Wikileaks enthüllt: Spätrömische Dekadenz und vor-weihnachtliche Ekstase auf Schloss Bellevue.

Es sind brisante Neuigkeiten, die jüngst mit höchster Priorität und unter strenger Geheimhaltung nach Washington gekabelt wurden – und erneut steht das Ränkespiel der politischen Elite Deutschlands im Focus. Argwöhnisch betrachten die US-Diplomaten diesmal Alkoholismus, Machtkämpfe und spätrömische Dekadenz unter’m naturgrünen Weihnachtsbaum.

Leise rieselt der Schnee vor den Fenstern von Bellevue, dahinter hingegen ist man von besinnlichen Tönen weit entfernt. Doch weder interne Zankereien, noch die akut umgehende Angst vor Maulwürfen jeglicher Art konnten Bundespräsident Wulff davon abbringen, pünktlich zum Fest eine neue Charme-Offensive zu starten. So beschloss er, nicht nur in der Türkei für Integration zu werben, sondern ausnahmsweise auch mal in der Heimat mit gutem Beispiel voran zu gehen. Aller Widerstände zum trotz lud er die von „internen Konflikten“ gezeichnete Gurkentruppe zur vorweihnachtlichen Gabenstunde zu sich nach Hause ins Schloss Bellevue – ein edles Ansinnen mit fatalen Folgen.


So gingen bereits der Frage nach dem passenden Weihnachtsbaum zähe und lang andauernde Sitzungen im Plenarsaal voraus. Während Herr Dr. Westerwelle für mehr gelblich schimmerndes Lametta plädierte und Horst Seehofer seinem Wunsch nach bayerisch anmutenden, blau-weißen Lichterketten mit aller Stärke Ausdruck verlieh, waren es letztlich die Mitglieder von „Bündnis 90 – Dagegen!“, die dank ihres Umfragehochs den Zuschlag erhielten. Damit fiel die Wahl also auf eine ökologisch korrekte, asymmetrische Nordmanntanne aus regionalem Anbau, welche dezent mit Strohsternen aus dem Dritte-Welt-Laden und Gentechnik-freien Äpfeln behängt wurde. Keine Einigkeit hingegen wurde in Fragen zur Menü-Gestaltung erzielt. Zur Wahl standen u.a. Angelas Kartoffelsuppe (stets der Hit bei ihren Gästen!), Dürüm nach Claudia Roth als Beweis für die gelungene Integration türkischer Immigranten in Berlin-Neukölln sowie Austern und Hummer aus dem Hause Westerwelle (denn schließlich müsse sich Leistung ja auch lohnen!). Nachdem diesbezüglich jedoch nicht mal eine relative Mehrheit zustande kam und ein demokratisch anmutender Volksentscheid ohnehin ausgeschlossen war, einigte man sich auf Finger Food in kleinen, sowie Bier, Wein und Spirituosen in rauen Mengen – manche Dinge lassen sich im alkoholisierten Zustand eben besser bewerkstelligen (oder, Frau Käßmann?)

Anders wäre es Christian Wulff – ausgewiesener Experte für Integration und Trantütigkeit – wohl auch nicht gelungen, die Zeit bis zur Bescherung ohne tätliche Übergriffe und Mobbingattacken zu überbrücken. Während er in seinem Büro verzweifelt versucht, auf den letzten Drücker ein dekoratives Christkind zu organisieren (einzig Fäkalphilosophin Charlotte Roche zeigte Interesse und offerierte gar vollen Körpereinsatz), vertreiben sich die mittlerweile leicht berauschten Gäste die Zeit mit jüdisch-christlichen, abendländischen Weihnachtsbräuchen. Ursula von der Leyen demonstriert ihr begnadetes Talent als Dirigentin, denn zum Zwecke der musikalischen Untermalung hat sie extra ihre 7-köpfige Kinderschar mitgebracht. (Für den Berliner-Knaben-Chor hat es dank Griechenland und Irland heuer leider nicht gereicht.) In besinnlicher Beschallung versucht sich derweil Horst Seehofer am Aufbau des Krippenspiels, denn als überzeugter Verfechter christlicher Werte steht er mittlerweile ganz klar in der Bringschuld – einige Bierchen später steht die Krippe dann endlich, wenn auch ohne die drei heiligen Könige aus dem Morgenland („Deutschland ist kein Zuwandererland!“), und Horst kann es sich nun endlich gemütlich machen.

Doch bedauerlicherweise sind die Wulff’schen Bemühungen um ein adäquates Christkind in der Zwischenzeit auf ganzer Linie gescheitert. So packt er also selber an und schleppt die vom Steuerzahler finanzierten Gaben höchstpersönlich in den Salon, wo Ursula mittlerweile „Süßer die Kassen nie klingeln“ angestimmt hat und Andrea Nahles in Ermangelung eines passendes Weihnachtsgedichts nun völlig unbeachtet einige Zeilen aus Marx’ Manifest vorträgt. Doch angesichts des plötzlichen Segens bleiben selbst ihr die antikapitalistischen Parolen im Halse stecken, und auch die von Thomas de Maiziere eigens angeordnete Sicherheitskontrolle aller Päckchen muss aufgrund akuter Gier heute leider ausfallen. Augenblicklich beginnt das große Gerangel unter der Nordmanntanne, alle werden von der Panik befallen, letztlich nichts mehr abzubekommen – in Zeiten der Krise muss man eben schauen, wo man bleibt. Jeder will jetzt sein Geschenk!

Gierig öffnet Angela Merkel ihr überdimensionales Paket, welches per Eilkurier gerade noch rechtzeitig aus Baden-Württemberg geliefert werden konnte. Zum Vorschein kommt eine schwäbische Modell-Eisenbahn aus dem Hause Mappus inkl. passender Gleise, welche sofort von einer vollends enthusiastischen Angela und einem hilfsbereitem Verkehrsminister Ramsauer rund um den Weihnachtsbaum verlegt werden. (Gut, dass der kluge Stefan auch noch ein Döschen Tränengas dazu gelegt hat, ansonsten wären die Grünen ihrem Naturell nach bestimmt wieder dagegen gewesen.) Und während der Anblick der rollenden Eisenbahn Angela Merkel in ekstatische Zustände versetzt, denkt sie sich, dass zum perfekten Glück eigentlich nur noch das passende Castormodell fehlen würde ...

Ganz und gar nicht entzückt zeigt sich hingegen Finanzminister Schäuble. Das Christkind muss ihn wohl vergessen haben, denn wie sonst kann es bloß möglich sein, dass er auf dem Gabentisch keinen an ihn adressierten neuen Sprecher vorfindet? So muss er sich wohl oder übel mit Thilo Sarrazins Skandalknüller „Deutschland schafft sich ab“ begnügen, welchen der großherzige Freund neudeutscher Kopftuch-Mädchen im übrigen an alle anwesenden Gäste verschickt hat – natürlich mit der Bitte um Aufnahme in den Kanon der deutschen Literatur. Doch zur bedächtigen Lektüre kommt es an diesem Abend nicht mehr, denn plötzlich starren alle wie gebannt auf den Wulff’schen Kamin, aus dem bereits lautstarkes Zetern und Motzen ertönt. Sollte es etwa doch noch ein Weihnachtswunder geben? Nun, natürlich nicht, selbst die spätrömische Dekadenz stößt gelegentlich mal auf ihre Grenzen. Statt dem lang ersehnten Weihnachtsmann inkl. gut gefüllter Säcke, plumpst den Gästen stattdessen ein hoch-rot(h) angelaufener Sigmar Gabriel vor die Füße, der natürlich keine Gaben dabei hat, sondern lediglich fünf Maxi-Menüs aus der nahe gelegenen Mc Donalds-Filiale. Völlig unterzuckert hatte er die Festlichkeiten kurz zuvor verlassen und entschied sich auf dem Rückweg (kurz vor dem Hungertod!), die Sicherheitsbeamten am Haupteingang zu umgehen. Stattdessen wählte er die vermeintliche Abkürzung über den Schornstein, dessen Ausmaße wohl eher weniger mit Genosse Gabriels zierlicher Statur korrespondierten.

Derweil sammeln sich die Gäste ganz aufgeregt vor einem weiteren Päckchen, welches sich kurz darauf als symbolträchtiges Zeichen der deutsch-iranischen Freundschaft entpuppt. „Schau mal Angi, wir bauen uns ein Atomkraftwerk“ – so steht es auf der von Ahmadinedschads eigens signierten Weihnachtskarte. Doch während die versammelten Gäste eifrig den kleinen Neutronenbeschleuniger, die Brennkammer und den winzigen Uranstab zusammenbauen und auf das gnadenbringende „Puff“-Geräusch warten, klopft es plötzlich erneut an der Tür. Klaus Ernst, Vorstand der linken Gutmenschen-Partei, betritt in der Hoffnung auf ein wenig Gemütlichkeit den Salon. Doch angesichts des kapitalistisch geprägten, neo-liberalen Gelages, beschließt er voller Verachtung, die Festivität sofort zu verlassen. Eiligst stürmt er zu seinem neu erworbenen Porsche Carrera und braust mit aufheulendem Motor davon, geradeaus in Richtung US-Botschaft, um sich dort bei Seelsorger Murphy über die Kollegen auszulassen. Ihm taten es übrigens auch die restlichen Gäste gleich, welche sich im Laufe des Abends peu à peu auf der Murphy’schen Couch einfanden. Der deutschen Extrovertiertheit verdanken wir auch diese äußerst brisante Depesche – Hillary lässt herzlich grüßen, bedankt sich für das Entertainment und seufzt „Ach, wenn doch jeden Tag Weihnachten wäre ....“


Anmerkung: Auf diesem Wege wird dem großartigen Loriot gedankt, dessen Satire Weihnachten bei Hoppenstedts wahrlich inspirierend wirkte.

Kommentare:

  1. Soooo köstlich!!!
    Danke, Jennifer -- hoffe es wird jetzt niemand mehr über Wikileaks schimpfen. Wenn die uns z.B. mit so einem Gedicht von Information verwöhnen ... Ich dachte mir schon immer, dass die Politiker im tiefsten Inneren äußerst feinfühlige Menschen sind.
    Jan

    AntwortenLöschen
  2. Immer gern geschehen, lieber Jan!
    Feinfühlig? Aber ja doch, sind schließlich auch nur Menschen, wer kann ihnen da schon die ein oder andere Therapiesitzung bei Dr. Murphy verübeln? ;-)

    AntwortenLöschen
  3. Hihi - ja, der Murphy bongt es!
    ich schreibe für die Zeitschrift Bagger -- gedruckt und auch gewebt, bitte hier ist aber was altes -- schlampig programmiert - aber die Erklärungen nach dem erfolgreichen Bestehen des Tests - bitte scroll dann nach unten ))) ciao J.

    AntwortenLöschen