Make Quatsch, not War!

Neulich bekam ich äußerst erheiternde Anti-Fan-Post. Der/die/das anonyme Absender/in mit stark ausgeprägter pazifistischer Gesinnung gab sich dabei wirklich alle Mühe, meine etwaige Bosheit in epischer Breite zu belegen. Besonders liebenswert fand ich vor allem die Feststellung, ich sei eine

  
„menschenverachtende Bellizistin, die das aufopfernde Engagement der zahlreichen Friedensaktivisten torpediert und garantiert eine Bereicherung für Hitler, G.W. Bush und weitere Kriegstreiber dargestellt hätte“.


Ich fand diese E-Mail freilich absolut klasse, denn schließlich trifft man im Alltag (außer beim Kirchentag, den ich allerdings nicht besuche) ja nicht allzu oft auf überzeugte Pazifisten, die gleichzeitig ehrlich sind und noch dazu meine bereits vorhandene Meinung über Friedensaktivisten im Allgemeinen glanzvoll bestätigen. Allerdings, so dachte ich mir, hat ein Dasein als eingefleischter Friedenskämpfer doch auch einige, wenn nicht gar durchaus viele, Vorteile.


Sind wir mal ehrlich: Mit Pazifisten verhält es sich genauso wie mit Katzenbabies. Nahezu jeder findet sie irgendwie gut, zumindest jedoch lässt sich nichts Schlechtes über sie sagen. Und wer es dennoch wagt, Pazifisten und kleine Kätzchen blöd zu finden, ist entweder abgrundtief böse, emotionslos, oder meistens beides. Friedensaktivisten kämpfen pausenlos für das „Gute“ – dafür strampeln sie entweder mit dem Fahrrad quer durch Europa, veranstalten Sit-Ins vor jeder sich bietenden US-Botschaft oder halten trotz Sturm und Regen Mahnwachen vor dem Rosa-Luxemburg-Denkmal ab. Das ist zweifellos ein nettes Hobby – die einen häkeln Eierwärmer, die anderen malen nach Zahlen, und die Pazifisten plärren eben gerne „Make Peace, not War“, schwenken dabei bunte „PACE“-Fähnchen und blockieren so effektiv den Straßenverkehr. Dass Mister Kriegstreiber Bush trotz dieses rührseligen Engagements in Afghanistan einmarschierte und dort Jagd auf die netten Jungs von den Taliban veranstaltete, lässt den Pazifisten nicht etwa kapitulieren, sondern bestärkt ihn umso mehr in seinem Schaffen. Denn er weiß: Nichts ist gut in Afghanistan, wo vor 2001 bekanntlich die Wirtschaft boomte, die Menschen sich glücklich in den Armen lagen und Demokratie groß geschrieben wurde.

Kreuzt ein Pazifist auf einer Cocktailparty auf und schildert dabei ein paar Impressionen von seiner letzten Antifa-Lichterkette, fliegen ihm die Herzen der gebannten Zuhörerschaft in Windeseile zu. Dabei schwingt in jedem Satz eine gewaltige Portion Jeanne d’Arc – Attitüde mit. Der Pazifist verkauft sich selbst als Märtyrer, der wahlweise gegen „das System“, die Weltordnung, den Kapitalismus oder den Imperialismus der USA kämpft – ein Kampf gegen Windmühlen, zweifellos, was den Friedensaktivisten umso bewundernswerter macht. Und weil der Mensch gemeinhin mehr Sympathie für den schwachen David als für den blutrünstigen Goliath hegt, ernten Pazifisten gemeinhin viel Zu- und selten Widerspruch.

Das Schöne am Pazifismus ist außerdem, dass er so herrlich einfach ist. Er fußt einzig und allein auf einem simplen Hauptschulabschluss-kompatiblen Schwarz-Weiß-Schema: Krieg ist böse, kein Krieg ist gut. Das könnte selbst eine Ex-Bischöfin im Vollsuff einem Vorschüler erfolgreich erklären. Ich finde sowas wirklich grandios! Denn die Zeit, die man durch konsequentes Nicht-Nachdenken einspart, kann man wiederum sinnvoll in das Basteln von „Peace“-Transparenten investieren.
Doch halt – eine Prämisse gibt es natürlich! Selbstverständlich sind nur solche Kriege besonders verabscheuenswert, die vom dekadenten Westen – genauer gesagt – den USA und ihren Alliierten angezettelt werden. Ist ja logisch, schließlich gibt’s Krieg nur selten im Sonderangebot, daher können ihn sich auch nur diejenigen Staaten leisten, die aufgrund ihrer kapitalistischen Wirtschaftsordnung a priori verdächtig sind. Denn weil es den Pazifisten offenbar nicht reicht, lediglich für den Weltfrieden zu sorgen, bekämpfen sie in ihrer verbleibenden Zeit auch gerne mal den Wohlstand, den Liberalismus, Atomkraftwerke, Autofahrer, Bahnhöfe und Mülltrennungsverweigerer.

Insofern verwundert es freilich kaum, dass bei soviel Engagement nur wenig Zeit für den ein oder anderen Brennpunkt auf diesem Planeten bleibt. Bedauerlicherweise ist mir kein Pazifist bekannt, der sich gegen das Mullah-Regime in Teheran einsetzt, obwohl dort Steinigungen von Frauen und Exekutionen von Homosexuellen genauso sicher sind, wie das „Allahu Akbar“ in der Moschee. Der Pazifist erliegt in solchen Fällen gewöhnlich der Faszination des Exotischen, beruft sich auf lustige Binsenweisheiten („Andere Länder, andere Sitten“) und widmet sich wichtigeren Angelegenheiten. Sein Interesse gilt den armen Opfern des Imperialismus, wie zum Beispiel Hamas-Freiheitskämpfern und Al-Qaida-Märtyrern, die vom gemeinen Westen daran gehindert werden, wahlweise Busse oder U-Bahnhöfe in die Luft zu sprengen. Dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, in solchen Fällen auch Terrorismus genannt, gebührt schließlich mehr Beachtung als etwa dem Recht auf Freiheit und Gerechtigkeit. Dafür strampelt man gerne mal quer über den Kontinent und bemerkt vor lauter Eifer gar nicht, dass sich gleich nebenan der letzte Diktator Europas ein paar Exekutionen zum Dessert gönnt. 

Angesichts dieser schier endlosen Hingabe fragt man sich dann durchaus, weshalb es auf der Welt immer noch zu Bürgerkriegen, Völkermorden und Blutbädern kommt. In Deutschland könnte das möglicherweise daran liegen, dass die heimischen Pazifisten immer noch nicht das ultimative Rezept zur Schaffung des Weltfriedens gefunden haben. Während Frau Käßmann nämlich glaubt, durch Gebete für die Taliban die ganze Welt befrieden zu können, tuckert Inge Höger lieber mit Islamisten durch’s Mittelmeer, um so den Nahostkonflikt ein für alle Mal zu lösen. Fast könnte man glauben, dass ein friedliches Westeuropa, in dem wir zweifellos leben, bei manchen Zeitgenossen zu Wahnvorstellungen und Realitätsverlust führt. All jenen ist es offenbar auch entgangen, dass genau dieser Zustand – jawohl, Frieden in heimischen Gefilden – dummerweise ausgerechnet durch eine militärische Intervention zu Stande kam, die noch dazu vom kriegerischen US-Regime initiiert wurde. Und während die pazifistische Gemeinde diesen tragischen Zufall der Geschichte offenbar immer noch betrauert, bleibe ich doch lieber Bellizistin und plädiere für Frieden durch Kriege, bevor es überhaupt keinen Frieden gibt. 



 

Kommentare:

  1. Am einducksvollsten finde ich immer noch bei Pazifisten ihre aggressive Schreibe, die so schön ihren Pseudopazifismus ad absurdum führen.

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  2. Exakt. Wenn es selbsternannten Pazifisten nicht mal gelingt, im Rahmen diverser FB-Debatten Anstand und Respekt zu demonstrieren, fragt man sich schon, wie genau diese Zeitgenossen dann bei der Schaffung der Weltfriedens mitwirken (wollen).

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  3. Ich bin soeben Fan deines Blogs geworden. Toller Text, gute Ansichten und schöne Schreibe. :-)

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  4. Unter den gegenwärtigen (vulgär)pazifistischem Selbstverständnis ist es für die Linke(n) nicht einmal mehr möglich, internationale Brigaden (wie Spanienkrieg) gegen Faschisten aufzustellen, noch einen Volksaufstand gegen Diktatoren (wie Kuba) oder im Kampf gegen Putschisten (wie Chile) zu unterstützen.

    Auch wird unterschlagen, dass die (jüdischen und anderen) Partisanen im WW2 nicht mit Gänseblümchen warfen und der Aufstand im Warschauer Ghetto nicht von "Mutter Erde"-AktivistInnen im Stuhlkreis durchgeführt wurde.
    (BTW: es waren nicht (nur) die Amerikaner, durch deren "militärische Intervention" Frieden nach Europa gebracht wurde. Hauptsächlich die UdSSR trug die Last dieses Krieges. In den USA gab es starke isolationistische Strömungen.)

    Nach Lenins Forderung:

    “daß wir es für notwendig halten, einen jeden Krieg in seiner Besonderheit historisch (vom Standpunkt des Marxschen dialektischen Materialismus) zu analysieren.”

    sollte man zu der Erkenntnis zu kommen:

    “Es hat in der Geschichte manche Kriege gegeben, die trotz aller Greuel, Bestialitäten, Leiden und Qualen, die mit jedem Krieg unvermeidlich verknüpft sind, fortschrittlich waren, d.h. der Entwicklung der Menschheit Nutzen brachten, da sie halfen, besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen (z.B. den Absolutismus oder die Leibeigenschaft) und die barbarischsten Despotien Europas (die türkische und die russische) zu untergraben.” vgl. Wladimir Iljitsch Lenin, Sozialismus und Krieg

    Die Konsequenz wäre dann wohl, auch Millitäreinsätzen, die “besonders schädliche und reaktionäre Einrichtungen untergraben.” zuzustimmen.

    Heutzutage sind eben die barbarischsten Despotien im Nahen Osten, teilweise sogar "unsere" Verbündete. In fehlender Demokratie und Gleichberechtigung, in Homosexuellenverfolgung und Judenhass, in religiöser Intoleranz und gnadenloser Verfolgung von Apostaten und Nichtgläubigen unterscheiden viele Staaten sich nur unwesentlich.

    Was die Bündnispolitik und Strategie der westlichen Welt angeht, steht sie dem Werterelativismus vieler Linken in nichts nach.

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  5. Bellizist klingt sowieso viel schöner als Pazifist. Denn bei Bella schwingt Schönheit mit. Was klingt mit Pax? Ohropax. Angenehm geräuscharm, aber ansonsten? Nein ich mag zusammen mit Harold aus "Harold and Maude" den Krieg viel lieber als den Frieden und will andauernd "Töten, töten, töten!"

    Vielleicht sehen wir uns eines Tages in einem gemütlichen Bellizisten-Ausbildungscamp! Also mich würd es freuen, zumindest was Ihre Schönheit anbelangt.

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  6. WOW! Ich bin schwer beeindruckt. Hasse Pazifisten sowieso über alles. Genau deswegen: siehe in deinem fantastischen Artikel! <3
    Dein Blog ist nun unwiderruflich in meiner Lesezeichenleiste verewigt! :DD

    Grüße, Sebastien

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  7. Also, ich bin gerne "Bellizist". Klingt gut, so ähnlich und genau so gut wie "Polizist". - Der Artikel ist einfach super, in Schulnoten gesagt: Eins mit Stern!

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  8. Also ich bin weder Belli- / Pazi- noch Sonstirgendwas-ist, ich bin ein Mensch mit einer bescheidenen eigenen Meinung ;-) Und ich hätte eine sachlichere Entgegnung auf diesen Vorwurf spannender gefunden als ein tiefer Griff in die Klischeekiste. Ich denke mal, Frieden finden wir doch prinzipiell alle gut...
    Wenn man bedenkt, dass gerade die USA (und auch Deutschland) zu den größten Waffenexporteuren der Welt gehören, aber (die USA etwas "handfester", Deutschland mit dem erhobenen Zeigefinger) meinen, anderen Ländern Frieden, Demokratie und Wohlstand bringen zu können, dann ist das schon irgendwie verlogen... Und ich glaube, das sollte man sagen dürfen, ohne als "Gutmensch" zu gelten.
    Auch das Buch "Unter Beschuss" von Herrn Lindemann, der in Aghanistan stationiert war, hat mich in meiner Ansicht bestärkt, dass dieser Einsatz (zumindest das deutsche Engagement) in dieser Form nicht zielführend ist. Zu glauben, dass man Terroristen auf die "klassische" Art und Weise bekämpfen kann, ist einfach naiv.
    Der Vergleich mit der amerikanischen Intervention im zweiten Weltkrieg wird zwar immer wieder gerne als Rechtfertigung für die anderen Auslandseinsätze hergenommen, ist aber meines Erachtens wegen diverser kultureller, politischer und gesellschaftlicher Unterschiede (Stichwort: Akzeptanz der Besatzungsmacht seitens der Bevölkerung) nur sehr begrenzt zulässig. Soweit die Kurzfassung meines Standpunktes, für mehr ist heute keine Zeit. :-)
    Viele Grüße, Hendrik

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  9. Das erinnert mich an ein Gespräch mit mehr oder minder pazifistischen Freunden aus meiner Studienzeit, wobei einer von beiden Unternehmensberater geworden ist. Das bringt mich gleich zur Definitionsfrage: Was ist ein Pazifist? Hmmm... vielleicht wär's was für mich... bevor ich darüber nachdenke, drehe ich aber erstmal der kläffenden Nachbarstöle den Hals um - Sekunde...

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  10. Mein Eindruck des deutschen Pazifismus:

    1. Ostdeutscher Pazifismus: Ostdeutscher Pazifismus, wie wir ihn in dem nicht-antisemitischen ostdeutschen Teil
    der Linkspartei antreffen, ist eine Fortsetzung der DDR Propaganda und des Kalten Krieges.

    Seine Richtlinien sind folgende:

    Alles was die da drüben hinterm Stacheldraht machen ist, ohne das man darüber nachdenken oder sich damit auseinandersetzen muss, doof und faschistisch. Alles was was wir hier drüben machen ist gut und richtig. Deshalb ist es etwas sehr Schlechtes, wenn man mit einer Predator Drohne punktgenau einen
    schwerkriminellen mit Drogen handelnden verrückten Mörder, wie Hakimullah Mehsud, den ehemaligen Chef der pakistanischen Taliban, zu töten. Es war aber etwas ganz anderes und ethisch richtig, mit einem SU-25 Schlachtflugzeug der Roten Armee Tonnen von Raketen in willkürlich ausgewählte afghanische Dörfer hinein zu pumpen.

    2. Westdeutscher Pazifismus wie wir ihn bei den Grünen und im radikal-antisemitischen westdeutschen Teil der Linkspartei finden:

    Wurde von der Sowjetunion zur Schwächung der militärischen Stärke des Feindes an der Front des Kalten Krieges finanziert und durch frustrierte Holzköpfe getragen, die man eigentlich in einer Psychiatrie wegen ihrer zahlreichen Hirnverknotungen behandeln müsste und denen es durch das "Schweinesystem" ungerechterweise verwehrt blieb, ihre wahnhaften Störungen in Westeuropa so zu verwirklichen, wie Pol Pot in Kambodscha. Das Nächstbeste des verhinderten Bösen war der Schutz des Bösen durch den der Sowjetunion besonders zuträglichen Werterelativismus: Stalin darf vollkommen unschuldige Menschen in selbst ausgehobene Massengräber schießen lassen, weil die Werte dort andere seien und wir warum auch immer nicht das Recht hätten das zu kritisieren. Außerdem muss dieser Zustand
    durch Selbstentwaffnung, Defitismus und Kapitualtionsverhalten befördert werden. Um als UBoot den Feind weiter zu schwächen, muss man seine Geburten durch die Zerstörung der Familie ausdünnen und seine wirtschaftliche Prosperität zerschlagen, indem man mit Fantasie Angste vor industrieller Entwicklung und Fortschritt erzeugt, und Josef Stalins Modell eines
    mittelalterlichen deutschen sozialistischen Agrarstaates der wehrlosen Dorftrottel anstrebt.

    Beide Pazifismen gerieten nach dem Ende des Ostblocks ins trudeln, seit dem sind sie Spinnereien die sich wie eine ziemlich dumme Religion oder ein mentales Virus verselbstständigt haben und sich im politischen Islam eine Wiederherstellung ihrer Existenzberechtigung erhoffen, indem sie mit ihm die baden gegangene kommunistische
    Weltrevolution zu ersetzen versuchen. Khomeini statt Stalin. Es geht um einen Wahn, der sich selbst erhalten will und
    in seinen kuscheligen Zustand zurück möchte, aus dem er 1998 und die Jahre danach gerissen wurde.

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  11. Kleine Textkorrektur, 1989 meine ich natürlich.

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  12. Ich verwende den Begriff "Pazifist" nicht mehr. Ich nenne die Leutchen einfach "Friedioten", in der Einzahl Friediot, bzw. Friediotin. Paßt m.E. sehr schön und gibt meinen Standpunkt bzgl. ihrer Einstellung gut wieder.

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  13. Am besten finde ich ja den Satz von Kay Lorey: „wegen diverser kultureller, politischer und gesellschaftlicher Unterschiede (Stichwort: Akzeptanz der Besatzungsmacht seitens der Bevölkerung)”

    Also auf Deutsch: Hätte doch nur der „Werwolf” funktioniert, so wie ihn die Nazis sich gewünscht hatten, hätten die USA Deutschland auch nicht besetzen dürfen.

    Und die dahinterliegende Annahme, daß die Bevölkerung in Afghanistan rückhaltlos die Taliban unterstützt, zeigt einfach nur, daß der liebenswerte Pazifist lieber eine Meinung anstelle von Kenntnissen hat.

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  14. @ German Psycho: gründlich lesen und den Autor des kritisierten Kommentars ansprechen hilft bei der eigenen Meinungsbildung ;-)

    Und bitte lassen Sie uns doch an Ihren profunden Kenntnissen über den Afghanistan-Einsatz teilhaben.
    Wir wissen doch alle so wenig...

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  15. Fuck. Stimmt. Ich meinte natürlich nicht Karl Lorey (ich bitte um Verzeihung), sondern Sie, Hendrik, aber Sie scheinen mir eigentlich schon alles (und ein bißchen mehr) zu wissen.

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  16. Schon ok ;-) Hab den "liebenswerten Pazifisten" nicht persönlich genommen... Ich wusste auch gar nicht, dass jeder, der es wagt, den Afghanistan-Einsatz zu kritisieren, direkt in eine Schublade gesteckt wird.
    Und zur Beruhigung: Ich weiss nicht alles, habe nur eine bescheidene Meinung und sehe vermutlich manche Dinge ähnlich wie Sie (zumindest haben mir ein, zwei Beiträge in Ihrem Weblog sehr zugesagt).
    Um mal auf die sachliche Ebene zurückzukommen: Was sind denn Ihre Argumente für den Einsatz in dem besagten Land?

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  17. OK, dann will ich auch mal nen Gang zurückschalten :)

    Was ich meinte: Die Bevölkerung in Afghanistan ist ja nunmal nicht gleich Taliban. Die Präsenz in Afghanistan wird von Teilen der Bevölkerung durchaus positiv gesehen – denn was die Taliban da ansonsten anrichten, wissen Sie und ich ja beide.

    Der Einsatz dort richtet sich gegen eine radikale und brutale Unterdrückungsherrschaft. Die Taliban haben oft genug bewiesen, daß sie Gewalt gerne und oft anwenden, wenn sie auf Menschen treffen, die ihre radikale Sichtweise in bezug auf den Glauben nicht teilen.

    Gegen ein solches Regime zu kämpfen halte ich nicht für sinnlos – und schon gar nicht für moralisch falsch.

    (Und sorry wegen der Polemik vorhin, ich bin einfach sauer, weil alle Feiertag haben, nur wir hier im Norden nicht ;) )

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  18. Also ich ärgere mich gerade über den Feiertag, weil alle Läden zu sind und ich Nahrung bräuchte. So unterschiedlich kann die Sichtweise sein. :-)
    ...und dann denke ich manchmal: die afghanische Bevölkerung hätte gerne meine Probleme. Wir sitzen vor unseren PC´s, der Strom dafür kommt zuverlässig aus der Steckdose (obwohl, wenn Merkel so weiter macht... aber das wäre jetzt off-topic), uns fliegen keine Granaten um die Ohren, wenn wir einkaufen gehen und darüber können wir verdammt froh sein.
    Aber wir reissen in unserer Bequemlichkeit und Sicherheit ganz schön weit das Maul auf (und die Kritik beziehe ich ausdrücklich auch auf mich) und glauben, wir wüssten sowieso besser als jeder General oder Präsident, wie große Weltpolitik funktioniert. Was für ein Bullshit.
    Ich gebe ehrlich zu, dass ich oft schwanke, was den Afghanistan-Einsatz angeht.
    Ich kann Ihren Standpunkt
    "Was ich meinte: Die Bevölkerung in Afghanistan ist ja nunmal nicht gleich Taliban. Die Präsenz in Afghanistan wird von Teilen der Bevölkerung durchaus positiv gesehen – denn was die Taliban da ansonsten anrichten, wissen Sie und ich ja beide."
    vollkommen verstehen und es wäre schön, wenn sich die Erfolge nach nunmehr fast 10 Jahren eingestellt hätten. Der Abzug der Amerikaner beginnt quasi schon und die zuverlässige Übernahme der inneren Sicherheit durch die afghanische Armee bzw. Polizei liegt nach meinen Informationen unter dem Eindruck des korrupten Karzai-Regimes und der Unterwanderung durch die Taliban noch in weiter Ferne.
    Nach der Lektüre des Buches von Herrn Lindemann (Oh Gott, ein Student der Sozialen Arbeit liest ein Buch eines Soldaten! ;-)) gewann ich aber immer mehr den Eindruck, dass (vor allem die deutschen) Soldaten mit dem Einsatz dort überfordert sind. Wenn die Politiker in Deutschland sich jahrelang um das Wort "Krieg" herumdrücken und trotz mehrmaliger Bitten des Militärs noch nicht mal die neue Panzer-Haubitze zur Sicherung des eigenen Lagers (!) zur Verfügung stellen, dann läuft irgendwie einiges schief.
    Und: wieder nur meine bescheidene Meinung: wenn die Amis abziehen, werden die Deutschen da nicht mehr lange bleiben (können).
    Die Russen haben sich an Afghanistan schon die Zähne ausgebissen und ich glaube, die Taliban stellen jetzt schon mal den (alkoholfreien) Sekt kalt für den Tag, wenn die westlichen Nationen ihre Soldaten abziehen.

    Moral hin oder her, eigentlich wollen Pazis und Bellis ja das gleiche: Frieden. Der eine mit Haue, der andere lieber ohne.

    Ich würd gern noch weiter schreiben... aber jetzt gönne ich mir erstmal ein Eis in der Sonne.

    Viele Grüße aus Freiburg!

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  19. War ja klar: Kaum diskutiere ich mal ohne Polemik, schon tappen wir in die Konsensfalle ;)

    Die von Ihnen geschilderten Probleme bezüglich Ausrüstung sehe ich auch so, nachdem dieser Bundeswehrbericht herauskam.

    Im Gegensatz zu den Russen hatten wir ja eine andere, in meinen Augen erfolgsversprechendere Strategie verfolgt. Und die Erfolge waren ja da, vor allem nach der letzten Truppenaufstockung der Amerikaner. Im Süden waren die Taliban vorher noch kurz vor einem Sieg, mittlerweile stehen sie mit dem Rücken zur Wand. Aber klar ist auch: Die wittern natürlich jetzt auch Morgenluft.

    Daß Europa alleine keine Einsätze erfolgreich erledigen können, hat sich ja in Libyen gezeigt. Da ging uns nach ein paar Tagen die Munition aus. Wenn sich Amerika nun aus der Weltpolitik mehr und mehr zurückzieht, bedeutet das aber, daß Europa Verantwortung übernehmen muß.

    Oder wir lassen eben das Treiben in der Welt außen vor und überlassen unterdrückte Völker eben ihrem Schicksal.

    Das Problem ist ja nicht, daß Leute wie ich „Frieden mit Haue” haben wollen, sondern daß wir erkennen, daß es eben ohne Haue leider auch nicht automatisch Frieden gibt. Siehe Libyen, sieh Afghanistan, siehe aber eben auch damals: Das „Dritte Reich”.

    Oder anders gesagt: Wenn jemand einen Schwachen hauen will, muß der Starke eingreifen – oder zusehen.

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  20. Na, ich glaube, wir müssen hier kein Konsens-Kuscheln veranstalten, sondern finden noch genug Punkte, worüber es sich zu diskutieren lohnt.

    Bei allem Respekt vor einer geänderten Strategie, aber heute hat die ISAF ganz andere technische Möglichkeiten der Aufklärung und es stellt sich für mich dann die Frage, warum z.B. Bin Laden erst so spät gefasst wurde und warum der Konflikt immer noch andauert. Und damit komme ich zu meinen Zweifeln an den Auslandseinsätzen und den Vergleichen zum Zweiten Weltkrieg, nach dem Motto: Da hat´s ja auch funktioniert.
    Die Kriegsbeteiligung der USA damals hat 4 Jahre gedauert und ja, wir haben den Amerikanern grösstenteils unsere stabile Demokratie und das Wirtschaftswunder zu verdanken. Aber heisst das, dass wir jetzt überall "mitmachen" müssen?
    Wenn Ihnen Ihr Kumpel vor fünf Jahren mal drei Asterix-Hefte geschenkt hat, machen Sie ja auch nicht morgen beim Katzenquälen mit und finden das plötzlich irre gut, weil die Viecher doch nachts laut schreien und überhaupt sind Sie ihrem Kumpel ja so dankbar... (Um mal wieder ein bisschen Polemik in unser Gespräch zu streuen. ;-))

    So, und die Frage ist meiner Meinung auch gar nicht, ob jemand prinzipiell Krieg gut oder schlecht findet, - Krieg ist immer kacke, Blut und Lärm und Dreck und nachher Trauma... alles Mist - sondern ob er was "bringt", ob die Ergebnisse "stimmen". Und woran macht man das fest? Sind 55 Millionen Tote ein angemessener Preis für Stabilität und Frieden in Europa seit 1945?
    Ich weiss die Antwort nicht...

    Und - wenn ich mal den advocatus diaboli spielen darf - wenn Sie solche Einsätze moralisch gutheissen, dann dürfen aber so Dinge wie Abu Ghuraib, Guantanamo, Hussein aufhängen und Bin Laden im Schlaf (oder gerade wach) abknallen eigentlich nicht passieren, oder? Wenn man schon Moral und Recht auf seiner Seite weiss (und das hat Bush nun wirklich mit Inbrunst behauptet), dann sollte man sich auch selbst dran halten. Sonst fällt einem der Heiligenschein ganz schnell vom Kopf. Und Menschenrechte sind nun mal kein Selbstbedienungsladen.

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  21. Sie sagen:
    "Oder wir lassen eben das Treiben in der Welt außen vor und überlassen unterdrückte Völker eben ihrem Schicksal."
    Ok, berechtigter Einwand, aber wo wollen Sie denn noch überall Soldaten hinschicken? Syrien, Iran, Nordkorea oder China wären da auch noch im Angebot.
    Und wenn man den Pazifisten vorwirft, sie würden einfach wegschauen, wenn irgendwo Menschen unterdrückt werden, dann könnte man den Bellizisten auch vorwerfen, sie würden Landesgrenzen missachten und Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung in Kauf nehmen. *Ach, huch, wieder ne afghanische Hochzeitsgesellschaft abgeknallt. Da haben wir uns wohl vertan... Naja, hier sind 1000 Dollar, dann wird´s schon wieder.*
    Was für ein Aufschrei würde durch das empörungserprobte Deutschland gehen, wenn die Amis eine Rakete aus einer Drohne in einem lauschigen Schwarzwalddörfchen abfeuern würden... Wenn´s in Pakistan passiert, wird´s mit einem Schulterzucken hingenommen.

    Auch Ihr letzter Absatz klingt sehr verlockend, aber bringen wir Afghanistan und Libyen wirklich Frieden, wenn wir dort militärisch eingreifen? Gut, ich habe heute erst im DRadio gehört, dass die libyschen Rebellen das Engagement der NATO begrüßen, sich aber mehr Unterstützung wünschen würden... Punkt für Sie.

    Aber ist es so, dass die "Erfolge" der USA im Zweiten Weltkrieg für jeden weiteren Einsatz gelten?
    Ich bin mir da nicht so sicher, vor allem Irak und Afghanistan haben mich da eines Besseren belehrt...
    Und: Bekämpfen wir den eifrigen Islamisten in Pakistan, Somalia oder sogar Hamburg, wenn wir seine Glaubensbrüder in Afghanistan manchmal gar nicht finden und wenn, dann jagen und töten? Das steigert doch nur noch seinen Hass gegen den bösen Westen, egal wo er gerade sitzt... Wie nannte man das noch? Achja, Spirale der Gewalt?

    Und damit bin ich mit meiner Unweisheit auch schon fast am Ende, weil ich glaube, dass es immer jemanden geben wird, der meint, er hätte Recht und Moral auf seiner Seite und damit automatisch die Erlaubis, einem anderen die Rübe einzuschlagen.
    Für mich ist Bush fast genauso ein Lügner und Kriegstreiber wie Bin Laden. Hätte George damals einfach weitergesoffen, würden heute vielleicht noch 90 000 irakische Zivilisten leben. Um Ihr Gegenargument vorwegzunehmen: ja, dafür wären wahrscheinlich ein paar mehr Kurden vergast worden. Und um es komplett pervers zu machen: Waffentechnik und Giftgas kamen aus den USA und Deutschland.
    Und dann stellen wir uns breitbeinig hin und behaupten, wir wollen anderen Nationen / Völkern zeigen, wie das mit dem Frieden und der Demokratie so funktioniert?!

    Was für ein verlogener Bullshit.


    Was habe ich jetzt eigentlich für einen Standpunkt? Keine Ahnung.

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  22. Hendrik, stimmt, zu stark konsensgefährdet sind wir zum Glück nicht.

    „Die Kriegsbeteiligung der USA damals hat 4 Jahre gedauert und ja, wir haben den Amerikanern grösstenteils unsere stabile Demokratie und das Wirtschaftswunder zu verdanken. Aber heisst das, dass wir jetzt überall "mitmachen" müssen?”

    Das ist natürlich eine bewußte – und rhetorisch durchaus zulässige – Verdrehung dessen, was ich sagte. Denn ich sagte ja nicht: WEIL die uns damals gerettet haben, müssen wir nun ÜBERALL mitmachen. Sondern: SIE sagten, Krieg sei GENERELL abzulehnen – und gegen ein absolutes Argument reicht ein einziges Gegenargument.

    „Sind 55 Millionen Tote ein angemessener Preis für Stabilität und Frieden in Europa seit 1945?
    Ich weiss die Antwort nicht”

    Nun, das ist die Sicht eines Pazifisten, der glaubt, daß a) ein Leben in Sklaverei immer noch besser sei als gar keines und b) daß Tote nur durch Krieg entstehen könnten.

    Nehmen wir einmal an, Hitler wäre nicht bekämpft worden. Was wäre geschehen? Nach allem, was wir über ihn wissen, hätte er weitergemordet, bis ihm die Munition ausgegangen wäre, was aber nicht geschehen wäre, weil ja niemand seine Fabriken bombardiert hätte.

    „wenn Sie solche Einsätze moralisch gutheissen, dann dürfen aber so Dinge wie Abu Ghuraib, Guantanamo, Hussein aufhängen und Bin Laden im Schlaf (oder gerade wach) abknallen eigentlich nicht passieren, oder?”

    Damit lenken Sie von der eigentlichen Diskussion ab. Der Fakt, daß ein Lager in Guantanamo existiert, hat mit dem Pro oder Kontra eines Afghanistaneinsatzes der Bundeswehr nichts zu tun. Ebenfalls die Folterexzese in Abu Dingens – natürlich findet das kein Mensch in Ordnung. Gegen letzteres sind die USA auch gerichtlich vorgegangen.

    Aber wie gesagt: Das hat nichts mit dem Afghanistaneinsatz der Bundeswehr zu tun. Nur weil etwas bei unserem Partner schlecht läuft, heißt das nicht, daß damit alles, was wir mit ihm gemeinsam tun, auch schlecht ist.

    Die Bush-Doktrin hingegen wurde ja auch von vielen Pazifisten durchaus gutgeheißen, als wir sie auf einmal in Libyen anwandten. Und ich kann mich gut an die Aufstände vor kurzem in der arabischen Welt erinnern. Da waren viele Menschen der Meinung, man müsse helfen. Man mag Bush für einen Idioten halten, aber seine Politik war weniger eindeutig abzulehnen als man das gemeinhin annimmt.

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  23. Kollateralschäden:

    Natürlich würden wir uns beschweren, wenn hier jemand ein Dorf im Schwarzwald abknallt. Wir befinden uns ja auch nicht im Krieg.

    Es ist fürchterlich, daß wir immer noch nicht in der Lage sind, wirklich absolut sicher keine Zivilisten zu töten, wenn wir uns im Kampf befinden, und daher sind wir uns ja auch einig, daß ein Krieg niemals leichtfertig begangen werden darf, sondern nur die äußerste Notfallösung sein kann.

    Vor allem bei einem Gegner, der ganz bewußt sich hinter Zivilisten versteckt, weil er eben genau weiß, wie die westliche Öffentlichkeit auf sowas reagiert. Zynisch könnte man argumentieren: Wenn uns das Schicksal der Zivilisten egal wäre, würden sich keine Al Qaida, Hamas oder Taliban hinter Zivilisten verstecken, weil der Nutzen fehlte.

    „Wie nannte man das noch? Achja, Spirale der Gewalt?”

    Es gibt keine Spirale. Also keine Steigerung. Die Angriffe auf das WTC kamen unprovoziert. Damals gab es gerade KEINEN Irak- oder Afghanistaneinsatz. Damals wurde der Westen angegriffen für das, wofür er stand. Da wurden Zivilisten als Tote nicht nur in kauf genommen, sondern sogar gezielt ausgesucht.

    Das ist eben die unterschiedliche Doktrin – die stören sich nämlich nicht an Ihren Argumenten. Die sagen sich einfach: „Super – dann sind eben dreihundert Ungläubige mehr tot”.

    Die vielbeschworene Spirale scheint sich momentan nämlich eher nach unten zu drehen – jedenfalls gab es nach den verheerenden Angriffen auf das WTC und in Madrid seit einiger Zeit keine „erfolgreichen” Anschläge mehr.

    Wir schüren nämlich gerade nicht den Hass auf den Westen, indem wir der afghanischen, libyschen Bevölkerung helfen, sondern wir zeigen Mitgefühl.

    „Ok, berechtigter Einwand, aber wo wollen Sie denn noch überall Soldaten hinschicken? Syrien, Iran, Nordkorea oder China wären da auch noch im Angebot.”
    Es ist doch kein Argument zu sagen, daß man gar nicht erst mit etwas Gutem anfangen könne, solange es noch etwas Schlechtes auf der Welt gebe! Ich kann doch sehr wohl den Afghanen zu helfen versuchen, selbst wenn die Nordkoreaner (bedauernswerterweise) immer noch unterdrückt werden – oder was hätten die Libyer davon, wenn wir ihnen sagten, daß wir nicht helfen könnten, solange Nordkorea noch eine Diktatur ist?

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  24. Wir sind tatsächlich näher an einem Konsens als Sie vielleicht glauben ;-)
    Ein paar von meinen Fragen musste ich aber mal „raushauen“, weil sie mir am Herzen lagen und ich die Diskussion hier am Köcheln halten wollte. Ich hoffe, Sie fühlten sich nicht auf den Schlips getreten.
    Ich freue mich aber über die ausführliche Entgegnung und dass wir uns hier nicht in oberflächlichen Beleidigungen ergehen, wie das leider in manchen anderen Kommentarbereichen dieses Blogs passiert.

    Zum Thema:

    Zu Ihrem zweiten Punkt muss ich gestehen, dass ich Ihnen wohl im Eifer des Gefechts eine MMMM („Mitmachenmüssen-Mentalität“ ;-) unterstellt habe. Da es ein häufig vorgebrachtes Argument der Uneingeschränkt-solidarischen und Ewigdankbaren ist, habe ich es wohl ins Spiel gebracht. Ich bitte um Entschuldigung.

    Damit kommen wir zu Ihrer Unterstellung ;-) Ich habe eine (zugegebenermassen unbeantwortbare) Frage in den Raum gestellt und explizit geäußert, darauf KEINE Antwort zu haben.
    Mir deswegen zu unterstellen, ich würde ein Leben in Sklaverei „besser“ finden als gar keines oder Tote nur durch Krieg für möglich halte, ist ja geradezu unfair.
    Aber in der Ansicht, dass Hitler gestoppt werden musste, gehen wir ja konform.

    Warum haben so viele westliche Länder dann eigentlich Saddam Hussein in seinem Expansionsbestreben mit Waffenlieferungen unterstützt? Hmm, eigentlich sollten wir aus der Geschichte gelernt haben, finden Sie nicht?

    In diesem Land kommen mehr Menschen durch ärztliche Kunstfehler, Autounfälle oder EHEC ums Leben als durch Terroranschläge, das nur kurz als Fußnote zur Risikowahrnehmung.
    Für mich ist die geringe Anzahl der bisher verübten Anschläge hierzulande vor allem ein Zeichen der effektiven Sicherheitsmaßnahmen in Deutschland, aber nicht unbedingt ein Grund, den Afghanistan-Einsatz für sinnvoll zu halten. Meiner Auffassung nach wird unsere Freiheit nur zu einem geringen Anteil am Hindukusch verteidigt.

    Denn wir müssen zwischen den zwei Operationen „Enduring Freedom“ und dem ISAF-Einsatz unterscheiden:

    a) Wollten wir Terroristen jagen und die Hintermänner von 9/11 zur Strecke bringen? Ok, ein paar davon und Bin Laden sind tot. Nach 10 Jahren Suche haben sie ihn dann doch noch gefunden. Und jetzt? Obama kann sich jetzt ein Barthaar von ihm als Trophäe ins Weiße Haus hängen... Einen Nachfolger gibt es schon, sich radikalisieren und gemeinsam den nächsten Coup planen können Islamisten überall, die hocken ja nicht vor dem deutschen Lager und warten darauf, ins Paradies geschossen zu werden.
    Also, bei allem Respekt, aber zu glauben die Spirale würde sich nach „unten“ drehen, WEIL wir mit unseren Einsätzen so mäßig erfolgreich waren, halte ich persönlich für naiv. Das ist aber das generelle Problem mit der Suche nach Kausalitäten und ich kann Ihnen, weil ich kein Wahrsager bin, auch nicht das Gegenteil beweisen. ;-)

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  25. Wenn in den nächsten zwei Jahren keine Anschläge mehr passieren, werden sich die Kriegsbefürworter das auf die Fahnen schreiben, wenn es doch passiert, schreien die Pazifisten auf und merken, dass es mit Beten auch nicht getan ist....

    b) Wenn wir mit dem Ziel nach Afghanistan gegangen sind, dort eine Demokratie zu etablieren, eine Nationen- und Staatenbildung demokratischer Färbung dort zumindest voranzutreiben, dann gebe ich Ihnen teilweise recht... Nach 10 Jahren Einsatz sind teilweise Resultate dieser Bemühungen erkennbar. Sie werden mir aber zustimmen, dass diese noch auf sehr wackligen Füßen stehen. Und inwieweit die Taliban wieder erstarken, wenn die ISAF ihren Einsatz beendet, vermögen wir beide kaum zu beurteilen.
    Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass jetzt alle Islamisten dem Kampf gegen den bösen Westen abschwören, oder?
    In dem Zusammenhang sagen Sie: „Es gibt keine Spirale / Steigerung.“ Echt? Unsere kleine „Rempelei“ zu Beginn dieser Diskussion entstand aus einem Missverständnis und Frust über einen Feiertag. ;-)
    Was glauben Sie, was erst an Rechtfertigungen und Konflikten ausgepackt wird, wenn es z.B. um die Stationierung amerikanischer Soldaten in Saudi-Arabien, also in dem Land der heiligen Stätten des Islam, geht?
    Also ich kann verstehen, dass manch ein gläubiger Muslim sich daran gestört hat.
    Unterstellung von Intoleranz hin oder her, auch die Amerikaner sollten Grenzen (und damit meine ich z.B. religiöse oder ethische) akzeptieren. Und ja, ich weiß, das die Stationierung genehmigt war...

    Die eigene Freiheit ist immer ganz schön, aber die Freiheit des anderen kann schon mal lästig werden...

    Zu Ihrem fünften Absatz, ich würde von der Diskussion ablenken. Nein, sorry, es ist für mich ein wesentlicher Aspekt! Mit welchem moralischen Anspruch beginnt man einen solchen Ansatz, was will man erreichen und was ist das Ergebnis?
    Sie haben das Thema Moral selbst mit dieser Äußerung „Gegen ein solches Regime zu kämpfen halte ich nicht für sinnlos – und schon gar nicht für moralisch falsch.“ in die Diskussion eingebracht und das finde ich auch in Ordnung. Das Problem dabei ist, dass die Moral ein Fähnchen im Wind ist und jeder sie gerne mal in der Hand halten will.
    Sie haben zwar recht mit Ihrem Statement: „Aber wie gesagt: Das hat nichts mit dem Afghanistaneinsatz der Bundeswehr zu tun. Nur weil etwas bei unserem Partner schlecht läuft, heißt das nicht, daß damit alles, was wir mit ihm gemeinsam tun, auch schlecht ist.“, nichtsdestotrotz ist ein wichtiges Thema des Blogeintrags, den wir hier diskutieren, die Politik der USA, deswegen sehe ich meine Kritik weiterhin als angebracht und berechtigt an. Es mag zwar sein, dass die USA wegen den Folterskandalen gerichtliche Anstrengungen unternommen haben, nichtsdestotrotz zeigen diese Fälle, dass der Schritt von Gerechtigkeit und Moral hin zur Selbstgerechtigkeit nur ein sehr kleiner sein kann. Übrigens, die Methoden des Waterboardings sind von „ganz oben“ genehmigt worden.

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  26. Vergleichen Sie mal diese beiden Rede-Ausschnitte:

    „Die Anordnung, die Amerikaner und ihre Alliierten zu töten – Zivilisten und Militär –, ist eine individuelle Pflicht für jeden Muslim, der es tun kann, in jedem Land, in dem es möglich ist, um die al-Aqsa-Moschee und die heilige Moschee von ihrem Zugriff zu befreien, und um ihre Armeen aus allen Ländern des Islam zu vertreiben, besiegt und unfähig, irgendeinen Muslim zu bedrohen. […] Wir – mit Gottes Hilfe – rufen jeden Muslim, der an Gott glaubt und belohnt werden will, dazu auf, Gottes Befehl zu folgen, die Amerikaner zu töten und ihr Geld zu plündern, wo und wann immer sie es finden.“

    „Heute Abend sind wir ein Land, das sich der Gefahr bewusst geworden und aufgerufen ist, die Freiheit zu verteidigen. Unser Schmerz wurde zu Wut, und Wut zu Entschlossenheit. Ob wir unsere Feinde zur Rechenschaft ziehen oder unsere Feinde ihrer gerechten Bestrafung zuführen, der Gerechtigkeit wird Genüge getan werden
    Wir werden die Finanzquellen der Terroristen austrocknen, sie gegeneinander ausspielen, sie von Ort zu Ort jagen, bis es keinen Ort der Zuflucht oder der Ruhe mehr für sie gibt.
    Und es geht hier nicht nur um die Freiheit Amerikas. Dies ist der Kampf der gesamten Welt. Dies ist der Kampf der gesamten Zivilisation. Es ist der Kampf aller, die an Fortschritt und Pluralismus, Toleranz und Freiheit glauben.“

    Ich muss Ihnen sicherlich nicht die Autoren dieser Zitate nennen.

    Mir geht es auch nicht darum, die furchtbaren Anschläge zu relativieren, sondern darauf hinzuweisen, wie schwierig es ist, das „moralisch Richtige“ zu glauben, zu wissen oder zu tun. Und falls es das überhaupt gibt, es herauszufinden. Ein guter internationaler Anfang war die Erklärung der Menschenrechte. Und ja, wenn man diese konsequent zu Ende denkt, sind wohl manche militärische Einsätze notwendig, sozusagen das kleinere Übel.

    Warum aber ausgerechnet in Libyen (und früher Irak) interveniert wurde, aber nicht in den Ländern, die ich im vorigen Kommentar genannt habe, wissen Sie sicher selber. Es geht halt nicht immer nur um Menschenrechte...
    Und das ist auch der Grund, warum ich Ihre Ansicht, die Anschläge wären „unprovoziert“ gekommen, nur bedingt teile. Zumal ich vorsichtig anmerken möchte, dass in Bezug auf die Anschläge meines Erachtens noch nicht alle Ungereimtheiten beseitigt sind. Und nein, ich trage kein Alu-Hütchen und die Amerikaner waren auf dem Mond. ;-)

    „Natürlich würden wir uns beschweren, wenn hier jemand ein Dorf im Schwarzwald abknallt. Wir befinden uns ja auch nicht im Krieg.“
    Vielen Dank für die Untermauerung meiner Argumente. ;-)

    Viel wichtiger finde ich aber Ihren nächsten Absatz: „Es ist fürchterlich, daß wir immer noch nicht in der Lage sind, wirklich absolut sicher keine Zivilisten zu töten, wenn wir uns im Kampf befinden, und daher sind wir uns ja auch einig, daß ein Krieg niemals leichtfertig begangen werden darf, sondern nur die äußerste Notfallösung sein kann.“
    Da stimmen wir völlig überein. Krieg sollte immer nur das äußerste Mittel, wenn alle anderen Mittel versagen. Abseits von Kriegsrecht gelten prinzipiell aber die Menschenrechte auch für Terroristen, also ist eine Gefangennahme der Tötung vorzuziehen. Ich glaube aber, dass es im realen Einsatz für Soldaten, die unter extremem Stress stehen, verdammt schwer ist, immer geltendes Recht im Hinterkopf zu haben. Hier sollte ich mich also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
    Auch im letzten Absatz stimme ich Ihnen zu, meine Frage dazu sollte ein wenig provozieren.



    P.S.:
    In nächster Zeit muss ich mich wieder verstärkt dem Studium zuwenden, werde aber versuchen, die Diskussion hier weiter zu verfolgen. Also kann es sein, dass ich nicht immer sofort und ausführlich antworte.

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  27. Ich glaube, das grundlegend wichtige an unserer Kommunikation ist, daß wir beide sehr wohl verstehen, daß das Gegenüber eben nicht „dumm oder schlecht” ist, wenn es die eigene Meinung nicht teilt. Sobald man das einmal erkannt hat, kann man meines Erachtens sehr gut und spannend diskutieren – selbst wenn man komplett kontäre Ansichten hat.

    Ich will auch gar nicht bestreiten, daß es eine Gewaltspirale geben KANN. Es MUSS nur nicht automatisch so sein, daß Gewalt nur durch Gewalt entsteht. Oder anders gesagt: Es gibt eben durchaus Regime, die Gewalt anwenden (auch gegen den Westen), ohne daß sie dazu gezwungen wurden. Das beste Beispiel ist natürlich immer noch uns' Hitler, weil der halt das Paradebeispiel dafür war, wie man mit Appeasement (das an anderer Stelle auch durchaus sinnvoll sein kann) NICHT weiterkommt.

    Einen Hitler hätte man davon abhalten können, die Welt in Schutt und Asche zu legen, wenn man ihm bereits frühzeitig die Grenzen aufgezeigt hätte. Und aus dem Grund bin ich eben auch kein Pazifist, weil ich der festen Überzeugung bin, daß es das geringere Übel sein kann, jemandem frühzeitig Einhalt zu gebieten, BEVOR er soweit erstarken kann, daß er in der Lage ist, wirklich viele Menschen zu ermorden – und jetzt schweife ich mal ab: Beispiel Atombombe und Iran.

    Daß hierzulande Menschen nicht durch Terroranschläge ums Leben kommen, ist mir durchaus bewußt. Daher bin ich auch kein Freund von übertriebenen Anti-Terror-Gesetzen, die letztlich nur die Freiheit des Bürgers einschränken. Da werden wir wohl schnell einen Konsens finden.

    Unsere Behörden scheinen recht effizient zu arbeiten – und auch mit den Behörden anderer Länder einen guten Austausch zu pflegen.

    Ob nun der Krieg in Afghanistan zu mehr oder weniger Terror führt? Nun, in erster Linie ist für mich wichtig, daß wir jetzt, wo wir da sind, unseren Auftrag erfüllen. Daß wir eben NICHT die Opposition im Regen stehenlassen, wie das die Amerikaner früher häufig nach Regierungswechseln taten.

    Ich glaube weiterhin, daß es in Ordnung ist, einzelnen Ländern zu helfen, auch wenn man akzeptieren muß, daß es viel mehr Unterdrückung gibt, als wir auf einmal beseitigen könnten.

    Aber ja: Grundsätzlich glaube ich an UNIVERSELLE Menschenrechte. Rechte, die es eben unabhängig vom Kulturkreis nicht erlauben, Menschen aufgrund ihres Geschlechts, Glaubens oder ihrer Abstammung zu diskriminieren oder töten.

    Die Selbstherrlichkeit eines George W. Bush sehe ich genau in dem Fall, den Sie auch beschreiben. Ich tue mich mit religiös motivierten Führern eh schwer (so wie ich mich generell schwer tue mit Führern...), die immer genau zu wissen scheinen, daß der Zweck so gut ist, daß er die Mittel heiligt.

    Ich glaube im Gegenteil, daß die Mittel immer angemessen sein müssen, weil man sich natürlich beim Zweck auch irren kann. Das sollten wir auch alle gelernt haben: Jeder glaubt, er kämpfe für die richtige Seite. Der Taliban ist der festen Überzeugung, er handele im Auftrag Gottes, wenn er einen Homosexuellen an einem Baukran aufhängt oder eine Frau wegen vorehelichen Sex' so lange Steine an den Kopf wirft, bis dieser aufplatzt.

    Genauso können aber auch wir uns irren.

    Nur in einem Punkt bin ich mir absolut sicher. Menschenrechte. Universell. Und da ist es auch schon wieder, das zarte Pflänzchen des Konsens' ;)

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