Die Leiden der neuen Konservativen

Immer mehr Konservative haben immer weniger mit den Ideen zu tun, für die sie einstmals standen. Stattdessen klingen sie nicht nur wie Rudi Dutschke – sie übernehmen auch zunehmend Marotten des weltanschaulichen Gegners von links. Sie haben keine Ahnung, wofür sie sind, wissen stattdessen aber ziemlich gut, wogegen. Im Zuge dessen verbrüdern sie sich mit jedem, solange er nicht Merkel heißt, dafür aber gut „Merkel muss weg!“ rufen kann. Zurück bleibt nicht nur eine intellektuelle Leerstelle, in der sich die Ränder entfalten, sondern auch die Frage, ob der Konservatismus bloß einen Stresstest durchlebt oder durch einen Populismus sozial-nationalistischer Couleur ersetzt wird.
 
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In gewisser Hinsicht ist Donald Trump ein Genie. Mit Blick auf seinen neuen Job muss er zwar noch ein wenig üben. Das Krankenversicherungssystem überfordert ihn ebenso wie die Gewaltenteilung. Ohnehin scheint Politik im Allgemeinen nicht unbedingt sein Spezialgebiet zu sein. Und doch hat er es geschafft, in ihm völlig unbekannten Gefilden nichts Geringeres als eine kleine Revolution loszutreten. Denn seit seinem Debut auf der politischen Bühne ist von der „Grand Old Party“ der Reagans und Bushs – immerhin die einzige konservative Partei, die es in den USA gibt - erstaunlich wenig übrig geblieben. Der amerikanische Konservatismus sieht so aus, als wäre er einem Hurrican zum Opfer gefallen. Ob der amtierende Präsident wirklich an bestimmte politische Ideen oder bloß an sich selbst glaubt, ist dabei nach wie vor ungeklärt. „America first“ bleibt allerdings unabhängig davon das Gegenteil dessen, was die GOP einst ausmachte: Protektionismus statt Freihandel, Ablehnung der Einwanderungsgesellschaft statt klarem Bekenntnis zu ihren Vorzügen, „big spending“ statt „small government“.

Sein eigenes Land hält Donald Trump im Gegensatz zu all seinen Vorgängern nicht für großartig, sondern für ein düsteres Höllenloch, das zu lange von fremden Mächten, „Globalisten“, Mexikanern, Chinesen und lästigen Europäern übervorteilt und zerstört wurde. Nur er allein könne es wieder richten, für klassisch republikanische Vokabeln wie „liberty“ und das Individuum an sich bleibt daher wenig Zeit. Lieber sind ihm Autokraten, in deren Angelegenheiten er sich freilich nicht einmischen will. Staatsführer wie Vladimir Putin etwa, in dem Trump einen „great leader“ erkannt hat und dem er stets zuverlässig zur Seite springt, wenn dessen Ehre von hinterlistigen amerikanischen Geheimdiensten beschmutzt wird. Auf die russischen Geheimdienste und Wikileaks ist ohnehin mehr Verlass. Wäre der anfangs oftmals aufgestellte Ronald-Reagan-Vergleich eine Aktie, wäre sie spätestens an dieser Stelle im Keller gelandet. Donald Trump hat nicht nur gegen die Demokraten und Hillary Clinton, sondern auch gegen das Establishment der GOP mitsamt deren intellektuellen Erbes gewonnen. Seither steht der Trumpismus unter seinen Wählern hoch im Kurs. Unklar ist, ob er den Konservatismus nur kurzfristig abgelöst hat oder langfristig ersetzen wird.

Dabei ist der Trumpismus als Idee keineswegs eine amerikanische Erfindung. Seine Wurzeln hat er in Europa, wo das antiliberale Ressentiment seit je her dankbare Abnehmer findet. Das Erfolgsrezept des Kostüm-Republikaners Trump besteht aus einer ordentlichen Portion Front National, einem Hauch Viktor Orban und je einer Prise Wilders, Strache und Farage. Und doch bewegen sich amerikanische Trends stets zuverlässig in eine Richtung: Über kurz oder lang schwappen sie immer über den Atlantik. Dementsprechend macht der Trend zum ausgeprägten Facelifting auch vor dem Terrain des europäischen Konservatismus nicht halt. Teams sortieren sich um, neue Allianzen werden geschmiedet, alte wiederum entsorgt. Auch und vor allem in Deutschland, wo die Konservativen des Konservatismus‘ ein wenig überdrüssig erscheinen. Einstmals fest in der Christdemokratie verwurzelte Unions-Mitglieder verschreiben sich pegidaesk der Rettung des Abendlands, Sympathisanten George W. Bushs werfen sich für dessen Gegenentwurf Donald Trump in die Bresche. Während vehemente Kritiker der Israel-Kritik ihr Repertoire um Kritik der Höcke-Kritik erweitern und verstaubte „Schuldkult“-Thesen aufpolieren, erkennen bürgerlich Liberale in den Dresdner Wutbürgern tapfere Widerstandskämpfer, mit denen sich durchaus eine Partnerschaft „in crime“ einrichten ließe.
 

Konservatismus trifft auf Vulgär-Konservatismus


Nun hat der Konservatismus in Deutschland freilich einen eher schweren Stand. Die Christdemokraten im Geiste Adenauers sind weitestgehend unter der Erde, Angela Merkel punktet derweil zunehmend in grünen Gegenden. Übrig bleibt die AfD, die im europäischen Vergleich wie eine Spätgeburt erscheint. Emsig bemüht sie sich um das Label „konservativ“, erreicht dabei aber höchstens den Pegel des Vulgär-Konservatismus. Zwar sind viele Menschen der Ansicht, Angela Merkel sei die beste Wahlkämpferin der AfD. Immerhin hätte sie doch rechts der Mitte ein Vakuum hinterlassen, in dem sich nun Alexander Gauland und die Seinen breitmachen und heimatlosen Christdemokraten ein kuscheliges Zuhause bieten. Diese Theorie geht allerdings nur dann auf, wenn man große Teile des Adenauer’schen Erbes zu austauchbarem Beiwerk degradiert. Die zärtliche Zuneigung gegenüber Russland, das Liebäugeln mit markt-feindlichen Instrumenten und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ zählten jedenfalls nie zu den Haupt-Zutaten der klassischen Christdemokratie. Ginge es der AfD um eine Neuauflage der 90er-Jahre CDU, müsste sie sich bloß geregelte Zuwanderung, sichere Grenzen, weniger Alternativlosigkeit in der europäischen Währungspolitik und das klassische Familienmodell auf die Fahnen schreiben.

Stattdessen bietet sie aber ein Ticket ins Abendland mit voller staatlicher Verpflegung und putinistischen Annehmlichkeiten inklusive. Kritik an der Flüchtlingspolitik und der Fokus auf innere Sicherheit sind Konsens-taugliche Verpackungen für ein Gesamtpaket, in dem sich eine Gegenrevolution zu wesentlich Errungenschaften der Moderne verbirgt. Die AfD ist kein politischer Dienstleister, der sich auf den schnöden Vertrieb bestimmter politischer Maßnahmen beschränkt. Sie ist auch keine Zweck-Partei, die explizit darauf hinarbeitet, irgendwann überflüssig zu sein. Sie übt sich vielmehr in der Rolle des Revolutionsführers, der ein ganz neues Land verspricht und dessen Währung in Gefühlen, Sehnsüchten und urdeutschen Reflexen besteht. Ihr Anliegen ist nicht der Kurswechsel, sondern der Systemwechsel.

Auf zur Revolution!


Das Problem der AfD besteht indes darin, dass ihr das „Volk“ fehlt, welches für dementsprechende Wahlergebnisse sorgen könnte. Bei Umfragewerten von rund 8% ist eine Revolution derzeit eher nicht zu erwarten. Dennoch kann sie sich auf etliche Bewohner des einstmals konservativ-bürgerlichen Lagers verlassen – denn dort greift nun ebenfalls das Revolutionsfieber um sich. Ähnlich wie unter den Republikanern hat sich auch im Terrain zwischen CDU/CSU, FDP und AfD ein Klimawandel vollzogen, der bürgerliche Ideale und Prinzipien auf wundersame Weise abschmelzen lässt. Klassische Kernthemen wie das Eintreten für einer eher schlanken Staat und die soziale Marktwirtschaft nach Ludwig Erhardt vermodern mittlerweile in den Akten. Berechtigte Kritik am Islam sowie an der Flüchtlingspolitik wiederum wurde soweit entstellt, dass sie nur noch wenig bis gar nichts mit dem ursprünglichen Kern zu tun hat. Die Fähigkeit, zwischen Problem und Krise, zwischen großer Herausforderung und Weltuntergang zu differenzieren, scheint irgendwo auf dem Weg vom Konservatismus zum Vulgärkonservatismus verloren gegangen zu sein.

Ersetzt wurde sie durch eine prickelnde Leidenschaft für Apokalypsen aller Art. Auch exotische Vergleiche stehen im Abendland hoch im Kurs: Deutschland 2017 fühlt sich wahlweise wie 1933 oder wie die DDR an, während man sich selbst die Tracht des „neuen Juden“ überwirft. Ausgehend von legitimer Kritik an linken Zeitgeisterscheinungen und großkoalitionären Fehlentscheidungen haben viele bürgerliche Stimmen irgendwann eine Ausfahrt genommen, die geradewegs in eine Sackgasse führt, in der eine Islamisierung bis morgen früh um zehn als einzig valide Zukunftsprognose gilt und Angela Merkel an allem schuld ist. Die Trennlinie zu Linken und Mittigen verläuft nicht mehr entlang unterschiedlicher Meinungen, sondern entlang grundverschiedener Wahrnehmungen der Realität. Einer Realität, die von einem Endzeitkampf gegen den Islam beherrscht wird und den Blick auf andere Bedrohungen – etwa die im Osten – vollends versperrt.

Mit Angela Merkel in der Echo-Kammer


Natürlich ist die Bundeskanzlerin keine Heilige, Kritik an ihr kein Frevel. Es gibt viele gute Gründe, ihre Politik kritisch zu betrachten - auch und vor allem aus klassisch konservativer Warte, von wo aus es etwas befremden muss, wenn die Chefin der Christdemokraten insbesondere links der Mitte populäre Ideen stibitzt. In den Sphären jedoch, in denen sich der „neue Konservatismus“ heimisch fühlt, ist Merkel-Kritik längst zu einer Kunstform mutiert, die ganz eigenen Gesetzen folgt. Die Kanzlerin, die von Linken und Mittigen schon zum „leader of the free world“ befördert wird, dient auf der anderen Seite als Projektionsfläche für alles, was auch Bürgerlichen mittlerweile Unwohl bereitet. Dazu zählt vor allem der als „dekadent“ und „wohlstandsverwahrlost“ empfundene Westen, dessen Stärken als Schwächen und dessen Schwächen als hinreichendes Argument für einen Systemwechsel gewertet werden. Gäbe es Angela Merkel nicht, die neuen Konservativen müssten sie glatt erfinden.

Nur so ist zu verstehen, warum die Bundeskanzlerin selbst an von gebürtigen Briten begangenen Terroranschlägen schuld ist. Lässt sie Asylbewerber unkontrolliert einreisen, steht die Welt kurz vor dem Untergang. Will sie Asylbewerber hingegen abschieben, überführt man sie des Opportunismus. Oder aber man stimmt einfach weiterhin einen Ton an, der so klingt, als würden nach wie vor zehntausend Menschen pro Tag die Grenze passieren. Denn der moderne Abendlandverteidiger zählt sich nicht nur zu einer besonders früh aufgewachten Minderheit unter schlafenden Deutschen. Er weiß auch bei jeder sich neu auftuenden Frage schon im Voraus, wo die Bösen und wo die Guten stehen. Eine ergebnisoffene Herangehensweise auf Basis dessen, was ist, liegt ihm oftmals genauso fern wie die Erkenntnis, dass der aufgeklärte Deutungsmarkt nicht nur „entweder oder“, sondern ebenso „sowohl als auch“ im Angebot hat.

My safe space is my castle


Und so gleichen die neuen konservativen Abendlandverteidiger immer öfter dem Zerrbild, das hysterische Linke einst mit viel Phantasie von ihnen zeichneten. Im Gegenzug borgen sie sich aber auch zunehmend Methoden und Marotten von ihrem weltanschaulichen Gegner, namentlich den Linken – Methoden und Marotten, die sie selbst ehemals leidenschaftlich aufspießten. Die Rhetorik eines Rudi Dutschkes etwa haben sie praktischerweise gleich in Gänze übernommen. Die „Umvolkung“ wiederum ist zum neuen Waldsterben geworden, unter Weltuntergang läuft nichts mehr. Wo Linke sich als Opfer des Kapitalismus, des Imperialismus oder schlicht der „Gesellschaft“ sehen, schickt man sich auch rechts der Mitte um den Opferstatus an. Der Glaube an das Individuum, das sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, hat ausgedient. Der moderne Kostüm-Konservative flüchtet derweil lieber in seinen „safe space“, von wo aus er ausgiebig sein Dasein in einer „DDR 2.0“ bejammert. Der Glaube an eine „Meinungsdiktatur“ mitsamt Bevormundung durch eine links-grüne Elite ist kein Stilmittel, sondern eine als real empfundene Option, die ihm den Schlaf raubt.

Man gruselt sich vor Frühsexualisierung an Schulen, hat aber nichts gegen den Vorschlag der AfD, „Familienkunde“ mit Fokus auf die Ehe in den Schulunterricht zu integrieren. Man empört sich über ein Fehlen objektiver Berichterstattung, fiebert aber dem (nun mehr verschobenen) Erscheinen von „Breitbart Deutschland“ - freilich ein Hort der journalistischen Objektivität - entgegen. Man legt sich für ein Ende der „politischen Korrektheit“ ins Zeug, wischt sich aber mit dem Jammerlappen die Tränchen ab, sobald Gegenwind aufkommt. Die neuen Konservativen stören sich eher weniger an Eliten oder einer „kulturellen Hegemonie“ an sich. Sie fürchten nicht Bevormundung per se, sondern lediglich Bevormundung durch die Falschen. Insgeheim träumen sie eigentlich nur selbst davon, Elite zu sein, Deutungshoheit zu beanspruchen, den Nanny-Staat zu okkupieren und anderen zu erklären, wie sie zu leben haben. Das ist selbstverständlich in Ordnung. Es hat nur wenig mit dem ur-liberalen, emanzipatorischen Reflex zu tun, den sich neue Konservative gerne ans Revers heften.

Mehr Erdogan wagen!


Überhaupt mutiert das liberale Antlitz mehr und mehr zur Staffage, hinter der sich die einstmals vergleichsweise notorische Intoleranz gegenüber allzu viel Autorität verflüchtigt. Ein Despot wie Erdogan wird sich zwar gemeinhin nicht auf sonderliche Sympathie von Seiten deutscher Neu-Konservativer verlassen können. Aber wenn er dann mal „den Richtigen“ einsperrt, kann sich das auch ganz schnell wieder ändern. Islam hin, Meinungsfreiheit her, ein „antideutscher Verräter“ wie der Journalist Deniz Yücel hat es schließlich nicht anders verdient – so der gar nicht so klammheimliche Freudentenor, der sich anlässlich Yücels Verhaftung im abendländischen Gefilde entfaltete.

Ähnlich verhält es sich mit Viktor Orban, über dessen „illiberale Demokratie“ sich schon mal hinwegsehen lässt, solange er tapfer als Posterboy der geschlossenen Grenzen und Antipode zu Angela Merkel die Stellung hält. Und auch Vladimir Putins Russland muss sich nicht vor Kritik derjenigen fürchten, die sich noch bis vor kurzem für den Universalismus der Menschenrechte aussprachen. Der Mann, der seine Nachbarn überfällt, in Syrien die Fluchtursache namens Assad unterstützt, Homosexuelle im eigenen Land drakonisch sanktioniert und allzu lästige Journalisten gelegentlich mit einer Kugel im Kopf belohnen lässt, kann sich unter Neo-Bürgerlichen auf latente bis offene Sympathie, mindestens aber auf einen großzügigen Weichzeichner mitsamt selektiver Wahrnehmung verlassen. Immerhin verteidigt er ja das Abendland vor der um sich greifenden Dekadenz westlicher Couleur. Sollten Putins Destabilisierungsversuche vollends fruchten, dürfte den konvertierten Konservativen zumindest der „Nützliche Idiot“ in Gold sicher sein.

Offenbar sind Diktatur und Autokratie eben nicht per se schlecht – zumindest nicht, solange lediglich „die Richtigen“ darunter leiden oder es wenigstens so aussieht. Linke Freunde der diktatorischen Internationalen sollten allmählich erwägen, sich warm anzuziehen: Ihre Monopolstellung im Bereich der angewandten Erbärmlichkeit scheint keineswegs mehr gesichert.

Von Trumpern, Anti-Trumpern und Anti-Anti-Trumpern


In den USA hat sich die politische Landschaft derweil rund um den Präsidenten völlig neu arrangiert. Neben den Vollblut-Trumpern, den Anti-Trumpern (beleidigte Demokraten) und den Never-Trumpern (deprimierte Republikaner) formiert sich inzwischen auch die „Anti-Anti-Trump-Front“. Ihr gehören wiederum republikanisch gesinnte Zeitgenossen an, die Donald Trump zwar nicht immer inhaltlich verteidigen können oder wollen, seine Kritiker aber noch wesentlich entsetzlicher als seine Taten finden. Das Spezialgebiet der Anti-Anti-Trumper besteht in der Kritik der Trump-Kritik. Sie kommen immer dann zum Einsatz, wenn der Präsident ins Sperrfeuer der Demokraten, der Medien, des Geheimdienst-Ausschusses oder den Trägerinnen rosa-farbiger Häkelmützen-Trägerinnen gerät. Anti-Anti-Trumper zu sein ist folglich ein Fulltime-Job, der einige anspruchsvolle Pirouetten erfordert.

Zugegebenermaßen liegen Vertreter dieser Zunft mit ihrer Kritik nicht völlig daneben, wenn sich etwa in Washington D.C. antizionistische Feministinnen mit anderen Verächtern des Westens zusammentun, um gegen den Präsidenten mobil zu machen. Und doch stellt sich nach über hundert Tagen im Amt die Frage, ob pinke Häkelmützen, beleidigte Demokraten und gelegentlich zur Parteilichkeit neigende Journalisten ein größeres Problem sind als ein Präsident, der Geheimdienst-Informationen an den russischen Außenminister weitergibt und ein eher eigentümliches Verhältnis zur Gewaltenteilung pflegt.

Anti-Anti-Trumper sind immer dann in Top-Form, wenn sie sich auf der Metaebene bewegen. Zurück in der Realität fehlen ihnen hingegen die Worte, die sie mit geschickten Ablenkmanövern ersetzen. „But her emails!“, „What about Obama?“, der Verweis auf scheinheilige Linke und „Fake News“ wären nur einige Formationen, die Anti-Anti-Trumper mittlerweile perfekt beherrschen. Nicht wenige von ihnen haben offenbar noch nicht mitbekommen, dass ihr Messias nicht mehr der „underdog“ ist und ihre Partei sich aktuell nicht in der Opposition, sondern in der Verantwortung befindet.

Kritiker der AfD-Kritik, Meister der Meta-Akrobatik


Ähnlich verläuft die Frontlinie auch in Deutschland, wo sich Donald Trump, vor allem aber die AfD und Pegida auf Profis in Sachen Meta-Akrobatik verlassen kann. Komme, was wolle, und sei es auch ein zweiter Björn Höcke, ein dritter Wolfgang Gedeon oder gar ein Händler von Nazi-Devotionalien im Bundesvorstand – „die anderen“ in Gestalt von Angela Merkel, Heiko Maas, dem „links-grünen Mainstream“, arroganten Eliten mitsamt ihrer „Lügenpresse“ sind schlimmer. Immer. Vertreter der Kritik der AfD-Kritik machen sich im Gegensatz zu Anhängern der „Alternative“ nicht zwingend deren Programm zu Eigen. Sie sind lediglich der Ansicht, dass nichts entsetzlicher oder wenigstens ebenso entsetzlich wie diejenigen sein könnte, die sie zu ihrem Feindbild erkoren haben. Die Vorstellung, sowohl einem Alexander Gauland als auch einem Heiko Maas, ebenso einer Claudia Roth wie auch einem Donald Trump mit Skepsis zu begegnen, gilt als abwegig, wenn nicht gar als Verharmlosung des Status Quo. Ähnlich wie Linke, die auf Kriminalität unter Asylbewerbern mit Verweis auf brennende Flüchtlingsheime reagieren, sind auch die neuen Konservativen nicht imstande, Kritik der AfD stehen zu lassen, ohne sie mit einem großen „aber“ zu relativieren. Die politische Auseinandersetzung verwechseln sie mit einem DFB-Pokalspiel, in dem nur eines von zwei Teams gewinnen kann.

Dementsprechend läuft der Kostüm-Konservative auch nicht zwingend selbst bei Pegida mit. Vehement verteidigt er aber diejenigen, die es tun. Schließlich würden diese ja nur auf „widrige Umstände“ – Islamisierung, Flüchtlinge, Merkel, Maas - reagieren. Eine interessante These, die man schon aus dem linken Lager kennt, wo etwa ein Islamist selten wie ein eigenverantwortlicher Mensch, sondern wie ein Mündel erscheint, das sich ja lediglich gegen die Zumutungen „der Gesellschaft“ wehrt. Wo die Linke den Arbeiter gegen den Migranten ausgetauscht hat, den es paternalistisch zu instrumentalisieren gilt, entdeckt nun der Konservatismus im „kleinen Mann“ ein Subjekt, das sich vorzüglich in die eigene Privat-Revolution einfügen lässt. 

Groß im „dagegen“, klein im „wofür?“


Im Laufe der Zeit haben zahlreiche Neu-Konservative ihre Prioritätenskala einem kompletten Relaunch unterzogen. Das Bekenntnis zum Westen, zur liberalen Weltordnung, zum Individualismus, zur transatlantischen Partnerschaft und zum Parlamentarismus ist auf die hinteren Plätze gerückt, während die Opposition zu allem, was als links gilt, ganz weit oben rangiert. Entscheidend ist mittlerweile nicht mehr die Frage nach dem „Wofür?“, sondern nach dem „Wogegen?“ - eine Strategie, die schon die Protagonisten der „Konservative Revolution“ in der Weimarer Republik anwandten und damit das Klima schufen, in dem sich die Nationalsozialisten entfalten konnten. Im Zweifel verbrüdert man sich heute mit jedem; Hauptsache, er heißt mit Nachnamen nicht Merkel und kann stattdessen gut „Merkel muss weg“ rufen. Legitim ist dabei alles, was „die Richtigen“ ärgert. Eine praktische Devise, die theoretisch auch eine Allianz mit Holocaust-Leugnern und National-Bolschewisten ermöglicht.

Überhaupt hat der neue Konservatismus ein wenig vergessen, wofür er einstmals stand. Seiner Kritik das Eigene gegenüberzustellen, ist ihm zu lästig geworden. Kritik am Islam etwa bedeutet für ihn nicht mehr zwingend Kritik an einer Ideologie, die das Individuum verachtet und mitunter gewaltsam zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet. Stattdessen mutiert sie zu einem Rundum-Wohlfühlpaket, in dem sich breit angelegte Kritik an der Moderne verbirgt. Liberale Gesellschaften gelten dem Abendland-Verteidiger per se als zu schwach. Deren Ringen um Balance zwischen Freiheit und Sicherheit interpretiert er als dekadentes Hobby einer abgehobenen Elite. Dem politischen Islam werden nicht mehr die Errungenschaften des Westens, der Individualismus und die Freiheit an sich entgegengestellt, von denen bekannt ist, dass sie am Ende noch immer gesiegt haben. An die Überlegenheit des Bikinis gegenüber der Burka glaubt der neue Konservatismus gar nicht erst. Seine Prinzipien hat er indes liebevoll durch Fatalismus und Kulturpessimismus ersetzt. Wichtiger als kleine Schritte hin zum Positiven sind ihm sein Feindbild und ausgiebiges Recht-haben um jeden Preis.

 

„Gegen links“ ist das neue „konservativ“


Dem weltanschaulichen Gegner setzt der jammerdeutsche Konservative nun bevorzugt eine üppige Portion Nihilismus entgegen. Man ist nicht mehr gegen links, weil links als teilweise wenig progressiv, stattdessen aber als latent autoritär und anti-aufklärerisch entlarvt wurde. Man ist nicht mehr gegen links, weil Linke den eigenen Idealen diametral gegenüber stehen – zumal deren Steckenpferde ja ohnehin schon in den eigenen Stall integriert wurden. Im Grunde ist man nur noch deshalb gegen Linke, weil sie eben links sind. Und damit erstmal automatisch für alles, was Linke an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt. „Gegen links“ ist das neue „konservativ“. Der Kampf gegen links dient keinesfalls einem höheren Zweck, sondern mutiert allmählich zum Zweck an sich. Zu einem imaginären Endzeitkampf, der nicht der Verteidigung eigener Werte, sondern bloß der Abwehr gilt.

Die Protagonisten des Vulgär-Konservatismus beeindrucken im Zuge dessen vor allem durch moralische Flexibilität. Fraglich bleibt daher auch, inwiefern ihr einstiges Bekenntnis zu bestimmten Idealen überhaupt jemals ernst zu nehmen war, oder aber lediglich ein nice-to-have darstellte, das zur gegebenen Zeit als brauchbar, generell jedoch als austauschbar galt.

Nun scheint es ein grundlegender Betriebsfehler des Menschen zu sein, dass er sich stets leichter gegen als für etwas mobilisieren lässt. Die Irrungen und Wirrungen zwischen Mitte und rechten Grenzgebieten zeugen allerdings nicht bloß von einer ideellen Kernschmelze. Sie bieten darüber hinaus auch den Ideologen, die an den Rändern aktiv sind, den notwendigen Sprit. Denn diejenigen, die hinsichtlich des „Wofürs“ klare Vorstellungen haben, wissen ziemlich gut, wie sie sich das Unmutspotential der nicht mehr ganz so konservativen Grenzgänger zunutze machen. Was zwischen den Grenzen als pessimistische Hoffnungslosigkeit daher kommt, haben die Steven Bannons und identitär Bewegten schon etwas länger zu Ende gedacht. Wo der neue Konservatismus gegen die Dekadenz des Westens polemisiert und den Kampf gegen den politischen Islam schon als verloren gegangen bewertet, öffnen sich die Türen hin zum Widerstandsgedanken und zum Systemwechsel, auf den die Ränder hinarbeiten. Der jammerdeutsche Abendlandverteidiger avanciert zum nützlichen Idioten der Radikalen, die bislang bloß davon träumten, ihre Ideen im bürgerlichen Spektrum verankern zu können.

Was vom Konservatismus übrig bleibt


Zurück bleibt die Frage nach dem Konservatismus an sich und seinen ideellen Überresten; ob er nur einen Stresstest absolviert oder nicht doch in einem Populismus sozial-nationalistischer Prägung aufgehen wird, der wenig mit den ursprünglichen Werten des konservativ-bürgerlichen Lagers zu tun hat. Auch in diesem Bereich sind die Amerikaner dem Kontinent einen Schritt voraus. Dort laufen sich die dahingehend durchaus erfahrenen Republikaner schon für die nahenden Mid-Term-Elections warm. Überaus viel versprechen sie sich dabei davon, die anstehenden Wahlen in ein Referendum über die etablierten Medien zu verwandeln. „Fake News“ wird ein zentrales Kampagnen-Thema sein. Nur selten hat es auf intellektueller und ideeller Ebene eine attraktivere Bankrott-Erklärung gegeben. Wo man einstmals für niedrigere Steuern ins Rennen, wird nun gegen eine Institution freier Gesellschaften mobil gemacht. Zurück bleibt eine Leerstelle, die vormals von klassischen GOP-Idealen gefüllt wurde. Donald Trump und seine Partei stehen nicht für Ideen. Vielmehr fungieren sie als Allzweck-Waffe gegen „den Feind“, die sich je nach Belieben und Tagesform aufladen lässt.

Erste Schritte unternahmen die Trumpisten dahingehend bereits Anfang des Jahres, als in Maryland die „Conservative Political Action Conference“ (CPAC) – das Mekka der US-Konservatismus - stattfand. Wo sich die Teilnehmer noch vor einem Jahr gegen einen Besuch Donald Trumps verwahrten (schließlich sei dieser ja kein Konservativer) und den Populismus in Breitbart-Manier als Bedrohung werteten, wurden heuer sowohl der Präsident als auch Steven Bannon unter großem Jubel empfanden. Auf das ideelle Fundament und dessen Wandel angesprochen, erwiderte der amtierende CPAC-Initiator Matt Schlapp, die Trump Anhänger seien eine wundervolle Ergänzung der konservativen Bewegung. Schließlich würden sie dabei helfen, zu gewinnen.

Die Frage ist nur, um welche Ideale und Ideen es beim Gewinnen überhaupt noch geht. Sowohl dies- als auch jenseits des Atlantik.
 
Land of the free, Zweigstelle Kalifornien - diesmal Revolutions-freie Zone
 
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Germanische Prioritäten

Die Damen und Herren bei "arte" weigern sich schon seit fünf Monaten, eine Reportage über modernen, Israel-bezogenen Antisemitismus auszustrahlen, weil sie allem Anschein nach nicht in ihr Weltbild passt. Zu "proisraelisch", könnte "Öl ins Feuer gießen" - so die Diagose der Verantwortlichen, die offenbar mehr Glatze und weniger Israel erwartet hatten und nun plötzlich etwas ganz anderes bestellt haben wollen. Was man sich schon nicht selbst zumuten will, kann man unmöglich dem Zuschauer vorsetzen. Solange bleibt nur, sich auf die Berichte derjenigen zu verlassen, die den Film sehen konnten (etwa hier).

Derweil ist auch beim NDR einiges los. Auf Platz 9 der hauseigenen "Sachbuch des Monats"-Liste gelangte jüngst ein Büchlein namens "Finis Gemania", dessen Autor sich ganz offenkundig irgendwo zwischen Angela Merkels Flüchtlingspolitik, einer Art "Umvolkung" und Auschwitz verlaufen hat. Die Opfer der Shoa tituliert er liebevoll als die „ominösen sechs Millionen“. Auschwitz selbst sei ein "Mythos, der der Diskussion entzogen werden soll“. Die Juden wiederum bauen ihm zufolge "heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird".

Empfohlen wurde die Abhandlung im Übrigen von einem SPIEGEL-Redakteur, in dessen gewohntem Umfeld man ja ohnehin schon neulich ein Ende der "Sonderbehandlung" Israels anregte. Die NDR-Hitlisten-Jury hat er aber mittlerweile verlassen. Nicht allerdings, ohne darauf hinzuweisen, er habe "bewusst ein sehr provokantes Buch der Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen“ wollen. Es sei immerhin "gewollt riskant formuliert", außerdem würde man gern "über jeden Satz mit dem Autor diskutieren".

Was natürlich ein legitimes Anliegen ist. Warum nicht mal wieder über den "Mythos Auschwitz" diskutieren, gerne mit ein bisschen mehr Risiko? Auch wenn Deutschland im Allgemeinen nicht unbedingt zum hitzigen Debattieren neigt, so bieten die Juden doch stets angenehmen Gesprächsstoff. Seien es die toten oder die lebenden; diejenigen, die den Palästinensern so zu schaffen machen, oder aber solche, denen die vom "Schuldkult" geplagten Deutschen gemeinhin zum Opfer fallen.

Nur bei Diskussionen und Berichten rund um Antisemiten wird es seltsamerweise stets ein wenig ruhig. Aber sei's drum. Man muss eben auch mal Ausnahmen machen.

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Rock im Kleingeist: Über freie Unternehmer und Terrorwarnungen

Immer mehr Menschen haben immer weniger zu tun. Und damit ihnen beim nichts-zu-haben bloß nicht die Füße einschlafen, investieren manche von ihnen ihre überschüssige Energie in Platzhalter-Diskussionen auf Twitter und Facebook. Das ist in Ordnung. Auch dann, wenn die Diskussionen zu nichts führen. Immer öfter sagen Unternehmungen dieser Art allerdings relativ wenig über das Sujet der Diskussion und stattdessen viel über diejenigen aus, die sie führen. Jüngstes Beispiel: die Empörung über Marek Lieberberg und dessen Ansprache vor Journalisten, nachdem "Rock am Ring" wegen Terrorgefahr unterbrochen werden musste. Er wolle "nun endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten", sagte er unter Verweis darauf, in dieser Hinsicht noch keine Massen-Demos von Muslimen erlebt zu haben. Zudem sprach er noch weitere Aspekte an, etwa die Kooperation mit der Polizei und das Versagen im Fall Amri, für das Veranstalter wie er "den Preis zahlen" würden. Doch die gingen daneben völlig unter. "Marek Lieberberg sollte sich entschuldigen", fordert etwa "bento", das Magazin für noch auszubildende SPIEGEL-Leser. Denn nun, da das Festival ja weitergeht, bliebe nurmehr seine "absurde Wutrede hängen".

Was bento und all die eifrigen Twitterer indes nicht völlig durchschaut haben: Marek Lieberberg ist kein AfD-Mann und kein Wutbürger-Buch-Autor, der solche Fälle bewusst für seine Ziele instrumentalisieren würde, sondern Unternehmer. Er hat nichts davon, wenn die AfD sein Statement gut findet. Er hat aktuell nur den Schaden. Als Unternehmer hat er natürlich auch eine politische Meinung, und man möge ihm verzeihen, dass er sie in einer solchen Situation nicht so differenziert und wohlklingend transportiert wie eine Katrin Göring-Eckardt (wobei es faktisch leider zutreffend ist, dass der Gaza-Krieg 2014 mehr Muslime auf die Straße brachte als die Köpfungs-Zeremonien des IS).

Es gibt allerdings tatsächlich etwas, das unbedingt "hängen bleiben" sollte. Das ist aber nicht Lieberbergs Statement in Bezug auf den angewandten Islam, sondern seine "Brille", nämlich die des Unternehmers, die in seiner sogenannten "Wutrede" durchaus durchklang. Man muss sie eben nur hören wollen.

Der durchschnittliche Terrorist des 21. Jahrhunderts plant nicht mehr das "große Ding". Er fliegt heute nicht aufwändig orchestriert in Hochhäuser, sondern besorgt sich eine Axt und steigt damit in einen Regionalzug. Er nimmt "weiche Ziele" ins Visier, zu denen dann eben auch Cafés und ein Halbmarathon zählen. Wenn ein Djihadist mit dem Auto in eine Menschenmenge rast, wird man zu recht fragen, ob man das nicht verhindern hätte können. Adressat ist aber nicht der Bürgersteig, auf dem das passiert, sondern die Polizei. Wenn eine U-Bahn-Station oder ein Flughafen-Terminal wegen eines verdächtigen Gegenstands geräumt werden, gibt es ebenfalls keinen solchen Adressaten. Der Betreiber ist am Ende der Staat, zu dessen Organen auch die Polizei zählt.

Anders ist es, wenn der Terror Events oder Ziele trifft, die von privater Hand betrieben werden. Zumindest bei Großveranstaltungen oder sensiblen Zusammenkünften ist die Polizei mit an Bord. Aber am Ende sind es eben auch Unternehmer wie der Besitzer des "Bataclan", der Konzerthallen-Betreiber in Manchester oder der Chef von "Rock am Ring", die an vorderster Front stehen, Risiken eingehen und im Ernstfall persönlich (mit)haften. Sie tragen eine immense Verantwortung nicht nur für sich selbst und ihre Angestellten, sondern ebenso für all die Besucher. Selbst mit der besten Versicherungs-Police bleibt ihnen ein Schaden, für den sie nichts können.

Unternehmer - das sind auch solche Menschen, die die Lebensfreude erst ermöglichen, die "wir uns von den Terroristen nicht nehmen lassen" sollen. Und selbst wenn es für Menschen, die ihre Wirtschafts-Kenntnisse von Hagen Rether und anderen Kapitalismus-Kritikern beziehen, zunächst unvorstellbar klingt: Ein Unternehmer kann genauso mit Leib und Seele bei der Sache sein wie ein jubelnder Konzert-Besucher.

Besonders clevere Zeitgenossen stellen nun fest, dass man bei Events wie "Rock am Ring" ja genauso Pech mit dem Wetter haben könne und bereits hatte. Sturm, Hagel, Terror, alles das Gleiche. Es gebe eben Risiken, mit denen man als Unternehmer leben müsse, betont die (vermutlich vornehmlich fest angestellte) Twitter-Gemeinde. Das stimmt natürlich gewissermaßen. Wiesn-Wirte müssen damit rechnen, dass ein verregnetes Oktoberfest den Umsatz verhagelt. Schaustellern auf dem Weihnachtsmarkt geht es ähnlich. Und jeder Unternehmer weiß, dass es immer Risiken gibt - sonst wäre er keiner. Aber will man Terrorismus ernsthaft in eine Reihe mit Unwettern stellen und somit als höhere Gewalt abhaken? Soll man als Unternehmer genauso mit einer Nagelbombe wie mit Hagel rechnen?

All das mag die Vorstellungskraft eines Empörten, dessen Erfahrungen mit dem freien Unternehmertum sich auf einen Garagen-Flohmarkt beschränken, womöglich etwas überschreiten. Weniger bräsige Kleingeistigkeit und mehr Problembewusstsein sowie Empathie hinsichtlich der Frage, wie Unternehmer mit der Bedrohung durch den Terror umgehen können, wäre dennoch ganz wünschenswert gewesen.


Dieser Text erschien ebenso bei den Salonkolumnisten.
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Dicke Luft auf der Atlantikbrücke. Oder auch: Wie man eine gute Idee zersägt

Dass die Tiefen des Sommerlochs offenkundig doch noch nicht erreicht sind, erkennt man daran, dass neben Margot Käßmann, Helene Fischer und Aldi-Nackensteak auch noch Donald Trump sowie dessen Ansichten über Deutschland und die Nato im hiesigen Befindlichkeitskosmos Platz nehmen. Nun kann man sich natürlich lange und ausgiebig darüber streiten, welche Seite sich warum unpassender benimmt und weshalb das jeweils eigene Team so viel überlegener als das andere ist. (Meine Vermutung: Sowohl Trumps Verständnis von westlicher Partnerschaft als auch der sozialdemokratische Antiamerikanismus samt deutscher Knauserigkeit in puncto Verteidigung sind eher wenig erbaulich.)

Man kann sich aber auch die Frage stellen, wie diese Diskussion dort ankommt, wo man ihre Implikationen am ehesten spürt. Zum Beispiel in Polen, das tatsächlich ein deutscher Nachbar ist, während SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz lieber Russland zu "unserem Nachbarn" befördert (ob aus Ermangelung eines Diercke-Atlasses oder in latent eurasischer Euphorie, sei dahingestellt). Oder nordöstlich von Polen, wo die drei baltischen Staaten gut Gründe haben, nicht an den Mythos von den "guten Beziehungen zu Russland" zu glauben. Beruhigend ist, dass Nato-Truppen nach wie vor in allen vier Staaten präsent sind. Schön anzusehen ist zudem, dass Vize-Präsident Pence und Verteidigungsminister Mattis ihre Solidarität bekunden. Mindestens ungewöhnlich ist aber auch, dass der Commander-in-Chief selbst die Nato ausschließlich mit "Schulden" und Terrorismus assoziiert, während er gleichzeitig den Russen gegenüber Geheimdiensterkenntnisse herausposaunt und die russische Einflussnahme im Wahlkampf kaum benennen kann, geschweige denn etwas zur Prävention zu tun gedenkt. (Dass er damit Obama, dessen Isolationismus das russische Selbstbewusstsein wesentlich aufpäppelte, näher ist, als er denkt, ist daneben eine weitere Pointe.)

Was können diese vier Staaten also aus den transatlantischen Neurosen lernen? Was dürfen sie erwarten, nachdem ihr bedrohlichster Feind eben nicht in einer Hinterhof-Moschee, sondern hinter der eigenen Grenze lauert? Und auf wen oder was sollen sie sich verlassen? Auf Deutschland, das so gerne neutral wäre und wo vor allem die SPD lieber gestern als heute "mehr Russland" wagen würde? Auf Donald Trump, dessen offenkundig kompliziertes Verhältnis zu Artikel Fünf des Nato-Vertrags sie eben viel eher trifft als das vergleichsweise sicher eingebettete Deutschland? Im schlimmsten Fall auf sich selbst. Im besten Fall hingegen darauf, dass der Westen es gerade noch hinbekommt, eine seit rund sieben Jahrzehnten relativ gut funktionierende Friedensordnung, von der am Ende alle Beteiligten profitieren, nicht eigenhändig zu zersägen.

Mieses Wetter kommt vor. Auch über dem Pazifik. Dahinter irgendwo Sonne. (© J. N. Pyka)

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Der doppelte Donald

Viele Menschen glauben ja, es gäbe zwei Donald Trumps: einerseits den Krawallo-Trump aus dem Wahlkampf, andererseits den "präsidentiellen" Trump, der sich schon mäßigen und den Anforderungen des Amts mühelos gerecht werden wird. Mich überzeugt diese Theorie nur nicht sonderlich - weder damals noch heute und vermutlich auch nicht im Rahmen der nächsten einigermaßen normal anmutenden Rede.

Ich glaube eher, dass es nur einen Trump gibt: den aus dem Wahlkampf. Also den Trump, der in erster Linie deshalb angetreten ist, um Präsident zu werden und nicht, um es anschließend auch vier Jahre lang zu sein. Der sich tendenziell wenig für Politik interessiert und seinen neuen Arbeitsalltag mit Sicherheit furchtbar öde findet. Der Impulse anstelle von Strategien walten lässt. Der die USA mit einem Unternehmen verwechselt und daher zwangsläufig öfter mal vergisst, dass die Exekutive eben nur eine von drei Gewalten ist. Der Autokraten tatsächlich für deren "Stärke" bewundert und freie Medien sowie Geheimdienste und Institutionen, die ihren Job machen, eher lästig findet, solange sie ihren Eid auf die Verfassung und nicht auf ein Portrait seiner selbst schwören. Kurz: Der Trump, der nun den eben gefeuerten FBI-Chef zu erpressen versucht und im Rahmen dessen weder präsidentiellen noch amerikanischen Charme versprüht.


Dieser Trump ist natürlich kein Autokrat, denn Autokraten denken und agieren in der Regel strategisch und über das eigene Ego hinaus - etwas, was man Trump nun nicht unbedingt vorwerfen kann. Schon die Verfassung erlaubt es ihm nicht, in der Praxis ein Autokrat zu sein. Er klingt eben nur vor lauter Selbstbezogenheit und Kritikunfähigkeit wie einer. Donald Trump kann durchaus mal das Richtige tun, beispielsweise einen Flughafen des Assad-Regimes bombardieren. Trump demonstriert schließlich äußerst gerne Stärke. Aber mit der mittelfristigen Verknüpfung von Stärke und Werten, für die die USA bislang standen, hat er es eben leider nicht so sehr. Er kann auch "gemäßigte" Reden vom Teleprompter ablesen. Aber der Person Trump in derlei Ausnahme-Fällen eine konsistente Strategie, eine "Lernkurve" oder gar ein tiefgreifendes Verständnis des amerikanischen Exzeptionalismus zu unterstellen, halte ich nach bisherigem Stand dann doch für etwas waghalsig.

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Anscheins-Antifaschisten, globale Nationalisten und andere Pariser Karnevalisten

Bislang schienen die Positionen im allgemeinen französischen Wahlkampftrubel klar verteilt. Den schwarzen Gürtel in moralischer und intellektueller Erbärmlichkeit errangen sich diejenigen Linken, die eine Wahlempfehlung verweigerten: Anscheins-Antifaschisten, die stattdessen lieber über die furchtbare Wahl zwischen einer Rechtsradikalen und einer "Marionette des Finanzkapitals" jammerten. Wobei man der Vollständigkeit zuliebe erwähnen muss, dass linke und rechte Randlandschaften mittlerweile ohnehin kaum mehr zu unterscheiden sind; auch wenn Promi-Linke wie Katja Kipping das natürlich ganz anders sehen. Ihr zufolge würden die Rechten schließlich nach unten treten - gegen Ausländer, Homosexuelle, usw. -, während ihr eigener Club es ja ausschließlich mit "den Mächtigen" - Wallstreet, Konzerne, Banken - aufnähme.

Ein wenig blöd ist nur, dass der Kampf gegen "die da oben" schon längst nicht mehr ihr unique selling point ist. Marine Le Pen und ihre Freunde pflegen ebenso fürsorglich ihre Allergie gegen alles, was nach mehr Geld als üblich (und dementsprechend nach vermeintlich großen Gefahren für das geknechtete Volk) klingt. Generell gilt in ökonomischen Belangen: 100 von 100 Übereinstimmungspunkten für beide Lager. Und ebenso wie bei den Linken läuft auch bei den antikapitalistischen Darbietungen des rechten Rands stets zuverlässig antisemitische Hintergrundmusik. Soros hier, Rothschild dort, das Volk ganz unten und dringend auf Erlösung wartend. Womöglich sind Le-Pen-Rechte und Mélenchon-Linke aber auch Zwillinge, die bei der Geburt getrennt wurden und dabei bloß der Vielfalt wegen zwei Clubs anbieten, wo es ebenso ein einziger tun würde.


Nun allerdings, da mit Fakemeldungen angereicherte Korrespondenzen des Macron-Teams auf wundersame Weise bei den Transparenz-Freunden von Wikileaks landeten, könnte sich im Karneval der politischen Grenzgänger noch Einiges tun. Die einen berichten schon vom internationalen Waffenhandel Macrons, die anderen retten derweil noch die Ehre des russischen Militär-Geheimdienstes. Kann ja schließlich auch ein 400-Pfund-Typ auf seinem Bett gewesen sein, wie Donald Trump damals unter nahezu ähnlichen Bedinungen vermutete. Noch amüsanter ist eigentlich nur noch, dass diejenigen, die sich für "vollständige nationale Souveränität" stark machen, nichts dagegen haben, wenn amerikanische Alt-Right-Trolle, russische Hacker und ein Australier mit Wohnsitz in der Botschaft Ecuadors in London sich in ihren nationalen Wahlkampf einmischen. Aber vielleicht kann Marine Le Pen diesen Widerspruch beizeiten einmal auflösen. Am besten dann, wenn sie von der Oppositions-Bank aus ihren Kreml-Kredit abbezahlt.



 
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Eine deutsche Woche: Sigmar Gabriel und das Ende der Schonfrist


Die deutsche Woche begann in Israel. An ihrem Anfang stand Yom HaShoah, der israelische Gedenktag für die Opfer der Shoah. Pünktlich um zehn Uhr früh tönte an diesem Montag die obligatorische Sirene durchs Land, die diesmal von einer 77-jährigen Holocaust-Überlebenden aktiviert wurde. Tags zuvor, im Rahmen der abendlichen Gedenkveranstaltung in Yad Vashem, erinnerte Präsident Reuven Rivlin unter anderem daran, auch heute bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht wegzusehen.


Da traf es sich gut, dass nun Sigmar Gabriel in Israel eintraf, um seinen ersten Antrittsbesuch als Außenminister zu absolvieren. Auch er wollte klar machen, wo und wann genau er nicht mehr „wegsehen“ möchte. Ein Besuch bei Netanyahu und Rivlin allein wäre ihm im Rahmen dieser Mission zu mau gewesen. Oben drauf musste es schon ein Gespräch mit „Vertretern der Zivilgesellschaft“ sein. „Zivilgesellschaft“ wiederum, darunter versteht Gabriel die NGOs „B‘Tselem“ und „Breaking the silence“. Gruppierungen also, die sich vor allem bei kritischen Europäern, die gewöhnlich auch auf genaue „Herkunftsnachweise“ von israelischem Obst und Gemüse achten, einen Namen gemacht haben. Dass beide NGOs mit der israelischen Zivilgesellschaft so viel zu tun haben wie PEGIDA und der schwarze Block mit der deutschen, muss den Außenminister nicht kümmern.

Es reichte Gabriel schon, klargestellt zu haben, wo genau er Israel auf einer Skala von „demokratisch“ bis „lupenrein“ verortet: irgendwo zwischen Putin, Rohani und Erdogan, wo die Zivilgesellschaft nichts zu melden hat. Dass eben dort die Zivilgesellschaft – gemeint ist eigentlich die Opposition – für hohe Besucher nur selten anzutreffen ist, während dies in Israel sehr wohl möglich ist, verrät schon alles, was man über den Unterschied zwischen Israel und der Türkei wissen muss. Aber so genau muss man es ja nicht nehmen. Schon gar nicht, wenn man Sigmar Gabriel heißt und sich beim Besuch in Kreml lieber ein Autogramm von Vladimir Putin geben lässt, anstatt bei Pussy Riot vorbeizuschauen.

Netanyahu wiederum ließ sein Treffen mit Sigmar Gabriel indes platzen. Davon mag man halten, was man will. Doch selbst wenn es anders gelaufen wäre, hätte es nicht das Fingerspitzengefühl geschmälert, auf das Sigmar Gabriel sichtlich stolz ist. Die Israelkritik-Aktionswochen waren eröffnet.

Nun ist es freilich so, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben. Viele von ihnen sind sogar soweit, dass sie gar nicht mehr daraus lernen können, ohne ihre Lernerfolge unablässig ihrer Umwelt mitzuteilen. Ein schöner Fortschritt, zumindest verglichen mit denjenigen Deutschen, die vor über siebzig Jahren dafür bekannt waren, von nichts gewusst zu haben. Heute hingegen wollen es viele Deutsche ganz genau wissen. Nicht über Auschwitz, nein, darüber weiß man freilich Bescheid. Nun geht es immer öfter um Dresden, um die Rheinwiesen und all die anderen „Verbrechen“, die die Alliierten so begangen haben und die dazu beitragen, die deutsche Vergangenheit ein wenig sonniger erscheinen zu lassen. Auch Gedenken ist eine feine Sache. Aber es müssen ja nicht immer jüdische Opfer sein.

Bei Sigmar Gabriel ist es dagegen komplizierter. Er erwies sich als Meister aus Deutschland, der nicht nur im Ziehen von Lehren, sondern auch im Belehren groß ist. Wobei beides ohnehin Hand in Hand geht, wie man nun lernen durfte. Gleichzeitig scheint er trotz aller Bemühungen auch heute nicht sonderlich viel zu wissen; weder von Auschwitz, noch von Israel. Die „Frankfurter Rundschau“ veröffentlichte am Montag einen Gastbeitrag Gabriels über professionelles Gedenken und Lernen zwischen Auschwitz, Berlin und Jerusalem. Im Zuge dessen verwies der Außenminister auch auf all die Sozialdemokraten, die „wie die Juden die ersten Opfer des Holocaustes waren“. „Seinen“ Opferstatus musste er anschließend wieder hergeben. Das Auswärtige Amt griff korrigierend ein und versenkte den bislang noch unerforschten „Holocaust“ an den Genossen sodann in den Tiefen des Internets. Aber einen Versuch war es wert.

Wer mit historischem Analphabetismus dieser Art beeindruckt, bei dem verwundert es auch nicht, dass er seinen eigenen Porzellan-Laden extra bis nach Israel verfrachtet, um ihn dort mit den besten Absichten zu zertrümmern. Gerne wüsste man, ob „Breaking the Silence“ und „B’Tselem“ Sigmar Gabriel wichtiger als die diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind. Aber vielleicht steht der deutsche Außenminister auch über den Dingen und bewegt sich in höheren Sphären, in denen der Klang zerschepperten Porzellans gar nicht wahrnehmbar ist.

Womöglich ist Sigmar Gabriel auch gar nicht das Problem. Das Problem besteht vermutlich eher in der Antwort auf die Frage, welcher namhafte Sozialdemokrat sich bezüglich Israel in jüngerer Vergangenheit eigentlich nicht tendenziell suboptimal verhalten hätte. Mit Martin Schulz gelangten „Fake News“ zum Thema Wasser direkt in die Knesset, unter Außenminister Steinmeier a.D. herrschte frostige Siedlungskritik bei nur spärlicher Hamas-Kritik, Andrea Nahles wiederum entdeckte „gemeinsame Werte“ mit der Fatah, und Sigmar Gabriel hat sich spätestens mit seinem Apartheid-Vergleich zu Hebron einen Namen gemacht. Auf Solidarität seitens der Genossen kann sich der Außenminister also verlassen. Aber auch parteiübergreifend ist ihm überwältigender Beistand gewiss. Daniel Goldhagen würde in diesem Fall vielleicht gar nicht von Sozialdemokraten, sondern von ganz gewöhnlichen Deutschen sprechen.

Zugleich erblickte in dieser deutschen Woche auch eine neue Antisemitismus-Studie das Licht der Öffentlichkeit. 40% der Bevölkerung seien von Israel-bezogenem Antisemitismus beseelt, lautet eine der zentralen Feststellungen des Papiers. Und zugleich eine Zahl, die mindestens verdächtig ist. Das diagnostizierte zumindest Jakob Augstein - der beste Israel-Freund, den die deutsche Medienlandschaft jemals haben wird und ohne dessen Worte eine derart deutsche Woche keine deutsche Woche wäre.
 
Schon der Teaser seiner aktuellen Kolumne klang vielversprechend: „Israel Rechts-Premier Netanyahu hat für eine Wende in der deutschen Israel-Politik gesorgt: Die unverbrüchliche Verantwortung für die Geschichte und die klare Kritik an der Gegenwart gehen jetzt Hand in Hand.“ Nun bestehen theoretisch und auch praktisch viele Möglichkeiten, um dieser „unverbrüchlichen Verantwortung“ gerecht zu werden. Man könnte zum Beispiel tätig werden, wenn ein jüdischer Schüler aufgrund antisemitischer Beleidigungen eine sogenannte „Schule ohne Rassismus“ verlässt. Man könnte aber auch darüber nachdenken, inwiefern es dem Deutschen Bundestag gut zu Gesicht steht, wenn Parlamentarier an Bord einer Terror-Flotte die Seeblockade vor Israel zu brechen gedenken. Oder man könnte sich ernsthaft anschicken und etwas dagegen unternehmen, dass die Vereinten Nationen mehr und mehr zu einer Institution für gehobene Israelkritik mutieren.

 
Aber das wäre vermutlich zu einfach. In Deutschland im Allgemeinen, in Augsteins Büro im Besonderen, mag man es lieber anspruchsvoll. Verantwortung für die Geschichte heißt dann vor allem, Verantwortung dafür zu tragen, dass die deutsche Tradition erhalten bleibt. Dafür zu sorgen, dass Israel nicht ohne gute Ratschläge made in Germany auskommen muss. Die einzig wahre Lehre aus Auschwitz lautet Israelkritik. Oder wie Jakob Augstein zu kolumnieren pflegt: „Dem [Netanyahu] sollte schon mal einer beibringen, wo der Unterschied zwischen Demokratie und Autokratie liegt.“ Gabriel habe „Tapferkeit vor dem Freund gezeigt“ und dem israelischen Premierminister „auf dem demokratischen Weg heimgeleuchtet“. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es Netayanhu ganz alleine in der Finsternis und ohne Gabriels Laterne ergangen wäre. Womöglich hätte er sich allein auf Peter Münch, Israel-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, verlassen müssen, der schon zuvor über die „Kollision mit Wladimir Tayyip Netanyahu“ berichtet hatte. Bei der Gelegenheit bescheinigte er Gabriel auch gleich „mehr Mut als seine[n] Vorgänger[n] - und mehr Verantwortung Israel gegenüber“. In der Tat: Es war schon längst höchste Zeit, dem Judenstaat „mutig“ gegenüberzutreten und zu zeigen, wo der Hammer hängt – so oder so ähnlich denkt es im Tel Aviver Korrespondenten-Büro, einer Oase inmitten der undemokratischen Finsternis.
 
 
„Antisemiten können sich hinter "Israelkritik" verstecken“, erklärte Jakob Augstein indes ein paar Absätze später. Sollte derselbe Text die Probe aufs Exempel sein, könnte man ihm zu dieser Pointe durchaus gratulieren. Und eigentlich nicht nur ihm, sondern auch der Online-Redaktion des Hauses, dessen Anteile er besitzt. Denn schon am Vortag ließ „Spiegel Online“ via „Morning Briefing“ mitteilen, dass die Schonfrist für Juden nun auch langsam abgelaufen sei. „Die historisch bedingte Sonderbehandlung Israels stößt mit der Regierung Netanyahu an ihre Grenzen“. So lautete die Drohung, die eigentlich noch viel zu diplomatisch daher kam. Man hätte es auch unverblümter und ohne Schonwaschgang ausdrücken können: Nachdem es Oma und Opa mit der Hebräer-Kritik ein wenig übertrieben haben, war man all die Jahrzehnte gegenüber den Juden ohnehin schon netter, als es normalerweise üblich ist. Nun aber, da der israelische Premier die rote Linie endgültig überschritten hat, ist es höchste Zeit, die „Sonderbehandlung“ einzustellen – beziehungsweise zu ihr zurückzukehren.

 
Und so endet die deutsche Woche dort, wo sie auch planmäßig landen sollte: im Schlussstrich-Terrain, wo jammerdeutsche Abendland-Verteidiger schon fröhliche Umstände feiern. Ein „Ende der Sonderbehandlung“ ist Björn-Höcke-ismus mit anderen Mitteln. Wo der eine endlich mal das Erinnern sein lassen will, wollen die anderen die Samthandschuhe gegenüber Israel abstreifen und eine 180°-Wende der Israelkritik einleiten. Dass es nebenan in der deutschen Realität weder einen „Schuldkult“ noch eine von Überschwänglichkeit geprägte deutsch-israelische Freundschaft gibt, ist dabei nicht von Belang. Derlei Phantasien bilden vielmehr die Stützen, auf denen die Wahnwelt beruht, in der sich deutsche Israel- und Mahnmal-Kritiker von der „Israel-Lobby“ und anderen sinisteren Kräften geknechtet und um ihres Glückes beraubt fühlen. 

 
Historischer Analphabetismus und „Israelkritik“ finden dabei nicht zufällig zusammen, sondern bilden nahezu systematisch eine fruchtbare Symbiose. Der britische Historiker Joseph Peter Stern befand einst, die Bevölkerung im Dritten Reich hätte „so viel und so wenig“ gewusst, wie sie wissen wollte. „Etwas nicht wissen zu wollen, heißt jedoch stets, dass man genug weiß, um zu wissen, dass man nicht mehr wissen will.“ Hinsichtlich der Shoah, der „Sonderbehandlung“ sowie der Lage in Israel hält man es heute augenscheinlich ganz ähnlich: Man weiß gerade so viel, um zu wissen, ab wann man nicht mehr wissen will, um sich auf diese Weise sowohl das Plätzchen an der Sonne als auch das beste Gewissen sichern zu können. Denn was die Akteure der deutschen Woche auszeichnet, sind nicht Dummheit oder Boshaftigkeit, sondern ihre tief sitzende Überzeugung, auf der guten Seite zu stehen.
 
 
Beneidenswert.
 
 
 
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