Die Deutsche Bahn freut sich dieser Tage über Zuwachs. Der ICE 400, der in Bälde durch Deutschland rollen wird, bietet "umweltfreundliches und entspanntes Reisen gepaart mit hohem Kundenkomfort". Und weil der ICE 400 nicht irgendein Zug, sondern das neue Flaggschiff ist, werden die Züge auch nicht irgendwelche Namen, sondern Namen "deutscher historischer Persönlichkeiten aus den Bereichen Kultur, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Sport" tragen: Marlene Dietrich, Konrad Adenauer, Karl Marx, Hannah Arendt und Albert Einstein wären da zu nennen. Doch auch Anne Frank, die 1944 im Alter von fünfzehn Jahren von den Nazis nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde, soll ein Zug gewidmet werden, wie die Presseabteilung der Deutschen Bahn vorab verrät.
Nun ist es im Prinzip ohnehin schon mindestens gewagt, einen Zug der
Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn nach Anne Frank zu benennen. Bei der
Deutschen Bahn wollte man sich aber offenbar selbst übertreffen und
legte sicherheitshalber noch eine Begründung oben drauf, die nicht
minder beachtlich anmutet: „Sie [Anne Frank] steht für Toleranz und für
ein friedliches Miteinander verschiedener Kulturen, in Zeiten wie
diesen, wichtiger denn je.“ Das kann man freilich so sehen. Man muss
eben nur die Augen ganz fest davor verschließen, dass es nicht
„Multikulti“, sondern „der Jude“ war, der den nationalsozialistischen
Wahn zuvorderst und bis zuletzt dominierte und in dem die Nazis nicht
nur „minderwertiges Ungeziefer“, sondern gleichzeitig auch eine vitale,
allumfassende Bedrohung für die deutsche „Volksgemeinschaft“ sahen. Das
unterschied das „Weltjudentum“ vom „slawischen Untermenschen“, von
Sinti und Roma und Behinderten, und es war dieser Wahn, den Saul
Friedländer treffend als „Erlösungsantisemitismus“ bezeichnet, der die
Deutschen schließlich dazu antrieb, sich qua Völkermord des
„Weltjudentums“ zu entledigen.
Lässt man all das jedoch locker beiseite, dann kann man in Anne Frank
tatsächlich eine handelsübliche Vorkämpferin der „Toleranz“ mit „Wir
sind bunt“-Plakat sehen, in den Nazis wiederum leicht unsympathische
Miesepeter, die halt einfach was gegen ein „friedliches Miteinander“
hatten, in der Shoa eine etwas aus dem Ruder gelaufene
Auseinandersetzung zwischen "bunt" und "braun", und in der
nationalsozialistischen Herrenmenschenideologie eine bloße Abneigung
gegenüber „unterschiedlichen Kulturen“, die gar nicht erst genauer
benannt werden müssen.
Aber vielleicht hat die Deutsche Bahn auch
recht: Eine solche Erinnerungskultur ist in „Zeiten wie diesen“
womöglich wirklich „wichtiger denn je“. Denn ohne ein derart kreatives
Geschichtsverständnis wäre der ICE Anne Frank schließlich nur halb so
wohltuend für diejenigen, die ihn gerade stolz wie eine Monstranz vor
sich her tragen.
Zu den hartnäckigsten Gerüchten des Jahres gehört die Annahme, es hätte lediglich einen Wahlkampf gegeben. In Wirklichkeit gab es zwei davon, und einer davon hatte die Systemfrage im Gepäck: Wie hältst du’s mit dem Westen?
Der deutsche Bundestagswahlkampf an sich hat seit jeher ein Problem: Nur selten kann er es allen recht machen. Das gilt umso mehr 2017, da die einen mehr über Flüchtlinge und Terrorismus gehört hätten, in den Augen der anderen die Themen Digitalisierung und Zukunft im Allgemeinen zu kurz kamen. Einzig Angela Merkel stufte den Wahlkampf zumindest als „interessant“ ein. Alle anderen sind sich indes einig, den langweiligsten Wahlkampf aller Zeiten überstanden zu haben. Ein durchaus plausibles Urteil, zumindest im historischen Vergleich. Eine aus Talkshows flüchtende AfD-Politikerin allein macht schließlich noch keinen Franz-Josef Strauß, ein Martin Schulz keinen Willy Brandt. Was dem Wahlkampf von heute fehlt, ist die weltanschauliche Prägung von damals, als man Debatten noch gerne mit dem Rat „Geh‘ doch nach drüben!“ zu beenden pflegte.
Im Vergleich dazu wirkt die von Konsens beherrschte Auseinandersetzung von heute tatsächlich so aufregend wie ein Scrabble-Turnier in Buxtehude. Das liegt allerdings unter anderem daran, dass niemand mehr – abgesehen von den Freizeit-Kommunisten der Linkspartei – die Systemfrage stellt. Die etablierten Parteien leben, was Francis Fukuyama nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ fälschlicherweise prognostizierte: das Ende der Geschichte. Richtig hitzig wurde es lange Zeit höchstens dann, wenn darüber gestritten wurde, wie viel Geld von wem zu wem umverteilt werden soll; ob man lieber der berufstätigen Mutter ohne Kitaplatz, dem Studienrat mit Solarzellen-Dach oder doch gleich beiden unter die Arme greifen soll. Ansonsten waren und sind sich tendenziell alle einig, dass europäische Zusammenarbeit, Westbindung, soziale Marktwirtschaft, Globalisierung, und die repräsentative Demokratie im Prinzip gute Ideen sind. Gestritten wird nicht über das Fundament, sondern darüber, was man darauf anbauen soll.
Der vernachlässigte Wahlkampf
Zumindest pro forma. Denn zu den hartnäckigsten Gerüchten des Jahres zählt die Annahme, es hätte lediglich einen Wahlkampf gegeben. Tatsächlich existierten aber zwei. Mindestens. Den einen dominierte Angela Merkel mit dem inoffiziellen Wahlslogan „Sie kennen mich“. In der Nebenrolle sorgte Martin Schulz nicht nur für „mehr Gerechtigkeit“, sondern auch für mehrUnterhaltung. Abseits davon taten sich Linke und Grüne als begabte Statisten hervor, die zumindest in puncto Themaverfehlung durchaus reüssierten. Für eine Prise Salz war derweil Christian Lindner zuständig. Gleich nebenan kümmerte sich wiederum Entsorgungsexperte Alexander Gauland um die Ehre der Wehrmacht. Zwischen Diesel, Fipronil und Kartoffelsuppe waren es auch viele seiner Anhänger, die dem Wahlkampf jammernd bis trillernd pubertären Charme und antidemokratisches Charisma verliehen.
Der andere Wahlkampf hielt sich lieber bedeckt. Er fand nicht bei Anne Will, sondern auf der Metaebene statt. Vollständig bemerkt wurde er selten, er kam und ging. Mal blieb er länger, etwa bei der FDP, mal tauchte er nur kurz in einem Tweet von Martin Schulz auf und verdünnisierte sich danach wieder in Richtung Linken-Parteitag. Das ist schade. Denn der vernachlässigte Wahlkampf hatte immerhin die Systemfrage im Gepäck, die da lautet: Wie hälst du’s mit dem Westen? Mit dem Westen, verstanden als Sphäre des Individualismus, des Rechts (national wie international), der Marktwirtschaft und der parlamentarischen Demokratie? Und wie hälst du’s weiterhin mit jenen, die all das in Frage stellen? Mit radikalen Islamisten und international operierenden Terroristen etwa? Vor allem aber mit Russland, dessen Staatschef seine Nachbarn überfällt, den Westen zu destabilisieren versucht, bewährte Regeln zu ändern gedenkt und den Zerfall der Sowjetunion für die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ hält?
Wie hälst du’s mit dem Westen?
Blickt man etwa zur SPD, hat der Westen eher schlechte Chancen auf ein Mitspracherecht. Gerhard Schröder, Bundeskanzler a.D. und Wahlkampf-Maskottchen der Sozialdemokraten, kennt da keine Gnade. Seit seinem neuerlichen Aufstieg beim Öl- und Gasriesen Rosneft lässt sich ohnehin nur noch schwer erkennen, wo genau die SPD aufhört und der russische Staatskonzern beginnt. Im Vergleich dazu ist Kanzlerkandidat Martin Schulz bescheidener unterwegs. Er will lediglich amerikanische Atomwaffen aus Deutschland entsorgen, ein gutes Auskommen mit „unserem Nachbarn Russland“ erzielen, ohne vorher die Polen zu fragen und um jeden Preis das „Säbelrasseln“ verhindern, das aus seiner Perspektive nicht etwa beirussischen Militärübungen im großen Stil zu vernehmen ist, sondern erst bei Erfüllung des Zwei-Prozent-Ziels der Nato entstünde. Zu gerne wäre Schulz ein Willy Brandt, nur ohne Atomwaffen im Rücken und mit viel „Neutralität“ im Herzen. Solange es dazu nicht kommt, hilft aber auch Kollege Sigmar Gabriel gerne aus – beispielsweise, indem er dem russischen Propagandakanal „RT Deutsch“ zu mehr Anerkennung verhilft. Bei den Sozialdemokraten tut eben jeder, was er kann, von Nordstream II bis Informationskrieg.
Eine Strategie, die offenkundig auch in der FDP einige Bewunderer gefunden hat. Dort sind Liebesgrüße nach Moskau zwar nicht Teil des Wahlprogramms, dafür aber Chefsache. Christian Lindner würde den Krim-Konflikt lieber „einfrieren“ und Zug um Zug Sanktionen lockern, damit die „umzingelte“ Unschuld im Kreml auch ihr Gesicht wahren kann. Eine gute Idee, die nur daran scheitern dürfte, dass Putins Problem ja gar nicht darin besteht, aus der kriegerischen Situation irgendwie wieder herauszukommen. Zu diesem Zweck müsste er lediglich seine Truppen abziehen – was er nur gar nicht vorhat. Unangenehm ist ihm unter anderem vielmehr das Ausmaß, in dem die Sanktionen seine Finanzen beeinträchtigen. Aber vielleicht lässt sich darüber ja mit Christian Lindner reden, der auf jeden Fall „im Gespräch“ bleiben will und dabei so auftritt, als hätte er gerade eine bemannte Mars-Mission gefordert. Letztendlich ist und bleibt Deutschland eben dort, wo sich ständig ein Politiker nach Moskau aufmacht, nur um sich hinterher wie der „last Dialogführer standing“ zu benehmen.
Wettstreit der Ränder: Wer schafft den Westen schneller ab?
Sahra Wagenknecht gefällt das jedenfalls. Ohnehin ist dezente Zurückhaltung in ihrer Partei diesbezüglich nicht unbedingt verbreitet. Hat der Westen bei SPD und FDP noch schlechte Chancen auf Asyl, trifft er bei den Linken knallhart auf Viktor Orbán. Nato? Braucht man nicht. Lieber wäre den SED-Nachfolgern ein „Verteidigungsbündnis mit Russland“. Eine Verurteilung der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim? Schnickschnack, mit dem sich eine Partei wie „Die Linke“ gar nicht erst abgibt. Auf diese Weise bleibt auch mehr Zeit für den Kampf gegen den US-Imperialismus und andere Zumutungen. Schließlich droht der Linkspartei mit dem Einzug der AfD in den Bundestag nun auch harte Konkurrenz. Alexander Gauland jedenfalls tat sich schon 2013 mit der Forderung nach mehr Nachsicht gegenüber Russland hervor – zu einem Zeitpunkt, da die Krim und die Ostukraine noch friedliche Gebiete des ukrainischen Staatsterritoriums waren. Eine beachtliche Leistung, die ihm so schnell keiner nachmacht. Indes betätigen sich seine Kollegen wahlweise als „Wahlbeobachter“ auf der Krim, als Reisende zwischen Moskau und St. Petersburg, als Veranstalter eines „Russlandkongresses“, wo über die deutsche Souveränität gerätselt und Eurasien geschwärmt wurde, oder auch mutmaßlich als Drähte zum russischen Geheimdienst. Dass die Sanktionen aus alternativer Sicht abgeschafft gehören, versteht sich da von selbst.
Kalkuliert man nun noch Horst Seehofer mit ein, der sich ebenso an den Sanktionen stört, steht es im nächsten Deutschen Bundestag 5 zu 2 für Russland und 2 zu 5 für den Westen. Keine rosigen Aussichten für ein Konzept, mit dem die Deutschen rund sieben Jahrzehnte gut bedient waren. Aber warum nicht mal etwas Neues probieren? Während die einen in Putin den Heiland gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ zu erkennen meinen, würden die anderen lieber das wenig bewährte aber nach wie vor beliebte Konzept der deutschen Neutralität erproben. Wo sich sowohl AfD als auch Linke vor „Marionetten der Siegermächte“ gruseln, träumt man in sozialdemokratischen Gefilden wahrscheinlich eher von einem friedlichen Lebensabend im Dienste der russischen Mineralölwirtschaft. „Was interessiert mich die Ukraine?“, fragen die einen, „Alles Propaganda der Lügenpresse!“, plärren die anderen.
Selektive Wahrnehmung, kollektive Kremltreue
Nun hat Deutschland in der Vergangenheit schon öfter seine Fähigkeiten im Bereich der selektiven Wahrnehmung bewiesen. In Sachen Russland übertrifft es sich jedoch in dieser Disziplin. Dass viele Deutsche weder Interesse für einen heißen Krieg in nur zwei bis drei Flugstunden Entfernung, noch für das Bedürfnis eines Landes, sich von russischer Vorherrschaft freizumachen, aufbringen, ist zwar etwas unangenehm, aber nicht sonderlich erstaunlich. Dass sie es aber gleichzeitig schaffen, sich wahlweise über „Nazis im Bundestag“ oder über eine „Überschwemmung“ von Flüchtlingen und Migranten aufregen, grenzt dann doch allmählich an chronische Realitätsverweigerung. Beides, der Aufstieg der AfD wie die Flüchtlingskrise, treibt die Deutschen um. Und beides trägt zumindest in Abstufungen die Handschrift des Kremls.
Von Marine Le Pen, Nigel Farage und der FPÖ bis hin zu Viktor Orbán – auf dem Kontinent existiert kaum ein Akteur nationalistischer Prägung, der nicht auf die ein oder andere Weise mit dem Kreml zu schaffen hätte. Moskau bietet Kredite, Auftritte bei „Russia Today“, Einladungen und Wahlempfehlungen, im Gegenzug erhält es Schützenhilfe aus Europa – und erntet ganz nebenbei einen Kontinent, der sich erfolgreich selbst zerlegt. Wenn Sigmar Gabriel sich ausgerechnet beim russischen Auslandskanal „RT Deutsch“ über die AfD beschwert, ist das ähnlich effektiv wie ein Gespräch mit einem Brandstifter über die Folgen des soeben gelegten Hausbrands.
Wenn der Abendlandverteidiger sich nebenher als Brandstifter betätigt
Nicht minder schlüssig ist die Weltsicht der jammerdeutschen Abendlandverteidiger. Morgens und mittags echauffieren sie sich über die Flüchtlingskrise und warnen vor islamistischen Terrorattentaten, nur um von abends bis spät in die Nacht alles auf ihr Pferd im Kreml zu setzen. Dumm nur, dass derselbe Terrorismus eher weniger mit Putin, dafür aber ausschließlich an der Seite der Vereinigten Staaten bekämpft werden kann – zumindest, solange man Geheimdiensthinweise und ähnliche Annehmlichkeiten, die das „Abendland“ allein kaum auf die Reihe bringt, nicht für völlig obsolet hält.
Noch dümmer ist, dass der Retter des Abendlands durchaus seinen Anteil an eben jener Flüchtlingskrise geleistet hat. Zumindest, wenn man berücksichtigt, dass die Mehrheit der Syrer nicht vor dem IS, sondern vor Assad flieht, der ohne Rückendeckung des Kremls und der Mullahs seinen staatlichen Giftgas- und Folterbetrieb schon längst hätte einstellen müssen. Assad ist eine Fluchtursache auf zwei Beinen. Aufrecht gehen kann er nur mithilfe des Kremls, dem eine Destabilisierung Europas qua Flüchtlingsstrom als Kollateralnutzen sehr genehm ist. Dass die allermeisten Syrer in Folge dessen nicht zurückkehren können werden, solange Assad an der Macht ist, und dass das nunmehr stabilisierte Assad-Regime darauf auch gar keinen Wert legt, wäre eine weitere Pointe. Besonderes Gespür für Humor bewies allerdings Alexander Gauland, der nur knapp einen Monat nach der „Grenzöffnung“ der Kanzlerin das russische Engagement in Syrien, das weniger den IS und mehr die Opposition zu Assad treffen sollte, mit warmen Worte begrüßte. Aber auch seine Kollegen geben sich stets größte Mühe, das Ansehen des „säkularen“ Diktators zu retten. Als Donald Trump einen Giftgasangriff des syrischen Regimes militärisch beantwortete, brach auch in den Reihen der AfD großes Entsetzen aus. „Solidarität mit Bashar al-Assad“ lautete die Devise. Inzwischen haben sich die Prioritäten allerdings ohnehin verschoben. Gebannt blicken die Patrioten auf das Mittelmeer, vor allem aber auf Libyen. Da trifft es sich gut, dass Putin auch dort bereits in syrisch anmutender Manier zur Stelle ist.
Idee sucht fähige Anwälte
Es gehört mittlerweile zum guten Ton, nicht mehr vom Westen, sondern vom „sogenannten Westen“ und „sogenannten westlichen Werten“ zu sprechen. Tatsächlich dürfte der Westen mitunter Bauchschmerzen haben, wenn er auf seine Stellvertreter, einige davon wider Willen, blickt. Viele davon bereiten ihm wahrlich keine Ehre. Die einen haben das Konzept nie verstanden, die anderen halten es für überflüssig. Das ändert jedoch nichts an der Idee an sich, der Idee einer Sphäre des Rechts, der Freiheit und der Demokratie. In einer Welt ohne westliche Werte herrscht weder Entspannung nach Schulz’scher Hausmannsart noch „christliches Abendland“ nach Pegid’esquen Vorstellungen, dafür aber das Recht des Stärkeren und angewandte Äquidistanz zwischen Freiheit und Unterdrückung. In einer solchen Welt tun Autokraten, was sie wollen, ob Giftgas oder Grenzübertritt, ohne dafür belangt zu werden. Denn schließlich sind manche eben gleicher als gleich. Ein Votum für Russland gleicht einer Stimme gegen Freiheit und Menschenrechte und für mehr autokratische Willkür. Das kann man gutheißen. Man sollte hinterher aber wenigstens darauf verzichten, sich im eigenen Land wie der beste Anwalt der Bürgerrechte und des Liberalismus im Allgemeinen zu benehmen. Sonst wird es etwas unglaubwürdig.
Was den Wahlkampf der Systemfrage von seinem offiziellen Kollegen unterscheidet, ist der Umstand, dass er schon entschieden ist. Der Westen hat bis auf weiteres verloren. Ob er in den kommenden vier Jahren fähige Anwälte finden wird, bleibt offen. Adorno wusste, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Deutschland dagegen beweist, dass es durchaus einen falschen Wahlkampf im richtigen gibt. Und das ist immerhin auch eine Leistung.
"But if history teaches anything, it teaches that simple-minded
appeasement or wishful thinking about our adversaries is folly. It means
the betrayal of our past, the squandering of our freedom."
Bei
der "documenta" in Kassel hielten sie es neulich für eine besonders brillante Idee, eine sogenannte Kunstaktion mit dem Titel "Auschwitz on the beach" ins Programm zu nehmen. Bereits im dazugehörigen Begleit-Text
erfuhr man Näheres über die Sphären, in denen die Künstler sich so
bewegen: "Auf ihren eigenen Territorien errichten die Europäer
Konzentrationslager und bezahlen ihre Gauleiter in der Türkei, Libyen
und Ägypten dafür, die Drecksarbeit entlang der Küsten des Mittelmeeres
zu erledigen, wo Salzwasser mittlerweile das Zyklon B ersetzt hat". Auf derlei Verharmlosungen folgte jede Menge Kritik, so dass die mutigen
Tabubrecher inzwischen auf die Bremse treten mussten. Ihre Show nennen
sie nun "shame on us!", abgehalten wird sie lediglich in Form einer
Lesung samt "partizipativer Diskussion über die neuen Gesichter des Faschismus und der aktuellen Politiken der Migration in Europa".
Die documenta-Leitung wiederum ist
damit wohl weniger glücklich, denn Kritik wollte sie zunächst nicht so
recht gelten lassen. Immerhin, so der zuständige Kurator, nutze der
Künstler "das unberührbare Wort Auschwitz, um unser Gewissen zu wecken".
Das setzt zunächst einmal voraus, dass alle Beteiligten überhaupt über
ein Gewissen verfügen. Gleichzeitig spielt das objektive Gewissen
ohnehin keine große Rolle, wenn es um die Verspannungen geht, deren
Lösung sich die Freunde eben jener Kunst sehnsüchtig erhoffen. Denn wenn
Auschwitz am Mittelmeer stattfindet, der Holocaust sich gemäß "peta"
auch "auf Ihrem Teller" ereignet und die Autoindustrie jedes Jahr
"zehntausende Unschuldige vergast", dann ist die Shoa überall. Und wenn
Sie erstmal überall ist, dann ist sie quasi nirgends - am
allerwenigsten in der deutschen Geschichte. Cleverness, die man nicht
nur aus Kassel kennt.
Ein paar hundert Kilometer nördlich von
Kassel, in der Redaktion des "stern", geht es derweil ebenfalls ans
Eingemachte. Auf dem neuen Titelbild hitlergrüßt kein Geringerer als
ein in stars and stripes gehüllter Donald Trump. Der "stern" hat
offenkundig alles über "seinen Kampf" herausgefunden, was man in
Deutschland darüber wissen muss. Selbstverständlich kann man alles mit
allem vergleichen: Cindy aus Marzahn mit Angela Merkel, Dieter Bohlen
mit Giuseppe Verdi, den "stern" mit einem ernstzunehmenden politischen
Magazin. Es kommt nur darauf an, wie redlich man beim Vergleichen
vorgeht, ob man sich also auf Fakten oder auf Ressentiments beruft. In
Hamburg scheint man dahingehend ein wenig durcheinandergekommen zu sein
und die eigenen Reflexe mit seriösem Journalismus, traditionellen
Antiamerikanismus mit fundierter Kritik verwechselt zu haben. Immerhin
ist Donald Trump der schönste Antiamerikanismus-Vorwand, seit es den
Antiamerikanismus gibt. Ein zu verlockendes Angebot, um es abzulehnen.
Was das Cover aber noch besser macht, ist die seelenhygienische
Wirkung, die es gleichzeitig entfaltet. Denn je öfter man den Führer
auslagert - in dem Fall zielgerichtet ins Weiße Haus -, desto weniger
fällt das Original ins Gewicht. Erneut ein schöner Erfolg auf dem Gebiet
der praktischen Vergangenheitsbewältigung, worin den Deutschen bekanntlich
niemand etwas vormacht. Gut möglich, dass die Amerikaner sich das alles
etwas anders vorgestellt haben, als sie sich damals der Reeducation
widmeten. Aber nun haben sie ja selbst ihren eigenen, vom "stern" zertifizierten
Führer. Wie praktisch.
Das Mittelmeer. Nicht im Bild: germanische Reflexe. (by J. N. Pyka)
Zu den beliebtesten After-Terror-Parolen zählt mittlerweile die
Ankündigung, die Terroristen "nicht gewinnen" zu lassen. Beliebt ist
sie vor allem deshalb, weil sie kämpferisch klingt und sich von jedem beliebig
aufladen lässt. Sie sagt dementsprechend viel über die Zielscheibe des Terrors
und wenig über die Terroristen selbst aus. Denn die am Gewinnen zu hindernden
Terroristen haben mitunter ganz andere Vorstellungen hinsichtlich der Frage,
wann sie gewonnen haben und wann nicht. Es gibt auch keine repräsentative
Forsa-Umfrage über die Vorstellungen, die Terroristen zwischen Raqqa und
Brüssel zum Thema Gewinn und Verlust haben. Naheliegend ist allerdings, dass
die jeweiligen Terroristen in Spanien am vergangenen Donnerstag schon mal gewonnen haben. Wer
sich zum Morden aufmacht und das auch schafft, der hat sein persönliches
Etappenziel erreicht. Hindert man einen Terroristen daran, etwa indem man ein
Fußballspiel aufgrund ernstzunehmender Hinweise absagt, dann hat der
betreffende Mörder in spe erstmal verloren. Diejenigen, die das Fußballspiel
sehen wollten, haben somit gewonnen, aber gleichzeitig auch ein Stück
Lebensqualität verloren. Jene, die am nächsten Tag eigentlich auf ein Festival
gehen wollten, es sich aufgrund solcher Vorkommnisse jedoch überlegen, auch.
Andere wiederum folgen der "jetzt erst recht"-Devise und leben
weiter wie gehabt - "denn sonst hätten die Terroristen ja gewonnen".
Das ist sicherlich keine falsche, vielmehr eine menschlich betrachtet
sympathische Herangehensweise. Vor allem ist es aber eine individuelle Entscheidung,
die nicht zur Maxime für alle erhoben werden sollte. Wer lieber nicht auf das
Oktoberfest, auf ein Konzert oder eine Fanmeile gehen will, der sollte das auch
so halten dürfen, ohne sich sagen lassen zu müssen, er hätte den Terroristen
gerade einen Punktsieg verschafft. Andersrum wäre es schön, wenn die Fraktion
der Warnenden nicht zuverlässig Häme über jenen auskippen würde, die sich ihre
Lebensfreude eben nicht nehmen lassen wollen. Die einen halten's so, die
anderen lieber so, leben und leben lassen - auch das wäre Ausdruck jener
Toleranz, von der man so häufig hört.
Zweifellos klingt „Wir lassen uns nicht unterkriegen“ besser als „Wir werden
alle untergehen!“. Fatalismus gepaart mit Vorschlägen, die in die Sümpfe
außerhalb des Rechtsstaats führen, ist keine sonderlich clevere Option - es sei
denn, man glaubt ohnehin schon mehr an gestern als an morgen. Worte zählen,
positive genauso wie negative. Es kommt bloß auch darauf an, wo sie
fallen. Der Appell, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, kann auf
gesellschaftlicher Ebene durchaus Sinn ergeben – vor allem jedoch an Orten wie
Israel, wo der Terror so omnipräsent wie die Lebensfreude ist. Die Parole
funktioniert deshalb, weil sie nicht im luftleeren Raum daher kommt, sondern mit
der Gewissheit der Bürger verknüpft ist, dass die Behörden konsequent alles daran setzen, Terror
zu verhindern. Aber Europa ist nicht Israel. Es könnte und sollte in dieser
Beziehung höchstens mehr Israel wagen. Solange es jedoch Anis Amris gibt,
solange nahezu jeder erfolgreiche Attentäter den Behörden bekannt war, solange
es also noch nicht soweit ist wie in Israel, wo das „weiter so“ auf einem
stabilen Fundament aus vielfältigen Sicherheitsmaßnahmen fußt - solange haftet
dem Vorsatz, die Terroristen nicht gewinnen zu lassen, in Teilen auch der
Nachgeschmack eines abgelaufenen Beruhigungsmittels an.
Haben Terroristen also gewonnen, wenn sich Europäer daheim verbarrikadieren?
Manches spricht dafür, manches dagegen. Schäumen sie daheim im Kalifat vor Wut,
wenn sie sehen, wie sich Touristen schon morgen wieder in Barcelona des Lebens
erfreuen? Mag sein, eine hübsche Vorstellung wäre es definitiv. Vielleicht ist
es ihnen aber auch egal, weil sie schon den nächsten Anschlagsplan aushecken.
Letztendlich ist es momentan ohnehin völlig irrelevant, welche Seite
inwiefern und mit welchem Punktabstand gewinnt oder verliert. Denn da
"Gewinnen" im Auge des Betrachters liegt, ist es schlicht kein
Maßstab und keine sonderlich sinnstiftende Kategorie. Ziel sollte deshalb nicht
bloß sein, die Terroristen "nicht gewinnen" zu lassen". Das
sollte man vorerst am besten ganz vergessen. Das Ziel sollte und muss viel eher sein,
die Terroristen davon abzuhalten, das tägliche Leben im Westen objektiv zu
beeinträchtigen und Menschen umzubringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Erst danach kann man sich in diesen Breitengraden wieder über das Gewinnen
unterhalten. Aus der Siegerperspektive nämlich.
Haben tatsächlich gegen Terroristen gewonnen: Team 6 der Navy Seals
Es
gehört sicherlich nicht zu den Kernaufgaben eines amerikanischen
Präsidenten, sich jedes Mal zu Wort zu melden, wenn ein paar
Rand-Angehörige um die Ecke laufen oder mehrere Ränder gegenseitig
aufeinander losgehen. Ein bisschen anders ist es möglicherweise, wenn
Freunde der Hakenkreuz-Flagge eine Stadt regelrecht okkupieren und in
bester Fackellaune ihre antisemitischen und rassistischen "Blut und
Boden"-Fantasien kommunizieren, wie es nun in Charlottesville der Fall
war. Und definitiv anders verhält es sich, wenn dieselben Zeitgenossen
zusätzlich „Heil Trump!“ rufen, einer der ihren anschließend dem
palästinensischen Car-Intifada-Trend folgend in eine Menschenmenge rast
und dabei eine junge Frau tödlich verletzt. In diesem Fall könnte man
von einem amerikanischen Präsidenten durchaus erwarten, dass er die
verantwortlichen Extremisten klar beim Namen nennt, ohne dafür zwei Tage
Zeit und jede Menge öffentlichen Druck zu benötigen. Naheliegend wäre
auch, sich als Präsident insoweit von den Ereignissen zu distanzieren,
als er den KKK-Liebhabern klar macht, dass er schlicht nicht ihr Mann
ist und ihren Support weder möchte noch benötigt. Der amtierende
Präsident brachte allerdings weder das eine noch das andere auf die
Reihe.
Inzwischen hat es sich zwar herumgesprochen, dass Donald
Trump kein „normaler Präsident“ ist. Aber die Maßstäbe, die man an den
Führer der freien Welt anlegt, sind immer noch dieselben. Die
neonazistische Weltanschauung zu verurteilen ist ungefähr der Inbegriff
des Selbstverständlichen. Von Washington D.C. aus betrachtet verliert
man dabei nichts. Es kostet wenig. Und es gibt praktisch keinen rational
nachvollziehbaren Grund, es zu unterlassen. Viele Vertreter der GOP
haben es auch geschafft. Nur Donald Trump selbst erweist sich als
überfordert, wenn es darum geht, das Selbstverständliche zu tun.
Besonders raffinierte Anhänger des Trumpismus betonen nun zu seiner
Verteidigung, dass es sich bei Neonazis schließlich nur um eine kleine
und damit politisch unbedeutende Minderheit handelt. Das stimmt
natürlich. Allerdings ist die Einflussarmut von Rassisten kein
Naturgesetz. Vielmehr sind Neonazis auch genau deshalb eine Minderheit,
weil die Mehrheit ihnen regelmäßig und unmissverständlich vermittelt,
was sie von völkischen Ideen hält. Die Frage nach einer Welt ohne
Rassisten stellt sich nicht. Entscheidend ist nur – wie bei allen
anderen Extremisten übrigens auch -, dass sie eine möglichst gewaltfreie
Minderheit bleiben, darum wissen und demzufolge nicht übermütig werden.
Klare Worte eines Präsidenten wären dahingehend durchaus hilfreich.
Wenn der Mann im Weißen Haus aber lieber Gewalt von „allen Seiten“
anprangert und damit sämtliche Rekorde der angewandten Äquidistanz
bricht, vermittelt er den Fackelfreunden und denen, die (noch) heimlich
mit ihnen sympathisieren, vor allem eines: jede Menge Morgenluft,
getaucht in hellgrünes Licht.
Angesprochen auf einige seiner
frauenfeindlichen Kommentare erwiderte Donald Trump während des
Wahlkampfs, er hätte eben keine Zeit für „political correctness“.
Wahrscheinlicher ist allerdings, dass ihm schon die Zeit für Höflichkeit
fehlt. Ob er irgendwann vielleicht wenigstens Normen des bürgerlichen
Anstands und Fragen der Moral in seinen engen Terminplan integrieren
können wird, bleibt derweil offen.
Der „Spiegel“ hat „Finis Germania“ von seiner
Bestsellerliste gestrichen. Seitdem ist der Titel wieder in aller Munde.
Doch muss man es deshalb auch wirklich lesen? Nein. Es sei denn, man
teilt die Phantom-Schmerzen des Autors.
Dem „Spiegel“ gebührt dieser Tage besonderer Respekt: Indem
das Hamburger Magazin das mindestens umstrittene Sachbuch „Finis
Germania“ des verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle von der hauseigenen Bestsellerliste strich, hat sich das Blatt ein Eigentor geschossen, das ihm so schnell keiner nachmacht. Man wolle, so die offizielle Botschaft der Chefredaktion,
den Verkauf des als antisemitisch, rechtsradikal und
geschichtsrevisionistisch eingestuften Buchs „nicht befördern“. Dies
gelte insbesondere insofern, als der Titel durch die Empfehlung eines
„Spiegel“-Redakteurs auf der „Sachbuch des Monats“-Liste landete und
damit überhaupt erst das Licht der öffentlich wahrnehmbaren Debatte
erblickte.
Nun ist es zweifellos erfreulich, wenn der „Spiegel“, der erst
neulich ein Ende der „Sonderbehandlung Israels“ forderte und mit Jakob
Augstein eine Koryphäe auf dem Gebiet der angewandten Israelkritik im
Repertoire hat, sich offensiv gegen Antisemitismus engagiert.
Gleichzeitig liegt das Hamburger Magazin in diesem Fall mit seiner
Diagnose allerdings auch nicht völlig daneben. „Finis Germania“ besteht
zu etwa zwei Dritteln aus kulturpessimistischer Verzweiflung über die
Zumutungen der Moderne. Das verbleibende Drittel wiederum versprüht
feinsten Schuldabwehr-Antisemitismus – also Antisemitismus nicht trotz,
sondern wegen Auschwitz. Eine Spielform des Judenhasses, die in
jedem Standard-Werk zum Thema unter dem Oberbegriff „Sekundärer
Antisemitismus“ zu finden ist und sich vor allem in rituellen
Entlastungs- und Relativierungsmanövern entfaltet. Besonders prägnant
fasste es der israelische Psychoanalytiker Zvi Rix zusammen: Auschwitz
werden die Deutschen den Juden niemals verzeihen.
Die Phantom-Schmerzen des Rolf Peter Sieferle
Denn nicht nur Massendemokratie und Massenkonsum trieben Sieferle um,
sondern ebenso die vermeintliche „Kollektivschuld“ der Deutschen, die
sich wie die Erbsünde über Generationen hinweg bis in die Gegenwart
erstrecke. Eine Wahnvorstellung, die zwar nicht sonderlich sensibel, vor
allem aber nicht besonders originell ist. Die NPD hat sie schon etwas
länger unter dem Namen „Schuldkult“ im Programm. Doch auch das mittige
Deutschland wärmt die These vom angeblichen Vorwurf einer
„Kollektivschuld“ immer wieder gerne auf, etwa in der Frankfurter Paulskirche.
Das Besondere an der „Kollektivschuld“-These besteht allerdings darin,
dass niemand sie ernsthaft aufstellt – außer eben jenen, die „als
Deutsche“ schon länger an der Vergangenheit leiden. Erfunden wurde sie
nur deshalb, um sich anschließend umso empörter an ihr abzuarbeiten. Die
Mär von der Kollektivschuld erfüllt daher einen wichtigen Zweck: Indem
man sie gleich einem Pappkameraden in den Raum stellt und anschließend
bestreitet, erfahren allen Sorgen, Bedürfnisse und Nöte, von
Schlussstrichen über Relativierungen, einen legitimen Anstrich.
So ähnlich hält es auch Sieferle, für den schon Strafprozesse gegen
NS-Verbrecher im besten Rentenalter als Beleg für die imaginierte
Kollektivschuld-These gelten. Die Opfer der Shoa? „Ominöse sechs
Millionen“. Das Erinnern an sich? Eine „neue Staatsreligion“. Leugner
und Relativierer der Shoa befördert der Autor zu „untergründigen
Freigeistern“, das Gedenken an sich deutet er wiederum zu ritueller Buße
um, die niemals enden werde. So weit, so patinalastig. Von allem
Dagewesenen hebt sich Sieferle höchstens im Bereich der praktischen
Boshaftigkeit ab. Denn weil die Nationalsozialisten nicht irgendein
Volk, sondern ausgerechnet große Teile des „auserwählten Volks“ in die
Gaskammern schickten, seien ihm zufolge auch die Deutschen zu einem
„negativ auserwählten Volk“ mutiert. Während aber die Deutschen bis in
alle Ewigkeit in Sack und Asche gehen müssten und diesem Schicksal nur
durch ihre Auflösung entkommen könnten, erdreisten sich die Juden,
„ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten zu bauen, in
denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit,
sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger
Verworfenheit zugeschrieben wird.“ Eine Frechheit sondergleichen also,
aus der Sieferle messerscharf den folgenden Schluss zieht: „Die
Menschen, welche in Deutschland leben, haben sich ebenso daran gewöhnt,
mit dem Antigermanismus fertigzuwerden, wie die Juden lernen mußten, mit
dem Antisemitismus zurechtzukommen.“ Was viele geplagte Germanen schon
immer ahnten, wandelt sich an dieser Stelle allmählich zur Gewissheit:
Die Deutschen sind die neuen Juden.
Hamburger Eigentore
Doch von alledem völlig unabhängig bleibt das Gegenteil von „gut“
bekanntlich „gut gemeint“. In Sachen „Spiegel“-Bestsellerliste wiederum
erweist sich die Devise „Keine weitere Werbung!“ als Marketing-Coup des
Monats. Erneut dominiert „Finis Germania“ nicht nur das Feuilleton und
damit das Gespräch, sondern auch die vordersten Plätze des
„Amazon“-Verkaufsrankings. Im Vergleich dazu fällt die Bilanz des
„Spiegel“ deutlich magerer aus. Für den im sachsen-anhaltischen
Schnellroda ansässigen Nischenverlag „Antaios“, wo „Finis Germania“
erschienen ist, mag negative PR gute PR sein. Zum „Spiegel“ wird man
indes vermutlich nicht gerade deshalb greifen, weil er so schön
unangenehme Schlagzeilen verursacht und sich in der Disziplin „Kreative
Listenführung“ einen Namen gemacht hat.
Vertrauen ist die Währung des Journalismus. Vertrauen bekommt man
nicht geschenkt, man muss es sich erarbeiten. Wenn das Magazin
klammheimlich an seiner Bestsellerliste herumdoktert und einen Titel ins
Nirwana schickt, entspricht das eher weniger einer vertrauensbildenden
Maßnahme. Dabei ist es völlig irrelevant, ob es sich um ein
linksextremes Pamphlet, eine salafistische Hetzschrift oder eben um
antisemitisches „Schuldkult“-Gejammere handelt. Denn die Aufgabe der
„Spiegel“-Bestsellerliste besteht darin, das abzubilden, was ist – und
nicht das, was sein sollte. Für Letzteres gibt es bereits
Empfehlungslisten, das „Literarische Quartett“ und das Meinungsressort.
Wer sich als Journalist mit der Trennung von Fakt und Wunsch schwer tut,
sollte vielleicht lieber eine berufliche Neuorientierung erwägen.
Hurra, wir leisten Widerstand!
In Folge dessen, und das wiederum ist ein anderes Thema, kommt es
allerdings auch im Kreise der überzeugten und künftigen Sieferle-Leser
zu interessanten Formationen. Zwar wurde „Finis Germania“ bereits
landauf landab ausführlich besprochen, die wesentlichen Gedanken im
Originalton zitiert. Nun allerdings wird die Bestseller-Causa hie und da
als Gütesiegel, mindestens aber als Leseempfehlung für das Buch
empfunden. „Man wird ja wohl noch selbst denken dürfen“ ist das Gebot
der Stunde, „Eigentlich interessiert’s mich ja nicht, aber nachdem der
‚Spiegel‘ es gestrichen hat, musste ich es bestellen“, ist die
Hintergrund-Musik, die in sozialen Medien und im Bereich der Amazon-Kundenrezensionen
für ein prickelndes Ambiente sorgt. Was der „Spiegel“ „zensiert“, müsse
folglich exzellente Ware, mindestens aber einer Bestellung würdig sein.
Das mag zunächst auch ein wenig einleuchten. Seit jeher verfügt das
„Verbotene“ über einen ganz besonderen Reiz. Schon Kinder tun am
liebsten das, wovon die Eltern ihnen abraten. Folgt man dieser Logik,
müsste man allerdings auch umgehend zu den gesammelten Erinnerungen des
Abu Bakr Al-Baghdadi oder den Bekenntnissen eines vermummten
G20-Randalierers greifen, sobald derlei Werke das Schicksal von „Finis
Germania“ ereilen würde. Ein Vorgehen, das der empörten Leserschaft im
„Je Suis Sieferle“-Modus eher weniger zuzutrauen ist. Zwar hat der
„Spiegel“ erfolgreich dafür gesorgt, dass der Titel nun erneut im
Gespräch ist. Aber allein deshalb muss man es ja nicht zwingend besorgen
oder seinen Autor mit Salman Rushdie verwechseln. Reine Neugier ist
freilich kein Vergehen, Interesse an den Abläufen antisemitischen
Denkens ebenfalls nicht. Doch wer seine Bestellung in Schnellroda
mitunter zum „Akt der Widerstands“ befördert, hätte wohl kein
Löschmanöver durch den „Spiegel“ benötigt. Er hätte so oder so
zugegriffen. Das Hamburger Bestsellergate bildet vielmehr die
Cocktail-Kirsche auf der Sahnehaube, die dem an sich eher schnöden
Bestellvorgang konterrevolutionären Glamour verleiht. Man liest nicht
nur, man „wehrt“ sich – zumindest gefühlt, aber das ist ja auch etwas
Schönes.
Wem verdankt „Finis Germania“ seinen Erfolg? It’s the reader, stupid!
Ohnehin waren es schon die ersten Kritiken, die den Absatz des Buches
erheblich beförderten. Gekauft wird also nicht bloß, was der „Spiegel“
nicht auf seiner Bestsellerliste sehen will. Allein das Label
„Antisemitismus“, gepaart mit „völkisch“ und
„geschichtsrevisionistisch“, scheint bereits ein überzeugendes
Kaufargument gewesen zu sein. Ein Phänomen, das auch die „New York
Times“, die sich bereits Anfang des Monats mit „Finis Germania“
befasste, zu erklären versuchte:
„When the German literary establishment unanimously
denounced Mr. Sieferle’s work as an extremist tract, readers did not nod
in agreement. They pulled out their wallets and said, “That must be the
book for me.” This is a sign that distrust of authority in Germany has
reached worrisome levels, possibly American ones.“
Gut möglich, dass der Verkaufserfolg von „Finis Germania“ rein gar
nichts mit denen zu tun hat, die es kaufen, und dafür umso mehr mit den
Medien, die es kritisieren. Dieser Logik folgend hätten die
Literatur-Kritiker einfach mehr Rücksicht auf die zarten Seelen ihrer
ohnehin schon ausreichend geplagten Leser nehmen müssen. Um das
„Misstrauen“ nicht weiter anzufachen, sollten antisemitische Gedanken in
Zukunft einfach nicht mehr als solche bezeichnet werden. Dann klappt’s
auch wieder mit dem Leser.
Wahrscheinlicher ist allerdings, dass „Finis Germania“ in großen
Teilen nicht trotz, sondern gerade wegen des Attributs „antisemitisch“
gekauft wurde. Nicht trotz, sondern wegen so stimulierender
Formulierungen wie „Mythos Auschwitz“. Womöglich verhält es sich mit der
Nachfrage nach Sieferles Werk gar so, wie mit den allermeisten
Buchbestellungen auch: Man kauft es, weil man sich davon Antworten auf
Fragen erhofft, die einen schon länger nicht loslassen, oder aber weil
man die zu Grunde liegenden Annahmen selbst teilt. Weil man also
durchaus Geschmack an Sieferles akademisch ummanteltem Schuldabwehrspiel
gefunden hat und seine Schmerzen tendenziell teilt. Dementsprechend
wäre auch die Ehrenrettung Sieferles, an der seine Leser nun arbeiten,
weniger ein „Aufbegehren“ gegen eine mediale Bevormundung, sondern eher
ein Akt der Selbstverteidigung. Antisemiten sind schließlich immer die
anderen.
Vergangenheitsbewältigung nach deutscher Opferlammart
In diesem Fall wäre allerdings nicht nur die „Medienversagen“-Theorie
der „New York Times“ dahin. Auch das heroische Movens, das die Lektüre
umgibt, die trotzig anmutende Ausrede, wonach das Vorgehen des „Spiegel“
geradezu dazu zwingen würde, die schmale Schuldkult-Bibel zu kaufen,
entfiele vollständig. Und das wäre ja auch irgendwie schade. Oder
ernüchternd, je nach dem.
Allerdings ist die Karawane ohnehin längst in andere Sphären
weitergezogen. Aktuell betrauert sie auf „Amazon“ die „moderne
Bücherverbrennung“, derer der „Spiegel“ sich
schuldig gemacht habe. Ein klarer Fall von „Antigermanismus“, wie er in
„Finis Germania“ steht. Handelte es sich beim „Schuldkult“-Theoretiker
Sieferle gar um einen „neuen Juden“? Kategorisch ausschließen wird seine
Fangemeinde das sicher nicht.
Aber vielleicht ist all das auch nur eine Form der
Vergangenheitsbewältigung – eine, an der nun insbesondere vom
„Schuldkult“ geplagte Jammerdeutsche Gefallen finden dürften.
Erinnerung an die
Opfer der Shoa? Eine perfide Strategie zur Zerstörung Deutschlands, so
das Urteil der "Schuldkult"-Theoretiker
Wenn gewaltaffine Linksextremisten rund um den G20-Gipfel in
Hamburg ganze Stadtviertel lahmlegen, hat freilich jeder eine Meinung
parat. Besonders interessant sind dabei die vielen Wortmeldungen, wonach
es überaus bedauerlich sei, dass die gewalttätigen Ausschreitungen nun
all die friedlichen und kreativen Proteste aus dem Fokus der
Aufmerksamkeit verdrängen würden. Hört man sich aber bei den
nicht-gewaltbereiten G20-Phobikern um – alternativ bieten sich ebenso Katja Kipping oder Jakob Augstein an – dann überwiegt vor allem eines: Empörung über das Verhalten der Polizei, nicht etwa über die mannigfaltigen Verwüstungen
durch das Treiben vermummter Straftäter. Nun fehlt mir tatsächlich
jegliche praktische Protesterfahrung. Auch die Studie des Berliner
„Instituts für Protest- und Bewegungsforschung“, die zum Thema produziert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.
In einem Punkt bin ich mir
nichtsdestotrotz relativ sicher: Wäre es meine Demo, die vom „Schwarzen
Block“ zur Deckung genutzt und dementsprechend torpediert würde, und
wäre es mein Anliegen, in dessen Namen radikale Straftäter Autos
anzünden und Pflastersteine auf Polizisten werfen, dann wäre ich extrem
erbost. So extrem erbost, dass ich mich nicht nur verbal stante pede
davon distanzieren, sondern auch nebenan in der Praxis alle Hebel in
Bewegung setzen würde, um diesen Irrsinn auf größtmöglichen Abstand zu
halten.
Aber bei den gut gelaunten G20-Demonstranten herrscht offenbar ein
etwas entspannteres Verhältnis zur Gewalt. Allem Anschein nach überwiegt
dann eben der „gemeinsame Feind“; selbst wenn der weder über einen
Tiefgaragenstellplatz noch über eine Vollkasko-Versicherung verfügt und
stattdessen nur einen Kleinwagen besitzt – beziehungsweise besaß. Dabei
ist die Gleichung denkbar simpel: je weniger „Schwarzer Block“, desto
weniger Gewalt und desto niedriger der Polizeibedarf. Je weniger
Vermummte, desto mehr Aufmerksamkeit für all die schicken „Capitalism
kills“-Transparente und kreativen method-acting-Einlagen zugunsten des
Klimas. Die friedlichen Widerständler haben es ein Stück weit selbst in
der Hand, was aus ihren Plänen für eine bessere Welt werden soll:
Entweder werfen sie sich weiterhin für pyromanisch
veranlagte Randalierer in die Bresche und bejammern dabei ausgiebig ihr
Schicksal, oder aber sie distanzieren sich konsequent von jeglicher
Gewalt.
Spätestens an dieser Stelle ließe sich dann auch tatsächlich über all
den Unfug diskutieren, den die pazifistischen gesinnten G20-Kritiker
liebevoll auf ihre Plakate gemalt haben. Warum der Kapitalismus nicht
tötet, sondern die durchschnittliche Lebenserwartung signifikant erhöht,
beispielsweise. Oder über die Frage, weshalb man in den Breitengraden,
in denen der angewandte Anti-Kapitalismus herrscht, nur selten „kreative
Proteste“ zu sehen bekommt.
Allerdings wird es dieses Wochenende ohnehin nicht so weit kommen.
Was prinzipiell okay ist – aber den Jammerlappen hinsichtlich der
mangelnden Aufmerksamkeit sollte man im Kampf gegen das System dann
wenigstens etwas sparsamer einsetzen.
"Occupy Wall Street" Demonstranten in San Francisco:
weniger gewaltaffin, genauso viel Unsinn auf den Plakaten (by J. N. Pyka)
Immer mehr
Konservative haben immer weniger mit den Ideen zu tun, für die sie einstmals
standen. Stattdessen klingen sie nicht nur wie Rudi Dutschke – sie übernehmen
auch zunehmend Marotten des weltanschaulichen Gegners von links. Sie haben
keine Ahnung, wofür sie sind, wissen stattdessen aber ziemlich gut, wogegen. Im
Zuge dessen verbrüdern sie sich mit jedem, solange er nicht Merkel heißt, dafür
aber gut „Merkel muss weg!“ rufen kann. Zurück bleibt nicht nur eine intellektuelle
Leerstelle, in der sich die Ränder entfalten, sondern auch die Frage, ob der
Konservatismus bloß einen Stresstest durchlebt oder durch einen Populismus
sozial-nationalistischer Couleur ersetzt wird. Lesezeit: länger als üblich
In gewisser Hinsicht ist Donald Trump ein Genie. Mit Blick
auf seinen neuen Job muss er zwar noch ein wenig üben. Das Krankenversicherungssystem
überfordert
ihn ebenso wie die Gewaltenteilung. Ohnehin scheint Politik im Allgemeinen
nicht unbedingt sein Spezialgebiet zu sein. Und doch hat er es geschafft, in
ihm völlig unbekannten Gefilden nichts Geringeres als eine kleine Revolution
loszutreten. Denn seit seinem Debut auf der politischen Bühne ist von der
„Grand Old Party“ der Reagans und Bushs – immerhin die einzige konservative
Partei, die es in den USA gibt - erstaunlich wenig
übrig geblieben. Der amerikanische Konservatismus sieht so aus, als wäre er
einem Hurrican zum Opfer gefallen. Ob der amtierende Präsident wirklich an
bestimmte politische Ideen oder bloß an sich selbst glaubt, ist dabei nach wie
vor ungeklärt. „America first“ bleibt allerdings unabhängig davon das Gegenteil
dessen, was die GOP einst ausmachte: Protektionismus statt Freihandel,
Ablehnung der Einwanderungsgesellschaft statt klarem Bekenntnis zu ihren
Vorzügen, „big spending“ statt „small government“.
Sein eigenes Land hält Donald Trump im Gegensatz zu all
seinen Vorgängern nicht für großartig, sondern für ein düsteres Höllenloch, das
zu lange von fremden Mächten, „Globalisten“, Mexikanern, Chinesen und lästigen
Europäern übervorteilt und zerstört wurde. Nur er allein könne es wieder
richten, für klassisch republikanische Vokabeln wie „liberty“ und das
Individuum an sich bleibt daher wenig Zeit. Lieber sind ihm Autokraten, in
deren Angelegenheiten er sich freilich nicht
einmischen will. Staatsführer wie Vladimir Putin etwa, in dem Trump einen
„great leader“ erkannt hat und dem er stets zuverlässig zur Seite springt, wenn
dessen Ehre von hinterlistigen amerikanischen Geheimdiensten beschmutzt wird.
Auf die russischen Geheimdienste und Wikileaks ist ohnehin mehr Verlass. Wäre
der anfangs oftmals aufgestellte Ronald-Reagan-Vergleich eine Aktie, wäre sie
spätestens an dieser Stelle im Keller gelandet. Donald Trump hat nicht nur
gegen die Demokraten und Hillary Clinton, sondern auch gegen das Establishment
der GOP mitsamt deren intellektuellen Erbes gewonnen. Seither steht der
Trumpismus unter seinen Wählern hoch im Kurs. Unklar ist, ob er den
Konservatismus nur kurzfristig abgelöst hat oder langfristig ersetzen wird.
Dabei ist der Trumpismus als Idee keineswegs eine
amerikanische Erfindung. Seine Wurzeln hat er in Europa, wo das antiliberale
Ressentiment seit je her dankbare Abnehmer findet. Das Erfolgsrezept des
Kostüm-Republikaners Trump besteht aus einer ordentlichen Portion Front
National, einem Hauch Viktor Orban und je einer Prise Wilders, Strache und
Farage. Und doch bewegen sich amerikanische Trends stets zuverlässig in eine
Richtung: Über kurz oder lang schwappen sie immer über den Atlantik.
Dementsprechend macht der Trend zum ausgeprägten Facelifting auch vor dem
Terrain des europäischen Konservatismus nicht halt. Teams sortieren sich um,
neue Allianzen werden geschmiedet, alte wiederum entsorgt. Auch und vor allem
in Deutschland, wo die Konservativen des Konservatismus‘ ein wenig überdrüssig
erscheinen. Einstmals fest in der Christdemokratie verwurzelte
Unions-Mitglieder verschreiben sich pegidaesk der Rettung des Abendlands,
Sympathisanten George W. Bushs werfen sich für dessen Gegenentwurf
Donald Trump in die Bresche. Während vehemente Kritiker der Israel-Kritik ihr
Repertoire um Kritik der Höcke-Kritik erweitern und verstaubte „Schuldkult“-Thesen
aufpolieren, erkennen bürgerlich Liberale in den Dresdner Wutbürgern tapfere
Widerstandskämpfer, mit denen sich durchaus eine Partnerschaft „in crime“
einrichten ließe.
Konservatismus trifft
auf Vulgär-Konservatismus
Nun hat der Konservatismus in Deutschland freilich einen
eher schweren Stand. Die Christdemokraten im Geiste Adenauers sind
weitestgehend unter der Erde, Angela Merkel punktet derweil zunehmend in grünen
Gegenden. Übrig bleibt die AfD, die im europäischen Vergleich wie eine
Spätgeburt erscheint. Emsig bemüht sie sich um das Label „konservativ“,
erreicht dabei aber höchstens den Pegel des Vulgär-Konservatismus. Zwar sind viele
Menschen der Ansicht, Angela Merkel sei die beste Wahlkämpferin der AfD. Immerhin
hätte sie doch rechts der Mitte ein Vakuum hinterlassen, in dem sich nun
Alexander Gauland und die Seinen breitmachen und heimatlosen Christdemokraten
ein kuscheliges Zuhause bieten. Diese Theorie geht allerdings nur dann auf, wenn
man große Teile des Adenauer’schen Erbes zu austauchbarem Beiwerk degradiert.
Die zärtliche Zuneigung gegenüber Russland, das Liebäugeln mit
markt-feindlichen Instrumenten und eine „erinnerungspolitische Wende um 180
Grad“ zählten jedenfalls nie zu den Haupt-Zutaten der klassischen Christdemokratie.
Ginge es der AfD um eine Neuauflage der 90er-Jahre CDU, müsste sie sich bloß geregelte
Zuwanderung, sichere Grenzen, weniger Alternativlosigkeit in der europäischen
Währungspolitik und das klassische Familienmodell auf die Fahnen schreiben.
Stattdessen bietet sie aber ein Ticket ins Abendland mit
voller staatlicher Verpflegung und putinistischen Annehmlichkeiten inklusive.
Kritik an der Flüchtlingspolitik und der Fokus auf innere Sicherheit sind Konsens-taugliche
Verpackungen für ein Gesamtpaket, in dem sich eine Gegenrevolution zu
wesentlich Errungenschaften der Moderne verbirgt. Die AfD ist kein politischer
Dienstleister, der sich auf den schnöden Vertrieb bestimmter politischer
Maßnahmen beschränkt. Sie ist auch keine Zweck-Partei, die explizit darauf
hinarbeitet, irgendwann überflüssig zu sein. Sie übt sich vielmehr in der Rolle
des Revolutionsführers, der ein ganz neues Land verspricht und dessen Währung
in Gefühlen, Sehnsüchten und urdeutschen Reflexen besteht. Ihr Anliegen ist
nicht der Kurswechsel, sondern der Systemwechsel.
Auf zur Revolution!
Das Problem der AfD besteht indes darin, dass ihr das „Volk“
fehlt, welches für dementsprechende Wahlergebnisse sorgen könnte. Bei
Umfragewerten von rund 8% ist eine Revolution derzeit eher nicht zu erwarten.
Dennoch kann sie sich auf etliche Bewohner des einstmals konservativ-bürgerlichen
Lagers verlassen – denn dort greift nun ebenfalls das Revolutionsfieber um sich.
Ähnlich wie unter den Republikanern hat sich auch im Terrain zwischen CDU/CSU,
FDP und AfD ein Klimawandel vollzogen, der bürgerliche Ideale und Prinzipien
auf wundersame Weise abschmelzen lässt. Klassische Kernthemen wie das Eintreten
für einer eher schlanken Staat und die soziale Marktwirtschaft nach Ludwig
Erhardt vermodern mittlerweile in den Akten. Berechtigte Kritik am Islam sowie
an der Flüchtlingspolitik wiederum wurde soweit entstellt, dass sie nur noch
wenig bis gar nichts mit dem ursprünglichen Kern zu tun hat. Die Fähigkeit,
zwischen Problem und Krise, zwischen großer Herausforderung und Weltuntergang
zu differenzieren, scheint irgendwo auf dem Weg vom Konservatismus zum
Vulgärkonservatismus verloren gegangen zu sein.
Ersetzt wurde sie durch eine prickelnde Leidenschaft für
Apokalypsen aller Art. Auch exotische Vergleiche stehen im Abendland hoch im
Kurs: Deutschland 2017 fühlt sich wahlweise wie 1933 oder wie die DDR an,
während man sich selbst die Tracht des „neuen Juden“ überwirft. Ausgehend von
legitimer Kritik an linken Zeitgeisterscheinungen und großkoalitionären
Fehlentscheidungen haben viele bürgerliche Stimmen irgendwann eine Ausfahrt
genommen, die geradewegs in eine Sackgasse führt, in der eine Islamisierung bis
morgen früh um zehn als einzig valide Zukunftsprognose gilt und Angela Merkel
an allem schuld ist. Die Trennlinie zu Linken und Mittigen verläuft nicht mehr
entlang unterschiedlicher Meinungen, sondern entlang grundverschiedener
Wahrnehmungen der Realität. Einer Realität, die von einem Endzeitkampf gegen
den Islam beherrscht wird und den Blick auf andere Bedrohungen – etwa die im
Osten – vollends versperrt.
Mit Angela Merkel in
der Echo-Kammer
Natürlich ist die Bundeskanzlerin keine Heilige, Kritik an
ihr kein Frevel. Es gibt viele gute Gründe, ihre Politik kritisch zu betrachten
- auch und vor allem aus klassisch konservativer Warte, von wo aus es etwas
befremden muss, wenn die Chefin der Christdemokraten insbesondere links der
Mitte populäre Ideen stibitzt. In den Sphären jedoch, in denen sich der „neue
Konservatismus“ heimisch fühlt, ist Merkel-Kritik längst zu einer Kunstform
mutiert, die ganz eigenen Gesetzen folgt. Die Kanzlerin, die von Linken und
Mittigen schon zum „leader of the free world“ befördert wird, dient auf der
anderen Seite als Projektionsfläche für alles, was auch Bürgerlichen
mittlerweile Unwohl bereitet. Dazu zählt vor allem der als „dekadent“ und
„wohlstandsverwahrlost“ empfundene Westen, dessen Stärken als Schwächen und
dessen Schwächen als hinreichendes Argument für einen Systemwechsel gewertet
werden. Gäbe es Angela Merkel nicht, die neuen Konservativen müssten sie glatt
erfinden.
Nur so ist zu verstehen, warum die Bundeskanzlerin selbst an
von gebürtigen Briten begangenen Terroranschlägen schuld ist. Lässt sie Asylbewerber
unkontrolliert einreisen, steht die Welt kurz vor dem Untergang. Will sie
Asylbewerber hingegen abschieben, überführt man sie des Opportunismus. Oder
aber man stimmt einfach weiterhin einen Ton an, der so klingt, als würden nach
wie vor zehntausend Menschen pro Tag die Grenze passieren. Denn der moderne
Abendlandverteidiger zählt sich nicht nur zu einer besonders früh aufgewachten
Minderheit unter schlafenden Deutschen. Er weiß auch bei jeder sich neu
auftuenden Frage schon im Voraus, wo die Bösen und wo die Guten stehen. Eine
ergebnisoffene Herangehensweise auf Basis dessen, was ist, liegt ihm oftmals
genauso fern wie die Erkenntnis, dass der aufgeklärte Deutungsmarkt nicht nur
„entweder oder“, sondern ebenso „sowohl als auch“ im Angebot hat.
My safe space is my castle
Und so gleichen die neuen konservativen Abendlandverteidiger
immer öfter dem Zerrbild, das hysterische Linke einst mit viel Phantasie von
ihnen zeichneten. Im Gegenzug borgen sie sich aber auch zunehmend Methoden und
Marotten von ihrem weltanschaulichen Gegner, namentlich den Linken – Methoden
und Marotten, die sie selbst ehemals leidenschaftlich aufspießten. DieRhetorik
eines Rudi Dutschkes etwa haben sie praktischerweise gleich in Gänze übernommen.
Die „Umvolkung“ wiederum ist zum neuen Waldsterben geworden, unter
Weltuntergang läuft nichts mehr. Wo Linke sich als Opfer des Kapitalismus, des
Imperialismus oder schlicht der „Gesellschaft“ sehen, schickt man sich auch
rechts der Mitte um den Opferstatus an. Der Glaube an das Individuum, das sein
Schicksal selbst in die Hand nimmt, hat ausgedient. Der moderne
Kostüm-Konservative flüchtet derweil lieber in seinen „safe space“, von wo aus
er ausgiebig sein Dasein in einer „DDR 2.0“ bejammert. Der Glaube an eine
„Meinungsdiktatur“ mitsamt Bevormundung durch eine links-grüne Elite ist kein
Stilmittel, sondern eine als real empfundene Option, die ihm den Schlaf raubt.
Man gruselt sich vor Frühsexualisierung an Schulen, hat aber
nichts gegen den Vorschlag der AfD, „Familienkunde“
mit Fokus auf die Ehe in den Schulunterricht zu integrieren. Man empört
sich über ein Fehlen objektiver Berichterstattung, fiebert aber dem (nun mehr
verschobenen) Erscheinen von „Breitbart Deutschland“ - freilich ein Hort der
journalistischen Objektivität - entgegen. Man legt sich für ein Ende der
„politischen Korrektheit“ ins Zeug, wischt sich aber mit dem Jammerlappen die
Tränchen ab, sobald Gegenwind aufkommt. Die neuen Konservativen stören sich
eher weniger an Eliten oder einer „kulturellen Hegemonie“ an sich. Sie fürchten
nicht Bevormundung per se, sondern lediglich Bevormundung durch die Falschen. Insgeheim
träumen sie eigentlich nur selbst davon, Elite zu sein, Deutungshoheit zu
beanspruchen, den Nanny-Staat zu okkupieren und anderen zu erklären, wie sie zu
leben haben. Das ist selbstverständlich in Ordnung. Es hat nur wenig mit dem
ur-liberalen, emanzipatorischen Reflex zu tun, den sich neue Konservative gerne
ans Revers heften.
Mehr Erdogan wagen!
Überhaupt mutiert das liberale Antlitz mehr und mehr zur
Staffage, hinter der sich die einstmals vergleichsweise notorische Intoleranz
gegenüber allzu viel Autorität verflüchtigt. Ein Despot wie Erdogan wird sich
zwar gemeinhin nicht auf sonderliche Sympathie von Seiten deutscher
Neu-Konservativer verlassen können. Aber wenn er dann mal „den Richtigen“
einsperrt, kann sich das auch ganz schnell wieder ändern. Islam hin,
Meinungsfreiheit her, ein „antideutscher Verräter“ wie der Journalist Deniz
Yücel hat es schließlich nicht anders verdient – so der gar nicht so
klammheimlicheFreudentenor,
der sich anlässlich Yücels Verhaftung im abendländischen Gefilde entfaltete.
Ähnlich verhält es sich mit Viktor Orban, über dessen „illiberale
Demokratie“ sich schon mal hinwegsehen lässt, solange er tapfer als Posterboy
der geschlossenen Grenzen und Antipode zu Angela Merkel die Stellung hält. Und
auch Vladimir Putins Russland muss sich nicht vor Kritik derjenigen fürchten,
die sich noch bis vor kurzem für den Universalismus der Menschenrechte
aussprachen. Der Mann, der seine Nachbarn überfällt, in Syrien die
Fluchtursache namens Assad unterstützt, Homosexuelle im eigenen Land drakonisch
sanktioniert und allzu lästige Journalisten gelegentlich mit einer Kugel im
Kopf belohnen lässt, kann sich unter Neo-Bürgerlichen auf latente bis offene
Sympathie, mindestens aber auf einen großzügigen Weichzeichner mitsamt
selektiver Wahrnehmung verlassen. Immerhin verteidigt er ja das Abendland vor
der um sich greifenden Dekadenz westlicher Couleur. Sollten Putins Destabilisierungsversuche
vollends fruchten, dürfte den konvertierten Konservativen zumindest der „Nützliche
Idiot“ in Gold sicher sein.
Offenbar sind Diktatur und Autokratie eben nicht per se
schlecht – zumindest nicht, solange lediglich „die Richtigen“ darunter leiden
oder es wenigstens so aussieht. Linke Freunde der diktatorischen
Internationalen sollten allmählich erwägen, sich warm anzuziehen: Ihre
Monopolstellung im Bereich der angewandten Erbärmlichkeit scheint keineswegs
mehr gesichert.
Von Trumpern,
Anti-Trumpern und Anti-Anti-Trumpern
In den USA hat sich die politische Landschaft derweil rund
um den Präsidenten völlig neu arrangiert. Neben den Vollblut-Trumpern, den
Anti-Trumpern (beleidigte Demokraten) und den Never-Trumpern (deprimierte
Republikaner) formiert sich inzwischen auch die „Anti-Anti-Trump-Front“. Ihr
gehören wiederum republikanisch gesinnte Zeitgenossen an, die Donald Trump zwar
nicht immer inhaltlich verteidigen können oder wollen, seine Kritiker aber noch
wesentlich entsetzlicher als seine Taten finden. Das Spezialgebiet der
Anti-Anti-Trumper besteht in der Kritik der Trump-Kritik. Sie kommen immer dann
zum Einsatz, wenn der Präsident ins Sperrfeuer der Demokraten, der Medien, des
Geheimdienst-Ausschusses oder den Trägerinnen rosa-farbiger
Häkelmützen-Trägerinnen gerät. Anti-Anti-Trumper zu sein ist folglich ein
Fulltime-Job, der einige anspruchsvolle Pirouetten erfordert.
Zugegebenermaßen liegen Vertreter dieser Zunft mit ihrer
Kritik nicht völlig daneben, wenn sich etwa in Washington D.C. antizionistische
Feministinnen mit anderen Verächtern des Westens zusammentun, um gegen den
Präsidenten mobil zu machen. Und doch stellt sich nach über hundert Tagen im
Amt die Frage, ob pinke Häkelmützen, beleidigte Demokraten und gelegentlich zur
Parteilichkeit neigende Journalisten ein größeres Problem sind als ein
Präsident, der Geheimdienst-Informationen an den russischen Außenminister
weitergibt und ein eher eigentümliches Verhältnis zur Gewaltenteilung pflegt.
Anti-Anti-Trumper sind immer dann in Top-Form, wenn sie sich
auf der Metaebene bewegen. Zurück in der Realität fehlen ihnen hingegen die Worte,
die sie mit geschickten Ablenkmanövern ersetzen. „But her emails!“, „What about
Obama?“, der Verweis auf scheinheilige Linke und „Fake News“ wären nur einige
Formationen, die Anti-Anti-Trumper mittlerweile perfekt beherrschen. Nicht
wenige von ihnen haben offenbar noch nicht mitbekommen, dass ihr Messias nicht
mehr der „underdog“ ist und ihre Partei sich aktuell nicht in der Opposition,
sondern in der Verantwortung befindet.
Kritiker der
AfD-Kritik, Meister der Meta-Akrobatik
Ähnlich verläuft die Frontlinie auch in Deutschland, wo sich
Donald Trump, vor allem aber die AfD und Pegida auf Profis in Sachen
Meta-Akrobatik verlassen kann. Komme, was wolle, und sei es auch ein zweiter
Björn Höcke, ein dritter Wolfgang Gedeon oder gar ein Händler von
Nazi-Devotionalien im Bundesvorstand – „die anderen“ in Gestalt von Angela
Merkel, Heiko Maas, dem „links-grünen Mainstream“, arroganten Eliten mitsamt
ihrer „Lügenpresse“ sind schlimmer. Immer. Vertreter der Kritik der AfD-Kritik
machen sich im Gegensatz zu Anhängern der „Alternative“ nicht zwingend deren
Programm zu Eigen. Sie sind lediglich der Ansicht, dass nichts entsetzlicher
oder wenigstens ebenso entsetzlich wie diejenigen sein könnte, die sie zu ihrem
Feindbild erkoren haben. Die Vorstellung, sowohl einem Alexander Gauland als
auch einem Heiko Maas, ebenso einer Claudia Roth wie auch einem Donald Trump
mit Skepsis zu begegnen, gilt als abwegig, wenn nicht gar als Verharmlosung des
Status Quo. Ähnlich wie Linke, die auf Kriminalität unter Asylbewerbern mit
Verweis auf brennende Flüchtlingsheime reagieren, sind auch die neuen
Konservativen nicht imstande, Kritik der AfD stehen zu lassen, ohne sie mit
einem großen „aber“ zu relativieren. Die politische Auseinandersetzung verwechseln
sie mit einem DFB-Pokalspiel, in dem nur eines von zwei Teams gewinnen kann.
Dementsprechend läuft der Kostüm-Konservative auch nicht
zwingend selbst bei Pegida mit. Vehement verteidigt er aber diejenigen, die es
tun. Schließlich würden diese ja nur auf „widrige Umstände“ – Islamisierung, Flüchtlinge,
Merkel, Maas - reagieren. Eine interessante These, die man schon aus dem linken
Lager kennt, wo etwa ein Islamist selten wie ein eigenverantwortlicher Mensch,
sondern wie ein Mündel erscheint, das sich ja lediglich gegen die Zumutungen
„der Gesellschaft“ wehrt. Wo die Linke den Arbeiter gegen den Migranten ausgetauscht
hat, den es paternalistisch zu instrumentalisieren gilt, entdeckt nun der
Konservatismus im „kleinen Mann“ ein Subjekt, das sich vorzüglich in die eigene
Privat-Revolution einfügen lässt.
Groß im „dagegen“,
klein im „wofür?“
Im Laufe der Zeit haben zahlreiche Neu-Konservative ihre
Prioritätenskala einem kompletten Relaunch unterzogen. Das Bekenntnis zum
Westen, zur liberalen Weltordnung, zum Individualismus, zur transatlantischen
Partnerschaft und zum Parlamentarismus ist auf die hinteren Plätze gerückt,
während die Opposition zu allem, was als links gilt, ganz weit oben rangiert. Entscheidend
ist mittlerweile nicht mehr die Frage nach dem „Wofür?“, sondern nach dem
„Wogegen?“ - eine Strategie, die schon die Protagonisten der „Konservative
Revolution“ in der Weimarer Republik anwandten und damit das Klima schufen, in
dem sich die Nationalsozialisten entfalten konnten. Im Zweifel verbrüdert man
sich heute mit jedem; Hauptsache, er heißt mit Nachnamen nicht Merkel und kann
stattdessen gut „Merkel muss weg“ rufen. Legitim ist dabei alles, was „die
Richtigen“ ärgert. Eine praktische Devise, die theoretisch auch eine Allianz
mit Holocaust-Leugnern und National-Bolschewisten ermöglicht.
Überhaupt hat der neue Konservatismus ein wenig vergessen,
wofür er einstmals stand. Seiner Kritik das Eigene gegenüberzustellen, ist ihm
zu lästig geworden. Kritik am Islam etwa bedeutet für ihn nicht mehr zwingend
Kritik an einer Ideologie, die das Individuum verachtet und mitunter gewaltsam
zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheidet. Stattdessen mutiert sie zu
einem Rundum-Wohlfühlpaket, in dem sich breit angelegte Kritik an der Moderne
verbirgt. Liberale Gesellschaften gelten dem Abendland-Verteidiger per se als
zu schwach. Deren Ringen um Balance zwischen Freiheit und Sicherheit interpretiert
er als dekadentes Hobby einer abgehobenen Elite. Dem politischen Islam werden
nicht mehr die Errungenschaften des Westens, der Individualismus und die
Freiheit an sich entgegengestellt, von denen bekannt ist, dass sie am Ende noch
immer gesiegt haben. An die Überlegenheit des Bikinis gegenüber der Burka glaubt
der neue Konservatismus gar nicht erst. Seine Prinzipien hat er indes liebevoll
durch Fatalismus und Kulturpessimismus ersetzt. Wichtiger als kleine Schritte
hin zum Positiven sind ihm sein Feindbild und ausgiebiges Recht-haben um jeden
Preis.
„Gegen links“ ist das
neue „konservativ“
Dem weltanschaulichen Gegner setzt der jammerdeutsche
Konservative nun bevorzugt eine üppige Portion Nihilismus entgegen. Man ist
nicht mehr gegen links, weil links als teilweise wenig progressiv, stattdessen
aber als latent autoritär und anti-aufklärerisch entlarvt wurde. Man ist nicht
mehr gegen links, weil Linke den eigenen Idealen diametral gegenüber stehen –
zumal deren Steckenpferde ja ohnehin schon in den eigenen Stall integriert
wurden. Im Grunde ist man nur noch deshalb gegen Linke, weil sie eben links
sind. Und damit erstmal automatisch für alles, was Linke an den Rand des
Nervenzusammenbruchs treibt. „Gegen links“ ist das neue „konservativ“. Der
Kampf gegen links dient keinesfalls einem höheren Zweck, sondern mutiert
allmählich zum Zweck an sich. Zu einem imaginären Endzeitkampf, der nicht der
Verteidigung eigener Werte, sondern bloß der Abwehr gilt.
Die Protagonisten des Vulgär-Konservatismus beeindrucken im
Zuge dessen vor allem durch moralische Flexibilität. Fraglich bleibt daher
auch, inwiefern ihr einstiges Bekenntnis zu bestimmten Idealen überhaupt jemals
ernst zu nehmen war, oder aber lediglich ein nice-to-have darstellte, das zur
gegebenen Zeit als brauchbar, generell jedoch als austauschbar galt.
Nun scheint es ein grundlegender Betriebsfehler des Menschen
zu sein, dass er sich stets leichter gegen als für etwas mobilisieren lässt.
Die Irrungen und Wirrungen zwischen Mitte und rechten Grenzgebieten zeugen
allerdings nicht bloß von einer ideellen Kernschmelze. Sie bieten darüber
hinaus auch den Ideologen, die an den Rändern aktiv sind, den notwendigen
Sprit. Denn diejenigen, die hinsichtlich des „Wofürs“ klare Vorstellungen
haben, wissen ziemlich gut, wie sie sich das Unmutspotential der nicht mehr
ganz so konservativen Grenzgänger zunutze machen. Was zwischen den Grenzen als
pessimistische Hoffnungslosigkeit daher kommt, haben die Steven Bannons und
identitär Bewegten schon etwas länger zu Ende gedacht. Wo der neue
Konservatismus gegen die Dekadenz des Westens polemisiert und den Kampf gegen
den politischen Islam schon als verloren gegangen bewertet, öffnen sich die
Türen hin zum Widerstandsgedanken und zum Systemwechsel, auf den die Ränder
hinarbeiten. Der jammerdeutsche Abendlandverteidiger avanciert zum nützlichen
Idioten der Radikalen, die bislang bloß davon träumten, ihre Ideen im
bürgerlichen Spektrum verankern zu können.
Was vom
Konservatismus übrig bleibt
Zurück bleibt die Frage nach dem Konservatismus an sich und
seinen ideellen Überresten; ob er nur einen Stresstest absolviert oder nicht
doch in einem Populismus sozial-nationalistischer Prägung aufgehen wird, der
wenig mit den ursprünglichen Werten des konservativ-bürgerlichen Lagers zu tun
hat. Auch in diesem Bereich sind die Amerikaner dem Kontinent einen Schritt
voraus. Dort laufen sich die dahingehend durchaus erfahrenen Republikaner schon
für die nahenden Mid-Term-Elections warm. Überaus viel versprechen sie sich
dabei davon, die anstehenden Wahlen in ein Referendum über die etablierten Medien zu
verwandeln. „Fake News“ wird ein zentrales Kampagnen-Thema
sein. Nur selten hat es auf intellektueller und ideeller Ebene eine attraktivere
Bankrott-Erklärung gegeben. Wo man einstmals für niedrigere Steuern ins Rennen,
wird nun gegen eine Institution freier Gesellschaften mobil gemacht. Zurück
bleibt eine Leerstelle, die vormals von klassischen GOP-Idealen gefüllt wurde.
Donald Trump und seine Partei stehen nicht für Ideen. Vielmehr fungieren sie als
Allzweck-Waffe gegen „den Feind“, die sich je nach Belieben und Tagesform
aufladen lässt.
Erste Schritte unternahmen die Trumpisten dahingehend bereits
Anfang des Jahres, als in Maryland die „Conservative Political Action
Conference“ (CPAC) – das Mekka der US-Konservatismus - stattfand. Wo sich die
Teilnehmer noch vor einem Jahr gegen einen Besuch Donald Trumps verwahrten (schließlich
sei dieser ja kein Konservativer) und den Populismus in Breitbart-Manier als
Bedrohung werteten, wurden heuer sowohl der Präsident als auch Steven Bannon unter
großem Jubel empfanden. Auf das ideelle Fundament und dessen Wandel
angesprochen, erwiderte
der amtierende CPAC-Initiator Matt Schlapp, die Trump Anhänger seien eine
wundervolle Ergänzung der konservativen Bewegung. Schließlich würden sie dabei
helfen, zu gewinnen.
Die Frage ist nur, um welche Ideale und Ideen es beim
Gewinnen überhaupt noch geht. Sowohl dies- als auch jenseits des Atlantik.
Land of the free, Zweigstelle Kalifornien - diesmal Revolutions-freie Zone
Die Damen und Herren bei "arte" weigern sich schon seit fünf Monaten, eine
Reportage über modernen, Israel-bezogenen Antisemitismus
auszustrahlen, weil sie allem Anschein nach nicht in ihr Weltbild passt.
Zu "proisraelisch", könnte "Öl ins Feuer gießen" - so die Diagose der
Verantwortlichen, die offenbar mehr Glatze und weniger Israel erwartet
hatten und nun plötzlich etwas ganz anderes bestellt haben wollen. Was
man sich schon nicht selbst zumuten will, kann man unmöglich dem
Zuschauer vorsetzen. Solange bleibt nur, sich auf die Berichte
derjenigen zu verlassen, die den Film sehen konnten (etwa hier).
Derweil ist auch beim NDR einiges los. Auf Platz 9 der hauseigenen
"Sachbuch des Monats"-Liste gelangte jüngst ein Büchlein namens "Finis
Gemania", dessen Autor sich ganz offenkundig irgendwo zwischen Angela Merkels
Flüchtlingspolitik, einer Art "Umvolkung" und Auschwitz verlaufen hat.
Die Opfer der Shoa tituliert er liebevoll als die „ominösen sechs
Millionen“. Auschwitz selbst sei ein "Mythos, der der Diskussion
entzogen werden soll“. Die Juden wiederum bauen ihm zufolge "heute ihren
ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht
nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den
Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben
wird".
Empfohlen wurde die Abhandlung im Übrigen von einem
SPIEGEL-Redakteur, in dessen gewohntem Umfeld man ja ohnehin schon
neulich ein Ende der "Sonderbehandlung" Israels anregte. Die
NDR-Hitlisten-Jury hat er aber mittlerweile verlassen. Nicht allerdings,
ohne darauf hinzuweisen, er habe "bewusst ein sehr provokantes Buch der
Geschichts- und Gegenwartsdeutung zur Diskussion bringen“ wollen. Es
sei immerhin "gewollt riskant formuliert", außerdem würde man gern "über
jeden Satz mit dem Autor diskutieren".
Was natürlich ein
legitimes Anliegen ist. Warum nicht mal wieder über den "Mythos
Auschwitz" diskutieren, gerne mit ein bisschen mehr Risiko? Auch wenn
Deutschland im Allgemeinen nicht unbedingt zum hitzigen Debattieren
neigt, so bieten die Juden doch stets angenehmen Gesprächsstoff. Seien es
die toten oder die lebenden; diejenigen, die den Palästinensern so zu
schaffen machen, oder aber solche, denen die vom "Schuldkult" geplagten
Deutschen gemeinhin zum Opfer fallen.
Nur bei Diskussionen und Berichten
rund um Antisemiten wird es seltsamerweise stets ein wenig ruhig. Aber
sei's drum. Man muss eben auch mal Ausnahmen machen.
Immer
mehr Menschen haben immer weniger zu tun. Und damit ihnen beim
nichts-zu-haben bloß nicht die Füße einschlafen, investieren manche von
ihnen ihre überschüssige Energie in Platzhalter-Diskussionen auf Twitter und Facebook. Das ist in Ordnung. Auch dann, wenn die Diskussionen zu
nichts führen. Immer öfter sagen Unternehmungen dieser Art allerdings relativ
wenig über das Sujet der Diskussion und stattdessen viel über diejenigen aus, die
sie führen. Jüngstes Beispiel: die Empörung über Marek Lieberberg und dessen Ansprache vor Journalisten, nachdem "Rock am Ring" wegen
Terrorgefahr unterbrochen werden musste. Er wolle "nun endlich mal Demos sehen, die sich gegen diese Gewalttäter richten", sagte er unter Verweis darauf, in dieser Hinsicht noch keine Massen-Demos von Muslimen erlebt zu haben. Zudem sprach er noch weitere Aspekte an, etwa die Kooperation mit der Polizei und das Versagen im Fall Amri, für das Veranstalter wie er "den Preis zahlen" würden. Doch die gingen daneben völlig unter. "Marek Lieberberg sollte sich
entschuldigen", fordert etwa "bento", das Magazin für noch auszubildende
SPIEGEL-Leser. Denn nun, da das Festival ja weitergeht, bliebe nurmehr
seine "absurde Wutrede hängen".
Was bento und all die eifrigen
Twitterer indes nicht völlig durchschaut haben: Marek Lieberberg ist
kein AfD-Mann und kein Wutbürger-Buch-Autor, der solche Fälle bewusst
für seine Ziele instrumentalisieren würde, sondern Unternehmer. Er hat
nichts davon, wenn die AfD sein Statement gut findet. Er hat aktuell nur
den Schaden. Als Unternehmer hat er natürlich auch eine politische
Meinung, und man möge ihm verzeihen, dass er sie in einer solchen
Situation nicht so differenziert und wohlklingend transportiert wie eine
Katrin Göring-Eckardt (wobei es faktisch leider zutreffend ist, dass
der Gaza-Krieg 2014 mehr Muslime auf die Straße brachte als die
Köpfungs-Zeremonien des IS).
Es gibt allerdings tatsächlich
etwas, das unbedingt "hängen bleiben" sollte. Das ist aber nicht
Lieberbergs Statement in Bezug auf den angewandten Islam, sondern seine
"Brille", nämlich die des Unternehmers, die in seiner sogenannten
"Wutrede" durchaus durchklang. Man muss sie eben nur hören wollen.
Der durchschnittliche Terrorist des 21. Jahrhunderts plant nicht mehr
das "große Ding". Er fliegt heute nicht aufwändig orchestriert in
Hochhäuser, sondern besorgt sich eine Axt und steigt damit in einen
Regionalzug. Er nimmt "weiche Ziele" ins Visier, zu denen dann eben auch
Cafés und ein Halbmarathon zählen. Wenn ein Djihadist mit dem Auto in
eine Menschenmenge rast, wird man zu recht fragen, ob man das nicht verhindern hätte können. Adressat ist aber nicht der Bürgersteig, auf dem das
passiert, sondern die Polizei. Wenn eine U-Bahn-Station oder ein
Flughafen-Terminal wegen eines verdächtigen Gegenstands geräumt werden,
gibt es ebenfalls keinen solchen Adressaten. Der Betreiber ist am Ende
der Staat, zu dessen Organen auch die Polizei zählt.
Anders ist es,
wenn der Terror Events oder Ziele trifft, die von privater Hand
betrieben werden. Zumindest bei Großveranstaltungen oder sensiblen
Zusammenkünften ist die Polizei mit an Bord. Aber am Ende sind es eben
auch Unternehmer wie der Besitzer des "Bataclan", der
Konzerthallen-Betreiber in Manchester oder der Chef von "Rock am Ring",
die an vorderster Front stehen, Risiken eingehen und im Ernstfall
persönlich (mit)haften. Sie tragen eine immense Verantwortung nicht nur
für sich selbst und ihre Angestellten, sondern ebenso für all die
Besucher. Selbst mit der besten Versicherungs-Police bleibt ihnen ein
Schaden, für den sie nichts können.
Unternehmer - das sind auch
solche Menschen, die die Lebensfreude erst ermöglichen, die "wir uns von
den Terroristen nicht nehmen lassen" sollen. Und selbst wenn es für
Menschen, die ihre Wirtschafts-Kenntnisse von Hagen Rether und anderen
Kapitalismus-Kritikern beziehen, zunächst unvorstellbar klingt: Ein
Unternehmer kann genauso mit Leib und Seele bei der Sache sein wie ein
jubelnder Konzert-Besucher.
Besonders clevere Zeitgenossen
stellen nun fest, dass man bei Events wie "Rock am Ring" ja genauso Pech
mit dem Wetter haben könne und bereits hatte. Sturm, Hagel, Terror,
alles das Gleiche. Es gebe eben Risiken, mit denen man als Unternehmer
leben müsse, betont die (vermutlich vornehmlich fest angestellte)
Twitter-Gemeinde. Das stimmt natürlich gewissermaßen. Wiesn-Wirte müssen
damit rechnen, dass ein verregnetes Oktoberfest den Umsatz verhagelt.
Schaustellern auf dem Weihnachtsmarkt geht es ähnlich. Und jeder
Unternehmer weiß, dass es immer Risiken gibt - sonst wäre er keiner.
Aber will man Terrorismus ernsthaft in eine Reihe mit Unwettern stellen
und somit als höhere Gewalt abhaken? Soll man als Unternehmer genauso
mit einer Nagelbombe wie mit Hagel rechnen?
All das mag die
Vorstellungskraft eines Empörten, dessen Erfahrungen mit dem freien
Unternehmertum sich auf einen Garagen-Flohmarkt beschränken, womöglich
etwas überschreiten. Weniger bräsige Kleingeistigkeit und mehr
Problembewusstsein sowie Empathie hinsichtlich der Frage, wie Unternehmer
mit der Bedrohung durch den Terror umgehen können, wäre dennoch ganz
wünschenswert gewesen.