Recht im Namen des Kostüms


Manch einer wird sie schon wieder vergessen haben, anderen hingegen haben sie auf ewig in ihr Herz geschlossen. Die Rede ist von Irena Wachendorff, die nicht nur rund um ihre Heimat Remagen, sondern auch überregional bis international als engagierte Kostümjüdin einigen Ruhm erlangte. Jahrelang tingelte sie als Jüdin durch Synagogen, Schulen und Gedenkstätten, kein jüdisch konnotiertes Event war vor ihr sicher. Dabei beeindruckte sie ihre Umwelt nicht nur durch ihre Vita (Mama in Auschwitz, Papa auf der Flucht in England, sie selbst als IDF-Soldatin im Libanon), sondern auch durch ihr beherztes Eintreten für einen gerechten Frieden im Nahen Osten, indem sie den Israelis vom Rhein aus diktierte, sich den Palästinensern gegenüber doch endlich mal anständig zu benehmen.

Seit jedoch bekannt ist, dass Irena Wachendorff zwar über viel Fantasie, dafür aber über keinerlei jüdische Wurzeln verfügt, wurde es still um sie. Hie und da trat sie auf Facebook im Gewand ihres toten Hunds auf, und zwischendurch versprach sie den Resterampen ihrer Fangemeinde, ihre Jüdischkeit zu beweisen, sobald die entsprechenden Dokumente aus dem fernen Polen endlich eingetroffen wären. Das jüdische Kostüm trug sie weiterhin privat, nicht jedoch in der Öffentlichkeit.

Nun allerdings traut sich die Kostümjüdin der Herzen wieder aus der Deckung. Zwar nicht in einer Synagoge, dafür aber vor Gericht, was ja auch schon mal ganz ordentlich ist. Genauer: Vor dem Amtsgericht Frankfurt am Main, wo Irena Wachendorff gestern erschien, um in einem Strafprozess als Zeugin der Anklage ihr lang ersehntes jüdisches Comeback zu feiern. Achgut- und Blog-Leserin E.D. war live dabei und weiß Erstaunliches zu berichten:


„Sehr geehrte Frau Pyka, 

mit regem Interesse habe ich die Geschichte der Frau Wachendorff auf Achgut und Ihrem Blog verfolgt. Ich bekam auch zufällig mit, dass am 29.April 2013 ein Prozeß stattfinden würde, an dem Frau Wachendorff als Zeugin der Anklage teilnehmen würde. Sie zeigte vor über einem Jahr jemanden an, der sie u.a. als Kostümjüdin bezeichnet hatte. Das ließ ich mir nicht nehmen, besuchte den Prozeß und durfte sensationelles erfahren.

Nachdem der Richter Frau Wachendorff darüber belehrt hatte, die Wahrheit zu sagen, ging es los. Die Vernehmung Frau Wachendorffs begann dann gleich damit, dass sie auf recht eigenwillige und innovative Weise ihr Jüdisch-Sein bewies: Sie legte nicht etwa eine Geburtsurkunde oder eine Bescheinigung einer jüdischen Gemeinde oder des Finanzamtes bei: Nein, sie legte dem Gericht 3 Fotos vor, die bereits 30 Jahre alt wären und auf denen sie jeweils "bereits" einen Davistern trug. Daneben legte sie zwei "Bescheinigungen“ vor (eine davon ohne Unterschrift), wonach sich einmal ihr ehemaliger Schuldirektor, und einmal eine andere Person erinnern würde, dass sie eine jüdische Familie habe. 

Die Postkutsche aus Polen kam also niemals in Remagen an. 

Dann wurde sie immer wieder gefragt, ob sie Jüdin sei und ob ihre Eltern Juden seien.  Das zog sich über einige Zeit, inklusive Unterbrechungen, hin. 

Frau Wachendorff bestätigte zum Erstaunen der Zuschauer, Jüdin zu sein. Mehrmals verweigerte sie aber jede weitere Antwort hinsichtlich Gemeindemitgliedschaften usw. Nur so viel sagte sie: Ja, ich war Mitglied einer jüdischen Gemeinde. (Komisch komisch, hatten doch ausnahmslos alle jüdischen Gemeinden in ihrer Gegend genau das definitiv verneint, bei einer Gemeinde bezog sie nur den Gemeindebrief zum Preis für Nichtmitglieder.) Außerdem erwähnte sie, sie habe dem Vizevorsitzenden ihrer ehemaligen Gemeinde die ganze Situation in einem regen Mailaustausch beschrieben. Merkwürdig. War doch klipp und klar auf der Achse nachzulesen, dass genau dieser Gemeindevertreter dies abgestritten hatte. Demnach habe sie ihm nur ganz allgemein berichtet, sie habe Probleme auf FB, nicht mehr und nicht weniger. 

Wachendorff gab zu, niemals in Gaza und auch niemals in der IDF gewesen zu sein. Auf die Frage, ob sie jemals in Israel gewesen sei, bestätigte sie dies, konnte sich aber auf Nachfrage zunächst nicht erinnern, auch nicht grob, wann das gewesen sei. Erst nach langem Nachdenken fiel ihr ein, dass es nach der Schule gewesen sei, also Anfang der 80er Jahre. Sie konnte auch zunächst nicht beantworten wo sie dort überall war. Dann fiel ihr nach einer Weile ein, dass es sich um eine Rundreise gehandelt habe, Städte konnte sie aber nicht nennen. 

Ihr wurde immer wieder das vorgehalten, was sie im Internet über sich selbst und ihre Familie verbreitete. Dabei „korrigierte“ sie einige ihrer damaligen Aussagen. So sei nicht ihre Mutter, wie sie immer und immer wieder behauptete, in Auschwitz gewesen, sondern nun der Vater ihrer
Mutter, also ihr Großvater. Obschon sie immer und immer wieder behauptete, ihr Vater wäre nach UK geflohen und erst in den 50er Jahren wieder nach Deutschland gekommen, war sie sich diesbezüglich dann doch nicht mehr sicher.

Sicher sei ihr zufolge aber, dass ihr Vater nicht bei der Wehrmacht gewesen ist. Dann wurde der Nachruf eines Professor Böhmers, also eines Kollegen ihres Vaters vom Pflanzenschutzamt, ins Feld geführt. Diesen haben Sie ja bei Ihren Recherchen gefunden, und dem war ganz klar zu entnehmen, dass Wachendorff bei der Wehrmacht war. Darauf erwiderte Frau Wachendorff, der Nachruf des Professors sei falsch, sie habe ihn angerufen, nachdem Ihr Beitrag auf Achgut erschien und er habe versichert, diesen Nachruf (mit Wehrmacht-Info) nicht geschrieben zu haben. Er könne sich das angeblich nicht erklären. Der Herr Professor soll Frau Wachendorff dann an das Pflanzenschutzamt verwiesen haben, dort hätte man ihr aber auch nicht erklären können, wie dieser Nachruf entstanden sei. Der Verfasser sei unbekannt. Dann habe sie noch bei einem Amt nachprüfen lassen, ob ihr Vater bei der Wehrmacht gewesen sei, das sei verneint worden. Seltsam, dass sie sich nicht so sicher ist, war er nicht als verfolgter Jude in England? 

Gefragt, warum ihre Eltern beide in einer Urne bestattet wurden, was für gläubige Juden völlig ausgeschlossen ist, antwortete sie wiefolgt: Ihre Eltern seien säkulare Juden gewesen und deshalb sei ein Urnengrab möglich gewesen. Ei, ei, ei, so biegt man sich also die früheren Lügen
zurecht:  Erst war ihr Vater ein sehr gläubiger orthodoxer Jude und sogar Berater von Rabbinern. Beigesetzt wurde er aber in einer Urne, die Trauerfeierlichkeiten fanden laut Todesanzeige sogar in einer evangelischen Kapelle statt. All das „erklärte“ sie ja kurz nach Ihrer Veröffentlichung, indem sie behauptete, ihr Vater sei unter dem Einfluss eines evangelischen Superintendenten zum evangelischen Glauben konvertiert.

Das scheint ihr heute vor Gericht wieder entfallen zu sein, und so wurde aus dem konvertierten Christen wieder ein Jude, diesmal aber säkular.

Das waren meines Erachtens die wichtigsten Aussagen, die von Frau Wachendorff getätigt wurden. Damit war sie als Zeugin vorerst entlassen. Ich bin gespannt, ob, und wenn ja, wie das Gericht am kommenden Freitag (da geht der Prozess weiter) diese Aussagen bewerten wird.

Mit freundlichen Grüßen

E.D.“ 




Ist das nicht goldig? Wenn man Irena Wachendorff eines lassen muss, dann ist es der Mut zur Flexibilität, ihre blühende Fantasie wie auch die Chuzpe, die zweifellos notwendig ist, um das jüdische Comeback ausgerechnet vor dem Richter zu feiern. Aber so ist das eben mit ihr  – einmal Jüdin, immer Jüdin. Wenn auch nur in ihrer Welt. 




Siehe auch: Die eingebildete Jüdin & Die Causa Wachendorff / Polenz - eine Chronologie

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