Davos: In Flüchtlingsschuhen in die Tiefgarage

„Ich stelle mir das ganz schlimm vor“, bemerkte Sahra Wagenknecht, als sie sich gemeinsam mit weiteren Oppositions-Kollegen im Oktober vergangenen Jahres in einem „original“ Flüchtlingsschlauchboot zur Spreerundfahrt begab. Sinn der Übung war, „Flucht erfahrbar zu machen“ - was natürlich besonders gut funktioniert, solange die Spree nur bis zu den Knien reicht und die Schwimmwesten TÜV-geprüft sind. Aber derlei Kleinigkeiten spielen keine Rolle, wenn es darum geht, die eigene Betroffenheit vor den Augen und iPhones der Hauptstadtpresse zu demonstrieren.

Wer diese Aktion für den Höhepunkt des angewandten Irrsinns hielt, wird dieser Tage bitter enttäuscht. Denn nun gibt es in Sachen praktische Fluchterfahrung auch eine Deluxe-Version. Die wiederum wird nicht in Berlin geboten, sondern in Davos. Genauer: vor dem Hintergrund des dortigen Weltwirtschaftsgipfels, wo sich jüngst einige „Topmanager“ in eine Tiefgarage begeben haben, um dort Krieg und Flucht nachzuspielen.

Wie genau das aussieht, erfährt man in einem Beitrag von „heute+“, dem „interaktiven Nachrichtenmagazin“ des ZDF, das laut Elmar Theveßen „den Mainstream in Frage stellen“ soll. Siehe hier und hier.

„Die, die sich hier so anbrüllen lassen, hatten eigentlich eine Elite-Treffen in Davos gebucht“ erfährt man eingangs. Tja, so schnell kann es gehen. Eben noch im Konferenzsaal mit Christine Lagarde, nun Endstation Tiefgarage. Wir sehen betroffen wirkende Männer im Anzug und heulende Frauen mit improvisiertem Kopftuch. Im Hintergrund Kameras, im Vordergrund Drill Instruktoren, die „Entwürdigung und Militärwillkür“ verkörpern sollen. „Krawatte noch um den Hals. [Im] Rollenspiel für eine Stunde Flüchtling. Eine Stunde ohne Rechte, ohne Würde, ohne Schutz. Ein Selbsterfahrungsworkshop für die Welt-Elite von Davos“, tönt es bitterernst aus dem Off.

„Wir sind wie Dreck behandelt worden. Die Frauen wurden nicht mal wirklich respektiert“, berichtet eine sichtlich schockierte Teilnehmerin, die den Nahen Osten bislang vermutlich nur aus 1001 Nacht kannte. „Ich hatte den Eindruck, sehr sehr hilflos und sehr sehr ausgeliefert zu sein“, ergänzt ein weiterer Kostüm-Refugee. Sahra Wagenknecht kennt das bereits.

„Chaos und Todesangst, Entwürdigung und Militärwillkür. Die Simulation soll die Torturen der Flucht aus einem Krieg fühlbar machen.“ Und weiter: „Nur wer selber mal in Flüchtlingsschuhen läuft, versteht, worum es wirklich geht.“ Während die Elite im Erdgeschoss lediglich darüber fachsimpelt, soll das Thema „hier unten in der Tiefgarage vor allem die Herzen erreichen. Nach einer Stunde ist der Spuk vorbei, aber die Eindrucke von einer Stunde Flüchtlingsdasein lassen nicht mehr los.“

Ein wenig schade ist nur, dass das ZDF seinen Zuschauern verschweigt, wie es mit den „Topmanagern“ weitergeht, nachdem sie die Flüchtlingsschuhe wieder gegen maßgeschneiderte Lederslipper getauscht und sich an der Austernbar von den Strapazen der Flucht erholt haben. Werden sie einen wütenden Brandbrief an Baschar al-Assad oder Abu Bakr al-Baghdadi schreiben? Ein Sit-In in der Lobby des „Intercontinental“ Hotels in Davos veranstalten, um ein Zeichen für weniger Militärwillkür jenseits der EU-Außengrenzen zu setzen? Oder werden sie gar noch einen Schritt weitergehen und künftige Fluchtursachen im Keim ersticken, indem sie sich bei Barack Obama über den Iran Deal beschweren?

Doch solange der Spuk noch nicht verdaut ist, ließe sich auch vom Büro aus Gesicht zeigen. An dieser Stelle muss es ja nicht gleich der Analphabet sein, den man zum Mindestlohn einstellt. Das Kanzleramt etwa freut sich bekanntlich immer sehr über hundertseitige Milchmädchenrechnungen aus Wirtschaftskreisen, die einen positiven Effekt von konsumfreudigen Asylbewerbern auf das Bruttoinlandsprodukt suggerieren – freilich ohne dabei in Frage zu stellen, woher das dazugehörige Taschengeld überhaupt kommt.

Darüber hinaus haben die „Torturen“ in der Tiefgarage noch einen weiteren Vorteil: Wer von einem Top-Management ins andere wechselt, hat mit Sicherheit gute Karten, wenn er bei der Bewerbung neben Aufenthalten in Harvard und Stanford auch „eine Stunde in Flüchtlingsschuhen“ vorweisen kann. War das gute Gewissen einst noch der Linken und denen, die sich dafür hielten vorbehalten, so ist zertifiziertes „gut sein“ mittlerweile zum gesamtgesellschaftlichen must-have geworden, auf das auch der erfahrene Davos-Besucher nicht verzichten will. Ob gut sein oder nur gut aussehen ist dabei zweitrangig – auf die Performance kommt es an.

Auch deshalb sollte das Davoser Reality-Training dringend Schule machen. „Chaos, Todesangst, Entwürdigung: nachts um zwölf am Kölner Hauptbahnhof“ wäre beispielsweise ein hübsches Motto für einen spannenden Selbsterfahrungsworkshop, den man für Silvester 2016/17 einplanen sollte. Wer so lange nicht warten will, könnte auch gleich im persönlichen Umfeld beginnen. Ein Monat in Berlin-Neukölln oder Klein-Marokko in Düsseldorf wäre eine gute Idee, um die „Herzen zu erreichen“. Der Sohn würde von Salem in eine Schule mit Rütli-Hintergrund wechseln, die Tochter bekäme statt Taxi-Geld eine Monatskarte für den öffentlichen Nahverkehr, und am Wochenende vergnügt man sich gemeinsam im nächstgelegenen Schwimmbad. Einen Arbeitstitel für ein solches Rollenspiel gibt es auch schon: „Deutschland fühlbar machen“.


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Rückkehr der Flaschengeister: Von Antisemiten, Machos und ihren Advokaten

Es ist noch gar nicht lange her, da trafen sich mehrheitlich junge wie perfekt integrierte Migranten Tag für Tag auf Deutschlands Straßen, um für „Frieden in Palästina“ zu demonstrieren. Der im Sommer 2014 stattfindende Gazakrieg, so verlautbarte es der Medienwald, mache die Teilnehmer schlicht und ergreifend „wütend“, und Wut brauche schließlich ein Ventil. Schon bald hieß es nicht mehr nur „Kindermörder Israel“ oder „Allahu Akbar“, sondern auch „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“.

Ein bedauerlicher Vorfall, der als genauso singulär galt wie mit Flaschen beworfene Pro-Israel-Demonstranten, ein missglückter Brandanschlag auf eine Synagoge in Wuppertal und eine Polizei-Aktion in Frankfurt, im Rahmen derer die zuständigen Beamten den Demonstranten gleich mal den eigenen Lautsprecher zur Verfügung stellten, um die Situation zu „beruhigen“.

Es war kein Bürgerkrieg, es sah einfach nur so aus


Auch nebenan in Frankreich war Einiges geboten. Hie und da wurde ein bisschen Feuer gemacht, was besonders gut mit Israelflaggen und Autos funktionierte. Parallel dazu stürmten nordafrikanische Friedensaktivisten das jüdische Viertel Sarcelles, um dort fröhlich zu randalieren. Natürlich handelte es sich dabei nicht um Szenen eines Bürgerkriegs. Es sah einfach nur so aus. Dass es in failed states wie Berlin nicht so weit kam, liegt vermutlich auch daran, dass es dort überhaupt kein jüdisches Viertel mehr gibt, dessen Fensterfassaden sich zertrümmern ließen.

Seitdem ist viel passiert. Deutschland verzeichnet mehr als eine Million neuer Mitbewohner aus Teilen Afrikas und dem Orient, die zunächst irrtümlicherweise für die Rettung der Rentenkasse gehalten wurden. Dafür allerdings tun uns die Flüchtlinge allerhand psychohygienische Gefallen. Kraft ihrer bloßen Anwesenheit auf deutschem Boden verhelfen sie uns zu moralischer Überlegenheit. Jede Turnhalle verwandelt sich in einen magischen Ort, an dem sich die private Altkleidersammlung gegen ein gutes Gewissen eintauschen lässt.

Nun stellt sich jedoch heraus, dass sich einige Neu-Flüchtlinge in Köln als polizeibekannte nordafrikanische Antänzer tarnten, um auf diese Weise an Silvester Frauen kollektiv sexuell zu belästigen und auszurauben. Die Tatsache, dass das nicht nur in Köln, sondern in nahezu jeder größeren deutschen Stadt so oder so ähnlich gehandhabt wurde, tut der arabisch-deutschen Symbiose allerdings keinen nennenswerten Abbruch. Bis es so soweit kommt, müsste sich erst ein Syrer der Steuerhinterziehung schuldig gemacht haben.

“Es werden lediglich die Grenzen zwischen verschiedenen Lebensstilen ausgelotet”


Stattdessen erfährt man etwa im Berliner „Tagesspiegel“, in Köln sei lediglich „eine „Freistil-Situation“ entstanden, in der die Grenzen zwischen [diesen] verschiedenen Lebensstilen ausgetestet worden seien“. Eine interessante Interpretation, die mit der Realität genau so viel zu tun hat wie die erste Pressemeldung der Kölner Polizei, wonach die Silvesternacht „weitgehend friedlich verlaufen“ sei. Andererseits sind derlei Theorien auch nicht ungewöhnlich für eine parallele Mediengesellschaft, in der die antisemitischen Groß-Veranstaltungen des Sommers 2014 wahlweise als Friedensbewegung oder „Zusammenrottung erlebnisorientierter Jugendlicher“ gehandelt wurden.

Die Flüchtlinge hingegen, so scheint es, verfügen offenkundig über eine wundersame Gabe. Sie verhelfen uns dazu, endlich selbstkritisch all jene deutschen Abgründe zu adressieren, die viel zu lange verschwiegen wurden.

“Sexuelle Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor allem ein bayerisches”

Unsere Schutzsuchenden importieren Antisemitismus? Aber nein, den haben wir ohnehin schon im eigenen Land. Die überwiegend männlichen Asylbewerber bringen möglicherweise ein bedenkliches Frauenbild mit? Wie infam! Sexuelle Gewalt ist schließlich ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor allem ein bayerisches. Ganz gleich, um welches Gastgeschenk es sich handelt - wir haben es schon viel länger.

Das wiederum ist ja grundsätzlich nicht falsch. In Sachen Antisemitismus hat es seit 70 Jahren niemand geschafft, den Rekord der Deutschen zu brechen. Und Frauen, die ohne Zustimmung ihres Gatten keinen Job antreten dürfen, hat man auch schon mal in Deutschland angetroffen. Genauso übrigens wie in Polen, Frankreich oder den Vereinigten Staaten. Allerdings ist das nun schon etwas länger her.

Antisemitismus als Geisteskrankheit und Frauenfeindlichkeit aus Prinzip stehen einer freien Gesellschaft fundamental im Wege. Mit ihnen verhält es sich ein bisschen wie mit einem Flaschengeist: Ist er einmal freigelassen, wird es schwierig, ihn wieder einzufangen. Kaum ein westlich geprägtes Land, in dem es nicht unter der Oberfläche brodelt. Wichtig ist nur, dass die dazugehörigen Kräfte auch dort bleiben und nicht übermütig das Ruder übernehmen.

“Den Deutschen wurde 1945 erfolgreich abgewöhnt, Pogrome zu veranstalten”

Den Deutschen beispielsweise wurde es 1945 erfolgreich abgewöhnt, Pogrome zu veranstalten und an Massenmorden zu partizipieren. Das heißt nicht, dass es seitdem keine Antisemiten mehr gäbe. Sie haben eben nur ihr Tätigkeitsfeld gewechselt. Ihr Hobby ist nicht mehr unmittelbar tödlich. Heute schreiben sie wütende Briefe an die israelische Botschaft, haben relevante Funktionen in namhaften deutschen Verlagen oder Parteien inne und treiben sich ansonsten auf Facebook herum.

Daneben üben sie sich in Schönfärberei, sobald die „Kindermörder Israel“-Fraktion durch die Fußgängerzone marschiert. Die Fraktion also, der es nicht an Zimperlichkeit fehlt, wenn es darum geht, den eigenen Judenhass zur Schau zu stellen. Mit Blick auf das Aggressionspotential, das sich vor eineinhalb Jahren besichtigen ließ, wirkt jeder Ostermarsch wie ein Kindergeburtstag. Und das, obwohl es vor allem in Deutschland geborene Türken waren, die damals ein Herz für die Hamas zeigten. Menschen, die die gleichen Chancen auf dem Job- und Partnermarkt genießen und über familiäre Verbindungen verfügen. Mitbürger, die im schlimmsten Fall Gang-Strukturen in Berlin-Neukölln überstehen müssen.

“89 Prozent der Araber lehnen im Allgemeinen den IS ab, 85 Prozent Israel”

Das unterscheidet sie von den Asylsuchenden, von denen viele ohne Familie und ohne Aussicht auf eine Partnerin in Containern leben, die den Sprung in die Mittelschicht wohl eher nicht schaffen werden und die zudem mindestens den arabischen Frühling, oftmals aber einen Bürgerkrieg hinter sich haben. Dass sie sich in die Riege deutscher Israelkritiker integrieren werden und ihre Bedürfnisse dahingehend nur via Facebook befriedigen werden, erscheint nicht unbedingt wahrscheinlich. Laut einer Umfrage lehnen 89% der Araber den IS im Allgemeinen ab – nur knapp gefolgt von 85% der Befragten, die sich gegen eine Anerkennung Israels aussprechen.
Sehr gut möglich, dass der traditionelle Alltagsantisemitismus, das Hakenkreuz auf Opas Grabstein oder Jakob Augstein den ein oder anderen Juden dazu bewegen, nach Israel auszuwandern. Wenn jedoch Antisemitismus hinzukommt, der auch die körperliche Gesundheit nachhaltig gefährdet, dürfte dieser Entschluss doch etwas schneller und häufiger fallen.

Allerdings ging es 2014 nur gegen Juden - eine in Deutschland etwa 200.000 Mann starke Minderheit, die sich daran gewöhnt hat, dass niemand sie sonderlich mag. 2016 hingegen reden wir über Frauen, also über die Hälfte der Bevölkerung. Mag sein, dass Sexismus ein „gesamtgesellschaftliches Phänomen“ ist. Der Unterschied ist nur, dass sich der gesamtgesellschaftliche Sexist nach drei Bier in mäßigen Herrenwitzen ergeht. Er bezeichnet fremde Frauen gern mal als Schlampen - Migranten nach Kölner Vorbild dagegen behandeln sie auch so. „Es gibt in der muslimischen Kultur kein ‚girl friend‘“, gibt Gunnar Heinsohn in der „Welt“ zu bedenken. Woraus gewissermaßen folgt, dass dort nur zwei Sorten von Frauen existieren: Ehefrauen auf der einen, „Schlampen“ auf der anderen Seite.

Wer in Deutschland regelmäßig seine Frau verprügelt, macht sich nicht nur strafbar. Er wird damit auch nicht im Kreise der Kollegen angeben. Schätzungsweise, weil er die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung gegen sich hat. Wer dagegen in Algerien oder Saudiarabien zuschlägt, kann sich - je nach Übersetzung und Leseverständnis freilich - auf den Koran, auf alle Fälle aber auf die Ehre der Familie berufen.

“Der einzelne Wiesnzelt-Grapscher kann nicht mit so viel Unterstützung rechnen”


Und wer in Deutschland fremde Frauen auf offener Straße nach Kölner Vorbild entkleidet, zählt zu einer Minderheit im Promille-Bereich. Wer dagegen mit einem Migrationshintergrund ausgestattet ist, der viel mit Machokultur und wenig mit Alice Schwarzer zu tun hat, der greift nicht einfach nur zu - der findet auch mühelos hunderte Männer, die euphorisch mitmachen, mindestens aber tatenlos zusehen und so de facto rechtsfreie Räume schaffen. Im Gegensatz dazu tut sich der einzelne Wiesnzelt-Grapscher dann doch etwas schwer. Mit so viel Unterstützung kann er eher nicht rechnen.

Vielleicht ist dieser Unterschied nicht ganz nebensächlich, wenn es um die Frage geht, wie die Kölner Domplatte zum Tahrirplatz mutieren konnte. Wo sexuelle Gewalt innerhalb von Milieus und Communities auf Akzeptanz trifft, da tritt sie auch vermehrt auf. Sie lässt sich dann ebenso hervorragend in Gruppen anwenden. Schämen muss man sich ja nicht. Wenn sie zusätzlich auf lasche oder fehlende strafrechtliche Verfolgung trifft, gilt das freilich umso mehr. Eine unbegleitete Frau zu „begrapschen“ mutiert zu der Selbstverständlichkeit, mit der andere bei Grün über die Ampel fahren.

Man kann den Deutschen vieles vorwerfen. Aber verglichen mit den islamisch geprägten Gesellschaften, aus denen nahezu alle Flüchtlinge kommen, haben sie ihre Flaschengeister mittlerweile relativ gut im Griff. Das nennt man Zivilisation. Im Vergleich dazu befinden sich manche Migranten-Milieus in Sachen Antisemitismus dort, wo die Deutschen 1933 waren. Und in puncto Frauenrechte müsste man eigentlich vielerorts bei null anfangen. Was schwierig wird, da es in der islamischen Welt keinen Immanuel Kant, und dementsprechend auch keine Suffragetten gibt, die nicht umgehend inhaftiert würden. Dafür aber ein Patriarchat, das im Zuge seiner Beseitigung auf beträchtliche Privilegien verzichten müsste.

"Ein empathiefreier Resterampen-Feminismus"

Da hilft es den Vertretern der Machokultur freilich sehr, dass Deutschland lediglich über einen empathiefreien Resterampen-Feminismus verfügt, der nichts mehr riskieren will. Der sein Ziel im eigenen Land erreicht hat und nun erfolgreich für Unisex-Toiletten, Binnen-Is und Quoten kämpft, anstatt sich mit Frauenrechtlerinnen aus Teheran und Zwangsehefrauen in Berlin-Neukölln zu solidarisieren. Hinzu kommt eine Intelligentsia, die nicht zwischen Handkuss und Vergewaltigung unterscheiden kann.

Für die neu eingereisten Antisemiten hingegen haben wir Antisemitismusexperten, die tagein tagaus damit beschäftigt sind, die Muslime zu den „neuen Juden“ zu küren. Und falls all das nicht klappt, so bieten wir auch großartige Integrationskurse an, in denen wir uns gegenseitig das Grundgesetz in mehreren Sprachen vorlesen. Lauter tolle Dinge also, die dringend benötigt werden, wenn die Anhänger des Islams eines Tages damit beginnen sollten, kollektiv ihre Werte und Normen zu hinterfragen.

Solange müssen eben das das Oktoberfest und weitere gesamtgesellschaftliche Altlasten bewältigt werden. Das zumindest dürften wir schaffen.


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Randnotiz: Sternstunden des Feminismus

Im Netz gibt es eine feministisch geprägte Parallelgesellschaft, die nun gegen "Sexismus und Rassismus" mobilmacht und endlich ihr Schweigen in Sachen Oktoberfest bricht. Derweil stellen sich nebenan in der Realität einige Frauen aller Altersklassen die Frage, ob Pfefferspray oder Schreckschusspistolen überhaupt noch gegen Gruppengewalt helfen. Ich frage mich zwischenzeitlich, ob es mit "Team ‪#‎Ausnahmslos" jemals zu einem Frauenwahlrecht gekommen wäre.
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Randnotiz: Köln ist überall

Bloß keinen lustigen Mohammed malen, erst recht nicht mit Israel-Flagge am Rande einer Pro-Gaza-Demo auftreten, und bitte unbedingt als Frau die goldene Armlängen-Regel aus dem Hause Reker beachten - im Prinzip ist es immer das Gleiche mit den Freiheitsverächtern und ihren hiesigen Advokaten. Die Gruppe der direkt Betroffenen wird zwar größer, die Bewältigungsstrategien ("nicht provozieren") bleiben dagegen identisch. Schön, dass man sich wenigstens auf Letzteres noch verlassen kann.
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Über Ralf Stegner, das Wutbürgertum und Opfer ohne Lobby

Die Risiken und Nebenwirkungen sozialer Netzwerke bestehen vor allem in der ständigen Konfrontation mit Dingen, die man eigentlich nicht sehen oder hören will. Das sieht dann  beispielsweise so aus:


Source: https://twitter.com/Ralf_Stegner/status/683263519190585345


Erst war ich mir nicht ganz sicher, was ich bescheidener finden soll: Den Ausgangstweet mit hysterischem Weltuntergangs-Charme, dessen Absender ein wenig den Eindruck vermittelt, als fände er die verlinkte Meldung (30 - 40-fache sexuelle Belästigung zu Silvester in Köln, gemäß Polizeipressemeldung durch "nordafrikanisch Aussehende" begangen) und damit sexuelle Gewalt an sich nur dann schlimm, wenn das Opfer deutsch und die Täter nicht autochthon deutsch sind. Eher selten erzeugen dagegen Ehrenmorde vergleichbare Empörung - schätzungsweise, weil Geschädigte mit Migrationshintergrund nicht so gut zur eigenen Opfer-Pose passen. Der Kölner Fall hingegen eröffnet gewissen Kreisen die Möglichkeit, sich als größte Opfer (einer "korrupten Elite von Vaterlandsverrätern" beispielsweise) der ganzen Misere darzustellen. Die Hoffnung auf den großen "Zahltag" verleiht ihrem Leben einen Sinn.

Oder soll man sich doch lieber für die Antwort Ralf Stegners entscheiden? Die käme zwar ganz gut, wenn er hauptberuflich als Pegida-Blockierer aktiv wäre. Nachdem er aber als SPD-Vizechef auf Steuerzahlerkosten auch in Berlin wirkt, verursacht die ihm eigene Prioritätenskala doch leichte Magenschmerzen - zeugt sie letztlich nur davon, dass ihm die betreffende Nachricht mitsamt der Geschädigten an sich nicht eine Silbe wert und daher wohl eher wurscht ist. Auch für einen weiteren Tweet - nicht alles lässt sich in 140 Zeichen verpacken - zur Sache fehlte ihm offenbar die Zeit. Keine Antwort wäre da noch die bessere Antwort gewesen.

Bescheidener als beides zusammen ist allerdings die Tatsache, dass die Opfer solcher Gewalt keine Lobby haben. Vielleicht, weil sie im Allgemeinen nicht ausschließlich "blond und blauäugig" sind und erst recht nicht Workshops über die "Überwindung des Patriarchats" besuchen, sondern zunächst Teil der muslimischen Community sind. Schwestern, Cousinen, zwangsverheiratete Mädchen, an denen die "Ehre" der Familie hängt. Vor allem aber gehen sie irgendwo zwischen jenen Fronten verloren, am Rande derer sich Rechts und Links "Populist!!", "Wacht auf!!" und "Bloß nicht instrumentalisieren!" entgegenplärren. Beiden sind Frauen, die auf der Flucht, in Flüchtlingsunterkünften, in dritter Generation oder eben am Silvesterabend auf der Domplatte sexuelle Belästigung und Gewalt erleben, erstmal egal. Von links betrachtet existiert das Phänomen gar nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es wird tabuisiert und folglich mehr und mehr von rechts okkupiert, wo man es natürlich hervorragend für die eigene Agenda nutzen kann. Besonders, wenn sich zu den üblichen Gerüchten über Flüchtlinge real existierende Straftaten wie die in Köln gesellen. In der Folge wird schon bloßes Reden über solche Fälle als "rechts" verbucht, eben weil niemand sonst darüber spricht. Woraufhin noch mehr Leute bei Pegida mitlaufen werden, und so weiter und sofort.

Da ist es beruhigend, dass in Deutschland wenigstens noch Politiker, Redakteure und Aktivisten existieren, die wochenlang einen Herrenwitz an der Bar skandalisieren, Begriffe wie "Bürger*innenkrieg" in die Welt setzen und für Frauenquoten in Chefetagen sorgen. Immerhin.


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Wir integrieren dann mal. Über Anreize, kulturelle Abenteuer & die Frage, warum die Balkanroute der neue Jakobsweg ist

Wann immer im Rahmen der Flüchtlingsthematik das Wörtchen „Integration“ fällt, muss man auf das Schlimmste gefasst sein. Bislang wissen wir zwar weder, wer genau „zu uns kommt“, noch, wie viele es nächstes Jahr sein werden. Abhängig von der politischen Großwetterlage fliehen vor allem die Syrer mal vor Assad, mal vor dem IS.

Es kann aber auch vorkommen, dass ein Syrer gar kein Syrer ist. Doch woher diese Syrer mit oder ohne türkischen Passhintergrund dann wirklich kommen, verrät nur der BAMF-eigene Kaffeesatz. Und wer erfahren will, wie viele Analphabeten und Ärzte gerade über die Salzach spazieren, der kann sich per Los entscheiden, ob er dem UNHCR glaubt, wonach 86% der in Europa ankommenden Syrer über Abitur oder einen Uni-Abschluss verfügen, oder ob er doch lieber auf einen Bildungsökonomen hört, der zwei Drittel aller syrischen Schüler für funktionale Analphabeten hält.

Dafür wissen wir aber ganz genau, dass Integration einen festen Platz auf unserer „To schaffen“-Liste hat. Darum strebt die CDU neuerdings auch gleich die Verabschiedung von „Integrationspflichtgesetzen“ an. Ein Agreement zwischen Staat und Migrant soll dann dafür sorgen, dass „der Integrationsprozess für beide Seiten verpflichtend eingehalten wird“.  Denn „selbstverständlich sind nicht alle Menschen, die zu uns kommen, von sich aus mit den Regeln unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens vertraut, insbesondere dann, wenn sie aus Ländern oder Gegenden kommen, die keine Rechtsstaatlichkeit kennen und in denen Diskriminierungen an der Tagesordnung sind“.

Auf diese Weise soll eben nicht nur das Erlernen der deutschen Sprache mitsamt Integration in den Arbeitsmarkt gefördert, sondern auch Respekt vor Andersgläubigen, Frauen, Schwulen und Juden gefordert werden. So steht es in der „Karlsruher Erklärung zu Terror, Sicherheit, Flucht und Integration“.

Irritierend ist nur, dass all das überhaupt notwendig ist. Heißt es doch nur ein paar Seiten vorher, dass Deutschland nicht nur aufgrund „unseres eindrucksvollen Niveaus an Bildung, Sozial- und Umweltschutz“, sondern auch dank „unserer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“ auf Flüchtlinge so anziehend wirke. Wenn unsere Werte uns also zum Traumziel befördern, warum muss man sie dann erklären und deren Achtung vertraglich fixieren?

Andererseits: Vielleicht sollte man mit der CDU auch nicht allzu streng sein. Schon öfter musste man sich fragen, warum etwa ein Schuldirektor seine Schülerinnen vom Tragen des Minirocks abrät, nur weil nebenan Flüchtlinge untergebracht sind, die aber doch eigentlich „glühende Europäer“ sind, wie man erst neulich bei Maybritt Illner erfuhr.

Je länger sich die Deutschen in einer Beziehung mit den Flüchtlingen befinden, desto komplizierter wird es. Erst erblickten sie in jedem Afrikaner einen Wiedergänger Anne Franks. Das war Grund genug, umgehend die private Altkleidersammlung zum nächstgelegenen Hauptbahnhof zu verfrachten.

Nun sind sie bemüht, jegliche Dissonanz aus ihrem Weltbild zu verbannen. Wer auf Probleme oder schwarze Schafe hinweist, erfährt umgehend, dass Menschen, die Krieg, tausende Kilometer Fußweg und eine Schlauchboot-Fahrt übers Mittelmeer hinter sich haben, a priori nicht zu Bösem fähig sein können. Ganz so, als handele es sich bei der Balkan-Route um den Jakobsweg, bei Assads Fassbomben um einen Grundkurs für Pazifismus und bei rauer See um eine moralische Besserungsanstalt. Aber vielleicht können die Deutschen auch gar nicht anders, als Menschen nicht in Abhängigkeit von ihrem Verhalten, sondern einzig aufgrund ihrer bloßen Abstammung zu beurteilen – und sie darauf basierend wahlweise zu ermorden oder zu glorifizieren.

Was jedenfalls die Integration angeht, von der oftmals so gesprochen wird, als handele es sich um einen Fünfjahresplan, lässt sich niemand beirren. Sie sei zwar eine Herausforderung, aber auch eine Chance, so hört man. Natürlich nicht primär für die Einwandernden, sondern für Einheimischen, denen in Sachen Integration die Hauptrolle gebührt. 

Dabei ist Integration als solche denkbar einfach. Am besten funktioniert sie, wenn sich alle gegenseitig in Ruhe lassen – der Neonazi den Migranten genauso wie der Migrant den Kippa-Träger. Das wäre Integration für Anfänger. Integration für Fortgeschrittene berücksichtigt die Tatsache, dass die allermeisten Auswanderer solche Destinationen wählen, die ihnen besonders gut gefallen. Wer sich von der Idylle des bayerischen Voralpenlandes angezogen fühlt, wird als Neu-Einwohner selbstverständlich darauf achten, dass die Seepromenade sauber bleibt. Und wem die Offenheit der US-Amerikaner zusagt, wird selbst dazu beitragen, anstatt auf das obligatorische „How are you?“ patzig „Who are you to ask me?“ zu antworten.

Nun handelt es sich auch bei den meisten Flüchtlingen um Einwanderer – und das nicht nur hinsichtlich ihrer Aufenthaltsdauer. Der lange Weg, der zwischen türkischem Auffanglager und deutschen Turnhallen liegt, hat nur wenig mit der Frage über Leben und Tod und viel mit dem Streben nach Wohlstand zu tun. Inwiefern sie von den Vorzügen des Rechtsstaats, deutscher Pünktlichkeit, Windkraft, Mülltrennung und Goethe träumen, ist bislang nicht bekannt.

Man weiß nur, dass sie den Weg des geringsten Widerstands gehen, der zwangsläufig nach Deutschland führt. Sie würden vermutlich auch nach Polen oder Estland wandern, wenn dort offene Grenzen und ein freundliches Gesicht auf sie warteten. All das zeugt von Vernunft. Mit dem klassischen „Good-bye-Germany“-Auswanderer, der sich schon Jahre im Voraus obsessiv mit seiner künftigen Heimat befasst, eint den modernen Flüchtling indes nicht viel.

Hier angekommen trifft er jedenfalls recht zügig auf gut integrierte Politiker, die sich für einen Teil der Lösung halten. Das fängt an mit Andrea Nahles, die nicht einmal jeden 10. Flüchtling für umgehend arbeitsfähig hält, nur um anschließend Vermutungen, wonach das auch am Mindestlohn liegen könnte, ins Reich des Bösen zu verbannen. Und es endet bei Julia Klöckner, die der Ansicht ist, eine Unterschrift und eine minimale Leistungskürzung könnten beispielsweise einen manifesten Israel-Kritiker zur Einsicht bewegen.

Mit Anreizen, die das Erlernen der deutschen Sprache wirklich erstrebenswert erscheinen lassen, halten sich beide hingegen vornehm zurück. Wer als Migrant derweil die Website des BAMF besucht, erfährt in der Sektion „Willkommen in Deutschland“ alles, was er über Wohngeld, Kindergeld, Elterngeld, Sozialhilfe und weitere Zuschüsse wissen muss. Dazu muss er übrigens kein Deutsch können. Und damit das auch so bleibt, unterlegt das ZDF die hauseigene Kinder-Nachrichtensendung „Logo“ nun mit arabischen Untertiteln. Denn schließlich sollen auch die Kleinsten wissen, dass Sprache zwar ein „nice to have“, aber kein „must have“ ist.

Und so endet Integration dort, wo alles im Spätsommer diesen Jahres so richtig begann: Bei den professionellen Teddy-Weitwurf-Sportlern, die sich schon am Münchner Hauptbahnhof hervorgetan haben. Höchstens ein Viertel von ihnen widmet sich heute den Dingen, die man eben als Flüchtlingshelfer so macht: Alphabetisierungskurse, Deutschkurse, nach Winterjacken suchen, Seepferdchen-Kurse, Wandern und weitere Freizeitaktivitäten, die unabdingbar sind, sofern man die ortseigene Turnhalle nicht zu einem Hort von aus Langeweile gespeister Aggression verkommen lassen will. Der überwältigende Rest besteht aus Pragmatismus sowie biodeutschen Rentnerinnen und Hausfrauen, die für gewöhnlich kein „Refugees Welcome“-T-Shirt tragen und sich eher selten auf attac-Demos zeigen. Menschen also, die in der offiziellen Version des Sommermärchens nicht vorkommen.

Ihnen obliegt es vom ersten Tag an, den „Integrationsturbo anzuwerfen“, wie Claudia Roth so schön sagt. Freilich nicht immer ohne kulturelle Dissonanzen. Da ist zum Beispiel die Flüchtlingshelferin, die einer Syrerin gerne einen Besuch beim Friseur spendieren möchte, dafür aber nun nach einem halal-Friseur Ausschau hält, wo Frauen und Männer getrennt frisiert werden. Oder die andere Flüchtlingshelferin, die mit ihrem Freund in einer Unterkunft aktiv ist und nun auf Facebook berichtet, dass ihr ein „total freundlicher“ Flüchtling den Handschlag verweigert hätte, ihrem Freund aber nicht. Und zwar mit der Begründung, er hätte sich gerade für das Gebet gereinigt und dürfe nun keine Frauen mehr berühren. Zwar artikuliert sie ihm gegenüber ihr Unbehagen, aber immerhin habe sich der gute Mann ja auch dafür entschuldigt.

Woraufhin die restlichen Flüchtlingshelfer sich wahlweise über die der Erzählung innewohnende westliche Arroganz empören, das Verhalten des Mannes zum „Salz in der Suppe“ im multikulturellen Miteinander erklären, darin ein „Zeichen des Respekts“ gegenüber Frauen ausmachen, religiöse Toleranz fordern oder darauf hinweisen, dass Händeschütteln ohnehin „Keimübertragung schlechthin“ sei.

Dass es sich beim verweigerten Handschlag ebenso wie bei der Notwendigkeit eines Halal-Coiffeurs auch um ein eher ausbaufähiges Frauenbild halten könnte, gilt freilich als ausgeschlossen. Denn in Deutschland gibt es zwar eine Linke, die gegen den verheerenden Einfluss rosafarbener Spielsachen auf unschuldige Mädchenseelen kämpft. Wegen Sexismus, Rollenbildern und Gender. Aber dass es auch das Frauenbild junger Männer prägen könnte, in Gesellschaften aufgewachsen zu sein, in denen die Verteidigung der weiblichen Ehre unter allen Umständen erwünscht ist, hat sich von Kabul aus offenbar noch nicht bis nach Karlsruhe herumgesprochen. Insofern ist es nur konsequent, dass beispielsweise die „Aufschrei“-verdächtige Süddeutsche Zeitung neulich nicht etwa über das Frauenbild muslimischer Männer berichtete, sondern über die Vorurteile, die Deutsche gegenüber muslimischen Männern so hegen.

Doch zurück in die Flüchtlingsunterkunft: Was also tun in solchen Situationen? Die Männer auf ihre Unterschrift unter der Integrationsvereinbarung hinweisen und notfalls bei Julia Klöckner Beschwerde einreichen? Ihnen das Grundgesetz im Minirock vortanzen? Oder lieber gleich die Frau zum Haram-Friseur entführen? Die Antwort liegt freilich nahe: Ignorieren. Entweder, weil gemäß deutscher Teddy-Philosophie nicht sein kann, was nicht sein darf. Oder aber, weil daheim ein Berg Wäsche plus Enkelkind warten und man folglich nicht immer über die Nerven verfügt, die Gleichberechtigung der Geschlechter in mäßigem Englisch wieder neu zu verhandeln.

„Flüchtlinge brauchen eine ausgestreckte Hand. Flüchtlinge brauchen aber auch eine Hand, die ihnen den Weg weist, wie unser Zusammenleben funktioniert.“ Diesen wohlklingenden Satz findet man ebenfalls im Leitantrag der CDU. Vielleicht würden jedoch weniger falsche Anreize und noch viel weniger Hände, die Hilfe mit Eigentherapie verwechseln, auch schon helfen? Eine der vielen Fragen, mit deren Klärung sich dann wohl die Historiker-Riege des nächsten Jahrhunderts beschäftigen dürfte.


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Sehr geehrter Heiko Maas ...

... mit Blick auf die Flüchtlingskrise sind alle gefragt. Auch Sie als Justizminister leisten nun Ihren Beitrag. Unlängst haben Sie einen Termin mit Mitarbeitern des sozialen Netzwerks Facebook vereinbart, um sich mit ihnen im Kontext fremdenfeindlicher Angriffe auf Flüchtlingsheime über rassistische Inhalte auf der Plattform zu unterhalten. Denn Facebook, so besagen es die Gemeinschaftsstandards, sei kein Ort für Hass. Daher bietet das Unternehmen eine Funktion, mittels derer Mitglieder Hassbotschaften zur Überprüfung melden können. Blöd ist nur, dass Facebook oft keinen Anlass sieht, derartige Inhalte zu löschen.

Nun steht Ihnen keine leichte Mission bevor. »Free Speech« ist den Amerikanern heilig. Fraglich ist ebenfalls, wo die Grenze zwischen Hetze und Ansichten, die eine Demokratie ertragen muss, verläuft. Und klar dürfte auch sein, dass man Inhalte zwar auf Facebook löschen kann, nicht aber in den Köpfen ihrer Verfasser.

Jedoch: Wer mit diesen Standards wirbt und eine solche Funktion anbietet, muss auch liefern. Insofern, Herr Maas, ist Ihr Schritt begrüßenswert. Nur hätten Sie ihn schon etwas früher tätigen können. Im Sommer letzten Jahres etwa, während der israelischen Militäroperation »Protective Edge«. Möglicherweise ist Ihnen entgangen, dass bereits da von Gaskammern die Rede war – allerdings nicht für Flüchtlinge, sondern für Juden und Israelis.
Während die »Kindermörder Israel«-Fraktion durch deutsche Städte marschierte, kümmerten sich die Daheimgebliebenen darum, auf Facebook allen Juden den Tod und der Hamas viel Erfolg zu wünschen. Unter dem Motto »Free Palestine« entstanden Hunderte von Seiten, auf denen sich Antisemiten und sogenannte Israelkritiker die Hand geben. Dazwischen wechselten sich judenfeindliche Karikaturen mit Propagandavideos und antisemitischen Stereotypen ab.

Auch sonst fühlen sich Antisemiten auf Facebook pudelwohl. Sie sind immer zur Stelle, egal, ob es um den Tod Ralph Giordanos oder Siedlungen nahe Jerusalem geht. Wenn Sie einmal Zeit haben, dann versuchen Sie doch, solche Inhalte zu melden. Sie werden nicht viel weiter kommen als jene, die erfolglos Hetze gegen Flüchtlinge melden. Daher: Wenn Sie schon mal dort sind, könnten Sie dieses Thema doch auch gleich ansprechen. Wie wäre das?

In gespannter Erwartung,

Ihre Jennifer N. Pyka


... und das sagt der Justizminister:


https://twitter.com/HeikoMaas/status/639446177478524928


Zuerst am 03.09.2015 in der "Jüdischen Allgemeinen" (online & print) erschienen.

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Vater Staat und die 800.000 Mündel

Deutschland führt ja bekanntlich gerade eine hitzige Debatte über Flüchtlinge. Unklar ist nur, wo genau die überhaupt stattfindet. Natürlich, es wird viel doziert, gesagt und gesprochen. Hier das Team „Alle raus!“, dort die „Alle rein!“-Fraktion. Dazwischen Til Schweiger, ein Busfahrer und ein paar Inhaber bekannter Positionen, die zwischen Taschengeld und europäischer Solidarität oszillieren. Das alles wäre zweifellos brillanter Stoff für ein Woody-Allen-Drehbuch, vielleicht noch ein Fall für Sigmund Freud. Aber das Label „Debatte“ mutet dann doch etwas euphemistisch an.

Derweil tauchen die immer gleichen Bilder am Horizont auf. Flüchtlinge, die sich in mazedonische Züge drängen. Weinende Kinder auf Kos. Dann wieder Flüchtlinge an der ungarischen Grenze. Dazwischen dunkle Deutsche in Heidenau und helle Deutsche, die Kuchen vorbeibringen. Wer daneben gerne wissen möchte, wie es nun angesichts von 800.000 Neuankömmlingen weitergeht, wo sie wohnen und arbeiten sollen, wird rasch auf den „Kampf gegen rechts“ und das Leid der Flüchtlinge verwiesen. Das eine ist zwar nicht falsch, das andere zweifellos tragisch, nur eben nicht die Antwort auf die Frage.

In einer besseren Welt gäbe es Wege, dieser Möchtegern-Debatte zu entgehen. In Deutschland existieren dafür jede Menge Neurosen. Dabei würde es schon reichen, nochmal zwei Monate zurück in glücklichere Zeiten zu spulen, als die einzige Person, über die man sich aufregen konnte, Martin Schulz hieß.

Indes gibt es nun ein „wir“, dem magische Kräfte nachgesagt werden. „Wir schaffen das!“ ist die Formel für Anfänger. Fortgeschrittene dagegen fragen lieber nach: „Wenn nicht wir, wer dann?“  Schade nur, dass nie geklärt wird, wer dieses „wir“ eigentlich ist.

Einigkeit herrscht hingegen insoweit, als Deutschland ein Einwanderungsland ist. Das ist so sicher wie Norbert Blüms Rente und die Alternativlosigkeit der Energiewende. Allein: Diese These klingt nicht wirklich überzeugend. Denn Einwanderungsländer erkennt man in erster Linie daran, dass sie Zuwanderer nicht kollektiv wie Mündel, sondern wie erwachsene Menschen behandeln und ihnen zugesteht, in Freiheit und mit Eigenverantwortung ein neues Leben zu beginnen.

Deutschland dagegen ist ein Land für Menschen, die ohne Murren einen beträchtlichen Anteil ihres Einkommens und ihrer Würde abgeben, um sich danach vorschreiben zu lassen, wie man den Müll trennt. Ein Land, in dem man zwar gerne die soziale Kälte beklagt, aber gleichzeitig ein Markt für eine App existiert, die es jedem ermöglicht, Falschparker mühelos beim Ordnungsamt zu verpetzen. Ein Ort, an dem der Staat in Begleitung der parlierenden Klasse alles daran setzt, „Gerechtigkeitslücken“ zuzubetonieren und sich ansonsten der Dampfwalze bedient, um vorhandene Ungleichheiten plattzumachen. Denn unter der Gleichheit, die einst neben Freiheit und Brüderlichkeit rangierte, versteht man hier nicht Gleichheit vor dem Gesetz, sondern harmonische Ergebnisgleichheit in allen Lebenslagen.

Deutschland ist ein Land, das keine Unterschiede erträgt. Es debattiert lieber über eine höhere Erbschaftssteuer, um so endlich etwas gegen die Ungerechtigkeit zu unternehmen, die sich durch die Co-Existenz reicher und armer Familie breitmache. Derweil begnügt sich NRW mit einer „Hausaufgabenbremse“, um wenigstens auf diese Weise den Abstand zwischen Kindern aus sozial schwachen und jenen aus bildungsnahen Elternhäusern zu verringern. Und wenn eine grüne Politikern die Forderung erhebt, auch weniger schlanke Damen bei Misswahlen ins Rennen zu schicken, weil diese sonst durch 90-60-90-Vorgaben ausgegrenzt werden, dann gilt das nicht etwa als Beleg von geistiger Umnachtung, sondern als legitime Antidiskriminierungsmaßnahme. 

Wie soll man also sichere von unsicheren Herkunftsländern abgrenzen, wenn man schon mit dem real existierenden Unterschied zwischen arm und reich völlig überfordert ist? Und wann wird in Bezug auf das Asylrecht wenigstens sprachlich zwischen Kriegsflüchtlingen, die gerade noch dem Islamischen Staat entkommen sind, und Wirtschaftszuwanderern vom Balkan, die schlicht ein besseres Leben führen möchten, differenziert? Wenn es an allen Universitäten nur noch „Studierende“ gibt, oder erst sobald jede Chefetage zu 50% weiblich besetzt ist?
Stattdessen muss es die überraschende Erkenntnis tun, dass Flüchtlinge Menschen (und nicht etwa Pferde, Katzen oder Wühlmäuse) sind. Dass es tüchtige und faule, anpassungsbereite und integrationsunwillige, gut und schlecht ausgebildete Menschen gibt, hat sich dagegen noch nicht herumgesprochen. Der syrische Arzt, der gut gefüllte Portemonnaies zur Polizei trägt, ist demnach genauso ein Mensch wie der ein oder andere Islamist in Suhl, der einen zerfledderten Koran mit der Faust rächt und dafür mit Schützenhilfe von Bodo Ramelow belohnt wird. Auch das ist nur konsequent in einem Land, das immer dann zuverlässig gegen Islamophobie vorgeht, sobald irgendwo ein Jüngling unter Berufung auf Allah ein Blutbad nimmt.

Vor allem aber: Wie soll man Flüchtlinge in einen Arbeitsmarkt integrieren, auf dem ungefähr genauso viele Verordnungen, Richtlinien und Gesetze gelten wie es Arbeitnehmer gibt? Deutschland agiert zwar vorbildlich, wenn es darum geht, hochqualifizierte Frauen per Quote in die Führungsetage zu manövrieren. Der Unterschied zwischen „gleichen Rechten“ und „Grundrecht auf Chefsessel“ interessiert uns nicht.

Aber wie sieht es mit bildungsfernen Zuwanderern und deren Jobchancen aus, solange ein Mindestlohn existiert? In jedem Land der Welt gibt es einen Berufsstand, in dem traditionell viele Zuwanderer – zumindest die erste Generation – vertreten sind: den des Taxifahrers. In Deutschland dagegen gibt es nicht nur Andrea Nahles, deren schützende Hand solche Einwanderer vor diesem Schicksal bewahrt. Daneben existieren auch noch Gerichtsurteile, die die Mindestlohn-freie Alternative namens Uber gleich mit verbieten.

Natürlich wäre Taxifahren für wenig Geld nicht schön. Aber ein kleines Einkommen ist besser als gar keines. Zudem ist es würdevoller wie auch integrationsfördernder als Arbeitslosengeld. Als vor mehr als hundert Jahren Tausende von Iren und Italienern die erbärmlichsten Bauten New Yorks bezogen, besaßen sie nicht viel mehr als der Flüchtling aus Eritrea von heute. Es gab auch keine Integrationsexperten und kein Taschengeld, dafür nur Freiheit, miese Jobs und die wage Aussicht auf ein besseres Leben. Das reichte, um sich durchzuwurschteln und motivierte vor allem die Kinder der Einwanderer, es mal besser zu machen. Angenehm war das sicher nicht, aber es war möglich. Einwanderung und Flucht aus Armut sind nur selten erbaulich und fast immer eine Herausforderung, die sich nicht gleich morgen auszahlt.

Das Einwanderungsland Deutschland hingegen wird voraussichtlich das tun, was es am besten kann: verwalten und bevormunden. Flüchtlinge fungieren primär als schutzbedürftige Mündel, weil das die Rolle ist, die sich am leichtesten handhaben lässt. Wenn sie keinen Job finden, sollen sie halt vom Staat leben. Und wenn sie besonders viel Pech haben, werden sie von Angela Merkel gestreichelt.

Individualismus dagegen nervt. Keiner mag ihn, wir können auch nicht mit ihm umgehen – weder mental, noch praktisch. Und wer schon die autochthone Bevölkerung für intellektuell unauffällige Wesen hält, die erst dann das Zündeln sein lassen, wenn Udo Lindenberg es ihnen im Rahmen eines „Aufstands der Anständigen Deluxe“ vorsingt, wird mit neuen Gästen nicht anders verfahren.

Wo 1600 Zöllner zwecks Kontrolle des Mindestlohns eingestellt werden, dürften mittelfristig auch anderweitig Arbeitsplätze entstehen. Gebraucht werden Kindergärtner, Lehrer, Polizisten, Beamte im Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Richter für Asylverfahren sowie JVA-Beamte, Staatsanwälte und Richter ob inhaftierter Schleuser. Zu den Psychologen gesellen sich dann Streetworker und Integrationsexperten. Nicht wenige davon haben ein Interesse daran, ihren Kundenstamm nachhaltig zu erweitern, zumindest aber zu erhalten. Und natürlich bedarf es zusätzlicher Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen. Die werden sich darüber wundern, dass die meisten Arbeitgeber außerhalb des Fachkräftemangel-Universums lieber einen Bewerber mit perfekten statt ausbaufähigen Deutschkenntnissen einstellen werden, wenn sie schon 8,50€ die Stunde zahlen müssen. Spätestens dann dürften all die neu eingestellten Sozialarbeiter zum Einsatz kommen, die den völlig desillusionierten und zu recht deprimierten Einwanderern in ihren Sozialwohnungen höflich mitteilen, dass der Handel mit Rauschgift hierzulande strafbar ist.

Zumindest kurzfristig dürfte all das noch günstiger als die Rettung Griechenlands sein. Mittelfristig wird Wolfgang Schäuble die schwarze Null wohl neu interpretieren müssen. Insoweit ist es nicht einmal völlig falsch, wenn Sigmar Gabriel, Andrea Nahles und Thomas de Maizière nun „Wir schaffen das!“ rufen. Die Frage ist nur, ob die Flüchtlinge das in naher Zukunft genau so sehen werden.


Zuerst am 31.08.2015 auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Der Tränensack und der Busfahrer - und was wir daraus lernen

Ein Weltbild bricht zusammen. Deutschlands berühmtester Busfahrer, der erst neulich Claus Kleber zu Tränen rührte, hat die Facebook-Seite der AfD mit einem “Like” versehen. Zudem hat er noch andere Schweinereien verlinkt. Etwa eine leicht unterkomplexe Grafik mit der Frage, warum es für in Deutschland hungernde Kinder an Geld fehle, für andere Länder aber Milliarden übrig seien. Das wiederum hat eine Redakteurin von „Puls“,  dem Jugendkanal des Bayerischen Rundfunks, herausgefunden – natürlich nicht ohne Folgen. „Alles nur Fake?“, fragt sie zunächst besorgt.

Denn eines steht fest: Alles, wirklich alles, hätte man dem Busfahrer verziehen. Sahra Wagenknecht, Che Guevara, Anonymous - aber AfD, das geht zu weit. Was sind seine Worte dagegen noch wert? Nichts, rein gar nichts.

Was also tun? Claus Kleber raten, sich von seinen Tränen zu distanzieren? Schwer umsetzbar. Aussitzen? Wäre eine Variante. Aber nicht die beste. Die mutige Redakteurin vom Bayerischen Rundfunk entscheidet sich schließlich, nicht zu schweigen. Sie geht in die Offensive und ruft den Busfahrer an. Knallhart. Schließlich muss ja geklärt werden, ob der Mann “am Ende doch kein Held ist”. Und siehe da, sie findet Erstaunliches heraus:

“Ich rufe nochmal bei ihm an, weil ich wissen will, warum er das geteilt hat. Er erklärt mir, dass es ein Fehler war, die AfD zu liken. Aber er sagt auch, dass er von der Bundesregierung enttäuscht ist, dass er Menschen kennt, deren Rente nicht reicht oder die kaum genug verdienen für Miete und Essen. Und trotzdem sagt er, er kann das trennen von den Asylbewerbern.”


Sollte die Welt da draußen doch mehr als bloß Wille und Vorstellung sein? Die Puls-Redakteurin kommt ins Grübeln, ihr fehlt vielleicht gerade ein wenig die passende Schublade. Schlussendlich entscheidet sie sich aber, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Der Busfahrer bekommt Bewährung.  Immerhin hat er ja gestanden und bereut seine Tat. „Vielen in Deutschland geht es so wie dem Busfahrer aus Erlangen“, stellt sie fest. Aber weil womöglich in gerade diesem Moment weitere Busfahrer in Deutschland Gefahr laufen, die Seite der AfD mit „Gefällt mir“ zu markieren, fügt sie pflichtbewusst hinzu:

“Die viel gescholtenen “besorgten Bürger” können zwei Richtungen einschlagen: Die in die Fremdenfeindlichkeit oder die in Solidarität. Welche Richtung sie nehmen – diese Weiche stellen sehr häufig die Politiker. (…) Deshalb ist es so gefährlich, wenn Politiker zündeln, anstatt Ängste zu nehmen. Wenn sie jahrelang nicht in die Flüchtlingshilfe investieren, um am Ende zu behaupten, Flüchtlinge nur noch in Zelten unterbringen zu können.“


Was lernen wir daraus? Ganz klar: Lieber erst um drölfzig Faccebook-Ecken recherchieren, bevor man weint oder hypt. In Zeiten, in denen man auch eruiert, ob die Großtante der Putzfrau eines Autors, mit dessen Texten man nicht einverstanden ist, Dreck am Stecken hat, müsste das eigentlich Standard sein. Denn was jemand sagt oder schreibt, selbst wenn er es fundiert begründen kann, wird ohnehin überbewertet. 

Und sollte demnächst ein anderer Busfahrer die Umsetzung des Asylrechts kritisieren, so sollte auch Claus Kleber sein Investigativ-Team ins Rennen schicken, bevor er überhaupt erwägt, Tränen der Wut zu verdrücken. Denn wer weiß - hinterher hat der Busfahrer ja doch noch „Kein Mensch ist illegal“ bei Facebook geliket.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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Es duftet nach Zivilcourage - per ordre de Stegner

Der politisch initiierte „Aufstand der Anständigen“ zählt zu den bedeutendsten Instrumenten des deutschen Waffenarsenals. Er kommt immer dann zum Einsatz, wenn es für eine Ethikkommission noch zu früh ist, die gesellschaftlichen Gräben jedoch schon zu tief sind. Ausgestattet mit gezeigtem Gesicht und eingebauter Wohlfühlgarantie umhüllt er zuverlässig jede noch so lästige Problemzone mit einem rosaroten Leichentuch.

Wie gut das funktioniert, hat Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. und Erfinder des „Aufstands der Anständigen“, bereits vor 15 Jahren vorgemacht. Anlässlich eines Brandanschlags auf die Düsseldorfer Synagoge rief er damals zu mehr Engagement gegen Rassismus auf, woraufhin sich die halbe Bundesrepublik in eine Lichterkette verwandelte.

Zwar stellte sich kurze Zeit später heraus, dass es sich bei den Tätern nicht um biodeutsche, sondern um arabische Nazis handelte – aber das tat dem angenehmen Geruch von Zivilcourage, der durch die Bundesrepublik wehte, natürlich keinen Abbruch.

Nun allerdings erfährt Gerhard Schröder harte Konkurrenz. Denn auch Ralf Stegner, Vize-Chef und amtierende Allzweckwaffe der SPD, möchte jetzt aufstehen. Vorgestern zeigte er noch Gesicht für Europa, gestern gegen das Betreuungsgeld. Heute hingegen treibt ihn die Flüchtlingsproblematik in Gestalt von Hass und Gewalt gegen selbige um. Und weil sein Gesicht allein nicht reicht, schwebt ihm nun eine Deluxe-Version des anständigen Aufstands vor, an dem sich aber nicht nur Otto-Normal-Bürger, sondern vorrangig Promis zu beteiligen haben.

„Gegen Intoleranz, Rassismus, verbale Hetze gegen Schwächere und Angriffe auf Flüchtlinge muss sich die Zivilgesellschaft zur Wehr setzen. Wenn das gerade auch die Frauen und Männer tun, die im Sport, in der Musik oder in anderen Bereichen als Idole eine Vorbildfunktion erfüllen können, dann ist das sehr zu begrüßen“, sagte Stegner dem Handelsblatt.

Zweifellos eine schöne Idee, die sogar noch schöner wäre, wenn sie auch etwas modifiziert in anderen Sphären umgesetzt würde. Niemand hätte etwas dagegen, wenn Iris Berben gegen den Iran-Deal, Mario Adorf gegen die Rente mit 63 und Cindy aus Marzahn gegen die Frauenquote Gesicht zeigen würden. Aber mit Steuergeld, Frauen oder Krieg und Frieden kann jemand wie Stegner freilich auch ohne prominente Unterstützung gut umgehen.

Die Sache mit dem Rassismus hingegen lässt sich offenbar nachhaltiger lösen, wenn wir uns einen Herbert Grönemeyer vorstellen, der per Webcam „Heal the world“ in Richtung Freital schmettert, Konstantin Wecker für die Zugabe sorgt und Til Schweiger im selben Rhythmus Facebook-Statusmeldungen tippt. Was bei Band Aid in Sachen Afrika klappt, kann in Ralf Stegners Social-Media-Kosmos schließlich nicht schiefgehen. „Macht mit!“, ruft er seinen prominenten Followern auf Twitter zu, so als ginge es darum, Rentner auf der AIDA zur morgendlichen Wassergymnastik zu motivieren.

Theoretisch könnte man Ralf Stegner nun allerlei Niederträchtiges um die Ohren hauen. Ihm ein wenig Unfähigkeit unterstellen, ihn daran erinnern, dass für rechtsradikale Gruselfiguren mit pyromanischer Ader doch die Polizei zuständig ist und es überhaupt ein bisschen hilflos aussieht, Prominente in ein Rennen zu schicken, das die Politik nur verlieren kann.

Aber das würde dem Sozialdemokraten mit Gesicht überhaupt nicht gerecht. Denn dass randalierende Glatzenträger nicht die einzige Facette der Flüchtlingscausa darstellen, hat sich auch schon in Stegners Umkreis herumgesprochen. Wenn er nicht gerade Promis gegen rechts akquiriert, trommelt er gegen eine Ausweitung der Liste sicherer Herkunftsländer, für eine bessere Verteilung von Flüchtlingen sowie für mehr Geld vom Bund.

Und natürlich für ein Einwanderungsgesetz sozialdemokratischer Prägung, das in der Asylfrage nur nicht wirklich hilft, solange Kosovaren und Serben, die 2015 schon längst die Syrer und Iraker überholt haben, das tun, was ausnahmslos jeder tun würde und ihnen demnach nicht zum Vorwurf gemacht werden kann: möglichst unbürokratisch dorthin gehen, wo mehr Lebensqualität winkt. Ein Taschengeld und die Aussicht auf Gesetze, die nicht immer angewendet werden, dürften auch nicht unbedingt jeden daran hindern, die Heimat zu verlassen.

Natürlich könnten Stegner und Kollegen sich an dieser Stelle die Systemfrage stellen, die zwischen Wohlfahrtstaat, offenen Grenzen und dem dazwischen liegenden Graben oszilliert. Dann könnten sie vielleicht für einen kurzen Moment von der wahnwitzigen Illusion eines unbürokratischen Deutschlands heimgesucht werden, in dem jeder In- und Ausländer sein Glück versuchen, aber nicht dazu gezwungen werden kann, eine Versicherung für alle anderen zu finanzieren. Das würde zwar besser klappen, wäre aber nicht so gut für die politische Karriere. Die erübrigte sich dann nämlich ein wenig.

Folglich tut auch Stegner lieber das, was ein Genosse tun muss. Die Diskrepanz zwischen sozialdemokratischen Planspielen und der Realität kompensiert er dafür umso bravouröser mit improvisatorischem Geschick und herzlicher Kreativität. Wenn sich schon die Flüchtlingsproblematik nicht ordentlich verwalten lässt, der Steuerzahler jedoch unruhig wird, weil er Verteilungsungerechtigkeit wittert und nicht versteht, warum das Merkel’sche Gesetz („Wo ein Wille, ist auch ein Weg“) zwar in Griechenland, nicht aber in der Nachbarschaft funktioniert, dann muss eben die Fassade ein bisschen renoviert werden.

Insofern ist so ein prominenter „Aufstand der Anständigen“ nicht nur eine brillante, sondern auch eine konsequente Idee. Zum einen, weil sie gut und geschichtsbuchverdächtig aussieht. Zum anderen, weil sie bequem umsetzbar ist. Stegner muss nicht selbst twittern - er lässt twittern. Mit Zivilcourage hat das zwar in etwa so viel zu tun wie ein Zeltlager mit Schloss Bellevue.

Dafür verspricht die Aktion aber weniger Stress als beispielsweise ein Besuch bei Helfern, die allen Widrigkeiten zum Trotz freiwillig im örtlichen Flüchtlingsheim Deutschkurse geben. Außerdem kann es ja nicht schaden, wenn man den Bürgern nochmal klar macht, dass man derlei Unterkünfte nicht einfach so anzündet. Vielleicht verstehen sie das ja besser, wenn ein kompetenter Tatort-Kommissar es ihnen erklärt.

Das ist zwar weder der Punkt, noch die Lösung des Gesamtproblems. Es hilft auch nicht den Flüchtlingen, sondern den prominenten Gesichtern. Aber Hauptsache, es duftet nach Zivilcourage - die eben auch mal per ordre de Stegner hergestellt werden muss.


Zuerst auf der "Achse des Guten" erschienen.
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