Multikulti lebt! Aber woanders


Berichte aus der freien Welt, notiert in San Francisco - California - USA.
Hier in San Francisco gibt es etwas, was Angela Merkel in Deutschland längst begraben, und wovon Claudia Roth keine Ahnung hat: eine funktionierende Multikulti-Gesellschaft. Das mag zwar in einem Land wie Amerika, wo Einwanderung über lange Zeit hinweg genauso normal war, wie es der Spaß am Moralisieren heute in Deutschland ist, eine Selbstverständlichkeit sein. (Denn letztlich muss sich arrangieren, wer Weltpolizei und erfolgreiche Volkswirtschaft in einem ist und dabei noch den Chevy mit „United we stand“-Aufklebern schmückt.) Für so manchen Besitzer eines deutschen Migrationshintergrunds hingegen, bspw. für mich, ist der Begriff Multikulti mittlerweile ausschließlich negativ konnotiert. Das liegt nicht etwa daran, dass ich etwas gegen Ausländer hätte – ganz im Gegenteil. Schuld tragen tatsächlich Leute wie Claudia Roth, die von ihrem eigenen Paralleluniversum aus zweifelhafte Nachrichten an die Bevölkerung funken, wonach Ehrenmorde nicht existent, arabische U-Bahnschläger wegen ihrer schweren Kindheit unschuldig und die Multikulti-Gesellschaft bei bester Gesundheit sei. Umso erfreulicher, dass das mit dem Multikulturalismus andernorts  ganz hervorragend klappt:

San Francisco ist die europäischste uneuropäische Stadt, die man sich vorstellen kann. Neben schwindelerregend hohen Wolkenkratzern wird das Stadtbild von viktorianischen Häuschen aus dem 19. Jahrhundert geziert, die von einer derart gemischten Einwohnerschaft bewohnt werden, wie man sie in Europa nie vorfinden würde. Knapp die die Hälfte der Einwohner San Franciscos ist weiß, darauf folgen 30% asiatischen Ursprungs (der Großteil davon Chinesen), 15% Latinos, und der Rest verteilt sich auf Afro-Amerikaner (6 %), Native Americans und andere Ethnien. Wer hier gerne einen oder mehrere Götter anbeten möchte, kann das dank Religionsfreiheit in einer der zahlreichen Glaubenseinrichtungen tun. Das gilt selbstverständlich auch für die Juden, die hier nicht nur eine äußerst vitale Gemeinde unterhalten, sondern auch explizit nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit ungestört Rosh Hashana feiern können. Sogar die in Deutschland als zuweilen eher als Problemkandidaten bekannten Moslems sind hier äußerst gut integriert, was man spätestens dann bemerkt, wenn man sie abends mit Gin Tonic bewaffnet an der Bar oder unverschleiert und ohne Mann in der Unterwäsche-Abteilung bei Macy’s antrifft. 

Faszinierend daran ist, dass all das ohne Rassismus, Ausländergewalt, No-Go-Areas und Konflikte über die Bühne geht. Wenn sonntags obligatorisch ein kleines Orchester am Union Square aufspielt, tänzeln Italiener, Iren und Koreaner fröhlich durch die Gegend,  während ein paar Straßen weiter Pakistanis, Juden und Franzosen ihre Restaurants Tür an Tür eröffnen. (Was in Deutschland vermutlich undenkbar oder direkt im nächsten Bürgerkrieg münden würde.) Irgendwie scheint das Gros der Einwohner eine Art Doppel-Identität zu besitzen, die hinsichtlich der hier vorherrschenden Konfliktarmut zumindest ein wenig Licht ins Dunkel bringt. So versteht sich hier jeder Chinese als Amerikaner mit Sinn für „Life, Liberty and Pursuit of Happiness“,  zugleich aber auch als traditionsbewusster Chinese, der selbst nach 60-jähriger Anwesenheit in den USA ausschließlich mit Stäbchen isst. Was man übrigens spätestens dann bemerkt, wenn man sich (so wie ich) aussichtslos in China-Town verläuft und dann plötzlich vor Lebensmittelgeschäften steht, wo Schweinefüße im Fenster hängen, undefinierbares Gemüse ausschließlich auf Mandarin ausgezeichnet ist und der dazugehörige Inhaber seelenruhig die chinesische Tageszeitung liest. Wenn man weder Stadtplan und W-Lan, dafür aber Glück hat (ebenfalls so wie ich), kommt man dann irgendwann wieder dort raus, wo es schon ein bisschen heimatlicher zugeht: Nämlich im benachbarten Italy Town, wo  Massimo aus Milano im „Café Greco“ Espresso der Marke Lavazza serviert und dabei lauthals „La donna e mobile“ mitsingt.

Während hier Japaner, Chinesen, Italiener und Latinos ihre Viertel haben und alles recht gut läuft, würde die deutsche Integrationsbeauftragte der Bundesregierung angesichts solch einer Entwicklung wohl über „Parallelgesellschaften“ jammern und sofortige Gentrifizierung anordnen.  Indes sind solcherlei Viertel hier nicht nur tatsächlich eine kulturelle Bereicherung, sondern auch gänzlich unproblematisch, sofern jeder die Spielregeln einer freiheitlich demokratischen Grundordnung einhält. Was glücklicherweise der Fall ist.

Nun mag San Francisco womöglich geradezu ein Paradebeispiel gelungener Integration innerhalb der Vereinigten Staaten darstellen. Zweifellos gibt es mancherorts noch Vorbehalte gegenüber Schwarzen, ebenso wie ungelöste Probleme mit Einwandererströmen aus Lateinamerika, die illegal ins Land kommen.  Die Schwierigkeiten jedoch, die den Graben zwischen Claudia Roths Multikulti-Phantasien und deutschen Realitäten zuverlässig immer weiter vertiefen, gibt es hier nicht. Wer nach Deutschland kommt, tut das meist nicht etwa deshalb, weil Deutschland so klasse ist, sondern weil es einfach ein bisschen besser als die Heimat, aber längst nicht das Non-plus-ultra ist. Konsequenterweise findet eine Identifizierung mit den Werten des Gastlands auch nicht statt, was so manchen Migranten dann schon mal dazu ermutigt, auf die zaghafte Bitte um Aneignung besserer Deutschkenntnisse mit verbalen Ausfällen im Nazi-Jargon zu reagieren. Im Gegensatz dazu kommt nur derjenige in die USA, der das Land liebt und für diesen Traum sogar bereit ist, einige Risiken (darunter ein, verglichen mit Europa, nahezu nicht existentes Sozialsystem) einzugehen. Unnötig zu erwähnen, dass solche Kandidaten sicher nicht auf die Idee kommen, ihrem neuen Gastland die Pest an den Hals zu wünschen. Und überhaupt wirkt sich die eher schwach gewebte Sozialmatratze zumindest insofern positiv auf das Miteinander aus, als Neuankömmlinge genauso wie echte Amerikaner zur Eigenverantwortung gezwungen werden. Wer kein Englisch spricht, findet meist weder Job noch Anschluss und wird das Land relativ bald verlassen.  Weshalb hier vermutlich auch die Integration von Muslimen so gut klappt. Denn während Muslime in Deutschland den ganzen Tag damit beschäftigt sind, „ihre Ehre“ am Bahnhof Berlin-Neukölln zu „verteidigen“, müssen ihre Glaubensbrüder in den USA für ihren Lebensunterhalt arbeiten.  Nicht zuletzt spielt der Glaube an das Individuum und seine Fähigkeiten in den USA eine entscheidende Rolle, der im Umgang mit Migranten in Deutschland hingegen zweifellos fehlt. In Deutschland werden Einwanderer wie Säuglinge verhätschelt und betreut. Wenn Claudia Roth in tränengeschwängertem Ton über Einwanderer monologisiert, könnte man meinen, sie spräche über Schwerbehinderte, die nicht in der Lage sind, ohne Vater Staat und Mutti Claudia den Weg zur Mülltonne zu finden (geschweige denn, den Müll zu trennen!). Auf jeden Einwanderer kommt mindestens ein „Streetworker“ oder „Sozialarbeiter“, der sein Geld dafür bekommt, dass er seinen Schützlingen jede Woche eine Broschüre für Deutschkurse an der VHS persönlich ins Haus bringt. Dass man sich danach über mangelnde gesellschaftliche Beteiligung und fehlenden Integrationswillen wundert, entbehrt nicht einer gewissen Komik. Indes werden Einwanderer in den USA vergleichsweise ins kalte Wasser geworfen, was keineswegs ein Zeichen von Kaltherzigkeit, sondern viel mehr von Vertrauen in die Fähigkeiten des Individuums ist. Indem man Wu aus China und Maria aus Mexiko nicht rund um die Uhr umtüdelt, lernen beide nämlich von ganz allein, sich zu integrieren und wo ihre Möglichkeiten und Grenzen liegen. 

Und schließlich klappt’s dann auch mit einer Multikulti-Gesellschaft, deren Fundament wesentlich gefestigter ist als das ihres deutschen Quasi-Pendants, wo Multikulti vor allem dann in den Himmel gelobt wird, wenn Mesut Özil bei der WM ein Tor schießt und Claudia Roth von ihrem letzten Türkeiurlaub schwärmt. 



"Painted Ladies" at Alamo Square 



Alcatrazsocken treffen auf "Stars and Stripes" und China-Kitsch -
mitten in China Town
















 Undefinierbare Lebensmittel 




 Little Italy



Fotos: Jennifer N. Pyka.





Kommentare:

  1. Whoa! Klasse!! Die US-Constitution kommt eben als allererstes und damit dann life, liberty und der pursuit of (individuelle) happiness. Man muss dort auch die Reihenfolge beachten, die von den Gründungsvätern nicht zufällig gewählt worden ist. Deswegen funktioniert es auch. Wird klar, wenn man am Ende anfängt: Ich kann meinem eigenen und selbst definierbaren *pursuit of happiness* komplett uneingeschränkt nachgehen, oder europäisch formuliert, diesem völlig frei "fröhnen", solange ich damit niemanden anderes *liberty* einschränke. Ich kann meiner eigenen liberty völlig uneingeschränkt nachgehen, solange ich damit nicht jemand anderen *life* einschränke. [1]

    Und diese Einfachheit ist das absolut Geniale, und weil die US-Verfassung eben KAUM einschränkt, aber trotzdem sehr stark ist. Ich könnte -wenn ich ein deutscher Amerikaner wäre- z.B. nur Wurst essen, und in Lederhosen rausgehen und Bier trinken, solange ich mich benehme und niemanden anpöbele. ;-) Trotzdem wäre ich voll und ganz Amerikaner. Deswegen funktioniert es so schön und wirklich dort mit Multikulti. Auch wenn San Francisco bei South Park nicht so gut wegkommt. ;-)) Nein, dein Artikel ist einfach sehr treffend, schön und dieses Modell wäre die Inspiration die in Europa komplett fehlt, oder hier gar nicht erlaubt wäre, weil sie den völlig unterschiedlichen Menschen eben "Empowerment" gibt, und so keine "schützenswerten Minderheiten" entstehen, wie sie unsere heuchlerische deutsche Politiklandschaft momentan so dringend zu brauchen scheint.

    Parallellgesellschaften sind absolut kein Problem per se. Das amerikanische Modell ist wirkliches 'unity through diversity'. Gefällt mir.

    [1] Das hab ich aus irgendeiner Reder von Herman Cain aufgeschnappt. Will mich nicht mit fremden Federn schmücken.

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  2. Das Problem ist doch, das unser System der sozialen Hängematte gerade
    denen eine Plattform bietet, die den Staat verachten. Das betrifft nicht nur Muslime, sondern alle sozialen Randgruppen.
    Unter Randgruppen verstehe ich diejenigen, die ihre Geschicke selbst händeln und aktiv ändern könn(t)en.
    Es ist leichter sich hinter dem Diskriminierungs-Hype zu verschanzen als wirksam lieb gewonnene Missstände aktiv anzugehen.
    Hier ist die Politik gefordert.

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  3. Hallo Jennifer-Nathalie,

    ein sehr interessanter und aufschlussreicher Artikel, aber ich kann mir über die USA kein Urteil erlauben, denn ich kenn die Verhälnisse nicht persönlich. Von Freunden und Bekannten die in den USA gelebt und gearbeitet haben bzw. heute noch da leben, habe ich andere Fakten erfahren, die dem unbeschwerten Multi-Kulti-Leben widersprechen. Bekannte von mir leben in Fort Meyers/Florida, das sind die Ethien streng getrennt, Die Deutschen dort verkehren fast nur untereiander, treffen sich Deutschen Club, im deutschen Cafe, beim deutschen Bäcker oder Fleischer oder an der deutschen Imbiss-Bude. Aber auch aus anderen Staaten oder aus New York, wurde mir berichtet, dass die Ethnien zwar miteinander, aber doch meistens getrennt nebeneinander leben – Chinatown, Little Italy, Klein-Odessa usw. Besonders die große Einwanderung, legal und illegal der Hispanos und der Menchen aus der Karibik schafft besonders große sprachliche Probleme, denn ca. 30 Millionen Menschen in den USA sprechen Spanisch!

    Seit Jahren sorgen sich nationale US-amerik. Aktivisten des „English-Only-Movements“ um die amerikanische Sprache und verlangen, das diese verfassungsrechtlich zur offiziellen Sprache jedes Bundesstaates proklamiert wird. Wie man sieht, haben auch die USA wie wir, ihr Sprachproblem. Aber es gibt auch eine Rassenproblem, das weitgehend ein Sozial- und Bildungsproblem ist. Doch von von Zeit zu Zeit, gibt es ethnische Unruhen und Übergriffe, Richard Sennett der bekannte US-amerik. Soziologe formulierte es in einem Interview so: „Mit Verlaub, die Dinge liegen etwas komplizierter, auch wenn zweifellos wirtschaftliche Härten im Spiel sind. Ein großer Unterschied zu den Sechzigern ist, dass heute viel mehr ethnische Verwerfungslinien in den USA existieren als früher. Seit Kings Zeiten hat eine enorme Infusion von Einwanderung stattgefunden. "Rasse" bezieht sich heute keineswegs mehr, wie noch vor 40 Jahren, auf den Unterschied zwischen Weiß und Schwarz. Vielmehr haben wir es mit allen möglichen ethnischen Konflikten zu tun, die sich so kompliziert gestalten wie die alte Trennung von Weiß und Schwarz. Das führt jetzt nicht zu mehr Gewaltausbrüchen, der Konflikt spielt sich eher zwischen konkurrierenden Ansprüchen auf die Ressourcen des Wohlfahrtsstaates ab.“

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  4. Und der 2. Teil:

    Ich denke man kann die USA und Deutschland auf Grund der historischen Entwicklung und der Größe nicht vergleichen und in der Frage Multi-Kulti m. E. schon gar nicht! Deutschland war NIE ein klassisches Einwanderland, obwohl auch in der Vergangenheit viel fremdes Volk durchgezogen oder hiergeblieben ist. Ich denke da an den 30-jährigen Krieg, die Zuwanderung der Hugenotten 1685, der böhmischen Glaubensflüchtlinge 1737, der französischen Besetzung 1806/13, oder der Zuzug der „Ruhr-Polen“ ab 1880 und die ca. zehn Millionen Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg. Sie alle assimilierten sich und sind im deutschen Volk aufgegangen. Nur die vielen polnischen Namen z. B. im Ruhrpott erinnern noch heute daran.

    Ich halte es in Hinsicht auf den Multi-Kulturismus wie der Altbundeskanzler Helmut Schmidt:

    "Die Vorstellung, dass eine moderne Gesellschaft in der Lage sein müsste, sich als multikulturelle Gesellschaft zu etablieren, mit möglichst vielen kulturellen Gruppen, halte ich für abwegig. Man kann aus Deutschland mit immerhin einer tausendjährigen Geschichte seit Otto I. nicht nachträglich einen Schmelztiegel machen." - Frankfurter Rundschau, 12. September 1992, S. 8, zitiert in linksnet.de

    "Die multikulturelle Gesellschaft ist eine Illusion von Intellektuellen." - Die Zeit, Nr. 18/2004, 22. April 2004

    "Mit einer demokratischen Gesellschaft ist das Konzept von Multikulti schwer vereinbar. Vielleicht auf ganz lange Sicht. Aber wenn man fragt, wo denn multikulturelle Gesellschaften bislang funktioniert haben, kommt man sehr schnell zum Ergebnis, daß sie nur dort friedlich funktionieren, wo es einen starken Obrigkeitsstaat gibt. Insofern war es ein Fehler, daß wir zu Beginn der 60er Jahre Gastarbeiter aus fremden Kulturen ins Land holten." - Hamburger Abendblatt, 24. November 2004

    Ich meine, so ist das!

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  5. Auch hier in London funktioniert das Zusammenleben und Miteinander verschiedenster Kulturen, Herkünfte und Religionen meistens ganz gut.

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  6. Wenn eine Gesellschaft in sich gespalten ist oder einfach keinerlei Nationalgefühl hat, kann keine Integration funktionieren.

    Und selbst die Amis mit ihrem glühenden Patriotismus haben genügend Probleme mit Multikulti, und zwar regelmäßig dort, wo Rassisten im Scheinheiligenschein ihres Gutmenschentums a la Claudia Roth die Öffentlichkeit dominieren. Man google z.B. nach "beat a whitey day".

    Fakt ist: Multikulti war noch nie die Friede-Freude-Eierkuchen-Welt, die ein grüner Traumtänzer sich darunter vorstellt, sondern stets ein Pulverfaß, das allzu oft in Vertreibung, Versklavung oder Völkermord mündete.

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