Israelkritik als nationales Kulturerbe, Volkssport und Grundrecht

Mit der Zivilcourage verhält es sich ein wenig wie mit Gott: Sie ist praktisch nie da, wenn man sie einmal braucht.

Beim Antisemitismus ist es dagegen etwas komplizierter: Er ist immer da, auch wenn ihn niemand benötigt. Nicht die Juden, und schon gar nicht die Deutschen, die es ihren jüdischen Mitbürgern übel nehmen, sobald sie gelegentlich an dessen Existenz erinnern. Nur so wird klar, warum sich die Suche nach der Stimme erhebenden Zivilgesellschaft, die derzeit vor allem von Joachim Gauck, Dieter Graumann und Charlotte Knobloch betrieben wird, durchaus kompliziert gestaltet. Denn die zivile, mediale und politische Klasse ist ihnen schon längst einen Schritt voraus. Sie erhebt zwar durchaus ihre Stimme – allerdings bevorzugt gegen Islamophobie genauso wie gegen Israel. Und das aus guten Gründen.

Schließlich wurde das Kapitel Judenhass 1945 offiziell abgeschlossen. Es gab ein „Nie wieder“-Versprechen, das vor allem sonntags bemüht wurde und um dessen Einlösung sich im Notfall schon die anderen kümmern werden. Parallel dazu richtete man Gedenktage ein, die vor allem dem deutschen Gewissen dienten, ebenso wie breite Bündnisse gegen Neonazis, um dem Führer noch posthum das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

In diesem Bewusstsein fiel es deutschen Mutbürgern leicht, sich in aller Ruhe dem Management des Judenstaats zu widmen. Israelkritik erschien herrlich unverdächtig, Solidarität mit den Palästinensern gerecht und der Deutsche selbst durchwegs unantisemitisch.

So etablierte sich Israelkritik als nationales Kulturerbe, Volkssport und Grundrecht in Einem. Was immer Israel tat oder unterließ – der Deutsche nahm und nimmt es ihm übel. Er empfindet es als Affront,  dass der Israeli sich immer noch nicht vor dem Bau einer Siedlung oder dem Start einer Militäroffensive an die ehrenamtlichen Nahostexperten zwischen Lüneburg und Garmisch wendet, um deren Erlaubnis einzuholen. Zum Ausgleich konsumiert man fleißig Augstein’sche Publizistik und Grass’sche Poesie, denn nur von ihnen fühlt man sich verstanden.

Auch die Entdeckung der Islamophobie als angebliche Schwester des Antisemitismus kam vielen Deutschen gerade recht.

Zum einen, weil man so bequem und ohne widerspenstige Juden den Widerstand nachholen konnte, der vor über siebzig Jahren fehlte. Zum anderen, weil die Theorie von den Muslimen als neuen Juden den Kurs des Antisemitismus nach unten drückte. Ab sofort war er nicht mehr singulär, sondern schlicht eine Intoleranz von vielen. Und wenn es nur noch Islamophobie, dafür aber weniger Antisemitismus gibt, dann kann Israelkritik erst recht nicht antisemitisch sein.

Nun allerdings, da auch in jeder deutschen Stadt tausende Demonstranten fröhliche Pogrom-Umstände feiern, reibt sich die Nie-Wieder-Fraktion in Redaktionsstuben, Abgeordnetenbüros und Wohnzimmern peinlich berührt die Augen. Was jahrelang in Leitartikeln, Leserbriefen, Friedensinitiativen und feuchten Träumen stattfand, wird plötzlich überwiegend von Migranten in die Realität umgesetzt, die sich nicht nur bei Al Jazeera, sondern auch bei Jürgen Todenhöfer und dem ZDF-Nahostkorrespondenten informieren. Hie und da gibt es angewandte Synagogenkritik, andernorts gefährden Kippa-Träger ihre Gesundheit. Und das, obwohl die Akte Antisemitismus doch längst geschlossen war.

Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, entwickelt das Immunsystem des deutschen Nicht-Antisemiten nun vielfältige Abwehrmechanismen. Dass deutschsprachige Medien nicht über antijüdische Events in Belgien, Frankreich oder Großbritannien berichten, ist dahingehend schon mal hilfreich.

Aber auch die Mär vom „Importantisemitismus“ ist ein beliebtes Argument. Die anderen sind schuld, wir haben damit nichts zu tun. Das war schon unter Adolf so. Zuzugestehen, dass die sogenannten und in dieser Hinsicht bestens integrierten Importantisemiten lediglich den Part übernehmen, den die Deutschen bislang lieber im Rahmen der Trockenübung praktizieren, wäre schließlich etwas peinlich.
Angenehmer ist es, Stimme gegen Islamophobie im Allgemeinen, islamophobe BILD-Macher im Besonderen zu erheben.

Zwar sorgen sich viele Islam-Freunde genauso um das Wohl hiesiger Muslime wie um das der Palästinenser (nämlich gar nicht). Aber wenn es darum geht, den Judenhass aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verdrängen, kommt die Islamophobie gerade recht. Denn Antisemitismus gibt es schließlich nicht – weder in Berlin, noch in Paris, und schon gar nicht im Gaza-Streifen, der im Grunde auch nur von einer israelkritischen Organisation verwaltet wird.

In der Konsequenz wird auch das Existenzrecht der Israelkritik so verteidigt, als stünde es gerade zur Disposition.

Antisemitische Tendenzen sind zwar schlimm, das Treiben der Israelis in Gaza aber ebenfalls. Schließlich, so heißt es, habe der deutsche Jude nichts mit dem Kriegstreiber Netanyahu zu tun. Warum Antisemitismus-Kritik dann nicht ohne Israelkritik möglich ist, bleibt dagegen ein gut gehütetes Geheimnis im Unterbewusstsein hiesiger Bedenkenträger.

Vermutlich liegt es aber daran, dass der durchschnittliche Israelkritiker weiß, wie wichtig Prävention ist. Judenstaatlich organisiertes Verbrechen anzuprangern dient schließlich nicht nur der Seelenhygiene. Auch die Schaffung eines dementsprechenden gesellschaftlichen Konsenses ist unabdingbar. Denn schließlich weiß man ja nie, wann man Jerusalem vollumfänglich für verprügelte Juden in Berlin zur Verantwortung ziehen muss. Da ist es wichtig, vorzubauen.

„Augen zu und durch“ lautet das Gebot der Stunde. Besonders in der deutschen Geschichte hat es sich immerhin schon einmal bewährt. Auch erhobene Stimmen gegen Islamophobie und den Judenstaat sind zwar eine Beleidigung für den Verstand, aber trotzdem durchaus legitim. Erfrischender wäre es allerdings, statt des Umwegs zuweilen die Abkürzung zu nehmen. Ein CDU-Ratsherr aus Niedersachen ist diesbezüglich mit gutem Beispiel voran gegangen, indem er ohne Umschweife bekundete, Juden scheiße zu finden.

Von ihm können hiesige Israelkritiker und sonstige Stimmenerheber zweifellos noch jede Menge lernen.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.

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