekamen.
 
Bei der FES hingegen knallen derweil die Prosecco-Korken. Hurra, die kleinen Männer fühlen sich ungerecht behandelt! Endlich haben wir wieder was zu tun. Das Gehalt ist sicher. Nicht auszudenken, wo wir hinkämen, wenn eine Mehrheit nicht mal mehr Spuren von Ungerechtigkeit verspürte. Denn der Sinn von Politik ist ja nicht zwingend, Probleme zu lösen. Ab und an muss man Probleme auch hegen und pflegen, um nicht selbst überflüssig und folglich arbeitslos zu werden. „Most of the energy of political work is devoted to correcting the effects of mismanagement of government”, hat Milton Friedman mal angemerkt. Aber rund um die FES würde man lieber Mindestlohn beziehen, anstatt ketzerische Schriften wie “Kapitalismus und Freiheit” zu lesen.

Und so erfreut man sich an der hohen Nachfrage nach sozialer Gerechtigkeit und der gefühlten eigenen Relevanz. Denn die befragte Mehrheit findet Deutschland ja nicht nur ungerecht. Sie findet folglich auch, dass Politiker, Stiftungsmitarbeiter, Armutsforscher und Social Justice Beauftragte noch viel mehr zu tun haben sollten. Die Rechnung für derlei Aktivitäten begleicht ja der Vermögende - oder zumindest fühlt es sich so an. Und spätestens dieser Stelle lacht das Sozen-Herz dann wieder. Braves Volk. Gut gemacht und noch besser geantwortet, kleiner Mann. Weiter so!
 
 
Soziale Ungerechtigkeit: https://www.youtube.com/watch?v=2TxYNYpicXM
 
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Die Protokolle des AfD-Weisen vom Bodensee

Wer in Deutschland etwas auf sich hält, benötigt derzeit dringend eine klare Meinung zur AfD. Besser wäre noch eine klare Kante, aber notfalls tut es auch die Sorge vor einem neuen 1933. Mein Problem ist nur folgendes: Mir ist die AfD tatsächlich vergleichsweise egal. Ich finde sie nicht sympathisch, aber auch nicht 1933. Vielmehr halte ich sie für ein klassisches Symptom der bipolaren Störung, der dieses Land hin und wieder frönt. Abgesehen davon sieht sie mir wie ein recht sozialdemokratischer Verein aus, der sicher viel Freude am Umverteilen fremden Geldes fände – nur eben in die andere Richtung. Mehr für die siebenköpfige Familie und den lokalen Bauern, weniger für den Oberstudienrat, der ein Elektroauto kaufen möchte. Ob der Kapitalismus aber nun von links oder eben von rechts angegriffen wird, ist letztlich auch schon egal.

Darum grenzt es an Zufall, dass ich mich jüngst auf der Website des frisch gewählten AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon aus Konstanz verirrte. Früher protestierte er gegen den Vietnamkrieg, anschließend wirkte er als Arzt. Als Rentner verfasste er Bücher über den „grünen Kommunismus und die Diktatur der Minderheiten“, heute sitzt er im Stuttgarter Landtag und jagt flammende Manifeste durch den internen AfD-Verteiler. Denn Gedeon gibt sich gar nicht erst mit Kleinigkeiten wie dem Ruf des Muezzins ab. Ihm geht es um das große Ganze, die Amerikaner, die Russen, den Islam, das Battle um die Weltherrschaft. "An diesen Fragen wird sich das Schicksal Deutschlands und Europas entscheiden", betont er.

Im Vorzimmer einer russischen Botschaft

Dabei hat er vor allem ein Herz für Russland. Dass sein Resolutionsentwurf beim Parteitag in Erfurt (2014), der neben einer Aufhebung der Russland-Sanktionen auch eine Distanzierung von den USA vorsah, nicht in Gänze übernommen wurde, tut dem freilich keinen Abbruch. Besucht man seine Website, fühlt man sich zwar nicht wie im Kreml. Aber für eine Vorstellung davon, wie es im Vorzimmer einer russischen Botschaft zugeht, genügt es durchaus. Denn der badische Experte für Auswärtiges weiß schließlich ganz genau, woran die globale Gemeinschaft so krankt. Syrien, Ukraine, Libyen – überall hat der Ami seine Finger im Spiel, der "eine interventionistische Strategie [kultiviert], die das zivilisatorische Modell der Vereinigten Staaten mit indirekter („Farbrevolutionen“, innenpolitisch inszenierte Putschs à la Maidan) und auch direkter Gewalt (Afghanistan, Irak, Libyen usw.) der restlichen Welt überzustülpen versucht".

Doch damit nicht genug. Auch Deutschland könnte bald eine derartige „Amerikanisierung“ drohen, zählt unsere Heimat doch neben Russland zu einem der größten Konkurrenten der USA: "Um ihre geopolitische Supermachtposition zu behalten, müssen die US-Amerikaner verhindern, dass Europa und Russland zusammenwachsen." Zu diesem Zweck hätten die USA auch die Maidan-Revolution angezettelt: nämlich um so einen Krieg zwischen Europa und Russland zu provozieren, in dessen Rahmen sich "zwei ihrer drei größten Konkurrenten gegenseitig zerfleischen" würden.

Nun ist den Amerikanern bekanntlich vieles zuzutrauen. Wenn sie uns nicht gerade toxische Chlorhühner unterjubeln wollen, überfallen sie in Dauerschleife fremde Länder und produzieren Reibereien am laufenden Band. Laut Gedeon sind das aber nicht deren einzige Kompetenzen. Auch auf die Organisation von Flüchtlingswellen sind sie spezialisiert. "Die USA wollen Europa und vor allem Deutschland über die nicht zu bewältigende Massenzuwanderung destabilisieren und so einen geopolitischen Konkurrenten ausschalten."

„Unser größtes politisches Problem sind die USA und die maßlose US-Hörigkeit der deutschen Politik“

So langsam wird es also eng für die Deutschen. Die Amerikaner an der Gurgel, die Zuwanderer vor der Tür, wobei die einen ja das andere verursacht haben. Da ist es gut, dass wenigstens Wolfgang Gedeon nicht nur den Überblick, sondern auch einen Plan hat. "Wir brauchen jetzt mehr Russland", fordert er, und dafür weniger USA sowie weniger "US-Hörigkeit der deutschen Politik". Denn die sei „unser größtes Problem“.

Allmählich finde ich Gefallen an der alternativen Gedankenwelt vom Bodensee. Zwar habe ich nichts gegen "Atomwaffen in der Eifel bis hin zur amerikanischen Überwucherung unserer Sprache" – zumal sein Faible für karzinogene Metaphern ja auch nicht gerade Literaturquartett-verdächtig ist. Und inwiefern im achten Jahr der Obama-Ära von amerikanischem Interventionismus die Rede sein kann, ist mir auch nicht ganz klar. Aber ich mag es, wenn der jammernde Deutsche die Bühne betritt, um dort über sein Dasein als Opfer der Geschichte und fremder Mächte zu referieren.

Dennoch beschließe ich, es dabei zu belassen. Jeder hat so seine roten Linien. Fast hätte ich die badische Kreml-Filiale auch wirklich verlassen, wäre ich da nicht noch über Gedeons Ansichten zu TTIP (er präferiert übrigens eine "Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok") gestolpert:

"Amerikanische Krankenhausgesellschaften, Fracking-Firmen, Monsanto (Genmais) usw. stehen in den Startlöchern und wollen Europa und seine Zivilisation noch mehr amerikanisieren. Nicht zuletzt sollen die europäischen Regierungen und ihre Steuerzahler über private Schiedsgerichtsbarkeit dem Würgegriff New Yorker Anwaltskanzleien ausgeliefert werden.“

Nun hört man Ähnliches auch öfter von Sahra Wagenknecht. Nur frage ich mich, wieso es ausgerechnet der „Würgegriff“ sein muss, den doch sonst nur die Juden im Programm haben. Auch die Ostküste macht mich stutzig. Können Kanzleien aus Idaho und Alaska etwa nicht klagen?

„Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam“

Ich werfe nochmal einen Blick auf Gedeons gesammelte Werke. Dort stoße ich auf eine 1.800-seitige Trilogie aus dem Jahr 2009, die den Titel "CHRISTLICH-EUROPÄISCHE LEITKULTUR - Die Herausforderung Europas durch Säkularismus, Zionismus und Islam" trägt. Ein sagenhaftes Motto, wenn gleich mir nicht ganz einleuchtet, inwiefern die jüdischen Bestrebungen, einen eigenen Staat zu gründen, Wolfgang Gedeon, dessen Nachkommen und alle weiteren Deutschen bedrohen. Auch der Säkularismus ist ja eher nicht dafür bekannt, seine Anhänger in den Tod zu schicken und Bürgerkriege anzuzetteln.

Interessiert lese ich weiter und erfahre, worum es Wolfgang Gedeon eigentlich geht. Was ihn besonders mitnimmt, ist der vermeintliche Niedergang des Christentums. Durch das II. Vatikanische Konzil nämlich hätte die katholische Kirche "einen Rückfall in den Judaismus eingeleitet und damit dem Vordringen von Säkularismus, Zionismus und Islam geistig die Tore geöffnet". Und das geht natürlich gar nicht. Denn gerade der Zionismus, so steht es zumindest im zweiten Band über „Geschichte und Verschwörungspolitik“, sorge ständig für Ärger:

„Der Zionismus, ursprünglich eine nationalistisch-politische Bewegung des Judentums, dominiert inzwischen weitgehend das Denken des Westens. Er sorgt dafür, daß die ruhmreiche Geschichte des christlichen Abendlandes in eine Kriminalgeschichte des „Antisemitismus“ uminterpretiert wird; daß europäische Rechtsprechung, den Holocaust betreffend, immer mehr zur unsere Rechtskultur deformierenden Gesinnungsjustiz gerät; daß schließlich Auschwitz zum neuen Golgatha gemacht wird und ein allgegenwärtiges Holocaust-Gedenken das Christentum als Leitreligion des Westens verdrängt.“

Aber es kommt noch schlimmer. Im dritten Band nämlich begegnet mir wieder der gute alte Amerikaner, nun auch „US-Globalismus“ genannt, dessen Rolle (Erlangung der Weltherrschaft) ich schon aus Gedeons anderen Abhandlungen kenne. Zu diesem Zweck allerdings, so der AfD-Abgeordnete, paktieren die USA auch noch ausgerechnet mit dem Zionismus. Spätestens an dieser Stelle fällt auf, wie dumm es für die Deutschen offenbar wirklich gelaufen ist: Erst werden sie beim Betreiben von Gaskammern erwischt, und dann müssen sie sich über 70 Jahre später auch noch von den dämlichen Amis eine Gaskammer-Religion verordnen lassen.

Die Weisen von Zion und Gedeons Quellenverzeichnis

Ein weiteres Problem Gedeons ist der Gedanke daran, dass "unsere politische Klasse mit dem US-globalistischen Machtblock fest zusammengewachsen ist" und parallel "zionistische Politik betreibt". Das erkenne man vor allem an der Unterstützung, die die deutsche Regierung dem bevorstehenden „Angriffskrieg“ Israels gegen den Iran entgegen bringe. „Dass Israel Atomwaffen hat, die anderen aber nicht, und Israel damit seine Nachbarn nach Belieben unter Druck setzen und erpressen kann“, raubt dem Abgeordneten offenkundig den Schlaf. Mehr noch als die „Freiluftgefängnisse“ in den palästinensischen Gebieten, die „Exekutionen“ in Gaza und  der „Dschihad“ Israels gegen die Araber zusammen. Darum gibt es für den AfD-Mann aus Konstanz auch nur eine Konsequenz: ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren gegen Angela Merkel wegen „Unterstützung eines Angriffskriegs“. Aber presto!

Daneben macht sich der Zionismus auch noch anderweitig bemerkbar.  Zum Beispiel im Rahmen der „Kampagne“ gegen Missbrauch in katholischen Schule etwa, mittels derer "schließlich das gesamte Christentum niedergemacht und ausgeschaltet" werden soll. Dass dahinter niemand Geringerer als der Zionismus stecken kann, belegt Gedeon dann auch gleich anhand einer äußerst validen Quelle:

„Das ist die freimaurerisch-zionistische Strategie, wie wir schon in den so sehr angefeindeten Protokollen der Weisen von Zion nachlesen können: „Mit der Presse in der Hand können wir verkehren Recht in Unrecht, Schmach in Ehre. Wir können erschüttern die Throne und trennen die Familien. Wir können untergraben den Glauben an alles, was unsere Feinde bislang hochgehalten …..“"

Ja, so sind sie eben, die Zionisten. Immer für eine Verschwörung gut, gerne auch mal in Kooperation mit anderen dunklen Mächten. Da ist es beruhigend, dass es noch tapfere Landtagsabgeordnete wie Wolfgang Gedeon gibt, die sich dem entgegenstellen. Zum Beispiel auf dem AfD-Parteitag in Stuttgart, wo der AfD-Mann wieder alles geben wird, um eine Transformation Europas hin zu "einem zionisierten Euramerika oder einem islamisierten Eurasien" zu verhindern. Die „Protokolle“ hat er in seiner Programm-Alternative, die er beim Vorstand eingereicht hat, zwar leider nicht zitiert. Aber vielleicht wird er im Stuttgarter Landtag einmal Gelegenheit dazu haben.



Endstation Barbecue: Gottlose Amerikaner beim Anzetteln neuer Kriege (© J. N. Pyka)


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.

Siehe auch: Das Wunder von Stuttgart: Wolfgang Gedeon und der Antisemitismus der Anderen (12.06.2016)
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Warum der Islam Tinder und ElitePartner braucht


Bei Frank Plasberg wurde neulich darüber spekuliert, ob der Islam ein Gewaltproblem hat. 75 Minuten später einigte man sich dann auf ein ausdrückliches „jein“. Denn natürlich ist es schwer zu beurteilen, inwiefern der Islam und seine vielen Doppelgänger tatsächlich unter der sie umgebenden Gewalt leiden - oder sie nicht womöglich doch vergleichsweise in Ordnung finden. Dabei wäre es eigentlich ziemlich egal, woran es dem Islam so fehlt, solange er nur eine Art Sadomaso-Club unter den Religionen wäre. Eine Einrichtung also, deren Angehörige sich in gegenseitigem Einvernehmen die Hölle heiß machen.

So allerdings existieren jede Menge anderer Gruppen, die tatsächlich ein Problem mit dem Islam haben, aber eben leider nicht mehr an einen Talk-Tisch passen. In der Islamischen Republik Iran leiden Frauen unter islamischer Rechtsprechung, die ein Vergewaltigungsopfer zum Tod durch den Strang verurteilen, wenn es sich gegen seinen Peiniger wehrt. Im Islamischen Staat hat man als „Ungläubiger“ oder als westlicher Journalist ebenfalls keine guten Karten (es sei denn, man sieht aus wie Jürgen Todenhöfer). Auch in Israel macht sich der Islam ab und an bemerkbar, etwa durch palästinensische Raketen im Vorgarten. In deutschen Vorgärten hingegen sieht man ihn zwar noch nicht - dafür zeigt er aber in Berlin-Neukölln oder Duisburg Marxloh schon recht zuverlässig sein freundliches Gesicht. Und in deutschen Flüchtlingsheimen lernt jeder den Islam hautnah kennen, sofern er über eine Bibel verfügt.

Die viel spannendere Frage wäre also nicht, ob der Islam ein Gewaltproblem hat, sondern was man unternehmen könnte, damit er anderen keine Probleme mehr bereitet. Aber bevor es soweit kommt, müssen erst einmal andere Dinge geklärt werden. Zum Beispiel diejenigen Dinge, die alle nichts mit dem Islam zu tun haben. Oder die Gefahren, die durch zu wenig Islam entstehen können. Denen möchte nun Katrin Göring-Eckhardt vorbeugen, und zwar durch mehr Islam-Unterricht. Immerhin leidet der Islam ja nicht nur an einem Gewaltproblem, sondern vor allem einem Verständnis-Problem.

Denn was sowohl den Terroristen als auch den Antänzer mit Migrationshintergrund eint, ist das Schicksal, den Islam mitsamt dem Koran nicht wirklich verstanden zu haben. Böse Zungen behaupten sogar, beide könnten gar keine Muslime sein. Schließlich seien Alkohol, Terror und Fehlstunden in der Moschee zutiefst unislamisch. Ein bisschen schade ist nur, dass es die betreffenden Problemgruppen eher selten zur Einsicht bewegt, wenn sie auf diese Weise von Lamya Kaddor und anderen Experten für nicht-islamische Angelegenheiten exkommuniziert werden.

Zwar ist es gut möglich, dass die Brüsseler Attentäter und die Antänzer von der Kölner Domplatte den Koran wirklich falsch interpretiert oder noch nie bis zum Ende durchgelesen haben. Aber der Islam ist eben nicht zwingend das, was im Koran steht. Der Islam ist vielmehr das, was seine Anhänger daraus machen.

Und dahingehend mutet die Bilanz aktuell nun mal nicht so umwerfend an. Der eine Teil seiner Anhängerschaft übt sich in professioneller Rosinenpickerei. Aus seinen Lehren nimmt er sich das raus, was das Leben schöner und angenehmer macht: Unterdrückung von Minderheiten, Drangsalierung von Frauen sowie Mord und Totschlag, sobald jemand einen lustigen Mohammed malt. Der andere Teil leidet darunter, oder es ist ihm schlichtweg gleichgültig. Für all die anstrengenden Dinge – Toleranz, Nächstenliebe und Debatte – ist der Islam offenkundig zu beschäftigt.

Parallel drängt sich der Verdacht auf, dass der Islam eigentlich ein ganz anderes Problem hat: nämlich eines mit Frauen. Zumindest kann es ja kein Zufall sein, dass einen Selbstmordattentäter im Paradies nicht etwa eine Villa mit attraktiver Ehefrau und Personal oder gar ein ganzer Porsche-Fuhrpark, sondern sage und schreibe 72 Jungfrauen erwarten. Auch sonst muss man sich fragen, was bei Männern schief läuft, die Frauen in Ganzkörpergewänder hüllen, weil sie sich sonst angeblich nicht am Riemen reißen können. Und abgesehen davon kann es auch gesellschaftlich nicht ganz gesund sein, wenn Familien ihren Lebensmittelpunkt zwischen die Beine ihrer Töchter verlagern.

Dass die beteiligten Frauen nichts dagegen unternehmen, liegt vor allem daran, dass jeglicher Protest lebensgefährlich sein könnte. Dass derweil jede Menge „Problem-Männer“ entstehen, ist allerdings einigermaßen nachvollziehbar. Tatsächlich könnte es sogar sein, dass viele der Probleme, die man in Neukölln, Syrien und Israel mit dem Islam so hat, zu großen Teilen mit dem schizophrenen Verhältnis der Geschlechter zu tun haben. Unterdrückte Sexualität führt zu Frustration und Aggression. Erst recht, wenn sich auf dem Smartphone oder gar vor der Haustür jeden Tag das radikale und wesentlich angenehmere Gegenmodell begutachten lässt. Und irgendwo muss dieser Frust eben hin. Da ist es gut, dass es Frauen und Minderheiten gibt, an denen man ihn auslassen kann.

Im Westen wird indes oft behauptet, junge Muslime seien vor allem deshalb frustriert, weil „wir“ diese Menschen nicht mitspielen ließen. In der Tat mag der junge Türke wütend werden, wenn es mit dem Aufstieg nicht auf Anhieb klappt. Aber der Westen bietet ihm immerhin ein Füllhorn an Möglichkeiten: vom Schulbesuch über den Bundes-Freiwilligendienst bis hin zum Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ – keine Station, zu der er keinen Zugang hätte. Dem Mangel an freier Partnerwahl und sexueller Entfaltung hingegen entkommt man nur schwer. Der nämlich wird durch die allgegenwärtige „Ehre“ meterhoch umzäunt: der Einzelne zählt nichts, die Ehre dafür alles. Diese Alternativlosigkeit kann man nur ertragen, oder vor ihr flüchten.

Vermutlich resultiert daraus auch das zweite Problem, an dem der zeitgenössische Islam leidet: sein chronischer Mangel an Verantwortungsbewusstsein. Denn Ehre und Eigenverantwortung haben in etwa so viel miteinander zu tun wie Pierre Vogel und Harald Glööckler. Wenn nur zählt, was die Community denkt oder denken könnte, dann kann es mit den eigenen Entscheidungen nicht so ganz klappen. Und wenn immer jemand da ist, der fleißig unterdrückt – der Mann die Frau, die Frau die Schwiegertochter -, muss man freilich auch nicht selbst über das eigene Fortkommen nachdenken. Westliche Ideale wie zum Beispiel das Streben nach Wohlstand verschwinden dann nicht etwa vom Radar – sie erschienen dort gar nicht erst.

Stattdessen bietet es sich an, die Verantwortung einfach auszulagern: an die USA, die Juden, die Schiiten, Sunniten und Aleviten, den eigenen Diktator, den benachbarten Diktator, oder eben an die Frau mit dem Minirock. Die Erde dreht sich weiter, die Armut wird bekämpft, der Westen prosperiert, Israel mutiert zu einem zweiten Silicon Valley – und derweil sitzt der Islam schmollend in der Ecke, verteidigt tapfer seine Ehre und gibt allen anderen die Schuld an seinem Schicksal.

Auch deshalb ist es unbestritten, dass der Islam zu Deutschland gehört. Nirgendwo sonst lässt sich die Verantwortung so einfach abgegeben wie am Eingang des örtlichen Job-Centers. Von dort aus verschwindet sie auf Nimmer-Wiedersehen im Orkus der Bürokratie und wird stattdessen durch eine freundliche Sozialarbeiterin ersetzt, die in Sachen Islamophobie und Diskriminierung auf dem neuesten Stand ist. Davon profitieren dann alle: die Sozialarbeiterin, die Familienehre und Katrin Göring-Eckhardt.

Während alle anderen weiterhin auf den Tag warten müssen, an dem der Islam endlich Tinder und ElitePartner in seine Reihen integriert.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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