Dienstag, 9. November 2010

Über Homo Casanovus, Pseudo-Emanzen und die Folgen von Feminismus und Gender-Mainstreaming.

Das statistische Bundesamt schlägt Alarm! Laut der aktuellen Liste der bedrohten Männer- und Frauenarten, welche jüngst in Berlin vorgestellt wurde, gilt die Spezies des „deutschen Rosenkavaliers“* nun offiziell als vom Aussterben bedroht. Seine ökologische Nische wurde erfolgreich vom gemeinen „homo casanovus“ erobert, was nicht nur den Bund deutscher Hausfrauen in Besorgnis versetzt, sondern gleichsam einen irreversiblen Verlust in der Artenvielfalt deutscher Großstadtsingles darstellt. Nachdem das Aussterben einer Art unumkehrbar ist und unkalkulierbare Risiken (v.a. für jene Damen, die den Rosenkavalier bislang für eine adäquate Lebensversicherung hielten) birgt, ist sachkundige Aufklärungsarbeit in diesem Fall unabdingbar.

Die Art des „deutschen Rosenkavaliers“ gilt unter Wissenschaftlern gemeinhin als Abkömmling der Spezies „Gentleman“, wobei sich der deutsche Rosenkavalier besonders durch seine „ritterlichen Tugenden“ auszeichnet, welche ihn speziell für seine Profession als „Beschützer der Damen“ prädestinieren. So würde ein waschechter Kavalier nicht lange zögern, wenn es darum geht, die Herzdame eigens nach Hause oder alternativ zum Auto/Taxi zu geleiten, um sie so vor dunklen Gestalten in abgelegenen Gassen zu beschützen – der homo casanovus hingegen zieht es vor, statt der Dame lieber das eigene Getränk sowie seinen hart erarbeiteten Platzhirsch-Status zu verteidigen. Sollte er sich dennoch zufällig zum Auto der gnädigen Frau verirren, wäre es natürlich wünschenswert, ihr auch galant die Tür aufzuhalten – und zwar NICHT, um sich danach auf dem Beifahrersitz zu positionieren und die obligatorische Frage „Zu mir oder zu dir?“ zu stellen, sondern schlicht aus purer Noblesse heraus. Doch sollten die Ansprüche nicht zu hoch geschraubt werden, schließlich stellt das Aufhalten einer Autotür nur die Kür im Umgang mit Türen jeglicher Art dar – denn bekanntlich scheitert es ja schon an herkömmlichen Haustüren. Dabei erfordert der rein mechanische Ablauf (vorgehen – Tür aufhalten – Dame durchlassen) weder körperliche noch geistige Höchstleistungen, zumindest ist laut Statistik noch kein Exemplar der bedrohten Rosenkavaliere durch derartige Aktivitäten verletzt worden. Insofern verwundert es nicht, dass der gemeine homo casanovus auch hinsichtlich seiner organisatorischen Fähigkeiten nicht allzu gut abschneidet. So orientieren sich die meisten Wüstlinge wohl eher an den heiligen Geboten des „Playboys“, worin den Jüngern geraten wird, unbedingt die Drei-Tage-Regel (= erstes Lebenszeichen erfolgt frühestens drei Tage nach dem ersten Aufeinandertreffen) einzuhalten. Doch was sind schon drei Tage, wenn die neue Errungenschaft bereits am nächsten Morgen lediglich als flüchtige, vodka-geschwängerte Illusion existiert? Oder homo casanovus nach drei elendig langen Tagen plötzlich vom Mut verlassen wird, während das einstige Objekt der Begierde verzweifelt zig Frauenzeitschriften nach Rat zum Thema „Warum meldet er sich nicht???“ durchforstet? Tja, Frau suhlt sich dann gerne mal zwei Wochen in ihrem „Männer sind Schweine“-Selbstmitleid, während besagter Mistkerl weiter sein Balz- und Paarungsverhalten optimiert - und damit ist die Sache gegessen. Achja, apropos gegessen: Von gemeinsamen Restaurantbesuchen mit homo casanovus raten nicht nur leidgeprüfte Opfer, sondern auch die Frauenbeauftragten der Bundesregierung ab! Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit groß, auf ein Exemplar zu treffen, welches seine Umwelt zwar gerne mit seinen Gault-Millau-verdächtigen Gastrokenntnissen zu imponieren versucht, am Ende des Abends allerdings die gesamte Rechnung bis hin zur Wasserflasche anteilig aufteilt. Dass dies nicht nur den Gentlemanfaktor, sondern auch den Kontostand der (schlimmstenfalls völlig verarmten) Begleiterin vollends ruiniert, dürfte klar ersichtlich sein.

Nun, vermutlichen dürften sich Humphrey Bogart, Cary Grant und Clark Gable angesichts dieser Misere im Grabe umdrehen – doch keineswegs nur aufgrund des Niedergangs des deutschen Rosenkavaliers. Viel mehr mutet doch auch die Entwicklung des schönen Geschlechts durchaus befremdlich, wenn nicht gar beschämend, an, sofern man dabei ihren Kontext rund um Em(m)anzipation, Suffragettenmafia und Ver“Girls-Day“isierung betrachtet. Denn so muss – und dies wird besonders Freunde der geschlechterübergreifenden Gleichheit freuen – leider festgestellt werden, dass nicht nur der Rosenkavalier, sondern auch sein Pendant in Form der „Dame mit Stil“, kurz vor dem finalen Untergang steht. Und dies, obwohl die meisten Frauen laut eigener Angaben mit „beiden Beinen im Leben stehen“, ihre Freiheit mehr lieben als Louboutin & Manolo Blahnik und generell natürlich ganz genau zu wissen meinen, was sie wollen – nämlich: emanzipiert sein. Doch bei genauerer Betrachtung gestaltet sich der wahre Frauentraum selbst im 21. Jahrhundert doch ein wenig anders; und zwar eher wie ein All-Inclusive-Paket aus Emanzipation, Karriere, Champagner und Gucci, natürliche inklusive des dazugehörigen Idioten, der für die Finanzierung explizit weiblicher Bedürfnisse zuständig ist. Die Dame von heute pickt sich lieber die Rosinen aus dem Kuchen – Emanzipation für’s Geschäft, Heimchen-am-Herd-Schema für’s Private. (Sollen doch die Männer blechen, die schließlich auch für den eklatanten Gehaltsunterschied zwischen den Geschlechtern verantwortlich sind!)

Angesichts der Paradoxie dieses Gedankengangs mag es nicht überraschen, dass selbst der couragierteste Rosenkavalier früher oder später zum homo casanovus mutiert – denn wie soll man denn nun eine Frau bedienen, die sich stets situationsabhängig die Rolle aussucht, die ihr gerade am besten passt? Rein logisch betrachtet sollte eine erfolgreiche Betriebswirtin doch selbst in der Lage sein, eine Tür zu öffnen oder eine Rechnung zu begleichen – doch bei Champagner, Chanel und Cartier lässt sie die eigene Kreditkarte dann doch lieber stecken. Männer mit Affären gelten grundsätzlich als Mistkerle, während das eigene Betthopping mit Verweis auf Emanzipation und Gleichstellung der Geschlechter legitimiert wird. „Er“ ruft nicht an? Blöd aber auch, doch selber anrufen käme natürlich niemals in Frage. „Brigitte“ lehrt, welches Unterhöschen „ihn“ betört – aber natürlich will Frau nicht nur auf ihre äußere Reize reduziert werden. Schwere Tüten oder Motorschaden? Hoffentlich kommt bald ein Mann vorbei. Niedrigeres Gehalt? Ganz klar ein Grund, gleich bei Alice und ihren Emmas Zuflucht zu suchen, um dann am Kreuzzug gegen all die bösen Männer dieser Welt zu partizipieren. Emanzipation und Unterwerfung ergeben zusammen den Mode-Cocktail des 21. Jahrhunderts.

Doch keine Sorge – Vater (oder lieber Mutter?) Staat lässt seine Kinder angesichts solch gravierender Probleme natürlich nicht im Stich und hat sich darum etwas ganz Feines ausgedacht. Bereits seit Jahren geistert da ein Begriff durch den bürokratischen Dschungel, welcher zwar den wenigstens BürgerInnen bekannt ist, dafür aber sogar tatkräftig von der EU subventioniert wird: Gender Mainstreaming! Eine klasse Aktion, deren Akteure sich mit Leib und Seele der tatsächlichen Gleichberechtigung von Frauen und Männern widmen. Ob Schwarzer & Kolleginnen dabei ihre zarten Fingerchen im Spiel haben, ist bislang unbekannt – bekannt hingegen sind die exorbitanten Auswüchse eines solchen Engagements: So schlägt sich Gender Mainstreaming nicht nur in Tarifverträgen wieder, sondern bspw. auch in Form einer „geschlechtssensiblen Verkehrsplanung“. Da heißt es dann also, dass Frauen durchschnittlicher öfter zu Fuß unterwegs sind als Männer (liegt sicher daran, dass Männer eben doch die besseren Autofahrer sind ...). Bedauerlicherweise wurde aber die systematische Betrachtung des Fußgängerverkehrs bei der Verkehrsplanung eher stiefmütterlich behandelt. Dadurch entstanden „strukturelle Benachteiligungen und Barrieren für den Fußgängerinnen- und Fußgängerverkehr – und damit insbesondere für Frauen, Kinder und ältere Menschen“. Ein Skandal! Welch Glück, dass wir jetzt eigens spezialisierte Politiker haben, die sich für die „Chancengleichheit von Fußgängerinnen und Fußgängern“ einsetzen und dies auch in die Verkehrsplanung integrieren!

Doch auch hier gilt der alte Spruch „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“. So erzeugen Gender Mainstreaming, Hard-Core-Feminismus und ähnlich denkwürdige Tendenzen ein künstlich hoch stilisiertes Problem, welches das Fundament unseres natürlichen Rollenverständnisses stark ins Wanken bringt. Statt sich schlicht und einfach auf Knigge und die gute Kinderstube zu besinnen, führen Männer ihren eigenen „Weltmännertag“ ein, um sich vor der weiblichen Übermacht zu schützen – indes philosophieren Frauen immer noch über die „Kind oder Karriere“-Problematik und tänzeln fröhlich zwischen Devotion und Dominanz hin und her. Vielleicht stirbt ja weder der deutsche Rosenkavalier, noch die dazugehörige Herzdame aus – sondern viel mehr die Fähigkeit, sich auf den gesunden Menschverstand, Respekt und Toleranz zu besinnen. Ob das statistische Bundesamt auch hier Abhilfe schaffen kann, bleibt abzuwarten ...


* Die eigens für diesen Text betriebenen soziologischen Feldforschungen beschränken sich auf Rosenkavaliere der Geburtenkohorte 1980 bis 1990.