Freitag, 9. April 2010

Wenn aus Ex-Knackis Superstars werden und Deutschland fröhlich mithilft – ein gesellschaftliches Phänomen.

Dieser Tage hat man es als Hartz-IV-Empfänger wahrlich nicht sonderlich leicht – nicht nur, dass man sich von allen Ecken und Enden schonungslos als Sozialschmarotzer diffamieren lassen muss, nein nein, dann soll man auch noch menschenunwürdigen Arbeiten nachgehen (wie z.B. Schnee schippen, was für eine Zumutung!) und sich gefälligst einen anständigen Job suchen, damit die bösen FDP-Wähler ihr hart verdientes Geld endlich wieder in Schampus und Austern investieren können.
Doch nun gibt es endlich Hoffnung für all jene, die zwar weder über Wissen noch Anstand, dafür aber über eine kriminelle Vergangenheit verfügen und ihr hartziges Taschengeld aufbessern wollen! Arbeitsamt und Sozialstunden sind schon längst Schnee von gestern – heute begibt man sich in die starken Arme Dieter Bohlens und lässt sich im heimeligen Umfeld des Migrantenstadls innerhalb weniger Woche zum Teenie-Idol und Superstar läutern. Ja, eigentlich verdient Dieter in seiner Stellung als Eintagsfliegen-Produzent mit integrierter „Zweite-Chance-Geber-Funktion“ wirklich ein Verdienstkreuz für überdurchschnittliche Sozialhilfe. Oder stünde jene Auszeichnung nicht vielleicht eher dem Format DSDSupergau an sich bzw. all jenen deutschen Staatsbürgern zu, die Samstag für Samstag fleißig anrufen und damit gescheiterten Existenzen zu einer Menge Ruhm inkl. fliegender Damenslips verhelfen?

Wer diesen Werdegang für unrealistisch oder gar märchenhaft hält, der möge sich bitte entweder das passende Format des Privatsenders RTL oder – für die ganz Hart(z)en – die tagesaktuelle Ausgabe der BILD-Zeitung zu Gemüte führen. Bereits seit Wochen turnt da ein junger Herr namens Menowin Fröhlich (22) durch die Schlagzeilen, der in seinem Leben wahrlich schon viel geleistet hat: 7x Körperverletzung, 10x Betrug, 10x Diebstahl, 1x Hausfriedensbruch, 1x Hehlerei – in der Tat, der personalisierte Traum aller Ordnungshüter, Strafverteidiger und Schwiegermütter. Weil er so fleißig war, durfte er zur Belohnung sogar für zwei Jahre seinen kümmerlichen Sozialbau gegen eine hübsch möblierte Zelle der Justizvollzugsanstalt eintauschen. Zwischendurch zeugte er dann auch noch drei Kinder mit seiner Cousine, denn schließlich müssen solch wertvolle Gene ja unbedingt an die Nachwelt weitergeben werden – was natürlich sehr für einen ausgeprägten Familiensinn spricht. Da Herr Fröhlich allerdings nicht nur fleißig und kinderlieb, sondern dazu auch noch (laut dem aussagekräftigen Urteil der DSDS-Juroren) unglaublich gut singen und tanzen kann, entschied er sich, seine aufregende Vita durch ein Intermezzo bei DSDS zu bereichern. Doch das Schicksal hatte mehr mit Menowin vor, und so wurde aus einem kurzen Stell-Dich-ein eine glorreiche Erfolgsstory, die wir bestimmt in ein paar Jahren in biographisierter Form (Dieter leiht ihm sicher mal seinen Ghostwriter aus) auf Papier nachlesen können. Nächsten Samstag steht der smarte Pseudo-Eminem der Marke „Ghetto“ nämlich schon im Halbfinale – waschechte Kenner der Branche (inkl. er selbst) sehen in ihm indes bereits den neuen Super– oder gar Weltstar 2010.

Doch wem hat diese äußerst talentierte und beeindruckende Persönlichkeit nun ihren Ruhm zu verdanken? Abgesehen von seinem Können, auf welches wir später noch zu sprechen kommen werden, hatte der (von seinen Fans liebevoll genannte) Meeenoooo sicherlich Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Das Erfolgsmodell „niedlicher Schwiegersohn“ hat bei DSDS schon längst ausgedient, stattdessen suchen Dieter und seine rotierenden Kollegen viel mehr medientaugliche Quotenfänger mit jeder Menge Leichen im Keller – woher die dann kommen und was jene können, ist reichlich irrelevant, zumal ein jeder „Superstar“ das Haltbarkeitsdatum von einem Jahr nahezu nie überschritten hat. Folglich mutierte das Entertainment-Format natürlich nicht zu einer märchenhaften Talentschmiede, aus der dann kleine Robbies und Madonnas hervorgehen, sondern viel mehr zum Sammelbecken mäßig begabter Teenies mit Migrationshintergrund. Denn anscheinend hat Deutschland wirklich mehr Freude daran, arbeitslosen Ex-Friseusen in Katie-Price-Kostümen beim Hampeln und Kreischen zuzusehen, als einem vergleichsweise durchschnittlichen Versicherungskaufmann mit Saubermann-Vergangenheit und großer Stimme. Insofern war es durchaus ökonomisch, den guten Menowin solange weiter zu winken, bis schwer verliebte Teenies endgültig ganz demokratisch mittels horrender Handyrechnungen über sein Fortkommen entscheiden dürfen.

Ja, seine Fans sind wahrlich ein Kapitel für sich. Wer sich zufällig auf Menowins Fanpräsenzen verirrt, kann sich zwar an schwerem Missbrauch der deutschen Sprache ergötzen, erfährt allerdings nicht unbedingt, was unseren Ex-Knacki denn nun glorifiziert.
Nun, aller Wahrscheinlichkeit setzt sich seine Fanbase aus genau zwei Gruppen, prall gefüllt mit subversiven Elementen unserer Gesellschaft, zusammen.
Da wären zum einen pubertierende Zahnspangenträngerinnen mit schwieriger Kindheit (Stichwort: Identifikation!), welche sich als ultimativen Liebesbeweis den Namen ihres Schwarms an alle (un)denkbaren Körperstellen tätowieren lassen und deren letztes Quäntchen Hirn vermutlich beim exzessiven Televoting verschütt gegangen ist – 50 Mal anrufen fordert ja auch wirklich viel Intelligenz; vom monatlichen Hartz-IV-Etat mal ganz zu schweigen. Ähnlich war dies bislang in jeder DSDS-Staffel zu beobachten, nur mit dem gravierenden Unterschied, das Meeenooo, der kriminelle Hartz-IV-Ex-Knacki mit doch recht stattlicher Leibesfülle, ohne seinen Bohlen-Bonus vermutlich nicht mal eine Fachreinigungskraft vom Bahnhof Zoo abgekriegt hätte.
Zum anderen wären da vermutlich seine Knast-Kollegen sowie diverser Ghetto-Gangs aus Berlin-Neukölln und München-Hasenbergl, welche Menowin wohl schon längst zur neuen Gallionsfigur der Armen und Verstoßenen hochstilisiert haben.
Umso erfreulicher also, dass endlich auch die erwähnten Gesellschaftsschichten ein Idol inkl. entsprechender pädagogischer Werte gefunden haben, welches ihnen würdig ist! Herzlichen Glückwunsche, liebe Eltern. „Wenn ich groß bin, will ich wie Menowin sein!!“

Nachdem wir uns nun aber bei einer Talent-Show befinden, darf das Talent unseres potentiellen Chartstürmers natürlich nicht außer Acht gelassen werden. Also: durchschnittlich Singen kann er, rhythmisch mit dem Popo wackeln wohl auch – und das sogar, ohne dafür zu üben, denn laut BILD und RTL vertreibt sich unser Nachwuchs-50-Cent seine Zeit ja lieber auf Parties in Problembezirken, wo er unter seines gleichen Autogramme gegen Vodka tauschen kann (offiziell pflegt er allerdings seine totkranke Tante – macht sich besser in den Medien). Danach stampft er dann in figurschmeichelnder Jogging-Hose sowie mit Bling-Bling-Ketten garniert auf die Bühne, verwandelt so manchen Songtext in geschmackvolle Buchstappensuppen, lässt sich von der Jury beschimpfen und animiert im Anschluss seine fundamentalistischen Anhänger, fleißig anzurufen – was diese natürlich auch fröhlich tun.

Nun, solange für RTL die Kasse klingelt (und das tut sie, bei einem Marktanteil von 20%, sicherlich), ist es eigentlich egal, ob der künftige Superstar nun Hartz-VI-Empfänger, Taschendieb, Hausmeister oder selbsternannter Schminkexperte ist. Ein Glück aber auch, dass der starke Dieter noch genug „zweite Chancen“ auf Lager hat und anschließend jeder Held seine Lobby findet. All jene hingegen, die dieses Phänomen eher sonder- statt wunderbar finden, müssen sich wohl wirklich fragen, ob gewisse Teile unserer Gesellschaft noch zu retten sind.

Hinsichtlich der finalen Entscheidung herrscht jedenfalls weiterhin ungebrochene Spannung. Denn auch wenn Menowin wohl die meisten Jünger um sich schart, so ist es dennoch fraglich, ob jene auch wirklich zahlungskräftig genug sein werden, um anzurufen – blöd aber auch, dass die Hartz-IV-Boni immer erst am Ende des Monats ausgezahlt werden, während das Finale 2010 kurz davor und demnach ganz und gar nicht Hartz-IV-freundlich stattfinden wird. Besser wäre da schon der erste Samstag im Monat, damit die gesamten Beiträge gleich an RTL telefonisch weitergeleitet werden können. Bei der terminlichen Konzipierung der nächsten Staffel sollte man diesen finanziellen Umstand auf jeden Fall mit einkalkulieren!