Wenn der Nahost-Korrespondent zweimal wegsieht

Nachdem der Iran in den letzten Jahren seinen Einfluss in der Region erfolgreich ausgeweitet hat, ist er am vergangenen Samstag dort angekommen, wo er von Anfang an hinwollte: in der direkten Konfrontation mit der israelischen Armee an der syrisch-israelischen Grenze. Eine iranische Drohne drang in den israelischen Luftraum ein, wurde jedoch rasch von der israelischen Luftwaffe abgeschossen. Die wiederum flog daraufhin Angriffe auf iranische Stellungen in Syrien, wobei eine F-16 der Israelis ins Feuer der syrischen Luftabwehr geriet und abstürzte. Die Piloten - einer leicht verletzt, einer schwer - konnten sich per Schleudersitz auf israelischen Boden retten.

Soweit der Stand der unheimlichen Dinge, auf den nun die gut eingeübten Wortmeldungen folgten. Immerhin, das amerikanische Außenministerium verurteilt die iranische Aggression, während Vladimir Putin, der Heiland im "Kampf gegen den Terror" und bester Freund Assads und der Mullahs, Netanyahu dazu auffordert, jegliche "Eskalation" in Syrien zu unterbinden und die Souveränität Syriens zu achten. Im Eskalationsgewerbe kennt er sich schließlich aus. Der Chef der UN fordert ebenfalls mehr Deeskalation und verabschiedet sich danach wieder ins wohlverdiente Wochenende. In Gaza und im libanesischen Hisbollah-County wird gefeiert, in den Straßen von Damaskus verteilt man zur Feier des Tages Süßigkeiten. In Europa herrscht derweil das übliche Schweigen. Auch in Deutschland fällt niemandem etwas ein, was in Anbetracht der vorangegangen Wortmeldungen in Sachen Iran - etwa Sigmar Gabriels Rat an die iranischen Demonstranten, es nicht zu übertreiben - schon eine positive Entwicklung ist. Keinen wirklichen Außenminister zu haben ist eben auch nicht das Schlechteste. Einzig Frank-Walter Steinmeier meldet sich zu Wort. Und zwar mit einem Glückwunsch-Telegramm in Richtung Teheran anlässlich des 39-jährigen Jubiläums der Islamischen Revolution, das am Sonntag feierlich von denen begangen wurde, die zeitgleich Frauen ohne Kopftuch in Folterknäste sperren. Man muss eben Prioritäten setzen, gerade auch als Deutscher.


Was den europäischen Diplomaten an Worten fehlt, bügelt nun allerdings das öffentlich-rechtliche Fernsehen mühelos wieder aus. Der ARD-Israel-Korrespondent verrät beispielsweise in der Tagesschau, die israelische Regierung würde sich vom "Iran bedroht fühlen". Also ungefähr so, wie sich manche Menschen von Spinnen "bedroht fühlen". Gefühle sind bekanntermaßen eine recht subjektive Angelegenheit. Gut möglich, dass die Israelis einfach gerade diverse Schwankungen ihres Gefühlshaushalts durchleben und sich die iranische Militärpräsenz vor der Haustür sowie die jahrelangen Vernichtungsdrohungen der Mullahs nur einbilden. Die ARD hält sich da lieber bedeckt. Trotz des offensichtlichen Drohnenmanövers aus iranischer Hand und trotz etlicher Zeugnisse der iranischen Militärpräsenz in Syrien zitiert man lieber beide Seiten: die "Behauptungen" Netanyahus, die Dementis der Iraner. Am Ende kann der Zuschauer dann auswürfeln, ob das iranische Regime nun in Syrien präsent ist oder nicht. Dass Israel sich nicht nur bedroht fühlt, sondern auch bedroht ist, muss man ja nicht gleich verraten. Wäre schließlich schade um das beliebte Narrativ vom stetig aggressiv gestimmten Israel.

Nicht minder aufschlussreich geht es auch beim "heute journal" zu. Ob Netanyahu denn jetzt wirklich "sein Land hinter sich" hätte, nachdem er auf "einen Drohnenflug mit zwölf Bombenangriffen reagiert hat", möchte Claus Kleber von Nicola Albrecht in Tel Aviv wissen. Die bejaht, mit ernster Miene, hat sie doch bedauerlicherweise keinen Israeli finden können, der mit der Bedrohung der eigenen Existenz auch gut leben könnte. Ohnehin ist der Fall für sie klar: "Beide Seiten spielen mit dem Feuer", erklärt die ZDF-Korrespondentin dem deutschen Publikum, so als ginge es um eine Auseinandersetzung im Sandkasten, bei der es nur selten Unschuldige gibt. Dass beide Seiten "rote Linien" austesten, will sie ebenso herausgefunden haben. Wo ihre persönliche rote Linie verläuft, bei Raketenalarm in Tiberias oder erst dann, wenn der "red alert" in ihrem eigenen Büro in Tel Aviv ertönt, lässt sie indes offen. Ohnehin beunruhigt sie vielmehr, dass Netanyahu "diesen Vorfall nutzen wird, um sein außenpolitisches Mantra, nämlich dass Iran der eigentliche Aggressor hier in der Region ist, der Böse, noch einmal auf der internationalen Plattform intensivieren wird". Und das, so der unausgesprochene Gedanke, wäre dann wirklich der Ernstfall. Da wüssten selbst erfahrene Nahost-Korrespondenten nicht mehr weiter. Ein drohender Krieg zwischen dem Iran und Israel auf dem Golan und im Libanon, Raketen, Tote, nukleare Ambitionen der Mullahs, die über alledem schweben - nicht schön, aber auch nicht sonderlich erwähnenswert, und erst recht nicht so schlimm wie die Vorstellung, dass ein israelischer Regierungschef etwas gegen den Iran sagen könnte. Nutzt er ja eh nur für seine politischen Zwecke, dieser Schlingel.

Vielleicht muss man die Israel-Korrespondenten von ARD und ZDF aber auch einfach beneiden; um ihre Fähigkeit, selbst in Zeiten der Krise einen klaren Kopf zu bewahren und allen Widerständen zum Trotz der eigenen Linie treu zu bleiben: im Zweifel gegen Israel.

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