Sonntag, 4. November 2012

Der ganz normale Wahnsinn



Im Grunde habe ich ein Herz für Leserbriefschreiber und artverwandte Wesen. Für die einen, die es bei Komplimenten, Heiratsanträgen und knappem Feedback  belassen, mehr. Für die anderen, die mit geistiger Diarrhoe auf sich aufmerksam machen, weniger. Obwohl es, zugegeben, ohne solche Geisterfahrer auch langweilig wäre. Und dann gibt es natürlich noch Exemplare, die sich streng genommen keiner der beiden Kategorien zuordnen lassen. Das sind die, die keinen Friseur haben. Einsame Seelen, unterbeschäftigte Rentner, Männer mit stark ausgeprägter Midlifecrisis und „entrechtete“ Väter beispielsweise. Ihren Tätigkeitsschwerpunkt haben sie längst in die Postfächer fremder Leute verlagert, wo sie selbstverständlich kostenlose und unkomplizierte Gesprächstherapie erwarten. Oder eher massiv einfordern. Denn sobald der Leserbriefschreiber eine höfliche Standard-Antwort empfangen hat, kommt er erst richtig in Fahrt. 

Nun sind virtuelle Brieffreundschaften sicher eine feine, aber eben nicht Jedermanns Sache. Davon hat der Leserbriefschreiber nur noch nie gehört. Er deponiert lieber unaufgefordert und regelmäßig kilometerlange Abhandlungen über Platon, den Euro oder Thomas Mann in fremden Postfächern, deren Besitzer er nun für den perfekten Gesprächspartner hält. Selbstverständlich in Erwartung einer oder mehrerer Antworten im gleichen Ausmaß. Und wenn er dann noch Zeit hat (was meistens der Fall ist), folgt die bewegende Lebensgeschichte inklusive Bilder der eigens geschreinerten Kücheneckbank. Natürlich in vollem Umfang. Unter drei Standard-Word-Seiten und 40 MB bemüht er gar nicht erst seine Tastatur. Dabei ist er felsenfest davon überzeugt, fremde Menschen würden ihre knapp bemessene Zeit exklusiv in seine Unterhaltung investieren.

Insofern lässt der professionelle Leserbriefschreiber auch dann nicht locker, wenn er überraschenderweise keine Antwort bekommt. Ganz im Gegenteil, erst die Ignoranz, so scheint es, motiviert ihn zu weiteren Heldentaten. Denn schließlich ist der Leserbriefschreiber an sich ein wackeres Wesen, das sich so schnell nicht in die Flucht schlagen lässt. Sätze wie „Warum antwortest du denn nicht???“ oder „Schade, hast wohl viel zu tun … :((((“, bevorzugt in fünffacher Ausführung und mit dem Pathos einer beleidigten Leberwurst, gehören zu seinem Standardrepertoire. Schließlich ist es ja ein verbrieftes Menschenrecht, von fremden Leuten umgehend und in epischem Ausmaß bespaßt zu werden! 

Kein Wunder also, dass der Leserbriefschreiber noch einen Plan B zur Hand hat. Jetzt erst recht! Wenn der neue Therapeut der Träume nicht antwortet, kann das ja sicher nicht an ihm liegen. Bestimmt hat der Adressat den neuen Roman und das oben erwähnte Bettelmail-Bombardement einfach noch nicht gesehen. Also muss der Leserbriefschreiber ein bisschen nachhelfen. Nun bekommt nicht etwa das Zielobjekt, sondern deren Freundeskreis Post:  „Erinnerst du bitte deine Freundin daran, mal in ihre Emails zu sehen? Sie schuldet mir noch eine Antwort.“ Anschließend fühlt er sich richtig gut, starrt erneut auf seinen Posteingang und erwartet Unterhaltung.

Sollte diese unerwarteterweise nicht eintreten, muss der Leserbriefschreiber zu härteren Bandagen greifen. Warum immer Emails schreiben, wenn es noch Facebook oder Twitter gibt? In dem Bewusstsein, ein unglaublich origineller Zeitgenossse zu sein, richtet er sich flugs einen Twitter-Account ein, um dann dort sein Opfer mit einem Wortschwall zu überraschen. Es freut sich ganz gewiss darüber!

Doch auch im Leben eines Leserbriefschreibers gibt es Tiefpunkte. Der Hamster ist gestorben, das Leben gescheitert, die Ehe zerbrochen - kommt alles mal vor. Jedoch: Halb so schlimm, wenn man seine Sorgen teilen kann – denkt es im Hobby-Schreiberling, denn der ellenlange Klagemonolog liegt schon längst im Postfach seines Opfers. Ob es sich für seine Sorgen wohl interessiert? Ach, die Frage stellt sich doch gar nicht! Schließlich hat sich die Zielperson schon mal für einen themenbezogenen Leserbrief bedankt, da wird, nein, muss es auch das eigene Seelenheil wiederherstellen. Der Leserbriefschreiber würde sich zwar nie trauen, fremde Leute im Bus oder an der Bar mit seinen Problemen zu belästigen. Doch seit der Erfindung des Internets wähnt er sich im Schlaraffenland. Warum auch eigens dafür qualifiziertes Personal aufsuchen, wenn man den Traum-Psychiater einfach im Netz heimsuchen und beanspruchen kann?

Gleiches gilt für das Fortpflanzungsverhalten postpubertärer Online-Ritter, die beim Blick in den Spiegel (kommt vor, wenn sie nicht gerade Emails schreiben) offenbar den jungen Alain Delon ausmachen und ein ebenso geartetes Selbstbewusstsein an den Tag legen. Elitepartner und ähnliche Späße sind dem Leserbriefschreiber und seinen Kollegen schon längst „zu mainstream“.  Er sucht sein Glück lieber bei Angehörigen der schreibenden Zunft und hält eine bestätigte FB-Freundschaftsanfrage dem Ja-Wort am Traualtar für ebenbürtig. Seine überaus geistreichen sowie zärtlichen Botschaften („Hey, ich könnte zwar dein Vater sein, aber ich hoffe, du antwortest mir trotzdem, ich finde dich nämlich echt sympathisch und deine Texte super.“) gehen über in skurrile Fantasien („Ich stelle mir dich gerade in schwarzen Lackstiefeln vor …“) und münden in der Regel in Eifersuchtsszenarien („Warum unterhältst du dich mit XY auf deiner FB-Seite, statt mir zu antworten? Ist das etwa dein Freund??).  Begleitet wird all das von Gedichten, Avancen und „Guten Morgen, meine Prinzessin! / Gute Nacht, meine Königin!“ – Nachrichten. Der durchschlagende Erfolg im Herz der Adressatin muss sich gar nicht mehr einstellen; den hält der Leserbriefschreiber ohnehin für selbstverständlich. 

Ein geübter Leserbriefschreiber geht allerdings nicht nur in der Rolle des Liebhabers, sondern auch in der Aufgabe des selbsternannten Mentors auf. In Ermangelung von Kindern oder Enkeln fühlt er sich nun dazu berufen, das Leben fremder und meist junger Personen gebührend umzustrukturieren. Natürlich ungefragt, denn da der Leserbriefschreiber älter ist, weiß er ohnehin, was für junge Dinger gut ist. Und wehe, der Protegé wagt es, seine Handlungsanweisungen zu ignorieren. Dann nämlich folgen Vorwürfe („Ich hab dir doch gesagt, das so und zu machen. Das kannst du jetzt aber echt nicht bringen!“), da der anonyme Kümmeronkel fremde Existenzen schließlich schon längst zu seinem Eigentum erklärt hat. Und da Eigentum verpflichtet, fordert er auch in regelmäßigen Abständen diverse Auskünfte an: „Und, was hast du heute so gemacht? Was gab’s zum Abendessen? Wo warst du denn am Wochenende unterwegs, und mit wem? Was willst du so in Zukunft machen? Schade, warum schreibst du nicht mal mehr über dich?“

Offenbar hat der Leserbriefschreiber vor allem eines: viel Zeit. Genug Zeit jedenfalls, um ein unbescholtenes Postfach zu einem Gesamtkunstwerk aus Irrsinn, Scham- und Respektlosigkeit umzufunktionieren. Dafür kann man ein Herz haben. Muss man aber nicht.

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